Vom „Crew Concept“ zum „Single Seat“
Laage, 04.06.2009.

... in den 90iger Jahren war Schwerpunkt jeder Ausbildungsphase das Üben und Etablieren eines funktionierenden Zweimannkonzepts. Der Tornado war aufgrund seiner vorgegebenen Cockpitstruktur nur im „Crew Concept“ als Waffensystem effektiv einzusetzen. Geprägt von meiner fliegerischen Vergangenheit habe ich mich erwartungsvoll und neugierig zugleich auf den Weg in das 650 km entfernte Jagdgeschwader 73 „Steinhoff“ gemacht. Ziel der bevorstehenden Ausbildung sollte es sein, zum „Single Seat“–Piloten „umerzogen“ zu werden, der sowohl alle Notsituationen wie auch taktische Einsatzverfahren alleine zu meistern weiß.
Die Umschulung auf das Waffensystem Eurofighter sollte mit sieben Wochen theoretischer Ausbildung beginnen und fließend im Jahr 2009 in die praktische Phase übergehen. Die theoretische Ausbildung war grundsätzlich ein harmonischer Dreiklang zwischen computergestützter Ausbildung, Frontalunterricht und intensivem Vorschriftenselbststudium. Jeder Themenbereich wurde durch eine schriftliche Prüfung abgeschlossen, was dazu führte, dass ich in den sieben Wochen sechs Tests absolvierte. Die Ausbildung war vorbildlich organisiert und wurde kompetent durchgeführt. Trotzdem fühlte man sich nach der Theorie als Schüler noch bei weitem nicht in allen Handlungsoptionen und Systemspezifikationen sicher, da die Informationsmenge die maximale Aufnahmekapazität und teils darüber hinaus abverlangte. Speziell Themen wie Luftangriffsverfahren und Zielidentifizierung außerhalb des sichtbaren Bereichs und das netzwerkbasierte Informationssystem können nur durch praktische Anwendung und Wiederholung effektiv vermittelt werden.

Zeitgleich zur theoretischen Ausbildung wurde die Phase durch Simulatormissionen begeleitet, die die notwendige Praxis zum theoretischen Grundstock sicherstellten. Mit Abschluss der Theoriephase hatte ich bereits ~14 Stunden im Simulator verbracht. Nicht berücksichtigt sind hierbei die zusätzlichen abendlichen Stunden im Kleinsimulator, um die geforderte Leistungskurve sicherzustellen. Die Simulatorflüge ermöglichen einen sehr hohen Ausbildungsstandard, da alle taktischen Ausbildungsinhalte dargestellt werden können. Die beiden Simulatoren können sogar im Verbund von den Piloten genutzt werden. Kurzum kann man sagen, dass die sieben Wochen „wie im Flug“ vergingen und Langeweile nicht zu meinem Wortschatz zählte:
Die ersten Ausbildungsphasen gliederten sich in:
- Standard Flugverfahren und Notverfahren,
- Fliegen nach Instrumentenflugregeln,
- Standard Flugverfahren in Zweierformation,
- Fortgeschrittene Flugmanöver in Vorbereitung auf Luftkampf und
- Abfangverfahren von Luftzielen.
Jede Flugphase wird durch einen theoretischen Unterricht und mindestens einer Simulatormission eingeleitet und der Wissenstand durch einen Test abgeprüft. Abweichend von früheren Ausbildungsgängen beinhalteten die einzelnen Phasen jedoch nur ein bis zwei Flüge, was letztendlich in insgesamt acht effektiven Ausbildungsflügen resultierte. Der Grat zwischen „Sehen“, „Üben“ und „Beherrschen“ ist entsprechend schmal und verlangt auch von erfahrenen Piloten eine konzentrierte Flugvorbereitung und zielorientierte Nachbereitung.Die nächsten Phasen der Umschulung umfassen:
- Luftkampf
- Abfangverfahren im Tiefflugband,
- Luftbetankung,- Nachtflug,
- Bordkanoneschießen,
- Alarmrotte und
- Abfangverfahren.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Ausbildung sehr fordernd und anspruchsvoll ist. Andererseits ist es genau diese Herausforderung und das Bewältigen dieser, was bei jedem „Single Seat“–Piloten Glücksgefühl und Stolz hervorrufen. Auch wenn die Einführung des Eurofighter noch von vielen technischen und organisatorischen Problemen begeleitet ist, sollte man sich meiner Meinung nach von diesen Faktoren beim Betreiben des modernsten Waffensystems der Luftwaffe sowohl aus technischer wie auch aus fliegerischer Perspektive den Spaß nicht nehmen lassen. Frei nach dem Motto ... „das Glas ist bereits halb voll und nicht halb leer“!


