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ABC – Plädoyer für ein wenig geliebtes Berufsbild

Sanitz/Sonthofen, 10.01.2011.
Unverhofft kommt oft - Eine STAN-Änderung sollte Oberfeldwebel Bastian Lewerenz, bereits ausgebildeter Flugabwehrraketenfeldwebel für das Waffensystem Patriot, zu einer gänzlich anderen Tätigkeit führen. Damit wuchs ihm ein militärisches Berufsbild ans Herz, mit dem er bei seinen Kameraden auf wenig Gegenliebe stößt - zu Unrecht, wie er selbst findet.

Oft mit Angst besetzt: Eine ABC-Schutzmaske macht selten Freude

Eine ABC-Schutzmaske macht selten Freude (Quelle: Luftwaffe/Philipp Hoffmann)Größere Abbildung anzeigen

Oberfeldwebel Bastian Lewerenz ist seit April 2010 ABC/SE-Feldwebel in der vierten Staffel der Flugabwehrraketengruppe 21 (FlaRakGrp 21).
Er ist der Experte der Einheit zur Abwehr atomarer, biologischer und chemischer Kampfstoffe und gleichzeitig deren Spezialist für den Selbstschutz – beispielsweise im Brandschutz sowie im Retten und Bergen von Verletzten.

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Aktion im Brandhaus

Aktion im Brandhaus (Quelle: Luftwaffe/Philipp Hoffmann)Größere Abbildung anzeigen

Unerwartet interessante Ausbildung

Zunächst besuchte Lewerenz den Lehrgang ABC/SE-Truppführer, der vergleichsweise viel „Action“ bietet, wo neben verschiedenen Bergungsübungen beispielsweise das Suchen Verletzter in einem verqualmten Brandhaus simuliert wird. Am Lehrgangsort Sonthofen wird dies sehr realitätsnah ausgebildet. Wer erleben will, wie sich unmittelbar vor dem Betrachter im Brandhaus eine mehrere Meter hohe Flammenfront auftut, der kommt hier auf seine Kosten - und lernt dabei auch, wie man die drei- bis vier Meter hohe Flammensäule effektiv mit nur einer kleinen Spritze eindämmen kann.
„Neben noch weiteren Lehrgängen habe ich später auch den Lehrgang ABC/SE-Feldwebel besucht, der sehr anspruchsvoll ist. Hier lernte ich unter anderem, wie man einen TEP, einen Truppen-Entseuchungs- und Entgiftungsplatz aufbaut und betreibt. Dabei erwarb ich sehr viel technisches Wissen, aber auch viel Know-How über die Wirkungsweise und -dauer von ABC-Kampfstoffen.“

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„ABC-Sammelsurium“ – Ausrüstung, die Leben rettet

„ABC-Sammelsurium“ (Quelle: Luftwaffe/Philipp Hoffmann)Größere Abbildung anzeigen

Ein vielfältiges Aufgabengebiet

Der Auftrag des ABC/SE-Feldwebels in Sachen ABC-Abwehr bedeutet im Kern, die Auswirkungen von atomaren, biologischen und chemischen Kampfmitteln zu kennen und die Truppe so gut wie möglich davor zu schützen, um ihre Kampf- und Überlebensfähigkeit sicherzustellen. „In diesem Bereich ist es auch meine Aufgabe, den Einheitsführer zu beraten: Dazu führe ich beispielsweise eine Strahlenbelastungstabelle, die wiedergibt, welche Strahlendosis unsere Soldaten in verstrahltem Gebiet aufgenommen haben.“ Der ABC/SE-Feldwebel leitet auch die ABC-Aufklärung seiner Einheit. Er erstellt auf Basis eingehender Meldungen seiner ihm unterstellten ABC/SE-Soldaten diverse Übersichten, die im Einzelnen festhalten, welche Bereiche im Kampfgebiet mit chemischen Kampfstoffen vergiftet sind. Dazu berechnet er anhand von Wetterdaten und weiteren Beobachtungen, wie lange die Vergiftung dort anhält. Letzteres kann er sinngemäß auch bei einer Bedrohung des betroffenen Gebietes durch radioaktiven Fallout errechnen.

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Oberfeldwebel Lewerenz bei der Ausbildung

Oberfeldwebel Lewerenz bei der Ausbildung (Quelle: Luftwaffe/Philipp Hoffmann)Größere Abbildung anzeigen

ABC-Schutz beginnt nicht erst bei der Bundeswehr

Ein weiterer Schwerpunkt der ABC-Abwehr ist die Dekontamination. Sind einmal chemische Kampfstoffe eingesetzt worden und die Soldaten davon betroffen, dann sind Waffen und Gerät schnellstmöglich zu reinigen. Dies ist ein aufwändiger und arbeitsintensiver Prozess, der aber überlebenswichtig ist. Jeder Soldat muss wissen, wie er beispielsweise von chemischen Kampfstoffen oder von atomarem Fallout verstrahlte Kleidung korrekt auszieht, oder wie er sein Gerät und seine Waffe korrekt reinigt. Aber zur Erläuterung der Notwendigkeit der Schutzmaßnahmen muss man nicht zwingend den Verteidigungsfall bemühen: Ein Tschernobyl reicht hierzu auch aus.
Und Hautkampfstoffe sind tatsächlich hochaktive Chlorverbindungen, die auch bei Chemieunfällen auftreten können. Ein Arbeitsfeld können unter anderem auch die „wilden Mülldeponien“ im Einsatzgebiet auf dem Balkan sein – mit Müll und Abfall gefüllte Container, die in Brand gesteckt werden und damit oftmals ein erhebliches Risiko chemischer Vergiftung für Mensch und Umwelt in sich bergen.
ABC-Schutz wird damit auch ein Stück Schutz für jedermann. Was dabei aber immer wieder wichtig ist: Das Einüben einer lebensrettenden Routine. Einfache Handgriffe, wie das Reinigen der Stiefel oder der Reifen von Fahrzeugen, müssen mit den Soldaten immer wieder eingeübt werden, denn im Fall der Fälle kommt es auf Sekunden an.
Ständige Ausbildung und Inübunghaltung der Soldaten seiner Einheit markiert daher auch einen Schwerpunkt: „Das geht alle Soldaten an – und so bilde ich alle Soldaten, vom Mannschaftsdienstgrad bis zum Offizier, meiner Einheit aus.“
Oft vergessen - aber fast genauso wichtig - ist die fachgerechte Lagerung des ABC-Schutzmaterials. Da viele Teile des Materials aus verschiedenen Gummi-arten und empfindlichen Stoffen bestehen, müssen bei der Lagerung bestimmte Bedingungen wie Luftfeuchtigkeit und Temperatur eingehalten und ständig überprüft werden. Allein um das Material einsatz- und gebrauchsfähig zu halten, ist also ein umfangreiches Wissen und nachhaltiges Arbeiten notwendig.

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Schnelles Handeln ist beim Brandschutz wichtig

Schnelles Handeln beim Brandschutz (Quelle: Luftwaffe/Philipp Hoffmann)Größere Abbildung anzeigen

Nicht ohne – Selbstschutz

Selbstschutz umschreibt ein weiteres Tätigkeitsfeld des ABC/SE-Feldwebels: Damit ist vor allem der Brandschutz sowie das Retten und Bergen von Verletzten - auch und gerade im Kampfgebiet - gemeint. Hierzu verfügt der ABC/SE-Feldwebel über umfangreiches Lösch- und Bergungsgerät. Mit den Rettungsgerätesätzen sind die Kräfte von Oberfeldwebel Lewerenz in der Lage, Menschen aus zerstörten Gebäuden zu holen und eine sanitätsdienstliche Versorgung einzuleiten. Der Umgang mit Kettensäge, Hydraulikhebern sowie Bohr- und Aufbrechgerät will erlernt und geübt sein, damit es im Ernstfall funktioniert. Man sollte es nicht glauben, doch: Die Bundeswehr löscht Brände teilweise anders als die Feuerwehr. Dies ist vor allem den Einsatzbedingungen in Kampfgebieten geschuldet. „So legen wir keine Schlauchreserve im Einsatzgebiet an, denn diese könnte durch Feindeinwirkung zerstört werden. Auch steht bei uns weniger der Schutz eines Gebäudes im Vordergrund, sondern eher die Rettung und der Erhalt von Menschenleben und einsatzwichtigem Material.“

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Auch das korrekte Ableinen wird in Sonthofen gelehrt

Auch das korrekte Ableinen wird in Sonthofen gelehrt (Quelle: Luftwaffe/Philipp Hoffmann)Größere Abbildung anzeigen

Gelungener Wechsel

Verwendungswechsel werden grundsätzlich um so schwieriger, je länger der Soldat in einem Tätigkeitsfeld integriert ist. Denn mit einem Tätigkeitswechsel geht der Einheit auch Know-How verloren, sieht man davon ab, dass jeder Lehrgang auch einen monetären Aufwand darstellt. Je früher man bei einem bestimmten Anlaß die Tätigkeit wechselt, desto besser: Oberfeldwebel Lewerenz nutzte hierzu eine STAN-Änderung - und schaffte sich damit ein zweites Standbein. „Wie ich auf meinen Lehrgängen feststellte, haben viele ABC/SE-Feldwebel ihr Hobby bei der freiwilligen Feuerwehr oder beim Technischen Hilfswerk gefunden. Für sie war die Tätigkeit als ABC/SE-Feldwebel daher eine Wunschverwendung. Ich selbst bin jedoch weder bei der Feuerwehr noch beim THW tätig gewesen. Ich bin zu dieser Tätigkeit aufgrund einer STAN-Änderung gekommen: ABC/SE-Feldwebel war eigentlich nur meine Nebenfunktion in meiner Staffel.“ Der Spaß an seinem neuen Job kam Lewerenz mit den Lehrgängen: „L’appetit vient en mengeant“ – der Appetit kommt beim Essen. Manchmal muss man eben zu seinem Glück gezwungen werden…

 

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Stand vom: 26.11.13 | Autor: Philipp Hoffmann


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