Die militärische Variante der Kochavantgarde
Schortens, 20.07.2011.
Kochen wie Horst Lichter, Steffen Henssler oder Tim Mälzer. Spitzenköche der neuen Kochavantgarde begeistern mit ihren kulinarischen Künsten mittlerweile nicht nur am Fernseher ein Millionenpublikum. Feldköche der Bundeswehr müssen aber mehr als nur begeistern. Bei Übungen oder im Einsatz beeinflussen sie maßgeblich und täglich aufs Neue das Stimmungsbarometer der Truppe. Stabsgefreiter Stefan Thieme vom Objektschutzregiment „Friesland“ aus Schortens ist einer dieser Feldköche – und das mit Leib und Seele.

Im Küchengebäude auf dem Truppenübungsplatz in der Oberlausitz duftet es morgens schon nach heißem Kaffe, frischen Brötchen und „à la minute“ zubereitetem Rührei. Eine willkommene Abwechslung zu den Gerüchen von Schießpulver, Dieselabgasen und Öl, die man sonst hier auf dem Übungsgelände so antrifft. Hinter den Toren einer unscheinbaren und weiß gekachelten Halle herrscht hektisches Treiben. Vor zwei Feldküchenanhängern TFK 250 (Taktische Feldküche für 250 Verpflegungsteilnehmer), vielen Soldaten auch unter dem Begriff „Gulaschkanone“ bekannt, gibt Stabsgefreiter (StGefr) Stefan Thieme seinem heutigen Menü den letzten Schliff. „Das Kochen an der „Gulaschkanone“, mit seinen vier Kochstellen ist immer eine Herausforderung und erfordert Multitasking-Fähigkeiten. Alles muss gut organisiert und geplant sein, um das Essen zeitig „auf den Tisch“ zu bringen“, so der 27-Jährige.

Kurz darauf wird das warme Gericht für die Ausgabe im Speisesaal in Thermobehälter abgefüllt. Für die Küchencrew geht es nach dem Abfüllen der Speisen verzugslos weiter - die Feldküche nebst Zubehör muss für den nächsten morgen gründlich gereinigt werden. „Hygiene ist oberstes Gebot in der Küche“, verdeutlicht Stefan Thieme, „denn das, was ich hier koche, brate oder backe wird ja schließlich auch gegessen. Die kleinste hygienische Nachlässigkeit kann nach dem Verzehr schlimme Folgen haben.“

Straffes Programm für das Kochteam
Bei einer Fläche von gut 160 Quadratkilometern ist der Truppenübungsplatz Oberlausitz recht weitläufig. Klar, dass bei einem solchen Areal nicht jeder übende Soldat zu allen Mahlzeiten in die Küche zum Essen gehen kann. Die Verpflegung wird daher teilweise von den Soldaten mit in das Gelände genommen. Jeden Tag werden in der „Truppenküche“ rund 470 Abendessen als Warmverpflegung zubereitet und an die übende Truppe ausgegeben. „Da die Truppe von morgens bis abends auf dem Truppenübungsplatz ist, erhalten die Soldaten für mittags ein Lunchpaket samt Warm- und Kaltgetränken. Die Abendverpflegung wird aber von mir frisch zubereitet. Denn wie lautet ein altes Sprichwort in der Bundeswehr: „ohne Mampf kein Kampf“ – und eine Truppe, die sich über eine schlechte Verpflegung beschwert, möchte keiner haben“, erläutert Thieme. Daher wünscht sich der Stabsgefreite manchmal mehr Resonanz auf seine Arbeit. Schließlich möchte er ja die Stimmung der Übenden auch durch gutes Essen aufrechterhalten.

Thieme ist begeistert von seinem Kochsystem, denn mit seiner mobilen Feldküche, die wie ein Schnellkochtopf funktioniert, kann man so gut wie alles zubereiten. „Vom Rinderbraten über Backen von Kuchen und Brötchen bis hin zum 6-Gänge-Menü - mit der TFK 250 ist fast alles möglich und selbstredend nach ernährungsphysiologischen Vorgaben“, erklärt der Profi. „Ein bisschen Alchemie muss aber auch sein“, fügt er augenzwinkernd hinzu. Einen Wermutstropfen hat die wichtige Aufgabe des Feldkoches allerdings doch. „Man ist der Erste, der morgens aufsteht und der Letzte, der abends ins Bett geht“ scherzt der kochende Objektschützer.

Verpflegung hat einen hohen Stellenwert
Der 27-jährige Thieme hat seinen Beruf in einem Hotel in Bad Zwischenahn erlernt. Danach zog es den Gesellen für sechs Monate als Saisonkoch nach Österreich. „2005 erhielt ich den Einberufungsbescheid zum Wehrdienst“, so der Stabsgefreite. „Erstmal ging ich als Grundwehrdienstleistender für neun Monate zur Luftwaffe. Als gelernter Koch begeisterte mich von Anfang an die Arbeit an der TFK 250. Daher beschloss ich, mich für vier Jahre als SaZ (Soldat auf Zeit) zu verpflichten. Mittlerweile sind daraus acht Jahre geworden“, verrät der gebürtige Sachsen-Anhalter aus Querfurt.

Verpflegung hat zwar einen sehr hohen Stellenwert, wird aber nach Meinung des Stabsgefreuten nicht immer von jedem entsprechend wert geschätzt. „Da geistert doch immer noch dieses dämliche Gerücht durch die Truppe, die von uns verwendeten Kartoffel seien lediglich für „Schweinemast und Bundeswehr“ geeignet. Welch ein Blödsinn!“ erzählt Stabsgefreiter Thieme etwas verärgert. „Es gibt klare Vorgaben zur Qualität der verwendeten Lebensmittel. Und wir verarbeiten das gleiche Rohmaterial, wie es jeder andere auch beim Bauern erstehen kann. Und Natur ist halt Natur - da gibt es nun mal keine Kartoffel, die wie ein Ei dem anderem gleicht“, so Stefan Thieme zum Abschluss. Der Mannschaftssoldat weiß zwar, das seine Berufsgruppe in der Bundeswehr eher eine Ausnahme bildet, kann sich aber gut vorstellen, dass der eine oder andere Jungkoch in der Truppe für eine begrenzte Zeit eine adäquate Verwendung findet. Und „reisefreudig“ sind viele junge Köche ja sowieso. Dann wendet er sich wieder seiner Feldküche zu, damit auch ja nichts anbrennt.
Bilder
Die passende Soße zum Fleisch (Quelle: Luftwaffe/Michael Bertram)
Größere Abbildung anzeigenDie Kartoffeln sind fertig (Quelle: Luftwaffe/Michael Bertram)
Größere Abbildung anzeigenDas heutige Abendessen wird angerichtet (Quelle: Luftwaffe/Michael Bertram)
Größere Abbildung anzeigenNoch sind die Plätze leer (Quelle: Luftwaffe/Michael Bertram)
Größere Abbildung anzeigenFür den Geschmack wird auch frisches Obst verkocht (Quelle: Luftwaffe/Michael Bertram)
Größere Abbildung anzeigenDas Küchenteam im Spülraum für das Geschirr (Quelle: Luftwaffe/Michael Bertram)
Größere Abbildung anzeigenHygiene wird groß geschrieben (Quelle: Luftwaffe/Michael Bertram)
Größere Abbildung anzeigenAuch auf dem Truppenübungsplatz ist Mülltrennung Pflicht (Quelle: Luftwaffe/Michael Bertram)
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