Ein Job für starke Nerven
Diepholz, 30.08.2011.
Noch 20 Sekunden, dann wird die Bombe explodieren. Der „Gute“ starrt verzweifelt auf ein rotes und ein schwarzes Kabel. Zitternd und schweißgebadet überlegt er, was er tun soll, während die Zeit immer schneller verrinnt. Welches Kabel soll er durchtrennen? Nimmt er das Richtige, ist er gerettet, doch das Falsche würde den sicheren Tod bedeuten.

Der Countdown läuft, die Uhr tickt gnadenlos. Er muss jetzt handeln. Noch einmal blickt er zwischen den beiden Kabeln hin und her, dann nimmt er eine Zange und durchtrennt eines der Kabel. Der Countdown bleibt bei zwei Sekunden stehen und ein tiefer Atemzug des Mannes ist zu hören.

Dieses Bild aus dem einen oder anderen Actionfilm hat wohl fast jeder vor Augen, wenn es um das Entschärfen von „Sprengsätzen“ geht. Doch wie viel hat diese Vorstellung mit der Wirklichkeit zu tun und ist der Beruf des Kampfmittelbeseitigers wirklich so gefährlich? Hauptfeldwebel Markus Fuhrmann aus dem 10./Objektschutzregiment der Luftwaffe (10./ObjSRgtLw) in Diepholz kann über solche Geschichten nur schmunzeln.
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Kein Beruf wie jeder andere
Kampfmittelbeseitiger müssen vieles können. Sie müssen Kampfmittel lokalisieren, identifizieren und unschädlich machen. „Kampfmittelbeseitiger ist ein spannender Beruf, in dem man manchmal im wahrsten Sinne des Wortes „mit dem Feuer spielt“. Trotzdem hat der Job wenig mit den dramatischen Szenen aus dem Kino zu tun“, äußert sich Fuhrmann. Gerade in den Auslandseinsätzen werden Sprengsätze dazu genutzt, Menschen größtmöglichen Schaden zuzufügen.

Da es sich dabei oft um selbst gebaute IED`s handelt, also um improvisierte Sprengvorrichtungen, in der Fachsprache „Improvised Explosive Devices“ genannt, macht dieser Umstand das Entschärfen immer wieder zu einem spannenden Erlebnis. „Wir nutzen verschiedene Möglichkeiten einen Sprengsatz zu lokalisieren und zu identifizieren“, erklärt er. So werden unter anderem Kampfmittelspürhunde eingesetzt, um Sprengmittel zunächst ausfindig zu machen.

Hat das Kampfmittelspürhundeteam etwas gefunden, kommt der ferngesteuerte Roboter „tEODor“ (technical Explosive Ordonance Devices and observation robot), ein sogenannter Manipulator, zum Einsatz. „Der Roboter hilft uns, das Objekt, aus sicherer Entfernung, zu identifizieren, zu beobachten und unschädlich zu machen“. Auf einem Monitor sieht der Kampfmittelbeseitiger die Bilder, die tEODor mit seinen kleinen Kameras überträgt. Wenn schließlich feststeht, um welche Art von Kampfmittel es sich handelt, kann der Roboter helfen, das Objekt unschädlich zu machen oder zu beseitigen.

Auf alles gefasst sein
„Es gibt keinen Stillstand. Und Langeweile kommt nie auf“, sagt Hauptfeldwebel Fuhrmann. Er erklärt, dass er nie gleich reagieren dürfe, weil der Feind sein Verhalten austestet. „Unsere Arbeit ist vergleichbar mit einem Katz- und Mausspiel. Wenn wir eine Methode der gegnerischen Seite durchschaut haben, entwickeln diese eine Neue“. Aber genau das mache den Beruf so interessant, sagt er. Auch kommt bei den Kampfmittelbeseitigern kein „Alltagstrott“ auf, da es immer neue Sprengmittel gibt, auf die sie sich vorbereiten müssen.

An jedem Einsatzort finden sie immer wieder eine andere Situation vor, müssen sich konkret auf die vorgefundene Begebenheit einstellen. Es erfordert viel Konzentration und Fingerspitzengefühl, um wirklich erfolgreich seine Arbeit zu machen. „Da muss man schon was im Kopf haben“, so der 39jährige. Denn auch wenn es viele Sicherheitsvorkehrungen gibt, bleibt der Beruf dennoch immer gefährlich.

45 Kilogramm zusätzlich
Erst wenn alle diese Möglichkeiten an Hilfsmitteln ausgeschöpft sind, weil der Sprengsatz für den Einsatz von technischen Hilfsmitteln ungünstig angebracht oder versteckt wurde, muss der Kampfmittelbeseitiger selbst Hand anlegen. Dazu legt er den rund 45 Kilogramm schweren Bombenschutzanzug (EOD-7B) an und begibt sich zu dem IED. Doch selbst in solchen Situationen habe er meist keine allzu große Angst, versichert Fuhrmann. „Da überlege ich eher, wie ich mich am besten mit dem schweren Anzug hinknie, damit ich später auch wieder aufstehen kann“, erzählt er lachend. „Erst nach einem Einsatz kommen die Gedanken, was alles hätte passieren können“.

Konzentration und Fingerspitzengefühl
„Wir machen einen Job, wo andere weglaufen“, äußert Markus Fuhrmann. „Aber ein Feuerwehrmann geht auch in ein brennendes Haus und begibt sich in Gefahr, um Menschen zu retten. So ähnlich ist das bei uns auch. Manche Beseitigungen von Sprengsätzen oder Munitionsfunde stellen eine große Herausforderung dar und bergen erhebliche Gefahren. Ich bin abends oder nach einem scharfen Einsatz froh, alles heil überstanden zu haben.“ Aber scharfe Einsätze, „die blieben bisher zum Glück die Ausnahme“, versichert Markus Fuhrmann mit einem Augenzwinkern.

Ausbildung zum Kampfmittelbeseitiger
Das Zentrum für Kampfmittelbeseitigung der Bundeswehr (ZKpfmBesBw) befindet sich in Stetten am Kalten Markt und gehört zur Streitkräftebasis (SKB). Dort hat die Bundeswehr die Ausbildung der gesamten Kampfmittelbeseitigung innerhalb der Bundeswehr gebündelt. Mit dieser Zusammenlegung sollen die vorhandenen personellen und auch materiellen Ressourcen effizient genutzt und eingesetzt werden. Der an die Ausbildungsstätte angeschlossene Truppenübungsplatz Heuberg bietet mit seinen Sprengplätzen ein optimales Umfeld. Dort können verschiedene sprengtechnische Kampfmittelbeseitigungsverfahren geübt und ausgebildet werden. Die Dienststelle mit ihren rund 550 Soldaten stellt die Einsatzkräfte für die Kampfmittelbeseitigung bereit, bildet alle Kampfmittelbeseitiger der Bundeswehr aus und entwickelt Taktiken, Technik und Verfahren der Kampfmittelbeseitigung praxisnah weiter. Rund 30 Kampfmittelbeseitigungszüge und ein Kampfmittelspürhundezug werden ständig für weltweite Einsätze bereitgehalten. Für den angehenden Kampfmittelbeseitiger, der hier eine gute Ausbildungsgrundlage erfährt, heißt dies: Am Ende einer langen und auch manchmal harten Ausbildungszeit steht ein wirklich spannender Beruf.

