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Neue Dimension für die Luftwaffe: Aufklärungsflüge am Hindukusch

Mazar-e Sharif, 23.07.2007.
Mittagshitze in Afghanistan. Es ist überwiegend ruhig – aber nicht stabil. Alles geht seinen gewohnten Gang. Die Flight ist leergefegt, die Tornados der Luftwaffe stehen in ihren Hallen, vor Staub und Unbilden des Wetters aber auch vor neugierigen Blicken geschützt. Flimmernde Hitze liegt auf dem Asphalt der Runway des "Mazar-e Sharif International", wie die Soldaten des Einsatzgeschwaders Mazar-e Sharif (EG MES) fast liebevoll den kleinen Flugplatz nennen, hier im Norden Afghanistans.

Sonnenaufgang in Mazar-e Sharif

Sonnenaufgang in Mazar-e Sharif (Quelle: Pressestelle Mazar-e-Sharif)Größere Abbildung anzeigen

Eine leichte Brise, aber keine Abkühlung

Es ist mal wieder heiß – sehr heiß, 39 Grad Celsius im Schatten und das schon im April. Es weht eine leichte Brise, die aber keine Abkühlung bringt. Plötzlich kreischender "Jet Noise" am Himmel. Ein Tornado, mit dem Wappen des Einsatzgeschwaders Mazar-e Sharif am Lufteintritt, fegt im "Low Level Approach" wie aus dem Nichts über die Runway. Er kündigt die kurz bevorstehende Landung der Tornados aus der ersten Runde an. Für den Außenstehenden sieht es aus wie eine betriebsame Hektik, die jetzt ausbricht. Das geübte Auge jedoch sieht einen organisierten, schnellen, präzisen und vor allen Dingen professionellen Arbeitsablauf. Jede Frau und jeder Mann findet schnell ihren Platz. Nacheinander schweben die Flugzeuge sicher ein. Bevor die Maschinen auf der Flight zum Stehen kommen, steht schon ein Wart in der "Arming Area" bereit, um die Sicherungsstifte für die Chaffs und Flares, die Eigensicherung der Tornados, wieder zu setzen. Dann rollen die Tornados zu ihren Standplätzen, wo sie bereits von einem ganzen Pulk Techniker erwartet werden. Noch bei laufenden Triebwerken, bevor die Besatzung aussteigt, werden die Infrarotdaten des GAF RECCE-Pods (German Airforce Reconnaissance – Aufklärung) ausgelesen. Ein zweiter Mann wechselt bereits die Filmrollen in den hochauflösenden Spezialkameras. Während die Besatzungen noch mit Aussteigen und einem ersten Debriefing mit den Technikern beschäftigt sind, werden die "erflogenen" Nassfilme bereits in der RECCE-Ground Station (RGS) entwickelt. Die Infrarotdaten sind schon "lange" in Bearbeitung.

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Jede Minute zählt bei der Luftbildauswertung

Jede Minute zählt bei der Luftbildauswertung (Quelle: Pressestelle Mazar-e-Sharif)Größere Abbildung anzeigen

Bildmaterial wird durch die Spezialisten ausgewertet

Der Leiter der RECCE-Ground Station Major Mike Pfeffer *: "Jetzt läuft die Zeit und es kommt auf jede Minute an. Zusammen mit den fliegenden Besatzungen wird nun das Bildmaterial durch die Spezialisten der Luftbildauswertestaffel ausgewertet.". Den Männern um Oberleutnant Steffen Pflüger * entgeht kein Detail. Die Vergrößerungen der DIN A 4 Blatt großen Negative lassen das Erkennen des berühmten Nummernschildes aus großen Höhen zu. Die Luftbildauswerter fertigen nun einen Report, der so genau ist, dass man sich ohne die eigentlichen Bilder zu sehen, nur durch Lesen des Reports selbst ein Bild machen kann, wie es am Boden aussieht. Und diese Bilder sind aus sicherer Höhe aufgenommen worden, vielleicht ohne dass es jemand bemerkt hat. Das ist es, um das die NATO die Deutschen im Dezember 2006 gebeten hatte. Und das ist es auch, was die bemannte Aufklärung hier ausmacht und wie aus NATO-Kreisen zu hören ist, die Deutschen besonders gut beherrschen.

Bereits nach 60 Minuten wird ein Report zusammen mit einem Bild an den Auftraggeber, das Hauptquartier ISAF in Kabul, abgesetzt. Wenn es mal richtig hektisch wird, kann man die Flugzeuge noch im Flug umdirigieren, um besonders wichtige Aufklärungsziele schnell anzufliegen. Die Besatzungen können dann sogar mit ihrer "on Board Funktion" der Spezialkameras im Flug schon erste Auswerteergebnisse melden. Dies ist mit unbemannten Systeme anderer Nationen nicht unbedingt möglich. Auch brauchen andere Nationen teilweise erheblich länger. "You are doing a great Job!" hört man immer wieder von internationalen Besuchern in der RGS – der Recce Ground Station, der Luftbildauswertestelle im Camp Marmal. Die typischen Aufklärungsziele sind Patrouillenwege, Versorgungswege und die Infrastruktur Afghanistans wie etwa Straßen und Brücken. Aber auch eine Gebietsaufklärung und eine Luftaufklärung von Stellungen wird durchgeführt. Es passiert aber auch, dass nach den Tornado Aufklärungsmissionen die ein oder andere ungenaue Landkarte des Landes korrigiert werden muss.

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Recce-Tornado bereit für eine Aufklärungsmission

Recce-Tornado bereit für eine Aufklärungsmission (Quelle: Pressestelle Mazar-e-Sharif)Größere Abbildung anzeigen

Seit Stunden vorbereitet, betankt und einsatzbereit

Die Luftstreitkräfte werden innerhalb der NATO durch ein besonderes System zum Einsatz gebracht. Dieses System nennt sich Air Tasking Order (ATO) und wird weltweit zu einem bestimmten Zeitpunkt durch die CAOC´s herausgegeben. Das zuständige Combined Air Operations Center (CAOC) für die deutschen Tornados in Afghanistan liegt in Quatar.

Die Informationen der ATO beziehen sich auf Anzahl der Flugzeuge, Ort der Aufklärungsziele, eventuelle Luftbetankung, die daraus resultierenden Rendezvous-Zeiten mit den Tankern und weitere Daten zur Auftragserfüllung. Die Planung der Mission erstreckt sich über viele Stunden. Das Ergebnis der Planung mündet im "Mission Briefing" und die eingeteilten Luftfahrzeugbesatzungen sprechen hier nochmals alle Details durch. Notsituationen, Notfälle und mögliche Handlungsoptionen fließen in das Mission Planning ein, bevor der eigentliche Flug beginnt. Letzte Informationen über die Bedrohungslage werden von den Nachrichtenexperten abgegriffen, bei den Wetterfröschen wird das Wetter gecheckt und in der R&S wird die persönliche Flugausrüstung angelegt. Während die Besatzungen der ersten Runde noch ihre Mission debriefen, sind die Besatzungen der zweiten Runde schon "ready to step" und haben ihre speziell auf diese Klimazone angepasste Flugausrüstung angelegt und warten auf das "Flight Taxi". Andere Besatzungen planen schon die Mission für den nächsten Tag, die sie gerade per "ATO" erhalten haben. Mit dem "Flight Taxi" geht es dann auf die "Flight", an die Maschine, die die Techniker bereits seit Stunden vorbereitet, betankt und auf die Minute genau bereitgestellt haben. Der Line Chief der technischen Gruppe, Oberstabsfeldwebel Jens Jensen *: "Bisher läuft alles gut, den Staub haben wir im Griff und die Maschinen funktionieren wie zu Hause. Das liegt aber auch daran, dass wir die Ersatzmaschinen sofort von der Platte schleppen, sobald die Tornados "airborne" sind. Ist zwar etwas mehr Aufwand als zu Hause, aber wir sind hier im Einsatz."

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Ein letzter Check vor dem Start

Ein letzter Check vor dem Start (Quelle: Pressestelle Mazar-e-Sharif)Größere Abbildung anzeigen

"Last Chance - Ein letzter Check vor dem Start"

Der Pilot geht um die Maschine herum, macht seine letzten Sicherheitchecks am Tornado und steigt mit seinem Waffensystemoffizier ein. Die Triebwerke werden angelassen und die Checkliste abgearbeitet, bevor die Maschine einige Meter nach vorne rollt, in die provisorische "Last Chance". Die Techniker prüfen den Tornado ein letztes Mal. Dann ein militärischer Gruß an die Besatzung und die Maschine rollt in die Arming Area. Während der eine Wart den Tornado mit hochgestreckten gekreuzten Armen in der Position hält, entfernt der zweite Wart die Sicherungsstifte an den Chaffs und Flare Behältern. Er zeigt den Besatzungen die Sicherungsstifte mit gut erkennbaren wehenden "Remove before Flight" Anhängern und erntet ein Kopfnicken des Piloten, bevor er die Stifte hinter einer Klappe am Rumpf des Tornados verschwinden lässt. Die Warte treten zur Seite, legen die ausgestreckte Hand an die Schläfe zum Gruß und verabschieden die Tornados zu ihrer Mission. Die Meldung an den Tower lautet dann etwa: "Tower for German Air Force Recce Tornado - we are ready for Take off!" Die Aufklärungsmission mit Dauer von gut einer Stunde ohne und bis zu fünf Stunden mit Luftbetankung, steht unmittelbar bevor. Was dann folgt, ist die Anweisung vom Tower: "German Air Force Recce Tornado for Tower - you are cleared for Take off!" Der Pilot "schiebt die Gase rein", rollt zur Startposition, legt den Gashebel ganz um und wird mit Hilfe des mächtigen Schubs des Nachbrenners nach vorne katapultiert. Schnell verschwindet der Jet als winziger Punkt im feinen Dunst am Horizont und schon folgt ihm der zweite Tornado des Einsatzgeschwaders zur Aufklärungsmission. Der Kommandeur der Fliegenden Gruppe des Einsatzgeschwaders Mazar-e Sharif, Oberstleutnant Sven Müller* zu dem NATO Tasking Zyklus: "Diese Art der Missionsplanung hat sich über Jahre im NATO-Rahmen bewährt und ist nicht nur sehr effektiv, sondern vor allem Ressourcen schonend."

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Recce-Tornados starten zu einer Aufklärungsmission

Recce-Tornados starten zu einer Aufklärungsmission (Quelle: Pressestelle Mazar-e-Sharif)Größere Abbildung anzeigen

Tornados zu Aufklärungsflügen in Afghanistan eingesetzt

Am 20. April 2007 wurde die FOC- die full operational capability an die NATO gemeldet. Seit diesem Datum können deutsche Tornados zu Aufklärungsflügen in Afghanistan eingesetzt werden, mit bis zu vier Sorties pro Tag oder Nacht. Die Luftaufklärung dient zur Erhöhung der Sicherheit für die deutschen Truppen, der ISAF Truppen und des afghanischen Volks.

* Namen zum Schutz der Kameraden geändert.

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Stand vom: 26.11.13 | Autor: 


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