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Bosnien-Herzegowina: Bundeswehr-Einsatz dauert an (Teil 2)

Aurich/Bosnien - Herzegowina, 10.11.2009.
Seit dem 2. Dezember 2004 gibt es die Operation Althea der EUFOR in Bosnien-Herzegowina. Sie folgte auf die NATO-geführten IFOR- und SFOR-Missionen. Auftrag der noch rund 2000 im Land befindlichen Soldaten aus 26 Nationen ist die Unterstützung und Überwachung des Dayton-Abkommens, das 1995 den Krieg in Bosnien-Herzegowina beendete und den Weg für den Einsatz einer Schutztruppe freimachte.

Brigardegeneral (BrigGen) Löwenstein, stellvertretender Kommandeur der 4. Luftwaffendivision in Aurich, war nach einem Einsatz in 2008 erneut für sechs Monate als Kommandeur des Deutschen Einsatzkontingents EUFOR und Chef des Stabes im Hauptquartier der europäischen Operation Althea(EUFOR) eingesetzt. Vor diesem Hintergrund von mehr als einem Jahr persönlicher Einblicke über die Lage in Bosnien und Herzegowina (BIH) sowie EUFOR-Einsatzes allgemein hat Luftwaffe.de General Löwenstein zu seinen Erfahrungen befragt. Im zweiten Teil dieses Interviews nimmt der Luftwaffen-General Stellung zur Kernfähigkeit Deutschlands in der EUFOR-Mission, zur Notwendigkeit der Althea-Operation und den Einfluss des Einsatzen auf seinen Grundbetrieb.

Fortsetzung des Interviews:

Luftwaffe.de: Herr General, welche Kernfähigkeiten stellt Deutschland zur Zeit und zukünftig der EUFOR-Mission noch zur Verfügung?

Deutsches Einsatzkontingent
Deutsches Einsatzkontingent (Quelle: Luftwaffe/Robert Löwenstein)Größere Abbildung anzeigen

BrigGen Löwenstein: Der deutsche Beitrag umfasst derzeit neben Stabspersonal im internationalen Hauptquartier EUFOR insbesondere Anteile in der Informationsgewinnung im Lande sowie der Militärpolizei und für das gesamte Jahr 2009 eine vom Lufttransportgeschwader 61 bereitgestellte, in 24-stündiger Bereitschaft verfügbare Air Medical Evacuation (AIR MedEvac) Komponente. Dieser operationelle deutsche Beitrag wird durch national beigestellte Unterstützungsanteile „lebensfähig“ gehalten. Hier sind in erster Linie die Sanitätsstaffel, die Einsatzwehrverwaltung aber auch die Personalbearbeitung und Logistik zu nennen. Abgerundet wird das deutsche Einsatzkontingent durch nachrichtendienstliche und absicherungstechnische Beratungsteams. Insgesamt ein kleines, aber feines und durchaus schlagkräftiges Kontingent von rund 130 Soldatinnen, Soldaten und zivilen Mitarbeitern, welches durch Ortskräfte verstärkt ist. Dieser Beitrag wird regelmäßig auf seine Notwendigkeit hin überprüft und an die Erfordernisse angepasst. Konkret bedeutet das zum Beispiel, dass die mit der Aufgabe AIR MedEvac befassten Dienstposten im nächsten Jahr nicht mehr besetzt werden, da diese Aufgabe ab 2010 nicht mehr von Deutschland wahrgenommen wird.

Luftwaffe.de: Auf das Land sind immer noch 38 „Liaison and Observation Teams“ (LOT) aus 14 Nationen verteilt, davon betreiben deutsche Truppen vier LOT-Häuser. Damit liegt ein Schwerpunkt der Deutschen im Bereich „Verbindung und Aufklärung“. Was tun die deutschen Truppen somit in BIH und was tun sie außerdem, um dem Land unter die Arme zu greifen?

Brigadegeneral Löwenstein im Gespräch
Brigadegeneral Löwenstein im Gespräch (Quelle: Luftwaffe/Robert Löwenstein)Größere Abbildung anzeigen

BrigGen Löwenstein: Es ist richtig, dass Deutschland mit seinen vier LOT-Häusern einen wesentlichen Beitrag zur EUFOR-Mission leistet. Die Grundlage des derzeitigen Operationskonzepts EUFOR basiert auf einer aktuellen und umfassenden Informationsgewinnung im Lande („feel the pulse“). Somit sind die durch die LOT vor Ort im Lande gewonnenen Eindrücke überaus wichtige Bestandteile der täglichen Lagebewertung. Darüber hinaus zeigen sie mit ihrer Präsenz der Bevölkerung, dass das europäische Engagement weiterhin besteht („friendly face of EUFOR“). Wesentlich ist hierbei, dass dieser LOT-Einsatz keine Form von Civil Military Cooperation (CiMiC) darstellt, sondern, wie in der Frage richtig angesprochen wird, der Informationsgewinnung mit offenen Mitteln dient. Dem Kontakt im persönlichen Gespräch kommt dabei besondere Bedeutung zu. Unsere in den LOT eingesetzten deutschen Soldaten zeichnen sich dabei durch ein hohes Maß an Kompetenz und Professionalität aus, welches auch international durchaus anerkannt wird.

Luftwaffe.de: Warum kann man EUFOR nicht durch eine andere Form militärischer Hilfe ersetzen? Es gibt ja auch noch die EU Battle Group (EUBG) und es gibt die NATO-Response Force (NRF). Auch die KFOR-Truppen sind nicht weit „over-the-horizon“.

Brücke über die Drina
Brücke über die Drina (Quelle: Luftwaffe/Robert Löwenstein)Größere Abbildung anzeigen

BrigGen Löwenstein: In der Tat gibt es verschiedene vorstellbare Formen für ein militärisches Engagement Europas beziehungsweise der NATO und damit der Bundeswehr in den verschiedenen Regionen des Balkans. Der Rückgriff auf andere Truppen zur Entlastung und Ablösung von EUFOR in BIH würde hierbei jedoch keine grundsätzliche Veränderung bedeuten, da die Truppensteller im Grundsatz die gleichen blieben. Wesentlicher ist die derzeit laufende Diskussion um das Mandat, den Umfang und die Struktur der EUFOR-Mission in Zukunft. Hier sind politische Entscheidungen erforderlich, um zum einen den aktuellen Herausforderungen (Stichwort: Ausbildungs- und Beratungsmission für die Streitkräfte BIH) Rechnung zu tragen, und zum anderen den truppenstellenden Nationen die angestrebte Entlastung zukommen zu lassen.

Luftwaffe.de: Immer wieder wird argumentiert, es müssen mehr Bundeswehrsoldaten nach ISAF gebracht werden, obschon man dort – Stichwort Mandatsobergrenze – quantitativ betrachtet bereits wieder „unter der Decke“ ist. Können die aktuell rund 130 deutschen Soldaten in BIH nicht auch durch Truppen anderer Nationen ersetzt werden, um sie anschließend in Afghanistan einzusetzen?

Stärke der Einsatzkontingente
Stärke der Einsatzkontingente (Quelle: Luftwaffe/Luftwaffe)Größere Abbildung anzeigen

BrigGen Löwenstein: Eine direkte Verknüpfung zwischen ISAF und EUFOR besteht im Grundsatz nicht, da der Charakter der beiden Missionen weitgehend unterschiedlich ist, auch wenn in personenbezogenen Einzelfällen nicht ausgeschlossen werden kann, dass es eine nationale Mangelkonkurrenz gibt. Die vordergründig numerisch attraktive Verschiebung von Truppen zwischen den Nationen und den jeweiligen Einsatzräumen trägt dabei jedoch weder den politischen Interessen Deutschlands, noch den militärischen Möglichkeiten der Nationen angemessen Rechnung. Insofern stellt sich diese Frage für die Bundeswehr in dieser Form so nicht.

Luftwaffe.de: Gibt es Erkenntnisse, die Sie selbst aus Ihrem zweimaligen Einsatz für Ihre militärische Tätigkeit in der Luftwaffe ziehen, beziehungsweise inwieweit beeinflusst der Einsatz ihr tägliches Arbeiten im Grundbetrieb?

Uniformträger aus 26 Nationen arbeiten für EUFOR
Uniformträger aus 26 Nationen arbeiten für EUFOR (Quelle: Luftwaffe/Robert Löwenstein)Größere Abbildung anzeigen

BrigGen Löwenstein: Die wesentliche Erkenntnis ist, dass alle im Rahmen der Operation Althea eingesetzten deutschen Soldatinnen und Soldaten im internationalen Vergleich wirklich gut abschneiden. Die Besonderheiten und damit die Anforderungen in der Auftragserfüllung resultieren aus der vollständigen Integration des deutschen Einsatzkontingents in ein derzeit noch 26 Nationen umfassendes internationales Umfeld. Unter diesen komplexen Arbeitsbedingungen haben sich die Einsatzvorbereitung und die Personalauswahl aller Teilstreitkräfte ohne Abstriche bewährt. Für mich bedeutet dies, dass wir den durchaus hohen Aufwand im Vorfeld eines Einsatzes in jedem Falle fortführen sollten, denn er zahlt sich aus.Eine andere Erkenntnis betrifft die Informationsversorgung der für den Einsatz vorgesehenen Soldatinnen und Soldaten. Hier gibt es noch deutliches Steigerungspotenzial. Wiederholt musste ich feststellen, dass im Vorfeld zu spät, unvollständig und manchmal auch falsch über den anstehenden Einsatz informiert wurde. Besonders ärgerlich ist, wenn die Informationen die persönliche Lebensplanung berühren. In diesem Zusammenhang nenne ich noch einen anderen Aspekt. Wiederholt wurde mir die gute Arbeit der Familienbetreuungszentren bestätigt. Was hingegen noch besser laufen könnte, ist die Kontaktpflege aus den Stammeinheiten zu ihren Kameraden im Einsatz. Auch in einem befriedeten Umfeld wie in BIH verspüren die Soldatinnen und Soldaten das Bedürfnis nach heimatlicher Betreuung. Hier sehe ich noch Handlungsbedarf und werde dieses Thema auch in meiner Arbeit im Grundbetrieb aufgreifen und verfolgen.

Luftwaffe.de: Herr General, wie fällt Ihr persönliches Resümee für Ihren Einsatz als Kommandeur des Deutschen Einsatzkontingents und Chef des Stabes im Hauptquartier der europäischen Operation (EUFOR) Althea aus?

Besuch Dr. Solana
Besuch Dr. Solana (Quelle: Luftwaffe/Robert Löwenstein)Größere Abbildung anzeigen

BrigGen Löwenstein: Im internationalen Bereich habe ich als Chef des Stabes mannigfache, überaus spannende Erfahrungen machen dürfen, welche mich beruflich oftmals herausgefordert, aber gleichermaßen auch persönlich bereichert haben. Zweifelsohne waren diese Einsätze Höhepunkte in meiner bisherigen Laufbahn und haben mein Spektrum für zukünftige anspruchsvolle Verwendungen erweitert.

Als Kommandeur war hingegen die truppendienstliche Aufgabe weitgehend von Routine und vertrauten Aufgaben ohne nennenswerte Probleme geprägt. Die wesentliche, wenn auch nicht neue Erkenntnis war dabei unter anderem, dass eine funktionierende Kameradschaft gepaart mit Respekt vor dem Einzelnen - die Garanten eines erfolgreichen Einsatzes und keine Frage der Zugehörigkeit zu einer Teilstreitkraft oder einer Dienstgradgruppe sind. Diese positive Feststellung schließt ausdrücklich auch die den Einsatz führenden sowie unterstützenden Dienststellen in Deutschland, insbesondere das Einsatzführungskommando der Bundeswehr, mit ein.

Unterm Strich waren es für mich überaus befriedigende und erfolgreiche Auslandseinsätze, an die ich gerne zurück denke und welche mir über neue Freundschaften sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben werden.

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Stand vom: 07.08.12 | Autor: PIZ Lw


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