30 Jahre fliegerische Maßarbeit (Teil 1)
Wichita Falls, 04.10.2011.
EURO NATO JOINT JET PILOT TRAINING. Die Pilotenschmiede für die Luftwaffe. Die unter Piloten häufig als „Pilot-Factory“ bezeichnete internationale Ausbildungseinrichtung im amerikanischen Wichita Falls feierte ihr 30-Jähriges Jubiläum.

Schon 1966 begann auf der amerikanischen Sheppard Air Force Base die fliegerische Grund- und Fortgeschrittenenausbildung, wie die Jetausbildung aus Sicht der Luftwaffe formell bezeichnet wird. Zunächst wurden dabei ausschließlich deutsche Flugschüler ausgebildet, ab April 1967 stießen auch amerikanische Pilotenanwärter hinzu.

Eine halbe Ewigkeit Bestand
Im Oktober 1981 wurde das europäisch-nordamerikanische Gemeinschaftsprogramm EURO NATO JOINT JET PILOT TRAINING (ENJJPT) gegründet. Ziemlich genau vor 30 Jahren. Dieses Jubiläum ließ sich somit perfekt mit dem jährlichen Oktoberfest, ausgerichtet vom deutschen Anteil Euro NATO Joint Jet Pilot Training, verbinden. Damit ist die Einheit, eine der wenigen, die sämtliche Umstukturierungen der Bundeswehr überlebt hat. Neben dem 40 Jährigen bestehen ist mit Sicherheit die hohe Qualität der Ausbildung hierbei von großer Bedeutung gewesen. Neben den USA, Deutschland und den Niederlanden schlossen sich nacheinander auch Belgien, Dänemark, Griechenland, Großbritannien, Italien, Kanada, Norwegen, Portugal und die Türkei dem ENJJPT an.

Der Standort Wichita Falls
Die Sheppard Air Force Base ist ein Militärflugplatz der US-Luftstreitkräfte und liegt am nördlichen Stadtrand von Wichta Falls. Die „Falls“, die dieser texanischen Kleinstadt ihren Namen gaben, verkommen im Sommer übrigens zu seinem Rinnsal, weswegen sich die Stadt vor Jahren schon einen künstlichen „Water - Fall“ zulegte, um dem im Stadtnamen verbürgten Anspruch Taten folgen zu lassen. Mit etwas über 100.000 Einwohnern hat der Ort zwar keine imponierende Größe, doch mit einer Fläche, die in etwa mit derjenigen der Innenstadt Kölns mithalten kann, ist Wichita Falls kein unbedeutender Fleck auf der Landkarte. Zwischen den beiden Städten Dallas und Oklahoma City gelegen, stellt sie, verbunden über die über die Interstate 44 (Autobahn 44) die wichtigste Metropole im bevölkerungsarmen nördlichen Texas dar.

Gleichzeitig liegt das Land in einer metereologisch günstigen Region, die stabiles Wetter verspricht. „Flugwetter“, sagen die Piloten bezeichnend - und so ist es denn auch schon für die Bevölkerung völlig normal, wenn Flugzeuge über der Stadt oder die weite Umgebung der texanischen Steppe ziehen. Einerseits nimmt man den Fluglärm kaum noch wahr, weil man sich daran gewöhnt hat, andererseits stellen „die Flieger“ den wichtigsten Wirtschaftszweig der Stadt als Dienstleister für die ansässige Air Force Base dar. Auf einer Strecke, die - auf Deutschland bezogen - mehr als die Entfernung Hamburgs zu Berlin darstellt, ist Wichita Falls genau in der Mitte der beiden Großstädte der wichtigste Umschlagsplatz für Waren vieler Art. Zwar gibt es in der Stadt alles zu kaufen, was das Herz begehrt, dennoch fühlt man sich hier in vieler Hinsicht etwas verlassen. Beste Voraussetzungen für Flugschüler oder solche, die es werden wollen, denn Möglichkeiten zur Zerstreuung gibt es hier nicht viele. Zeit genug zum Lernen, Lernen und … Lernen.
Willkommen in der Pilot Factory
Und das nicht nur für die Neulinge, die noch kurz vorher in Phoenix zusammen mit den Flugschülern der Lufthansa ihre ersten Flüge auf einer einmotorigen Grob 120 durchführten. Auch werden bereits erfahrene Piloten aus Deutschland in der „Pilot Factory“ zu Fluglehrern fortgebildet, die ihr neu erlerntes Wissen anschließend selbst als Unterrichtende - im Hörsaal wie auch im Cockpit - für die „internationale Jet-Schülergemeinschaft“ des ENJJPT-Programms zur Anwendung bringen. Desweiteren findet hier das „IFF“, die Introduction of Fighter Fundamentals statt. Hier erwirbt der frisch gebackene Jet-Pilot wichtige Grundkenntnisse über Luft/Luft- und Luft/Boden- Einsatzverfahren, bevor er zur Waffensystemausbildung Tornado oder Eurofighter wechselt.

Ein Programm, das sich bewährt hat
Und das wird wahrscheinlich auch noch lange so bleiben. Durch konsequente Optimierung der Ausbildung, Einführung der T-6A „TEXAN“ für die Grundlagenausbildung und Nutzung neuester Simulatoren ist das ENJJPT-Programm ein anerkanntermaßen wirtschaftlich günstiges Ausbildungsprogramm, bei konstant hochwertiger Ausbildungqualität und Sicherheit. So kann man auch weiterhin davon ausgehen, dass derzeit etwa alle 3 Monate für einen Lehrgangszeitraum von 15 Monaten Flugschüler aus Deutschland anreisen, um ihren großen Traum zu verwirklichen: Wenn Sie ankommen, können sie gerade mal allein eine einfache Propellermaschine fliegen – wenn Sie gehen, haben sie bereits gelernt, wie man als Kampfflugzeugführer in taktischer Formationen mit bis zu 4 Flugzeugen fliegt oder sich alleine bzw. mit Unterstützung seines „Wingman“ gegen einen potentiellen Gegner zur Wehr setzt.

Ein Flughafen im Zeichen deutschen Brauchtums
Die 80th Flying Training Wing, das ist das EURO NATO JOINT JET PILOT TRAINING durchführende, amerikanische fliegerische Ausbildungsgeschwader, hat das 30-Jährige Bestehen zum Anlass genommen ein beeindruckendes Showprogramm für das Jubiläum auf die Beine zu stellen. Das Programm umfasste eine zweitägige Flugshow diverser ziviler, militärischer und historischer Flugzeugmuster auf der Sheppard Air Force Base am 1. und 2. Oktober sowie das mit diesem Jubiläum kombinierte durch den deutschen Anteil ausgerichtete Oktoberfest, das bis weit über die Grenzen von Wichita Falls bekannt ist.

American Dream im Kleinstformat
Diese amerikanische Begeisterung kann man wahrscheinlich nur verstehen, wenn man selbst Flugschüler oder Fluglehrer in Amerika gewesen ist - und damit fast drei Jahre in einer praktisch anderen Welt. Abschied von europäischem Schmuddelwetter, aber auch guter deutscher Küche, die man erst im nachhinein schmerzlich vermisst. Man spricht vorwiegend Englisch, weil alle Englisch sprechen. Man sieht allerorts in der Stadt Personal in Uniform, da sich die Bevölkerung in hohem Umfang mit dem Auftrag identifiziert und dieser Beruf hohe Anerkennung genießt. Wer Pilot werden will, hat zwar auch einen geregelten Dienstplan, doch das bereits skizzierte Umfeld sorgt schon allein dafür, dass man für den großen Traum des Piloten einige Überstunden abreißt wenig Zeit für sich selbst hat – Erholungsurlaub ausgenommen. Aber selbst den nehmen die meisten gleich in den USA. Natürlich um die grandiose Natur, pulsierende Großstädte und das schier unendliche Land sehen und geniessen zu können.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich die Luftwaffe an einem Ausbildungsort eingerichtet hat, der vielen Ansprüchen und Bedüfnissen gerecht wird und seine Leistungsfähigkeit schon lange unter Beweis gestellt hat. Dem Engagement der Piloten des Teams Luftwaffe und der hiesigen Bevölkerung gebührt dabei Respekt für das gemeinsame Projekt, von dessen Früchten die gesamte NATO profitiert: Eine hochwertige Pilotenausbildung, die keinen Vergleich scheuen muss.

