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Luftverteidigung für die Bundesrepublik Deutschland

Bad Sülze, 25.10.2011.
Nicht wenige NATO-Staaten haben sich mit dem Thema Luftverteidigung nach Ende des Kalten Krieges äußerst schwer getan. Zu deutlich waren die Differenzen in der Bedrohungswahrnehmung, was vor allem die Idee einer gemeinsamen Raketenabwehr, respektive Flugkörperabwehr - um den Begriff „Missile Defence“ fachlich korrekt zu übersetzen - für lange Zeit belastete. Dabei war gerade die integrierte NATO-Luftverteidigung über die Jahrzehnte des Kalten Krieges ein Garant für die territoriale Unversehrtheit der europäischen NATO-Mitglieder.

Zur Luftverteidigung von morgen

Zur Luftverteidigung von morgen (Quelle: US Flugabwehr)Größere Abbildung anzeigen

Mit den Entscheidungen des letzten NATO-Gipfels in Lissabon konnte nach den langjährigen Debatten ein gemeinsamer Nenner für die künftige Ausgestaltung des territorialen Schutzes Europas gegen Bedrohungen durch ballistische Flugkörper gefunden werden. Dennoch bleibt die Vermittlung dieser sicherheits- und verteidigungspolitisch hochrelevanten Fähigkeit – jenseits überschaubarer Expertenkreise – in Politik und Gesellschaft schwierig. Ein Versuch, sich diesem für Deutschland und Europa bedeutsamen Themenkomplex auch aus historischer Sicht zu nähern, hilft für die eigene Positionsbestimmung.

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Zerstörte Innenstädte - auch lange nach dem Krieg noch eine tagtägliche Erinnerung an erlebte Schrecken

Zerstörte Innenstädte - auch lange nach dem Krieg noch eine tagtägliche Erinnerung an erlebte Schrecken (Quelle: Bundesarchiv)Größere Abbildung anzeigen

Angriff ohne Abwehr = Niederlage

„Der Krieg ist aller Dinge Vater“ – dieser nicht unumstrittene Ausspruch des griechischen Philosophen Heraklit (etwa 520 – 460 v. Chr.) lässt sich auch auf die rasante Entwicklung von Luftangriffsmitteln und von Abwehrmaßnahmen gegen deren Einsatz beziehen. Kaum standen in der Vergangenheit technische Mittel zur Nutzung der „Dritten Dimension“ zur Verfügung, wurden diese auch schon bald darauf für militärische Zwecke genutzt und weiterentwickelt. Viele Entwickler brachten ihre Forschungen explizit mit militärischer Finanzierung voran und ließen sich somit bewusst für die Rüstung vereinnahmen. Die Nutzung von Luftkriegsmitteln besaß vor und im Ersten Weltkrieg zunächst vor allem einen Fokus auf militärische Ziele. Die Bekämpfung ziviler Infrastruktur oder der Bevölkerung war - vor allem technisch aber in Teilen auch moralisch bedingt - von eher nachrangiger Bedeutung, was der damalig noch geringe Umfang von Flugzeug- und Zeppelineinsätzen gegen Bevölkerungszentren belegt.

Zerstörte Innenstädte - auch lange nach dem Krieg noch eine tagtägliche Erinnerung an erlebte Schrecken

Zerstörte Innenstädte - auch lange nach dem Krieg noch eine tagtägliche Erinnerung an erlebte Schrecken (Quelle: Bundesarchiv)Größere Abbildung anzeigen

Doch moralische Bedenken wie auch technische Restriktionen schwanden schon vor Beginn des Zweiten Weltkrieges offenbar nachhaltig, wie der Einsatz der Legion Condor gegen die Zivilbevölkerung im spanischen Bürgerkrieg und dabei die Bombardierung der Stadt Guernica 1937 besonders eindeutig demonstriert. Im Rahmen einer zunehmenden „Totalisierung“ des Krieges kommt es – bedingt durch charakteristische Faktoren von Luftangriffsmitteln wie Reichweite, Geschwindigkeit, Flexibilität und die Möglichkeit zur Überwindung gegnerischer Verteidigungsmaßnahmen und Sperren am Boden – auch zu einer immer weitergehenden Einbeziehung ziviler Ressourcen in die Kriegführung aus der Luft und – im Gegenzug – zu intensivierten Anstrengungen in der Entwicklung einer effektiven Luftverteidigung. Dies zeigt sich exemplarisch in den deutschen Bomben- und später auch V1- und V2-Angriffen gegen Städte wie London, Coventry und Antwerpen. Mit den alliierten Flächenbombardements auf deutsche Städte wurde ein ähnlicher Schrecken auf deutschen Boden getragen. Ein trauriges Fanal stellten schließlich die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki 1945 dar, in deren Folge unzählige Zivilisten den Tod fanden.

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Kalter Krieg: US-Streitkräfte in Korea

Kalter Krieg: US-Streitkräfte in Korea (Quelle: US Bundesarchiv)Größere Abbildung anzeigen

Geburtsstunde der bundesdeutschen Luftverteidigung

Die hohe Bedeutung der Fähigkeit zur Luftverteidigung gegen alle Varianten gegnerischer Luftangriffsmittel stand nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges für die politische Führung der jungen Bundesrepublik Deutschland und ihre militärischen Ratgeber völlig außer Frage, weil dessen Folgen – in Form zerstörter deutscher Innenstädte – auch viele Jahre nach Kriegsende noch deutlich sichtbar und die Erinnerung an die Bombennächte in der deutschen Zivilbevölkerung immer noch präsent waren.
Verstärkt wurde diese empfundene Notwendigkeit durch die wahrgenommene Bedrohung einer sowjetischen Aggression gegen Mitteleuropa, gegebenenfalls initiiert durch einen Stellvertreterkrieg der Deutschen Demokratischen Republik gegen die Bundesrepublik Deutschland, für den der Koreakrieg modellhaft zum Beispiel genommen wurde. Die Befähigung zu solch einem Angriff wurde mit Blick auf die deutliche konventionelle Übermacht des „Ostblocks“ als sehr realistisch bewertet. Vor diesem Hintergrund fand am 14. und 15. Oktober 1952 eine erste Tagung zur Beratung von Grundsatzfragen der Heimatluftverteidigung unter Beteiligung von General a.D. Heusinger (damals Leiter der Militärischen Abteilung im Amt Blank und von 1957 – 1961 erster Generalinspekteur der Bundeswehr) und General a.D. Kammhuber (von 1957 – 1962 erster Inspekteur der Luftwaffe) statt.

Bedrohung „hüben wie drüben“: Die deutsche Vergeltungswaffe 2 wurde derart technisch aufgerüstet, so dass sie deren Weiterentwicklungen später auch gegen die junge Bundesrepublik wendeten

Die deutsche Vergeltungswaffe 2 (Quelle: Bundesarchiv)Größere Abbildung anzeigen

Die Ergebnisse und Folgerungen dieser Tagung sind in der „Denkschrift Aktive Heimatluftverteidigung“ vom 28. Oktober 1952 zusammengefasst worden, die in einem ganzheitlichen Ansatz von (knapp gehaltenen) konzeptionellen Inhalten über sehr konkrete taktisch-technische Forderungen sowie personelle, materielle und organisatorische Forderungen bis hin zu Kostenschätzungen auf Basis von „Marktsichtungen“ alle wesentlichen Rahmendaten zum ganzheitlichen Aufbau einer Luftabwehr enthält. Gerade bei genauerem Blick wird der planerische Weitblick deutlich: So fordert das Dokument mit jeweils separaten taktisch-technischen Forderungen nicht nur leichte und mittlere Flak-Geschütze (von Kaliber 2 cm bis 8,8 cm), sondern auch die Beschaffung von ungesteuerten Raketen mit Annäherungszünder und von gesteuerten Raketen mit selbstsuchendem Zielkopf. Besonders weitreichend ist die Forderung zur Entwicklung von „Gegenraketen“, die zur „Bekämpfung von feindlichen Fernraketen (Prinzip V2, A9 oder Weiterentwicklungen) und ferngelenkten Flugzeugen mit Geschwindigkeiten von bis zu 3.000 m/sec“ geeignet sein sollten. Auch wenn solche Forderungen im Lichte der noch präsenten Erfahrungen der letzten Kriegsjahre - vor allem in Form der deutschen A4 (V2)-Angriffe auf London und Antwerpen - durchaus nachvollziehbar waren, müssen sie - angesichts des technischen Entwicklungsstandes zu Beginn der 50er-Jahre - als ausgesprochen ambitioniert und weitsichtig eingestuft werden.

Boeing B-47 Stratojet startet: Deutschland unter Einfluss der „Massiven Vergeltung“

Deutschland unter Einfluss der „Massiven Vergeltung“ (Quelle: Luftwaffe Archiv)Größere Abbildung anzeigen

Mit heutigem Wissen kann diese „Denkschrift Aktive Heimatluftverteidigung“ als eine Art „Geburtsurkunde“ bezeichnet werden, auch weil sie den Grundstein für Strukturen und Fähigkeiten legte, die bis in die Gegenwart hineinwirken. Seien es Konzeptionen, Systemfähigkeitsforderungen oder funktionale Forderungen – sie alle folgten über die Jahrzehnte demselben Rational und Ideal: Den Schutz von Truppen, Bevölkerung und Infrastruktur gegen jedwede Bedrohung aus der Luft bestmöglich zu gewährleisten – gemeinsam im Verbund.

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Parade zum 30. Jahrestag der Gründung der DDR

Parade zum 30. Jahrestag der Gründung der DDR (Quelle: Bundesarchiv)Größere Abbildung anzeigen

Vom Kalten Krieg zur Friedensdividende

Dieses politische und militärische Grundverständnis, das nicht zuletzt auch durch ein gesellschaftliches Schutzbedürfnis genährt wurde, bildete die Grundlage für die Erfolgsgeschichte der Integrierten NATO-Luftverteidigung, die über mehr als drei Jahrzehnte, 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr Schutz für Deutschland und die europäischen NATO-Alliierten gewährleistete. Ein vollständiger Schutz gegen alle denkbaren gegnerischen Luftkriegsmittel konnte bis zum Ende der Zwei-Block-Konfrontation 1989/1990 allerdings nicht erreicht werden. Im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung wäre man beispielsweise dem Einsatz von Mittel- und Langstreckenraketen – abgesehen von einigen wenigen Abwehrsystemen zum Schutz Moskaus oder Washingtons – relativ schutzlos ausgeliefert gewesen, weil einsatzbereite Abwehrsysteme wie das Flugabwehrraketensystem Patriot, die zum Schutz gegen Kurzstreckenwaffen geeignet waren, erst im Laufe der späten 80er Jahre einsatzbereit aufgestellt werden konnten.

Die Zeiten ändern sich: Früher „verfeindete Kampfjets“ einträchtig nebeneinander

Kampfjets einträchtig nebeneinander (Quelle: Bundesarchiv)Größere Abbildung anzeigen

Die sich in der Folge nachhaltig verbessernde Sicherheitslage Deutschlands – das durch diplomatische Verträge sowie die Ausweitung von EU und NATO regelrecht von Freunden und Partnern förmlich „umzingelt“ wurde – ließ die einst postulierten Notwendigkeiten peu a peut in Vergessenheit geraten. Die Idee einer territorialen Luftverteidigung für Deutschland – über das Souveränitätsrecht des Air Policings hinaus – erschien nicht mehr zeitgemäß und trat im Zuge der angestrebten Friedensdividende den Rückzug an. In der Folge wurde die bodengebundene Luftverteidigung NATO-weit in ihrem Umfang um fast 90% reduziert und konzeptionell vor allem auf die Verteidigung von Hochwertobjekten und Truppenansammlungen in möglichen Auslandseinsätzen beschränkt.

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Neue militärische Herausforderungen: Amerikanische Patriot-Stellung während „Desert Storm“

Amerikanische Patriot-Stellung während „Desert Storm“ (Quelle: US - Verteidigungsministerium)Größere Abbildung anzeigen

„Back to the roots“ oder „zurück zum Konsens“

Doch in den letzten Jahren ist diesbezüglich der Wahrnehmung einer Bedrohung der NATO durch ballistische Flugkörper ein Umdenken erkennbar geworden. Neue Akteure haben die politische Weltbühne in stärkerem Maße betreten. Politischer und wirtschaftlicher Einfluss sowie militärische Macht haben sich in Richtung einer stärkeren Multipolarität entwickelt. Forciert wurde dieser Trend vor allem auch durch die offenkundig nicht mehr kontrollierbare Proliferation von Technologie und Hardware zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen und deren Trägermitteln. Zu verlockend ist die Chance auf Unangreifbarkeit und die Garantie auf Unverwundbarkeit und damit Fortbestand des eigenen Machtbasis. Besondere Besorgnis erregen dabei die fortgesetzten Ambitionen von scheinbar unberechenbaren und nur schwer durchschaubaren Regimen, denen – im Gegensatz zu den Akteuren des Kalten Krieges – die Einhaltung einer nuklearen Abschreckungslogik („wer zuerst schießt, stirbt als zweites“) nicht zugetraut wird oder die ganz offen das Existenzrecht anderer Staaten abstreiten.

Effektiver, aber auch vergleichsweise teurer Schutz: Abschuss einer Rakete von einem amerikanischen Lenkwaffenkreuzer

Abschuss einer Rakete (Quelle: US Navy )Größere Abbildung anzeigen

So ist es nicht erstaunlich, dass die aktuelle Nationale Sicherheitsstrategie der USA von 2010 die Gefahr durch Massenvernichtungswaffen und deren Trägermittel als die gegenwärtig größte Bedrohung für Frieden und Sicherheit betrachtet und den Aufbau ganzheitlicher Verteidigungsmaßnahmen – einschließlich überregionaler Abwehrschirme – forciert. Auch das neue Strategische Konzept der NATO von 2010 trägt dieser wahrgenommenen, neuen und wachsenden Bedrohung des euro-atlantischen Raumes Rechnung. Die Verteidigung gegen mögliche Angriffe mit Flugkörpern wird als Kernelement der kollektiven Verteidigung eingestuft, die den wesentlichen Faktor der unteilbaren Sicherheit der Allianz darstellt. Der Aufbau einer Flugkörperabwehr (Missile Defence) für Europa – welches bereits in Teilen heute und künftig zunehmend großflächig innerhalb der Reichweite potentiell gegnerischer Flugkörper liegt – wird in Zusammenarbeit mit Russland und anderen Partnern angestrebt.

Trümmer einer während des Golf-Krieges abgeschossenen Scud-Rakete

Trümmer einer Scud-Rakete (Quelle: US - Verteidigungsministerium)Größere Abbildung anzeigen

Auch die maßgeblichen Dokumente deutscher Außen- und Sicherheitspolitik spiegeln diese Sicherheitslage - und den Willen ihr zu begegnen - wider. Während bereits das Weißbuch von 2006 die Gefahr durch die Proliferation von Massenvernichtungswaffen und deren Trägermitteln als potentiell größte Bedrohung der globalen Sicherheit anerkennt und unter anderem eine glaubhafte Abschreckung und defensive Abwehrmaßnahmen einfordert, gelangen die aktuellen Verteidigungspolitischen Richtlinien vom 27. Mai 2011 zu einer analogen und konsequenten Bewertung: Die Verbreitung und Weitergabe von Massenvernichtungswaffen und die Verbesserung ihrer Trägermittel entwickeln sich zunehmend zu einer Bedrohung auch für Deutschland. Es muss verhindert werden, dass staatliche und nicht-staatliche Akteure in den illegalen Besitz von Massenvernichtungswaffen gelangen. Dafür sind eine glaubhafte Abschreckung, ein wirksames Nichtverbreitungsregime genauso wie wirksame Frühwarn- und Abwehrmaßnahmen zur Unterbindung von Handlungsoptionen dieser Akteure zum Schutz der Bevölkerung erforderlich. Weiter heißt es zur Rolle der NATO: „Gleichzeitig bekennt sich die Allianz zu Abrüstung und Rüstungskontrolle. Sie erhält und entwickelt ein aufeinander abgestimmtes und den Risiken und Gefährdungen angemessenes Spektrum konventioneller und nuklearer Fähigkeiten einschließlich der Flugkörperabwehr.“

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Das Waffensystem Patriot: Start eines Flugkörpers zur Abwehr ballistischer Raketen

Start eines Flugkörpers (Quelle: Luftwaffe/Markus Schwer)Größere Abbildung anzeigen

Quo vadis Luftverteidigung?

Planung, Aufbau und Betrieb einer Luftverteidigung für Deutschland einschließlich der Befähigung zur Flugkörperabwehr - eingebettet in den Rahmen bestehender Bündnisse, vor allem der NATO und der EU - sind keine Relikte des Kalten Krieges, sondern - mit Blick auf neu entstandene und sich weiter entwickelnde Bedrohungspotentiale - aktuelle Forderungen einer verantwortungsvollen, breit angelegten Sicherheitspolitik. Sollen Deutschland und seine Bevölkerung auch zukünftig vor Erpressungsversuchen, basierend auf der Möglichkeit zur Durchführung von unmittelbaren Angriffen mit weitreichenden Raketen geschützt werden, entspricht das dazu notwendige Engagement zu Fähigkeitsaufbau und -ausbau einer Luftverteidigung in höchstem Maße den eigenen sicherheitspolitischen Interessen. Gleichzeitig leistet Deutschland damit einen gewichtigen Beitrag zu Bündnissolidarität, indem es sein Know-How, Material und Personal für das internationale Projekt zur Verfügung stellt. Luftverteidigung hat per se einen defensiven und schützenden Charakter, denn sie folgt – bei Ausrichtung auf aktuelle und absehbare Bedrohungsszenarien – daher auch in besonderer Weise unserem historisch gewachsenen Anspruch: Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen – und Deutschland darf nie wieder Kriegsschauplatz sein!

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Stand vom: 26.11.13 | Autor: Stefan Drexler, Sascha Müller


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