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Schussbereit zwischen Husum und Texas

Husum , 19.04.2011.
Vier hydrauliche Stahlstempel senken sich gemächlich und lautlos nach unten. Mit sensibel gesteuerter Kraft pressen sie sich in den festen Wiesenboden. Langsam und präzise heben sie das 31 Tonnen schwere Fahrzeug Zentimeter für Zentimeter an, bis alle vier Ecken exakt und waagerecht ausgerichtet sind. Die drei am Fahrzeug befindlichen Soldaten haben alles fest im Blick. Einer von ihnen führt das Kommando. Sein Name ist Jörn Wilde, Stabsgefreiter und Startgeräteführer des Waffensystems Patriot.

Die Zukunft im Visier

Die Zukunft im Visier (Quelle: Hans-Thomas Petersen)Größere Abbildung anzeigen

Zum Team gehören neben dem Startgeräteführer noch zwei Flugabwehrraketensoldaten Patriot - alle drei Mannschaftsdienstgrade. Sie tragen eine große Verantwortung, bringen sie doch den Launcher völlig auf sich gestellt in Schussbereitschaft. „Wir sind zwar alle „nur“ Mannschaftssoldaten, aber wir sind auch diejenigen, die ein Millionen Euro teures Startgerät einsatzbereit machen“ erzählt der Stabsgefreite nicht ohne Stolz. „Ohne uns geht nichts“ fügt er schmunzelnd hinzu.

Und Jörn Wilde kennt sich aus: „Patriot steht für „Air Defense Guided Missile System“. Es beschreibt ein phasengesteuertes Radargerät mit Feuerleitstand und Startgeräten. Das bewegliche Flugabwehrraketensystem (FlaRakSys) Patriot dient im Einsatz zur Abwehr von Flugzeugen, ballistischen Raketen und Marschflugkörpern“, erklärt Wilde. „Die Startgeräte, auch „Launcher“ genannt, bestehen aus 360 PS-starken MAN-Lastkraftwagen mit der militärischen Bezeichnung 15to mil gl BRA I.“.

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Jeder Handgriff will geübt sein

Jeder Handgriff will geübt sein (Quelle: Hans-Thomas Petersen)Größere Abbildung anzeigen

Ausbildung in Amerika – auch für die Mannschaftssoldaten

Nach seiner Grundausbildung wurde Wilde an seinen jetzigen Standort Husum in die 1. Staffel der Flugabwehrraketengruppe 26 versetzt. Um seine neue Tätigkeit ausüben zu können, erfolgte anschließend eine dreiwöchige, theoretische und praktische Ausbildung am Startgerät. Diese endete, wie bei allen Startgerätebedienern, mit einer ersten fachlichen Prüfung. „Um jedoch endgültig Startgeräteführer zu werden, durfte ich die Heimat für sechs Wochen verlassen. Viele andere Soldaten reisen ja zu Lehrgängen nach Fürstenfeldbruck, Heide oder anderen Ausbildungsstandorten in Deutschland. Zu meiner Freude fand mein Lehrgang allerdings im immer warmen El Paso/Texas statt“, weiß Wilde strahlend zu berichten.

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Highlight: Der scharfe Schuß

Highlight: Der scharfe Schuß (Quelle: Luftwaffe)Größere Abbildung anzeigen

Die Karriere fängt gut an

Ein eigenes Appartement außerhalb der amerikanischen Kaserne „Fort Bliss“ und eine Lehrgangsstärke von 18 Kameraden sind sicher nicht die schlechtesten Voraussetzungen zum Lernen. Und ausreichend Freizeit blieb auch noch übrig: „Die Wochenenden nutzten wir, um auch mal einen Teil der USA kennenzulernen“, erzählt der Luftwaffenuniformträger. Ein Kurztrip nach Las Vegas oder mit dem „Offroader“ in die naheliegende Wüste sind Erinnerungen, die er sicher so schnell nicht vergessen wird.

Den Abschluss des Lehrgangs bildete eine einwöchige Übung in der Wüste zusammen mit deutschen FlaRak-Offizieren und -Feldwebeln, die zur gleichen Zeit ihre fachliche Ausbildung am System absolvierten. „Gemeinsam haben wir am Ende der Übung unseren ersten Abschuss einer Patriot-Rakete durchgeführt. Das Lehrgangsziel war erreicht!“ so Wilde mit glänzenden Augen. Und weiter: „Jetzt bin ich als ausgebildeter Startgeräteführer verantwortlich für mein kleines Team und das Startgerät.“

Die drei müssen aber nicht nur ihr Waffensystem perfekt beherrschen. Bei ihrer Tätigkeit kommt es auch auf Schnelligkeit und Genauigkeit an. Deshalb gilt es, sich durch Übungen, die auf verschiedenen Truppenübungsplätzen in Deutschland stattfinden, immer weiter auf Stand zu halten.

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Mit der Befehlsausgabe fängt alles an

Mit der Befehlsausgabe fängt alles an (Quelle: Hans-Thomas Petersen)Größere Abbildung anzeigen

Das Startgerät für den Schuss vorbereiten

Der Übungsablauf ist immer gleich. Nach der Befehlsausgabe durch den Feuerleitoffizier fährt das Team mit dem Launcher in die vorgesehenen Stellungsbereiche des Truppenübungsplatzes. Der Feuerleitoffizier führt aus seinem Feuerleitstand bis zu acht Startgeräte elektronisch mittels Lichtwellenleiter - in Ausnahmesituationen auch schon einmal über Funk. Nach Erreichen der vorgegebenen Stellung bauen die Soldaten schnell und unverzüglich das Startgerät auf. „Das ständige Üben zahlt sich aus, jeder Handgriff sitzt und wir drei verstehen uns auch ohne Worte“ erklärt der Startgeräteführer. Bevor einer von ihnen auf dem Launcher arbeiten darf, muss das Fahrzeug geerdet sein. Dann wird das System nach einem festgelegten Ablauf für den Abschuss vorbereitet. Es beginnt mit dem Abdecken der Fenster und Spiegel des Fahrzeuges und der Festigkeitsüberprüfung der Bolzen an den Abschusskanistern. Hiernach wird das Startgerät angehoben, ausnivelliert und die eingebaute Stromerzeugungsanlage sowie das elektronische System eingeschaltet. Das Aufrichten der Kanister mit den Raketen schließt sich an. Mit einem sogenannten Richtkreismesser werden Daten des Launchers ermittelt und an den Feuerleitoffizier, der diese Angaben für seine Planung unbedingt benötigt, weitergeleitet. Zuletzt verlegt das Team ein Lichtwellenleiterkabel zum Feuerleitstand, schließt es an und meldet dem Feuerleitoffizier den Abschluss der Arbeiten.

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Die Abdeckungen werden entfernt

Die Abdeckungen werden entfernt (Quelle: Hans-Thomas Petersen)Größere Abbildung anzeigen

Ein flexibler Job für flexible Menschen

„Natürlich gibt es auch einen kleinen Wettbewerbsgedanken unter uns Startgeräteführern und jeder freut sich, wenn er als erster fertig ist.“ kokettiert Wilde. Sind alle acht Systeme angeschlossen, ist die kleine Kampfgemeinschaft feuerbereit. Den scharfen Schuss dürfen sie jedoch nur während der Ausbildung in Amerika oder beim jährlichen Aufenthalt auf der Mittelmeerinsel Kreta abgeben.

Stabsgefreiter Jörn Wilde ist im Zivilleben gelernter Tischler. „Das war für meine militärische Ausbildung aber kein Nachteil“ so der 25-jährige. „Ein wenig technisches Verständnis sollte man aber schon mitbringen, den Rest erledigen die Ausbilder in Uniform.“Bei der Bundeswehr erwarb er auch die Führerscheine der Klassen B, C und E, Voraussetzung, das schwergewichtige Startgerät mit seinen 360 PS bewegen zu dürfen. Die Führerscheine können ins Zivile übertragen werden, sicher auch ein „Goody“ für eine Berufswahl nach der Bundeswehrzeit.

„Die Möglichkeit, während der Ausbildung und auf internationalen Übungen etwas von der Welt zu sehen, aber auch als junger Mannschaftsdienstgrad für Menschen und Material Verantwortung zu tragen, waren für mich der Grund, mich für acht Jahre bei der Luftwaffe zu verpflichten.“

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Übungsziel erreicht: Heimfahrt

Übungsziel erreicht: Heimfahrt (Quelle: Hans-Thomas Petersen)Größere Abbildung anzeigen

Auch die Zukunft fest im Visier

Derzeit plant der Mannschaftssoldat bei der Bundeswehr zu bleiben und in die Laufbahn der Unteroffiziere zu wechseln. „Dadurch würde sich meine Verpflichtungszeit verlängern und ich müsste eine neue Tätigkeit ausüben.“ Für Wilde aber kein Problem, denn flexibel ist er und die Bundeswehr bietet auch an seinem Standort verschiedene und ausreichende Verwendungsalternativen.

Auch zu einem Auslandseinsatz hat sich Stabsgefreiter Wilde bereits freiwillig gemeldet: „Demnächst leiste ich dann für vier bis sechs Monate meinen Dienst in Usbekistan,“ beschreibt er seine persönlichen Planungen. „Bis heute habe ich nichts bereut.“ sagt er. „Und wer diese Tätigkeit nur als Überbrückung ausüben will, der hat bis zu 23 Monate lang einen sicheren und gut bezahlten Job. Insgesamt eine lohnende Tätigkeit, die die Luftwaffe hier anbietet: Fordernd, verantwortungsvoll – und Spaß macht es obendrein!“ Also sicher eine echte Alternative für verantwortungsbewusste Männer und Frauen, die als Freiwillig Wehrdienstleistende den Dienst bei der Bundeswehr mehr als Chance verstehen denn als Pflicht.

 

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Stand vom: 26.11.13 | Autor: Bernd Berns, Helmut Leipertz, Hans-Thomas Petersen


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