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Sicherheit im Luftraum – Air Policing der Luftwaffe

Wittmund, Neuburg/Donau, 22.06.2011.
Sicherheit im Luftraum geht uns alle an. Spätestens dann, wenn man selbst in ein Flugzeug steigt, wird klar, dass dieses Gut oberste Priorität haben muss. Und während die Airline sich um die Sicherheit der Maschinen bemüht, überwachen, beplanen und regeln zivile und militärische Spezialisten den umgebenden Luftraum. Der gemeinsame Schutz des Luftraums gegen Bedrohungen militärischer wie ziviler Art ist und bleibt eine der Kernaufgabe der Luftwaffe und der NATO-Vertragsstaaten.

Eine Phantom im Shelter: Der nächste Auftrag kommt bestimmt

Eine Phantom im Shelter (Quelle: Luftwaffe/Jagdgeschwader 71 S1 Info)Größere Abbildung anzeigen

Ziel der NATO Luftverteidigung ist es grundsätzlich, potentiellen Bedrohungen - sei es durch Luftfahrzeuge wie auch durch weitreichende Raketen sowie gegnerischen Handlungen aus der Luft - entgegenzuwirken.

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Eine Phantom sichert den Luftraum

Eine Phantom sichert den Luftraum (Quelle: Luftwaffe)Größere Abbildung anzeigen

Auftrag Luftsicherheit

Die Luftsicherheit zu wahren, ist damit eine dauerhafte Aufgabe, die im Frieden sowie in Konflikten und Krisenzeiten dazu beiträgt, die Unversehrtheit des NATO-Luftraums zu erhalten und die volle Handlungsfähigkeit eigener Operationen zu gewährleisten. Dies umfasst auch ein Netzwerk verbundener Systeme zur Erfassung, Verfolgung und Identifizierung von fliegenden Objekten, die erforderlichenfalls mit see- oder landgestützten Waffensystemen, wie beispielsweise Jagdflugzeugen, abgefangen werden können. Die NATO-Vertragsstaaten nehmen den Schutz des NATO-Territoriums, beziehungsweise die Gewähr der Integrität des NATO-Luftraums gegen militärische Bedrohungen, als eine ihrer Hauptaufgaben wahr. Fliegende Waffensysteme sind dazu unverzichtbar, da sie durch Flexibilität, Geschwindigkeit und Reichweite fähig sind, eine Eskalation innerhalb des NATO-Luftraums zum Schutze dessen zu verhindern.

Immer im Einsatz: Radarstationen überwachen bei jeder Witterung den Luftraum

Radarstationen überwachen bei jeder Witterung den Luftraum (Quelle: Luftwaffe/Einsatzführungsbereich 1)Größere Abbildung anzeigen

Grundsätzlich fügt sich die Bundesrepublik Deutschland in Bezug auf die Luftverteidigung in die Struktur der Integrierten NATO-Luftverteidigung (NATO Integrated Air Defence System, NATINADS) ein. Das Luftverteidigungskonzept der NATO basiert auf dem Prinzip des Raumschutzes, das bedeutet, dass der Schwerpunkt im Frieden generell auf der kontinuierlichen und möglichst lückenlosen Luftraumüberwachung im gesamten Luftraum des Souveränitätsgebiets der NATO-Mitgliedstaaten liegt. Jagdflugzeuge werden in diesem Bezug zur Wahrung der Luftsicherheit eingesetzt. Die Luftwaffe fasst dies als eine Dauereinsatzaufgabe auf und stellt der NATO deswegen im Rahmen des NATO Air Policing zwei Alarmrotten als sogenannte QRA (Quick Reaction Alert) zur Verfügung. Eine Alarmrotte ist im Jagdgeschwader 71 "Richthofen" im niedersächsischen Wittmund stationiert und eine weitere befindet sich in Bayern: Das Jagdgeschwader 74 aus Neuburg an der Donau. Beide Verbände halten täglich, rund um die Uhr, Jagdflugzeuge in einer stetigen und vorgegebenen Alarmbereitschaft vor. Je nach Sicherheitslage und Ereignis allerdings kann die Reaktionszeit/-bereitschaft dieser Alarmrotten reduziert werden. Die F-4F Phantom ist im Jagdgeschwader 71 „Richthofen“ mit dem Lenkflugkörper „Sidewinder“ und einer Bordkanone bewaffnet. Im Jagdgeschwader 74 steht die Alarmrotte mit Eurofightern bereit, ausgestattet mit dem Lenkflugkörper „Iris-T“ und ebenfalls einer Bordkanone.

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Alarmstart einer Phantom

Alarmstart einer Phantom (Quelle: Luftwaffe/Aldo Wiki)Größere Abbildung anzeigen

Alarmstarts

Das NATINADS wurde in den 1050er Jahren in Europa aufgebaut und besteht aus einem grenzüberschreitenden Verbund von Radargeräten, Gefechtsständen und Jagdflugzeugen. Die Alarmierung der NATO-Alarmrotten erfolgt durch das Combined Air Operations Center (CAOC) der NATO in Uedem bei Kalkar. Dieser internationale Gefechtsstand zur Luftverteidigung ist für die Alarmierung der NATO-Alarmrotten in Deutschland zuständig. Allein im Jahr 2010 wurden durch das CAOC Uedem rund 30 Alarmstarts (sogenannte „A-Scrambles“) für die Alarmrotten beider Jagdgeschwader in Auftrag gegeben, um Luftfahrzeuge zu identifizieren.
Desweiteren führt das CAOC Uedem regulär an Werktagen zwei bis drei Übungsschutzflüge (sogenannte „Tango-Scrambles“) mit den Jagdgeschwadern 71 und 74 durch, um die Vorgaben des Integrierten NATO Luftverteidigungssystems zu üben und um das Jägerleit- und Gefechtsstandspersonal kontinuierlich auszubilden.

Die Einsatzführung überwacht den Luftraum

Die Einsatzführung überwacht den Luftraum (Quelle: Luftwaffe/Ingo Bicker)Größere Abbildung anzeigen

Ein Alarmstart wird jedoch heutzutage weniger wegen einer Verletzung des Luftraums durch militärische Luftfahrzeuge notwendig, sondern eher bei einer erkannten Luftnotlage. Diese angenommene oder erkannte Luftnotlage kann aber vielfältige Gesichter haben, denkbar sind Pilotenfehler oder technische Probleme, die sich dann beispielsweise auch und gerade beim Ausfall einer Funkanlage (sogenanntes „CommLoss“) erst bemerkbar machen. Auch wird ein Flugzeug schon verdächtig, wenn es den Flugplan der zivilen oder militärischen Flugberatung nicht einhält, der wiederum von allen auf der Flugroute liegenden Flugsicherungen verfolgt wird. Ist das Flugzeug dann zudem nicht durch die Flugsicherung ansprechbar, greifen unmittelbar und konsequent die Verfahren der militärischen Luftraumsicherung, auch wenn diese Fälle - glücklicherweise - fast immer glimpflich ausgehen: Beispielsweise eine Fehlfunktion der Navigationseinrichtung, wodurch ein Flugzeug vom geplanten Kurs abgebracht wurde, zu hoch oder zu niedrig fliegt – und damit den Luftverkehr um sich herum gefährdet. Alles in allem kann es täglich über unseren Köpfen zu so einer Situation kommen, eingedenk der Luftverkehr über Deutschland und Europa ständig zunimmt. Ergo: Sicherheit muß hier oberste Priorität haben – und rechtfertigt damit auch den Fall, das unter Umständen Abfangjäger aufsteigen, um die unklare Situation in der Luft aufzuklären.

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Arbeitsplatz im Luftverteidigungsgefechtsstand

Arbeitsplatz im Luftverteidigungsgefechtsstand (Quelle: Luftwaffe)Größere Abbildung anzeigen

Maßnahmen bei Luftraumgefährdung

Im Falle eines unerklärlichen Abbruchs einer Funksprechverbindung beispielsweise leitet der verantwortliche Fluglotse der Flugsicherung Erstmaßnahmen zur Wiedererlangung der Funksprechverbindung ein. Ist dies nicht erfolgreich, erhält die Alarmrotte einen Startbefehl, verbunden mit dem Auftrag, die Situation in der Luft aufzuklären. Deren Aufgabe ist es dann, das Luftfahrzeug in Sichtweite zu identifizieren. Idealerweise können dabei die Daten des Flugplans bestätigt und Aufklärung über sonstige, mögliche Gründe für den Funkausfall erbracht werden, wozu zum Beispiel eine äußere Beschädigung des Luftobjekts zählt. Außerdem wird versucht, mit visuellen, international standardisierten Zeichen Verbindung mit dem Luftfahrzeugführer aufzunehmen. Bis hin zu der Maßnahme “Sichtidentifizierung” können die militärischen Maßnahmen noch durch das CAOC der NATO angeordnet werden, alle darüber hinausgehenden Maßnahmen - wie zum Beispiel das Erzwingen einer Landung - sind aber ausschließlich in nationaler Verantwortung durchzuführen. Die Führungsverantwortung über die eingesetzten deutschen Luftverteidigungskräfte nimmt Deutschland nun von der NATO zurück.

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Der Anschlag vom 11. September

Der Anschlag vom 11. September (Quelle: Pressestelle US Library of Congress)Größere Abbildung anzeigen

Der Renegade-Fall

Aufgrund der Terroranschläge des 11. September 2001 entwickelte die NATO das sogenannte „Renegade“-Konzept. Es wird speziell zur Wahrung der Sicherheit im Luftraum gegen zivile Flugzeuge eingesetzt, die zur Ausübung eines terroristischen Anschlags entführt wurden.
Diese - vom Air Policing zu unterscheidende - Aufgabe wird effektiv durch das Nationale Lage- und Führungszentrum „Sicherheit im Luftraum“ (NLFZ SiLuRa) mit der Abstützung auf die bereits der NATO unterstellten Jagdflugzeuge und Gefechtsstände - also auch dem nahen CAOC in Uedem/Kalkar wahrgenommen. In erster Linie ist die Luftwaffe hier zwar für den Schutz der deutschen Bevölkerung tätig, in der Gesamtbetrachtung leistet ihr Beitrag jedoch ein System aus Funktionselementen zur Luftraumüberwachung und Luftlageerstellung, Führung und Kommunikation, Koordination zwischen zivilem und militärischem Luftverkehr sowie Führung und Einsatz von Jagdflugzeugen.
Das NLFZ dient hier in seinem – ressortübergreifenden - Ansatz auf Bundesebene als zentrale Anlaufstelle, die in einer solchen Lage relevante Informationen für die Ressorts der verschiedenen Zuständigkeiten bündelt - zu denen das der Verteidigung (BMVg), des Verkehrs (BMVBS) und des Inneren (BMI) gehört - und betreffende Informationen dann an diese weitergibt. Das gewährleistet eine rasche und effektive Kooperation, bei der eine Identifizierung und Bewertung potentieller Gefahren durch einheitlicher Informations-, Handlungs- und Entscheidungsabläufe in kürzester Zeit möglich wird.

Renegade zwischen den Frankfurter Bürotürmen, der sich hinter als geistig verwirrter Pilot herausstellte.

Renegade zwischen den Frankfurter Bürotürmen, der sich hinter als geistig verwirrter Pilot herausstellte. (Quelle: Bundesarchiv)Größere Abbildung anzeigen

Das NLFZ vereint außerdem alle, die Luftsicherheit betreffenden Informationen, die im Falle eines besonderen Ereignisses im Luftraum lageabhängig bewertet werden müssen, und die aus dem Gesamtverantwortungsbereich aller beteiligten Ressorts zusammengetragen wurden. Dabei bestimmen die vorhandenen Fakten in jedem Einzelfall die passenden, einzuleitenden Maßnahmen.
So kann es auch kommen, dass der Auslöser einer anzunehmenden Luftnotlage nicht von einem CAOC oder einem zivilen Tower kommt: Beispielsweise könnte ein Nachrichtendienst vertrauliche Angaben über einen bevorstehenden Terroranschlag mittels Flugzeugentführung über deutschem Boden zur Verfügung stellen und bringt diese Information über das BMI nun in das ressortübergreifende Gremium NLFZ SiLuRa zur Bewertung und Entscheidung ein…

Blick in die Führungszentrale Nationale Luftverteidigung in Kalkar: Hier wird der Schutz des Luftraums koordiniert

Hier wird der Schutz des Luftraums koordiniert (Quelle: Luftwaffe)Größere Abbildung anzeigen

Im Renegade-Fall geht die Verantwortung für die Anordnung und Durchführung der erforderlichen Maßnahmen grundsätzlich auf die nationale Stelle zur Luftraumsicherung über. Die Kräfte und Mittel der Luftwaffe, die im Normalfall der Integrierten NATO-Luftverteidigung unterstellt sind, werden dann der ortsnahen “Führungszentrale Nationale Luftverteidigung (FüZNatLV)” übergeben, die den militärischen Arm der nationalen Exekutive darstellt.
Damit die Umsetzung von ressortübergreifendem Schutz - BMVg, BMVBS und BMI – möglichst verzugslos funktioniert, sind beide Einrichtungen - NLFZ wie FüZNatLV - in Uedem, respektive Kalkar, ansässig.

Die Luftwaffe ist letztlich mit der FüZNatLV in der Lage, auf alle Bedrohungen durch zivile Luftfahrzeuge innerhalb des deutschen Luftraums kompetent und unverzüglich - und in Zusammenarbeit mit dem NLFZ SiLuRa - zu reagieren und damit die Souveränität der Bundesrepublik Deutschland und den Schutz seiner Bürger zu wahren.

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Stand vom: 26.11.13 | Autor: Holger Radmann, Alexandra Schelleis, Norbert Thomas


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