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Air Policing der Luftwaffe – über die Grenzen hinweg

Wittmund, Neuburg/Donau, 28.06.2011.
Der gemeinsame Schutz des NATO-Territoriums und damit auch der gemeinsame Auftrag zur Sicherstellung der Unversehrtheit des NATO-Luftraums gegen militärische Bedrohungen ist und bleibt eine der Kernaufgaben der NATO-Vertragsstaaten.

Phantom über Litauen
Phantom über Litauen (Quelle: Jagdgeschwader 71 S1 Info)Größere Abbildung anzeigen

Eurofighter am Flügel des Renegade
Eurofighter am Flügel des Renegade (Quelle: Österreichisches Bundesheer)Größere Abbildung anzeigen

Im Zusammenhang mit diesen Abkommen wird das betroffene Fachpersonal bilateral in Übungsszenarien trainiert und an den jeweiligen nationalen Koordinierungsstellen dafür weitergebildet. So wurde im März 2011 erstmals die Übung „Decent Decision“ unter Beteiligung der Länder Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgeführt. In der Übung flog ein vermeintlicher Renegade aus Österreich in die Schweiz ein und änderte danach unmittelbar seinen Flugkurs Richtung Deutschland. Ziel des Szenarios war, die Zusammenarbeit des Luftverteidigungsverbundes Deutschlands mit den beteiligten Nachbarstaaten und die Qualität des zeitgerechten Informationsaustausches der Luftlage zu testen. Die Alarmrotte aus dem Jagdgeschwader 74 begegnete und begleitete den Renegade (eindrinling) direkt nach Eindringen in den deutschen Luftraum. Als Simulation versuchten die Abfangjäger Kontakt mit dem Luftfahrzeug aufzunehmen, doch dieses änderte wieder seine Route und drehte in Richtung Österreich ab.
An dessen Landesgrenze wurde der Eindringling dann in die Verantwortung der österreichischen Alarmrotte, zwei Eurofightern aus Zeltweg, übergeben, die daraufhin das Luftfahrzeug zur Landung zwangen.
Diese Übung hat einen besonderen Status, da es sich um die grenzüberschreitende Kooperation Deutschlands mit zwei Ländern handelt, die nicht dem NATO-Militärbündnis angehören und damit auch nicht Teil der Integrierten NATO--Luftverteidigung sind.

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Logo des Island-Einsatzes
Logo des Island-Einsatzes (Quelle: Luftwaffe/Bergmann)Größere Abbildung anzeigen

Schutz des isländischen Luftraums

Da die NATO seit den Jahren 2004 bis 2008 neun neue Mitgliedstaaten zu sich zählen kann, erweiterte sich der Luftraum der NATINADS. Wie auch die relativ neuen NATO-Mitglieder aus den baltischen Staaten - Estland, Lettland und Litauen - verfügt auch Island nicht über ausreichend eigene Luftverteidigungskräfte.
Island ist besonders nach dem Abzug der USA im Jahr 2006 an der Sicherstellung der Luftraumüberwachung durch alliierte Partnernationen interessiert.
Die Nation nimmt die Präsenz von NATO-Luftstreitkräften zum Schutz seines Luftraums sowohl politisch, als erkennbares Zeichen der Bündnissolidarität im Rahmen der NATO, als auch militärisch, als Reaktionsmöglichkeit bei potenzieller Luftraumgefährdung, als bedeutend und wichtig wahr.
Im Juni 2010 stationierte ein deutsches Kontingent der Luftwaffe für vier Wochen sechs F-4F Phantoms des Jagdgeschwaders 71 in Keflavik, nahe dem gleichnamigen, internationalen Flughafen der Hauptstadt Reykjavik.

Garant auch bei tiefen Temperaturen: Phantom im Shelter
Phantom im Shelter (Quelle: Luftwaffe/Alexander Feja)Größere Abbildung anzeigen

Der deutsche Beitrag bestand neben technisch-logistischem Personal zur Wartung und Instandsetzung der Phantoms auch aus Wetterberatern und Fernmeldekräften sowie Sanitäts-, Gefechtsstands- und Brandschutzpersonal. Trotz vorhandenem isländischen Kommandozentrum und eigenen Radaranlagen fehlt es der Nation an ausreichend fachlichem Personal zur Führung von Jagdflugzeugen.
Aus diesem Grund wurden zudem Jägerleitoffiziere aus Einsatzführungsbereichen der deutschen Luftwaffe notwendig, welche die Jagdflugzeuge in der Luft taktisch führten. Neben der Bereitschaft zweier bewaffneter Luftfahrzeuge wurden die verbleibenden F-4F Phantoms auch zwei Mal täglich für den Übungs- und Ausbildungsflugbetrieb eingesetzt. Damit wurde der NATO im Rahmen einer Einsatzüberprüfung die geforderte Bereitschaftsstufe erfolgreich nachgewiesen und mitunter bewiesen, dass die mittlerweile knapp 35 Jahre alten Phantoms infolge ihrer Kampfwertsteigerungen nach wie vor die hohen NATO-Standarts erfüllen können.

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Logo Air Policing Baltikum 2011
Logo Air Policing Baltikum 2011 (Quelle: Luftwaffe)Größere Abbildung anzeigen

Air Policing im Baltikum (NATO APB)

Im Februar 2004 entschied der Oberkommandierende der NATO-Streitkräfte in Europa (Supreme Allied Commander Europe, SACEUR) auch die Souveränität des Luftraums in den Baltischen Staaten mit der Unterstützung anderer NATO-Mitgliedsländer sicherzustellen – und zwar im Rahmen einer zeitlich befristeten Übergangslösung im Rotationsverfahren. Solange die Baltischen Staaten keine eigenen wirkungsvollen Fähigkeiten zur Flugsicherung aufgebaut haben, verfolgt das NATO APB im Luftraum über den Baltischen Staaten das Ziel, dasselbe Maß an Sicherheit wie bei allen anderen NATO-Mitgliedstaaten zu erreichen und somit die lufthoheitlichen Souveränitätsrechte uneingeschränkt zu wahren. Dafür waren mittlerweile Kontingente aus 14 verschiedenen Nationen, teilweise mehrfach für jeweils drei bis vier Monate, im Einsatz im Baltikum.
Mit Blick auf die Zukunft lässt sich mit keinen eigenen Luftverteidigungskapazitäten seitens des Baltikums rechnen, weswegen die Luftsicherheit auch in den nächsten Jahren durch die NATO-Bündnispartner gewährleistet werden muss.

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Feuerlöschzug der Luftwaffe im tiefen Schnee Litauens
Feuerlöschzug der Luftwaffe (Quelle: Luftwaffe/Michael Bertram)Größere Abbildung anzeigen

Einsatz und Ausbildung

Die Bundesrepublik Deutschland beteiligte sich 2009 paritätisch mit den Waffensystemen Eurofighter und F-4F Phantom am insgesamt viermonatigen APB.
Ein streitkräfteübergreifendes Team aus Luftfahrzeugbesatzungen, technisch-logistischem Personal, Feldjägern, Spezialpionieren, Fernmeldekräften sowie Gefechtsstandspersonal des Einsatzführungs- und Flugverkehrskontrolldienstes wurde eingesetzt, um der geforderten Bereitschaft gerecht zu werden. Zu diesem Kontingent stellte die Luftwaffe außerdem Brandschutzkräfte aus dem Objektschutzregiment der Luftwaffe Friesland bereit. Diese speziell ausgebildeten Brandschutzkräfte verfügen über umfangreiche Erfahrung in Einsätzen und sichern zusammen mit den Feuerwehrleuten der litauischen Luftwaffe den Brandschutz am Platz, sind gegebenenfalls für die Rettung der Besatzungen aus dem Luftfahrzeug nach Luftnotlagen zuständig.
Desweiteren beinhalteten die Einsatzkontingente Kräfte des Sanitätsdienstes und der Streitkräftebasis.

Außergewöhnliche Entwicklungshilfe für Litauen: Die zivilen Fluglotsen Greta Simkeviciute und Daiva Jakavickiene bei der Kontrolltätigkeit auf dem Tower
Außergewöhnliche Entwicklungshilfe für Litauen (Quelle: Luftwaffe/Alfred Hahn)Größere Abbildung anzeigen

Zudem trug der Einsatzführungsdienst der Luftwaffe in der Vergangenheit dafür Sorge, dass baltische Jägerleitoffiziere vor Ort im NATO-Luftverteidigungsgefechtsstand (Control and Reporting Center, CRC) in Kaunas/Litauen sowie an seiner zentralen Ausbildungseinrichtung in Erndtebrück in Deutschland ausgebildet wurden. Aufgrunddessen ist seit dem Jahr 2007 die Luftraumüberwachung über dem Baltikum in eigener Verantwortung der baltischen Staaten möglich.

Warten auf den Einsatzbefehl: Phantoms auf der Startbahn in Siauliai
Phantoms auf der Startbahn in Siauliai (Quelle: Jagdgeschwader 71 S1 Info)Größere Abbildung anzeigen

Vom 5. Januar 2011 bis zum 28. April 2011 fand zum vierten Mal die NATO-Mission „Air Policing Baltikum“ zur Wahrung der Integrität des Luftraums über den baltischen Staaten durch die Luftwaffe statt.
Um notwendige Verfahren im Rahmen des Air Policings regelmäßig zu trainieren, führte Allied Air Command Ramstein die Übung „Baltic Region Training Event“ (BRTE) in den Baltischen Staaten durch, welche im März 2011 unter der Beteiligung Estlands, Litauens, Polens, Deutschlands und erstmalig Schwedens (Partnership-for-Peace-Nation) wiederholt wurde.
In der BRTE wurde ein litauisches Transportluftfahrzeug vom Typ C-27 in ein „Com-Loss“ – Szenario eingebunden und anschließend über der Ostsee von zwei schwedischen Kampfflugzeugen JAS-39 Gripen abgefangen und bis zur Übernahme durch die in Siauliai (Litauen) stationierte deutsche Alarmrotte bis zur Grenze des baltischen Luftraums begleitet. Die Übung endete mit der inszenierten und geplanten Landung der Maschine in Tallinn (Estland). Am darauffolgenden Tag wurde ein simuliertes „Com-Loss“-Transportluftfahrzeug vom Typ C-295 CASA aus Polen, ebenfalls zu Übungszwecken, durch die deutsche Alarmrotte über den Baltischen Staaten abgefangen und bis zur Landung erneut nach Tallinn begleitet. Die Koordination - beziehungsweise Kontrolle - der Luftfahrzeuge erfolgte durch die „Baltic Air Controller (BALTNET)“ in Zusammenarbeit mit der zivilen Flugsicherung.

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Phantom-Patrouille über der Nordsee
Phantom-Patrouille über der Nordsee (Quelle: Aldo Wiki)Größere Abbildung anzeigen

Ausblick in die Zukunft

Die NATO-Vertragsstaaten haben es sich zur wesentlichen Aufgabe gemacht, zukünftig wie in der Vergangenheit auch, für den Schutz des NATO-Territoriums weiter zu sorgen und damit die Integrität des NATO-Luftraums gegen militärische Bedrohungen zu gewährleisten. Das dazu entwickelte System der Integrierten NATO Luftverteidigung sichert seit Jahrzehnten erfolgreich den NATO-Luftraum und ist damit eine der hauptsächlichen Maßnahmen der NATO. Die Vertragsstaaten stellen dafür permanent Kräfte und Mittel zur Verfügung. Seit 2004 ist das NATO Air Policing durch die erweiterte Aufmerksamkeit für Mitgliedstaaten ohne eigene Luftverteidigungskräfte deutlich verbessert worden. Neben der Bündnissolidarität, die sich bei dem dauerhaften NATO Air Policing im Baltikum und den Einsatz der NATO-Kräfte im isländischen Luftraum deutlich zeigt, unterstreicht der deutsche Beitrag auch das besondere Augenmerk auf den Schutz des gemeinsamen Luftraums der Mitgliedstaaten und markiert deutlich die Fähigkeit und den Willen zur Lastenteilung.

Schilderwald mit deutlich deutscher Beteiligung
Schilderwald mit deutlich deutscher Beteiligung (Quelle: Pressestelle Air Policing Baltikum)Größere Abbildung anzeigen

Deutschland hat in nur sechs Jahren viermal das APB übernommen und ist damit die Nation, die öfter als andere zum Schutz des Luftraums über den Baltischen Staaten beigetragen hat. Im Ausblick auf die Zukunft wird die Luftwaffe weiterhin einen wichtigen Beitrag zur Sicherstellung der Aufgabe Air Policing leisten. Damit setzt Deutschland ein Zeichen für die hohe militärpolitische Bedeutung, die die Integrierte NATO-Luftverteidigung im Frieden hat.
Insbesondere zu den heutigen Zeiten, in denen die Bedrohung aus der Luft intensiver wahrgenommen werden muss, ist der Schutz des NATO-Luftraums unverzichtbar, um Souveränität und Integrität dessen auch künftig zu sichern.

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Stand vom: 21.09.11 | Autor: Holger Radmann, Alexandra Schelleis, Norbert Thomas


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