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Kasernenoffizier - Jeden Tag eine neue Welt

Köln-Wahn, 17.08.2010.
Oberleutnant Jennifer Ceranski hat eine außergewöhnliche Tätigkeit als Soldatin. Sie ist eine der ganz wenigen weiblichen Kasernenoffiziere und füllt ein Berufsbild aus, das nicht nur bisher eine Männerdomäne darstellte, sondern darüber hinaus auch den ganzen „Mann“ fordert.

Geschwindigkeitsmessung

Geschwindigkeitsmessung (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)Größere Abbildung anzeigen

Die Bezeichnung „Hans Dampf in allen Gassen“ wäre vielleicht zutreffend, wenn man das Tätigkeitsfeld eines Kasernenoffiziers informell beschreiben wollte. Weniger nett hat sich auch der Begriff „Kasernen-Sheriff“ im Bundeswehr-Jargon eingebürgert, auch wenn kaum jemand wagt, dies so kund zu tun, denn dieser „Sheriff“ ist jeden Tag und jederzeit weisungsbefugter Soldat in Sicherheitsfragen für beinahe jeden Soldaten – und damit eigentlich immer im Dienst. Egal, wo Jennifer Ceranski im riesigen Kasernenfeld Wahns mit seinen 3.000 Soldaten und zivilen Mitarbeitern auftaucht, kann und darf sie vor nichts die Augen verschließen, was Sicherheit und Ordnung in der Kaserne betrifft. Sie ist zwar kein militärisches Ordnungsamt, aber die Ordnung einer so riesigen Liegenschaft kann man immer verbessern – und wenn es nur ein kleines Loch unter dem Zaun ist, das letzte Nacht ein Maulwurf gebuddelt hat.

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Besprechung einer Veranstaltung

Besprechung einer Veranstaltung (Quelle: Luftwaffe/)Größere Abbildung anzeigen

Ein Funktion mit vielen Facetten

Tatsächlich Sorgen machen muss sie sich eher vor den „zweibeinigen“ Maulwürfen, die nachts über den Kasernendraht wollen, um beispielsweise Computer oder anderes teures Material zu entwenden, womit sich auch die Herkunft der Tätigkeit im Aufgaben- oder Sachgebiet 2 - Sicherheit - herleitet. Doch bei der täglichen Arbeit steht die Kasernensicherheit nicht wirklich im Vordergrund ihrer Tätigkeit, erstens weil sich darum schon „ihre Wache“ kümmert, zweitens, weil ein Kasernenoffizier eher eine Art Manager für Sicherheitsfragen ist, der nicht nur Ansprechpartner für Wünsche diverser öffentlicher oder nichtöffentlicher Einrichtungen sowie Privatpersonen in der Liegenschaft Wahn ist, sondern auch mit der Planung dienstlicher Veranstaltungen, Geschwindigkeitskontrollen und Abstimmungsgesprächen zu allen denkbaren Events in Zusammenhang mit der Kaserne beschäftigt ist. Die Spannbreite reicht hierbei vom einfachsten Knöllchen wegen zu schnellen Fahrens in der Kaserne bis hin zur Mitorganisation des Kölner Karnevals in der quantitativ größten Luftwaffenkaserne Deutschlands - alles in allem ein Berufsbild, wo sie jeden Tag wieder vor neuen und verschiedenartigsten Herausforderungen steht, denn kein Tag ist wie der letzte. Aber die 26-jährige will es auch so...

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Kulinarische Gratwanderung auf dem Offizierslehrgang

Kulinarische Gratwanderung auf dem Offizierslehrgang (Quelle: Luftwaffe/)Größere Abbildung anzeigen

Der Weg ist das Ziel

Dabei wollte Jennifer Ceranski ursprünglich einen helfenden Beruf ergreifen, Sanitätsoffizier bei der Bundeswehr werden. Doch schon bald merkte sie während des Studiums der Humanmedizin, dass dies nicht ihr Studium war – die Theorie im Studium und ihr Drang nach Veränderung ließen sich nicht mit ihrem Lebenskonzept vereinbaren. Kurze Zeit später sattelte sie konsequent um auf das Studium in Pädagogik. Hier hatte sie nun genügend Spielraum, nicht nur am Menschen, sondern mit Menschen zu arbeiten. Übrigens finden sich viele Offiziere, die dieses Studium wählen, hinterher im Bereich der Sicherungstruppe wieder, weil man die vorwiegend theoretischen Kenntnisse aus der Erwachsenenpädagogik hier praktisch umsetzen kann. Auf dem Offizierlehrgang in Fürstenfeldbruck wurde Jennifer Ceranski um so mehr darin bestätigt, dass sie kein Mensch ist, der im Büro oder in einer Praxis arbeitet und dabei vorwiegend Routinetätigkeiten nachgeht. So hatte sie dann auch weniger Probleme mit dem Lehrgangsabschnitt „Überleben Land“ in Schongau, wo sich die Offizierbewerber unter anderem über hohe Schluchten abseilen, aus dem drei Stockwerke hohen Sprungturm stürzen oder sich ihre im Wald gefundene Nahrung selbst zu bereiten - weil es eventuell sonst nichts zu essen gibt.

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Lehrerin Ceranski mit ihrer indischen Klasse

Lehrerin Ceranski mit ihrer indischen Klasse (Quelle: Luftwaffe)Größere Abbildung anzeigen

„Jenny goes India“

Noch während des Studiums hatte sie das Glück, dass ihr ein Auslandsstipendium in Indien zugesprochen wurde, was ihrem Bedürfnis nach Hilfestellung für andere einerseits und Anwendung ihrer Kenntnisse im Bereich Pädagogik in der Praxis andererseits sehr entgegen kam. Wenige Wochen später saß sie bereits im Flieger nach Delhi, wo sie in der Shivalik Public School die Fächer Englisch und Mathematik unterrichtete. Nicht zu vergessen ein Crash-Kurs in Hindi, damit sie wenigstens zumindest ein paar Worte zu den Kindern sprechen konnte, die noch zu jung waren, um ein entsprechenden Englisch-Niveau zur Verständigung vorweisen zu können. Für die junge Frau ein unvergessliches Erlebnis: Eine beeindruckende Kultur, schillernde Farben überall, aber auch eine schier erdrückende Armut gepaart mit einem Kastensystem, dass schon Jahrhunderte so überdauert hat – eben eine andere Welt. „Dass ich als Luftwaffenoffizier auch in Indien war, kann ich noch meinen Enkeln unterm Weihnachtsbaum erzählen.“

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Befehlsausgabe als stellvertretender Staffelchef

Befehlsausgabe als stellvertretender Staffelchef (Quelle: Luftwaffe)Größere Abbildung anzeigen

Zero Tolerance

Als Kasernenoffizier und Teileinheitsführer in der Luftwaffenunterstützungsgruppe nutzt sie ihre in der Pädagogik erworbenen Kenntnisse täglich. Obschon man dazu – und das sagt sie als studierte Pädagogin selbst – nicht unbedingt ein Studium, sondern auch Einfühlungsvermögen, gesunden Menschenverstand und auch Selbstbewusstsein braucht. Ihre Funktion als weisungsbefugter Kasernenoffizier erfordert mehr als andere militärische Berufsbilder eine gewisse Distanz zum Publikum wie zu den Untergebenen. Ähnlich einem Polizisten muß der Kasernenoffizier nämlich seine Position bisweilen auch mit einem gewissen Druck um- und durchsetzen können, damit der Gesprächspartner die dahinter stehende Autorität des Kasernenkommandanten akzeptiert. Dennoch muß man auch offen und unvoreingenommen auf den Gesprächspartner zugehen können, zumal ein Kasernenoffizier irgendwo auch eine Visitenkarte der Bundeswehr vor Ort ist, ständiger Ansprechpartner für die umgebende Öffentlichkeit, ähnlich wie bei Presse- oder Jugendoffizieren. Oberleutnant Ceranski hält es hier wie die Feldjäger „friendly, but firm“ – „freundlich, aber unmissverständlich“, um ihre Position deutlich zu vertreten.

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Hier ist eindeutig Effektivität gefragt: Oberleutnant Ceranski über dem Abgrund.

Hier ist eindeutig Effektivität gefragt (Quelle: Luftwaffe)Größere Abbildung anzeigen

Effektivität und Effizienz

… sind zwei grundsätzliche verschiedene Dinge, weiß Oberleutnant Ceranski. Als Kasernenoffizier an der Hauptwache muß sie in Sicherheitsfragen effektiv agieren, also unmittelbar, sorgfältig und konsequent auf die Einhaltung der Vorschriften bestehen. Jeder Wachsoldat muß genau wissen, was im Fall x, y oder z genau zu tun ist. Die geringste Abweichung im Verhalten kann hier bereits große Folgen haben – nicht umsonst kann auch nur das kurzzeitige Entfernen von der Wachposition als Wachverfehlung geahndet werden. Wenige Augenblicke später verhandelt sie bereits mit einem Zivilisten, der in der Kaserne eine große Veranstaltung plant, über eine für beide Seiten befriedigende Zugangslösung. Hier kommt es auf Effizienz an - eine langfristige Lösung muß her, um nicht ständig die Wache vor Ort oder die Besucher selbst mit neuen Zugangs-Regeln in Anspruch zu nehmen. „Ein Buchhalter kann kaum anders als effektiv denken – und ein Ingenieur, der eine Brücke baut, der muß effizient denken, weil er sonst bei der ersten größeren Panne vor einer Bauruine steht.“ Wer diese beiden wirtschaftlichen Denkweisen vermischt, produziert beinahe zwangsläufig Chaos. Die Kunst besteht darin, einzuschätzen, wann man wem wie viel Effektivität oder Effizienz zugesteht. Als Kasernenoffizier muß Jennifer Ceranski dieses Fingerspitzengefühl haben, will sie nicht unter den verschiedenartigsten Anforderungen Schiffbruch erleiden. Bei einem derart weitgefächerten Tätigkeitsfeld gibt es auch nicht immer eine Dienstvorschrift – gescheiter Menschenverstand ist hier gefragt.

Vorstopper Ceranski in Aktion

Vorstopper Ceranski in Aktion (Quelle: Luftwaffe)Größere Abbildung anzeigen

Es mag nicht verwundern, wenn Jennifer Ceranski es auch privat recht abwechslungsreich mag. Sie spielte Jahre lang Fußball, klettert am Wochenende durchs Gebirge und reist dreimal im Jahr durch die Welt. Momentan überlegt sie, ob sie vielleicht auf ihr Studium „noch einen draufsetzt“ und graduiert – oder doch lieber ein Buch schreibt (mit 26 Jahren!)? Zuzutrauen ist es ihr jedenfalls gemäß ihrem - freilich außergewöhnlichem - Motto: „Das Leben ist zu kurz, um das Beste zum Schluss zu essen“, geht sie die Dinge des Lebens lieber direkt an, als Stillstand zu üben. Kein Tag ist wie der vorherige und die Philosophie dahinter ist die Reduzierung auf die Frage, ob man sein Leben lebt oder lieber dem Schicksal überlässt. Letzteres kann sich ein Kasernenoffizier kaum leisten, wenn er jeden Tag eine andere Welt bewältigen will.

 

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Stand vom: 26.11.13 | Autor: Norbert Thomas


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