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Ein Sitz der Leben rettet

Kerpen, 20.08.2008.
Bereits im Zweiten Weltkrieg gehörte ein Fallschirm zur Standardausrüstung jedes Piloten. Doch der Ausstieg mit dem Fallschirm dauerte ziemlich lange. Der Pilot musste sich erst abschnallen, um anschließend mühselig bei mehreren 100 Stundenkilometern Geschwindigkeit aussteigen und so weit wie möglich abstoßen, um nicht von einem Leitwerk getroffen zu werden. War der Pilot auch noch verletzt, war an einen Ausstieg oft nicht zu denken. Immer schnellere und leistungsfähigere Flugzeuge machten den Ausstieg mit dem Fallschirm bald unmöglich. Ein neues Rettungskonzept musste her. Nach vielen Versuchen, unter anderem mit Federkraft und Sprengstoff, einen Piloten aus dem Flugzeug zu schießen, etablierte sich bald der Raketengetriebene Schleudersitz.

Pro Flugstunde wird ein Tornado der Luftwaffe 90 Stunden gewartet. Die komplexe Technik macht dies notwendig. Trotz des hohen Aufwandes fliegt jedoch immer ein Restrisiko mit. 100%ige Sicherheit gibt es nicht. Deswegen ist der Einsatz eines Schleudersitzes unumgänglich.

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Besondere Vorsicht und genaueste Kenntnisse gefragt

An dieser Stelle kommt die Fachgruppe Rettungssysteme ins Spiel. Ein 18-köpfiges Team unter der Leitung von Stabsfeldwebel Mario Mazza und Hauptfeldwebel Maik Chadaj. Organisatorisch gehört das Team zur Technischen Gruppe der Instandsetzungsstaffel. Im Liegebereich Charlie 1 und 2 sind sie zu Hause und verwalten dort fünf Dockplätze. Im regulären Zwei-Schichtbetrieb werden das Kabinendach und der Schleudersitz des Tornados gewartet und instand gesetzt. Dazu muss jeder Mechaniker in diesem Team nach seinen regulären Lehrgängen drei Monate unter Aufsicht eines Meisters und Luftfahrzeugnachprüfers arbeiten. Hat er seine Fähigkeiten unter Beweis gestellt, erhält der Mechaniker eine Lizenz und eine Plombennummer um offiziell Arbeiten zu dürfen. Insbesondere der Umgang mit pyrotechnischen Mitteln und Munition erfordert vom Mechaniker besondere Vorsicht und genaueste Kenntnisse.

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Schleudersitz MK 10 A

Schleudersitz MK 10 A (Quelle: Luftwaffe/Bildstelle JaBoG 31)Größere Abbildung anzeigen

Ein Sitz der Leben rettet

Der Schleudersitz MK 10 A wird von der Englischen Firma Martin Baker hergestellt. Dieser Schleudersitz wird in 26 weiteren Flugzeugtypen der verschiedensten Luftwaffen dieser Welt verwendet. Er überzeugt durch seine hohe Leistungseffizienz und dient zur Rettung von Luftfahrzeugbesatzungen aus Luftnotlagen. Es handelt sich hierbei um eine komplexe Anlage bestehend aus einer Vielzahl von mechanischen, elektrischen und pyrotechnischen Bauteilen. Die Anlage ist so ausgelegt, dass sowohl Rettung bei Fluggeschwindigkeiten von 460 km/h bis zum Ausschuss, als auch ein sicherer Ausschuss während des Rückenfluges bei einer Mindest-Ausschusshöhe von 300 fuß (etwa 100 Meter) möglich ist.

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Hohe Verantwortung

Bei allen Arbeiten an und um das komplexe System kommt dem Mechaniker eine besondere Verantwortung zu, da es sich hierbei um eine Notrettungsanlage handelt und nicht hundertprozentige Ausführung der Arbeit eine Gefahr für Leib und Leben der Besatzungen bedeutet. Unter Umständen können Fehler auch zum Absturz des gesamten Systems führen. Um diese Sicherheit und Effizienz zu gewährleisten ist das System redundant ausgelegt, das heißt, dass alle kritischen Bestandteile doppelt vorhanden sind.

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Das Raketenpack unter dem Sitz

Das Raketenpack unter dem Sitz (Quelle: Luftwaffe/Bildstelle JaBoG 31)Größere Abbildung anzeigen

Zwei Tonnen Schub in einer Viertelsekunde

Die Raketenpackung die unter dem Sitz befestigt ist und unter anderem für den Ausschuss zuständig ist, setzt einen Schub von etwa zwei Tonnen in einer Viertelsekunde frei. Die Spitzenbelastung für die Luftfahrzeugbesatzung liegt kurzzeitig bei dem 14-fachen ihres Körpergewichtes (14 g). Der ganze Prozess bis zur vollständigen Öffnung der Rettungsschirme läuft für den Piloten in cirka 3,5 Sekunden und für den Waffensystemoffizier in etwa drei Sekunden ab. Diese Zeitdifferenz von einer halben Sekunde stellt sicher, dass die Luftfahrzeugbesatzung beim Ausschuss nicht aufeinander trifft. Durch dieses hohe Maß an Anforderungen an das System fallen natürlich eine Vielzahl von Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten an.

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Überprüfung und Instandsetzung

Alle 14 Tage werden Schleudersitz und Kabinendach an jedem Tornado einer Sichtprüfung unterzogen. Der Schleudersitz wird alle 15 Monate in seine Baugruppen zerlegt, geprüft und getestet. Als Abschlusstest vor dem Wiedereinbau wird ein Ausschuss mittels Druckluft am Sitz simuliert um die Funktion zu gewährleisten. Diese Art von Inspektion benötigt einen Zeitaufwand von etwa fünf Tagen. Alle 60 Monate verlässt der Schleudersitz das Geschwader und wird zur Grundüberholung geschickt, wo Instandsetzungsarbeiten durchgeführt werden die im Geschwader nicht möglich sind.

Das Kabinendach erfordert eine besondere Behandlung. Alle 30 Monate wird eine Funktionsprüfung durchgeführt, die ungefähr drei Tage in Anspruch nimmt. Diese Funktionsprüfung beinhaltet zum Beispiel Messungen der Abzugswerte an den Griffen des Daches zum Öffnen und Schließen. Das Kabinendach wird nur zur Instandsetzung weggeschickt für einen Wechsel des Kabinendachglases und den Wechsel der Kabinendachglas Sprengschnur. Des Weiteren befinden sich im gesamten System (Schleudersitz und Kabinendach) 30 Kartuschen, die durch ihre Detonation in einer bestimmten Reihenfolge den Ausschuss steuern. Diese Kartuschen werden bei jeder größeren Inspektion (15 Monats-Check und 30 Monats-Check) begutachtet und alle 30 Monate ausgewechselt .

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Stand vom: 26.11.13 | Autor: Thomas Anders


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