Verlass auf die deutschen Sanitäter
Mazar-e Sharif, 23.03.2009.
Immer wieder werden Soldaten und Zivilisten durch hinterhältige Sprengfallen gefährdet. Die südafghanischen Provinzen um Kandahar, zählen zu den besonders stark betroffenen Regionen des Landes.

Tarin Kowt ist die Provinzhauptstadt von Uruzgan, rund 100 Kilometer nördlich von Kandahar gelegen. Dies ist auch die Heimat des 15-jährigen Jungen Hamid K.*, der am 1. März Opfer einer Improvisierten Sprengfalle wurde.
Erst-Versorgung im ISAF Regionalkrankenhaus
Die Explosion und die daraus entstandene Druckwelle muss eine so enorme Energie gehabt haben, sieht man sich die lange Liste der Verletzungen von Hamid an, so berichtet ein deutscher Truppenarzt im Medical Hospital Camp Marmal. Doch die Verletzungen rühren nicht nur von der Druck- oder Schockwelle, sondern auch durch die dabei entstehende Splitterwirkung. Mit schweren Verletzungen, unter anderem am Bauch, an den Händen und im Gesicht, wurde der Jugendliche von niederländischen Ärzten in das Provinzkrankenhaus in Tarin Kowt gebracht. Das dortige Krankenhaus entspricht einem Einsatzlazarett „Role 2“. Hier beginnt die klinische Akutversorgung der Patienten. Das dortige Team ist zuständig für die stationäre fachärztliche Versorgung, einschließlich der Operation des Patienten. Für die postoperative Versorgung verfügt es über einige Intensivbetten. Bei langwierigen Erkrankungen oder Krankheitsbildern, die nicht abschließend versorgt werden können, werden Patienten nach Möglichkeit in Kliniken verlegt, die solche Fähigkeiten vorhalten.

Stabilisierung für den Weitertransport
Die Schwere der Verletzungen des jungen Hamid, „der nur zur falschen Zeit am falschen Ort war“, hatte zur Folge, dass das Regionale Kommando Süd, das Deutsche Einsatzlazarett im Camp Marmal um Unterstützung bat. Die Transall C-160 Air MedEvac flog noch am gleichen Tag von Mazar-e Sharif nach Kandahar, um den Patienten dort zu übernehmen. Am 4. März war es dann so weit, dass Hamid von Tarin Kowt in das deutsche Einsatzlazarett mit der Air MedEvac-Transall überführt werden konnte, um so die weitere medizinische Versorgung zu gewährleisten. Notwendig wurde die Verlegung des Patienten, da vor Ort kein Augenarzt vorhanden war, der die notwendige Operation hätte durchführen können. In Kooperation mit einem afghanischen Augenarzt aus Mazar-e Sharif, ist das deutsche Einsatzlazarett in der Lage, solche Notfälle medizinisch zu versorgen. Der junge Afghane musste sich in der Zeit bis zur Verlegung nach Mazar-e Sharif verschiedenen Operationen unterziehen, so musste beispielweise seine rechte Hand amputiert werden..
Versorgung im Camp Marmal
Als die Air MedEvac Maschine nach dem rund 150 Minuten dauernden Flug von Kandahar nach Mazar-e Sharif am 4. März landete, warteten auf dem Rollfeld im Camp Marmal schon die Ärzte und Sanitäter um die weitere Versorgung zu übernehmen. Der Transport zwischen Transall und dem Einsatzlazarett wurde mit einem „Duro“ Krankentransportfahrzeug durchgeführt. Nach der Aufnahme durch die Ärzte, stellten diese neben den schon bekannten schweren Verletzungen auch noch eine Blutung im Kopf fest, die durch ein operativen Eingriff beseitigt werden konnte. In der Folgezeit wurde durch die Intensivpflege und der notwendigen Operationen durch die deutschen Ärzte, der Zustand so stabilisiert, dass weitere Eingriffe folgen konnten. Es gelang den Ärzten durch Hauttransplantation die größten Wunden so zu versorgen, so dass gute Chancen bestehen, dass im Laufe der Zeit eine entsprechende Wundheilung eintritt. Die Ausmaße solch großer Verletzungen sind am Rande dessen, was ein junger Körper ertragen kann. Im Fall des 15-jährigen Hamid kommt noch erschwerend hinzu, dass er an einer multi-resistenten bakteriellen Infektion leidet, die häufig bei der afghanischen Bevölkerung vorkommt.
Die Rettungskette schafft Vertrauen
Als Hamid am 14. März in den wartenden „Duro“ vor dem Einsatzlazarett im Camp Marmal transportiert wurde, ging der Flug der Air MedEvac direkt nach Kandahar, damit dort die Anschlussversorgung erfolgt. Als sich die Maschine in die Luft begab, war wieder die vollständige 12-köpfige medizinische Crew an Bord, um die notwendige medizinische Versorgung bis zur Übergabe an die Mediziner des dortigen Regional Krankenhaus sicherzustellen. Es werden noch weitere Operationen folgen, vielleicht auch wieder im Deutschen Einsatzlazarett im Camp Marmal. Wenn diese noch so traurige Begebenheit eines gezeigt hat, auf die 24 Stunden und sieben Tage in der Woche in Bereitschaft gehaltenen Sanitätssoldaten ist immer Verlass. Der bedingungslose Einsatz der Sanitäter schafft Vertrauen, gerade und im besonderen unter den im Einsatz befindlichen rund 3.600 deutschen Soldatinnen und Soldaten. Wie Hamid seinen Weg finden wird ist noch nicht sicher, seine fehlende Hand kann durch eine Prothese ersetzt werden. Erschwerend kommt für den jungen Mann in diesem Kulturkreis hinzu, dass die verbleibende verkrüppelte linke Hand als die „unreine“ gilt und alles nur weil er „zur falschen Zeit am falschen Ort“ war.
* Name durch die Redaktion geändert
