Nachtschicht
Erndtebrück, 21.11.2011.
Wenn in normalen Betrieben die Nachtschicht beginnt, ist der „Chef“ in der Regel bereits längst zu Hause. Wenn jedoch Soldaten ihren Dienst in der Luftraumüberwachungszentrale der Erndtebrücker Hachenberg-Kaserne für die Nachtstunden aufnehmen, ist Kommandeur Oberst Dieter Beck meistens noch in seinem Büro im Stabsgebäude. Das liegt indes nicht daran, dass der Standortälteste als Soldat immer im Dienst ist. Vielmehr ist „Nacht“ im Control and Reporting Center (CRC), wie es offiziell bezeichnet wird, ein etwas weit gefasster Begriff.

Die Nachtschicht beginnt für die Soldaten bereits um 16 Uhr mit dem Briefing zur aktuellen Lage im Luftraum über Deutschland - und auch die Wetteraussichten spielen dabei eine nicht unwichtige Rolle. Zumindest das ist für den Laien zu verstehen, denn ansonsten fliegen aber englische Sätze durch den Raum mit Begriffen, die mit dem normalen Schulenglisch kaum zuzuordnen sind.

Die Nachschicht beginnt
Immerhin endet das Briefing aber mit einem eindeutig formulierten Befehl von Oberstleutnant Roland Dengler: „Auf die Positionen!“
Um kurz nach 4 nachmittags ist der Wechsel von der Tag- zur Nachtschicht im CRC vollzogen. Die Soldaten, die nun vor den Monitoren Platz genommen haben, werden allerdings eine lange Nacht vor sich haben: Erst am nächsten Morgen um 8 Uhr werden sie abgelöst.

Augen über Deutschland
Einer von ihnen ist Hauptfeldwebel Mario Ruhrmann, der Assistent des Luftlageoffiziers. Er blickt auf einen Bildschirm, auf dem die ostdeutschen Bundesländer zu sehen sind. Und darüber blinken viele kleine Punkte. Es sind Flugzeuge, die von den zivilen und den militärischen Radargeräten erfasst wurden. „In ganz Deutschland gibt es 150 zivile und 18 militärische Radarstationen“, sagt Ruhrmann, der für den Datenaustausch mit den beiden anderen CRC im Bundesgebiet verantwortlich ist. In der Hachenberg-Kaserne ist also eine von nur drei militärischen Luftraumüberwachungszentralen in ganz Deutschland stationiert. Erst im Frühjahr 2011 war dieses neue Control and Reporting Center offiziell in Betrieb genommen worden. Nachts sind in der Regel nur jeweils zwei CRC im Dienst, „jedes CRC hat mal eine Abschaltwoche“, berichtet Mario Ruhrmann. „Ganz selten kann es auch mal vorkommen, dass mal nur ein CRC läuft und dann kurzzeitig den gesamten Luftraum über Deutschland überwachen muss.“ Das sollte freilich eine Ausnahme bleiben.

Denn Notfälle kommen vor: „Täglich“, so Hauptfeldwebel Mario Ruhrmann. Zumeist ist ein defektes Funkgerät im Flugzeug der Grund. Hin und wieder hat ein Pilot schon mal vergessen, die richtige Funkfrequenz einzustellen oder sich beim Einflug in den nächsten Sektor nicht gemeldet. Zunächst werden die Flugzeuge zwar auf einer Notfrequenz angefunkt. Wenn sie sich dann jedoch immer noch nicht melden, setzt sich ein festes Prozedere in Gang. In einer solchen Situation übernimmt der Waffeneinsatzbereich. „Dann geht die Alarmmaschinerie los“, verrät der Luftlageoffizier Oberleutnant Mark Althaus. Was das bedeutet, erfährt der Autor mit einer Übung, die an diesem Abend im Erndtebrücker CRC durchgeführt wird.

Übungsalarm
Das Szenario: Ein Flugzeug im Luftraum über dem Südosten Deutschlands meldet sich auf Funksprüche nicht zurück. Für die Soldaten im CRC erfolgt nun die Meldung: „Lost com aircraft“. Wenn der Versuch, den Piloten auf der Notfrequenz zu erreichen, erfolglos bleibt, startet eine Alarmrotte zur Sichtidentifizierung. „Diese Fälle kommen dann und wann vor“, erklärt Oberleutnant Mark Althaus. Erst kürzlich sei dies einem türkischen Urlaubsflieger passiert, betont Oberstabsfeldwebel Andreas Haßler. Dessen Pilot hatte sich nicht zurückgemeldet und schließlich zwei Eurofighter an seiner Seite entdeckt, als der Flieger bereits Richtung Österreich unterwegs war. In der Übung in der Erndtebrücker Luftraumüberwachungszentrale geschieht das Gleiche. Oberstleutnant Roland Dengler – in der Nacht der sogenannte Master Controller und damit der taktische Führungsoffizier – befiehlt, eine Alarmrotte starten zu lassen.

Von Erndtebrück aus werden die F4-Kampfjets in einem Bogen von hinten ans Flugzeug herangeführt. „Ziel ist, vier Kilometer dahinter herauszukommen“, erklärt Oberleutnant zur See Andre Fittkau. „Haben sie schon visual“, fragt Oberstleutnant Roland Dengler in dem Moment. Sobald die Piloten den Sichtkontakt haben, folgt der nächste Schritt im Prozedere: Sie fliegen auf die linke und die rechte Seite des Jumbos und signalisieren dessen Piloten per Handzeichen, dass er es mal mit dem Funk probieren sollte. „Es ist viel zu koordinieren“, meint Oberleutnant zur See Andre Fittkau. Er ist eigentlich ein Marineoffizier, der im Zuge der Auflösung des CRC in Aurich nach Erndtebrück versetzt wurde. Deshalb ist die Edergemeinde – so betrachtet sogar sein Marinestandort.

Jederzeit im Einsatz
Die Übung ist erfolgreich abgeschlossen worden. Für Oberstleutnant Roland Dengler ist es sehr wichtig, die Soldaten für einen Ernstfall zu schulen. „Übung ist mehr als das halbe Soldatenleben“, meint er. Ein Rädchen müsse ins andere greifen, betont Oberleutnant Mark Althaus. Je später der Abend, desto geringer wird die Anzahl der Punkte auf dem Radarschirm im Erndtebrücker CRC. „Nachts sind es nicht mehr so viele und an Weihnachten ist es schon vorgekommen, dass in der Nacht gar kein Flugverkehr mehr herrschte“, sagt Oberleutnant Mark Althaus. Das CRC muss jedoch auch dann besetzt sein – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.
