Historischer Rückblick

Am Samstag, dem 14. Dezember 1957, wurde der Fliegerhorst Kaufbeuren zusammen mit den Fliegerhorsten Erding, Fürstenfeldbruck und Landsberg vom Oberbefehlshaber der amerikanischen Luftwaffe in Europa, General Frank F. Everest, an den damaligen Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Strauß übergeben. An den Übergabefeierlichkeiten in Erding nahmen auch der letzte amerikanische Schulkommandeur, Colonel Richard P. Tipton, sowie der erste deutsche Schulkommandeur, Oberst Werner van Hees, teil.
Zwei Tage später, am 16. Dezember 1957, gab Oberst van Hees in einem Tagesbefehl bekannt, dass „mit dem heutigen Tage Kommando und Verantwortlichkeit über den Fliegerhorst Kaufbeuren und die Technische Schule 1 von der deutschen Luftwaffe übernommen worden ist“.
Dies war die offizielle Geburtsstunde der Technischen Schule der Luftwaffe 1, die zu diesem Zeitpunkt als einzige Schule ihrer Art in sechs Lehrstäben die Ausbildung für das flugzeugtechnische, Nachschub-, Bild- / Nachrichten-, Fernmelde-, Elektronik- und Flugsicherungspersonal der Luftwaffe betrieb. Unterstellt war sie, wie alle anderen Schulen der Luftwaffe, dem Kommando der Schulen in Fürstenfeldbruck.

Im Laufe der Jahre änderte die Schule mehrfach ihre Organisation, je nachdem, ob neue Aufgaben hinzukamen oder alte wegfielen. So wurde bereits 1958 die Ausbildung des Nachrichtenpersonals nach Köln-Wahn verlegt und 1960 die Ausbildung des Luftbildpersonals an die Waffenschule der Luftwaffe 50 abgegeben. Der Lehrstab III mit den Lehrgängen für Nachschub und Truppenversorgung wurde ebenfalls 1960 nach Erding verlegt, aus ihm ging 1965 die Nachschubschule und dann die Logistische Fachschule der Luftwaffe hervor, welche im Rahmen der Neugliederung der Schulen 1994 aufgelöst wurde. Der Lehrstab V gab den Ausbildungsteil für Fernmeldepersonal 1958 und die Lehrgänge für Bodenfunkmechaniker 1961 an die 1956 eingerichtete Technische Schule der Luftwaffe 2 ab. Aus dem 1958 gebildeten Lehrstab VII mit dem verlegbaren Technischen Ausbildungszug TM-61 C (VTA-Zug) entstand später die Flugkörpergruppe 11, die 1963 als Flugkörpergruppe 13 dem Flugkörpergeschwader 1 in Landsberg angegliedert und 1970 auf dem Fliegerhorst Kaufbeuren wieder außer Dienst gestellt wurde. Ebenfalls 1958 erhielt die TSLw 1 ein Flugkommando, ab 1959 eine Flugdienststaffel, deren Flugzeuge im Rahmen der Ausbildung des Flugsicherungs- und Luftbildpersonals der TSLw 1 und des Jägerleitpersonals der TSLw 2 eingesetzt wurden. 1970 wurde die Flugdienststaffel als 7. Staffel dem Fernmelde- und Versuchsregiment 61 in Lagerlechfeld unterstellt, behielt jedoch ihren Standort Kaufbeuren, bis sie am 31. März 1980 aufgelöst wurde. Neu gegründet und angegliedert an die Technische Schule der Luftwaffe 1 Kaufbeuren wurde im Jahre 1974 die Fachschule der Luftwaffe für Elektrotechnik. Mit ihrer Ausbildung zum staatlich anerkannten Techniker bestritt sie bis zu ihrer Auflösung einen Teil der Ausbildung zum Offizier des militärfachlichen Dienstes. So, wie sich die von der Bundeswehr im Laufe der Jahre verwendeten Luftfahrzeuge entsprechend dem Stand der modernen Technik änderten, wurden auch die Ausbildungsgänge an der Technischen Schule der Luftwaffe 1 den Erfordernissen angepasst. Waren bei der Gründung im Jahre 1957 die Haupteinsatzmuster der Luftwaffenverbände noch die Republic F-84F/RF-84F THUNDERSTREAK/THUNDERFLASH als Jagdbomber bzw. Aufklärer und die Sabre in ihrer Version Mk VI und F 86K als Jäger und folglich auch die Ausbildung des technischen Personals für diese Muster Hauptbestandteil der Ausbildung an der TSLw 1, wechselte der Schwerpunkt ab 1960 zum Lockheed F 104 G STAR-FIGHTER über und es kam im Jahre 1969 die Ausbildung für die McDonnell RF-4E/F-4F PHANTOM II hinzu. Vorreiter für die Einführung der neuen Flugzeugmuster waren jedes Mal die Lehrer der TSLw 1. Mit Beginn der ersten Umschulungslehrgänge auf das Waffensystem TORNADO, das Mitte der achtziger Jahre das Rückgrat der Einsatzverbände der Luftwaffe und Marine bildete, steht seit Oktober 1981 die TSLw 1 mit der Ausbildung des technischen Personals wiederum an entscheidender Stelle. Auch in Richtung auf eine zivilberufliche Anerkennung von Ausbildungsgängen unternahm die TSLw 1 erhebliche Anstrengungen. Ab 1. November 1971 war die Schule eine anerkannte Elektronik-Schulungsstätte und konnte den Absolventen der Elektronik-Grundlagenlehrgänge den bundeseinheitlichen „Elektronikpass“ aushändigen. Die Schüler der Technischen Schule der Luftwaffe 1 sind durchweg freiwillige Soldaten aller Dienstgrade aus den drei Teilstreitkräften Luftwaffe, Heer und Marine sowie zivile Mitarbeiter der Bundeswehr, die in der Luftfahrzeugwartung und Luftfahrzeuginstandsetzung eingesetzt sind. Auch Soldaten unserer NATO-Partner erfahren an der TSLw 1 ihre technische Ausbildung.

Aufgrund der Anziehungskraft der technischen Ausbildung sowie der Vorreiterposition bei der Einführung neuer Waffensysteme stand die Technische Schule der Luftwaffe 1 Kaufbeuren stets im Brennpunkt des Interesses bei hohen Besuchern aus dem In- und Ausland. Eine Zeitlang war auch eine zivile Mitnutzung des Flugplatzes Kaufbeuren als Regionalflughafen im Gespräch. Es wurde dafür im Jahre 1969 von acht Städten und Landkreisen des Allgäus die Landeplatz GmbH Kaufbeuren gegründet. Die endgültige Nutzung scheiterte dann an den Auflagen, die seitens der Luftwaffe gestellt wurden, sowie an der ungünstigen Lage der Hauptanflugrichtung über den Stadtkern von Kaufbeuren. Ein weiterer Versuch, den Flugplatz der zivilen Nutzung zuzuführen, war 1996 wegen des Einspruchs des Stadtrates der Stadt Kaufbeuren zum Scheitern verurteilt. Zur Erfüllung ihrer Aufgabe benötigte die Technische Schule der Luftwaffe 1 stets einen Stamm von qualifiziertem Lehrpersonal, das sich 1957 aus den ersten Schülern zusammensetzte, die ihre Fachlehrgänge ab Februar 1956 noch bei der 7331st Technical Training Wing der USAF in Kaufbeuren absolviert hatten. Ergänzt wurde dieser Personenkreis später durch erfahrene Meister und Technische Offiziere aus den Einsatzverbänden von Luftwaffe und Marine, sowie durch von der Schule selbst ausgebildete militärische und zivile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Umfang des Stammpersonals der TSLw 1 einschließlich der Fliegerhorstgruppe blieb in den Anfangsjahren ziemlich gleich und bewegte sich immer um die 1.000 Soldaten und 400 zivile Mitarbeiter. Diese machten samt ihren Familien einen spürbaren Anteil an der Kaufbeurer Bevölkerung aus. Die Kaufbeurer waren von 1935 an gewöhnt, Bürger einer Garnisonsstadt zu sein. Von Anfang an standen sie den Angehörigen der neuen deutschen Luftwaffe freundlich gegenüber. Auch die zahlreichen Proteste gegen den Fluglärm im Rahmen der Ausbildung an der Flugzeugführerschule A, mit ihren überaus lauten Flugzeugen vom Baumuster North American T-6, die 1961 zu einer Resolution des Stadtrates an den Bundesminister der Verteidigung geführt hatten, änderten nichts an dem bis heute positiven Verhältnis der Kaufbeurer Bürger zu „ihren“ Soldaten.
Die vielfältigen Kontakte, die die Angehörigen des Fliegerhorstes zu den Alteingesessenen pflegten, das Auftreten der Schule in der Öffentlichkeit zu den verschiedensten Anlässen und Feierlichkeiten und das soziale Engagement, das die Bundeswehr immer wieder bewies, taten ein Übriges. In den ersten Jahren nach Übernahme des Fliegerhorstes von den Amerikanern wurde eine rege Bautätigkeit entfaltet. Eine ganze Reihe von Gebäuden aus der Vorkriegszeit hatten eine Renovierung bitter nötig, darüber hinaus wurden im Lauf der Jahre neue Gebäude erforderlich, um einerseits hinzugekommene Ausbildungsgänge unterbringen zu können, andererseits für die Forderungen, die die Technik moderner Waffensysteme an die Ausbildung stellte, geeignete Infrastruktur zur Verfügung zu haben. Hier sind die Errichtung einer Lärmschutz-Doppelhalle, deren Richtfest im Oktober 1976 stattfand, sowie das mit 25 Millionen DM bis dahin teuerste Objekt eines Avionikgebäudes für die TORNADO-Ausbildung, das im Jahre 1980 fertiggestellt wurde, zu nennen. Nicht nur auf dem Fliegerhorst wurde für die Soldaten gebaut, sondern auch in der Stadt Kaufbeuren. Nach Übernahme der Schule von der amerikanischen Luftwaffe war für die Angehörigen des Stammpersonals ein spürbarer Mangel an Wohnungen aufgetreten. Es wurden daraufhin neben der ebenfalls übernommenen Fliegerhorstsiedlung an der Apfeltranger Straße zwei weitere Wohnsiedlungen für Bundeswehrangehörige an der Füssener Straße und in der Wertachschleife errichtet. Bis zum Jahr 1962 war die Stadt Kaufbeuren auf diese Weise um mehr als 800 Wohnungen reicher geworden. Die Bautätigkeiten brachten und bringen Beschäftigung für eine ganze Reihe ortsansässiger Unternehmen, wie auch die Technische Schule der Luftwaffe 1 einen großen Wirtschaftsfaktor für die Stadt Kaufbeuren darstellt. Zum einen ist der Fliegerhorst mit rund 650 zivilen Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber in der Region, und auch die Finanzmittel, die für Einkäufe der verschiedenen Dienststellen des Fliegerhorstes fließen, sind beachtlich.
Auch bei Katastrophen trat die Technische Schule der Luftwaffe in vielen Fällen als willkommener und tatkräftiger Helfer auf, indem sie die örtlichen Hilfsorganisationen mit Mannschaft und Gerät unterstützte. Hier hat sich die gut ausgerüstete Fliegerhorstfeuerwehr bei Bränden manchen Verdienst erworben. Erinnert sei an ihren ersten Großeinsatz in der Stadt Kaufbeuren während des Rathausbrandes am 20. Juni 1960, bei dem sie, wie der „Allgäuer“ vom 22. Juni 1960 erwähnte, „einen wesentlichen Anteil am Erfolg der Löscharbeiten hatte“. Bei dem schweren Zugunglück am 9. Februar 1971, das 30 Todesopfer und zahlreiche Verletzte forderte, leisteten Angehörige des Fliegerhorstes bei der Rettung und Bergung ebenfalls schnelle Hilfe.
In hohem Maße engagierten sich die Mitarbeiter des Fliegerhorstes auch im kulturellen Bereich. So wurde zum Beispiel der 1959 gegründete Fliegerhorstchor durch seine Teilnahme an zahlreichen Veranstaltungen bis hin zum Ball der Luftwaffe in Bonn, über Kaufbeuren hinaus bekannt. Leider musste dieser 1989 wegen Nachwuchsmangel aufgelöst werden. Auf sportlicher Ebene beteiligte sich der Fliegerhorst ab 1957 mit dem Luftsportverein Kaufbeuren und einer Fußballmannschaft, welche in der Bezirksliga Schwaben spielte, am Sportgeschehen der Stadt. 1966 ging diese Mannschaft auf Beschluss Ihrer Mitglieder in der Spielvereinigung Kaufbeuren auf. Die Einführung neuer Waffensysteme, insbesondere des Kampfflugzeuges TORNADO, hat die Technische Schule der Luftwaffe 1 in besonderem Maße gefordert und machte einen Hauptteil der Ausbildung in den 80er Jahren aus. 1989 wurde der Fliegerhorst Kaufbeuren zur Heimat der 5. und 6. Staffel der Flugabwehrraketengruppe 22 (Fla-RakGrp 22). Diese PATRIOT-Kampfstaffeln waren der FlaRakGrp 22 in Penzing und dem Flugabwehrraketengeschwader 6 (FlaRakG 6) in Lenggries unterstellt.

Die Verkleinerung der Bundeswehr und die Einführung der neuen Luftwaffenstruktur brachten auch für die Technische Schule der Luftwaffe 1 eine erste Neu- und Umgliederung mit sich. So wurde zunächst gemäß Befehl vom 5. September 1991 die Fliegerhorstgruppe TSLw 1 aufgelöst und der Flugbetrieb auf dem Fliegerhorst Kaufbeuren ab 30. September 1991 eingestellt. Im weiteren Verlauf wurde im Rahmen der Umgliederung die Technische Schule der Luftwaffe 2 mit der Technischen Schule der Luftwaffe 1 verschmolzen und die beiden Musikkorps der Luftwaffe sowie (zeitweise) ein Ausbildungszug MIG-29 in Laage der TSLw 1 unterstellt. Dadurch entstand wiederum eine „neue“ TSLw 1 mit den Standorten Kaufbeuren, Lechfeld, Erndtebrück, Brakel/Auenhausen, Karlsruhe und Neubiberg sowie Laage.
Die 90er-Jahre brachten mit der deutschen Wiedervereinigung und dem Fall der Mauer auch für die Schule erhebliche Veränderungen. Bedingt durch die durch das Ende des „Kalten Krieges“ verursachten Auflösungen und Umstrukturierungen von Verbänden der Luftwaffe und einer der neuen Situation angepassten Ausbildung wurde auch die Schule zu einer Neustrukturierung im Jahr 1998 gezwungen. Es begann die Zeit der Veränderungen die auch „Transformation“ genannt wird. So wurde die Flugabwehrraketengruppe 22 und der Ausbildungszug MiG-29 aufgelöst, während die Ausbildung für das Waffensystems „EU-ROFIGHTER“ als neue Aufgabe dazu kam. Erwähnenswert ist auch die Inbetriebnahme des „Tower-Simulators“ im Dezember des Jahres 2000. Mit dieser technischen Einrichtung verfügt die Schule über eines der modernsten Ausbildungsmittel für das Flugverkehrkontrollpersonal und es wird intensiv in der hochqualifizierten Ausbildung nationaler wie internationaler Lehrgangsteilnehmer genutzt. Eine große Herausforderung für die TSLw 1 ist aber nach wie vor das Waffensystem „EUROFIGHTER“ (EF). Vom Beginn der Herstellung der Ausbildungsbereitschaft im Jahre 2001 bis zur Landung des ersten Kampfflugzeuges vom Typ EF auf dem Fliegerhorst Kaufbeuren am 18.02.2003 vergingen kaum zwei Jahre und bereits ein Jahr später konnte mit den ersten fertig ausgebildeten Lehroffizieren und Lehrunteroffizieren im Frühjahr 2004 die Ausbildungsbereitschaft für dieses neue Waffensystem gemeldet werden. Die zivile Ausbildungskomponente wurde durch die Aufnahme der Lehrwerkstatt des inzwischen aufgelösten Jagdbombergeschwaders 34 „Allgäu“ aus Memmingen erheblich gesteigert. In der im Jahre 2005 neu gebauten Ausbildungshalle 114 und der komplett erneuerten Lehrwerkstatt im Gebäude 8 können nun zivile Ausbildungsplätze für Fluggerätemechaniker und Elektroniker für Systeme und Geräte angeboten werden. Das Jahr 2006 war geprägt durch die Verleihung des Fahnenbandes durch den Bayerischen Ministerpräsidenten und die Verlagerung von Ausbildungsanteilen der TSLw 1 auf dem Lechfeld in die Führungsunterstützungsschule der Bundeswehr in Pöcking und deren abgesetzte Ausbildungseinrichtungen in Feldafing und auf dem Lechfeld. Die Feierlichkeiten zum 50jährigen Jubiläum der Schule standen im Mittelpunkt des Jahres 2007. So wurde der Geburtstag der TSLw 1 am 22. und 23. Juni mit einem Musikkonzert im Eisstadion und einem Flugplatzfest gefeiert. 25000 Besucher konnten zu den Veranstaltungen begrüßt werden. Am genauen Geburtstag nach 50 Jahren , dem 14.12.2007, fanden die Feierlichkeiten mit einem Festakt im Stadtsaal der Stadt Kaufbeuren ihren Höhepunkt und Abschluss. Zum Festakt waren 400 Gäste eingeladen. Weiterhin wurde im Jahr 2007 die neue STAN der TSLw 1 nach dem „Optimierten Eigenmodell“ durch die Mitarbeiter der Schule erarbeitet. Diese neue STAN hat die TSLw 1 zum 01.04.2008 eingenommen. In einem zweijährigen Probebetrieb sollen aussagekräftige Erfahrungen gesammelt und die Praxistauglichkeit dieses innovativen Ansatzes im Rahmen einer begleitenden Erfolgskontrolle nachgewiesen werden. Diese werden (können?) richtungsweisenden Charakter für die zukünftige Organisation von Ausbildungseinrichtungen der Streitkräfte haben.


