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Eine Flugkörperabwehr für morgen – ein Plan

Bonn, 17.08.2011.
Die territoriale Flugkörperabwehr ist seit dem Beschluss der Staats- und Regierungschefs der NATO auf dem Gipfel in Lissabon Teil der kollektiven Verteidigung und damit eine Kernaufgabe des Bündnisses: Damit wird sie als Beitrag zur Luftverteidigung auch maßgeblich für die Luftwaffe.

Flugkörperabwehr der Zukunft

Flugkörperabwehr der Zukunft (Quelle: MEADS)Größere Abbildung anzeigen

Eine ernsthafte Befassung mit territorialer Flugkörperabwehr oder Ballistic Missile Defence (BMD) impliziert jedoch, dass aus dem stetig wachsendem Risikopotential aus Weiterentwicklung und Weiterverbreitung von ballistischen Flugkörpern sowie dem Streben nach Massenvernichtungswaffen tragenden Gefechtsköpfen eine konkrete Gefahr für das europäische Bündnisgebiet und damit für Deutschland entsteht – mit weitreichenden Auswirkungen. Die folgende Betrachtung dieses Aspektes der Luftverteidigung soll zeigen, warum eine solche Bewertung weder leichtfertig erfolgen sollte, noch vorschnell verworfen werden kann - und wie eine angemessene Herangehensweise zum Schutz der Menschen aussehen könnte.

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Flugkörperabwehr bei SDI: Abschuß einer im Rahmen von SDI entwickelten Antisatellitenrakete durch eine amerikanische F-15 Eagle

Flugkörperabwehr bei SDI (Quelle: US Luftwaffe)Größere Abbildung anzeigen

Flugkörperabwehr – eine historische Betrachtung

Die Kontroverse um die Einrichtung einer territorialen Flugkörperabwehr fand ihren Ursprung in den Zeiten des Kalten Krieges und mündete erstmalig im Jahr 1972 unterzeichneten Anti Ballistic Missile (ABM)-Vertrag.
Die zwei großen Kontrahenten USA und UdSSR einigten sich darauf, weitere Anstrengungen zur Einrichtung einer Raketenabwehr zu unterlassen. Die Ratio: Funktionierende Abwehrsysteme könnten den Betreiber mit einer Erstschlagsfähigkeit ausstatten, da er den Gegenschlag nicht fürchten muss – das „Gleichgewichts des Schreckens“ war die zeitgemäße militärische Einschätzung.
Erst unter der Präsidentschaft von Ronald Reagan nahm die Raketenabwehr über das Programm Strategic Defense Initiative (SDI) wieder konkretere Formen an.
Obwohl SDI im Weiteren an den eigenen technischen Ambitionen scheiterte, erfüllte es unter anderem zwei Dinge: Zum einen übernahm sich die UdSSR wirtschaftlich bei dem Versuch, mit den Entwicklungen der USA Schritt zu halten – was sicherlich dazu beitrug, den Kollaps des Ostblocks herbeizuführen. Zum anderen legten die Forschungen zu SDI ein Fundament, auf das aufgebaut werden konnte, als unter der Ägide von Präsdident George W. Bush der ABM-Vertrag gekündigt wurde und die Entwicklungen einer amerikanischen National Missile Defence (amerikanische Flugkörperabwehr) aufgenommen wurden.

Flugkörperabwehr heute: Ein amerikanischer Lenkwaffenkreuzer schützt demnächst das europäische Festland mit seinem AEGIS-Kampfsystem

Flugkörperabwehr heute (Quelle: US Marine)Größere Abbildung anzeigen

Während die unmittelbaren Maßnahmen zum Schutz der Vereinigten Staaten in Form von Sensoren und Abfangflugkörpern planmäßig verliefen, entpuppte sich die Einrichtung der europäischen Komponente mit einem Radar in Tschechien und der entsprechenden Abfangkomponente in Polen als weniger erfolgreich.
Politischer und öffentlicher Druck in zweifelsohne nicht erwartetem Ausmaß führten zu einem Einlenken und die heutige amerikanische Regierung verzichtete auf die Pläne ihrer Vorgängerregierung. Doch an der grundsätzlichen Absicht, den Schutz der USA vor möglichen Raketenangriffen aus dem Iran und Nordkorea sicherzustellen, wurde indes festgehalten.

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Der Generalsekretär der NATO, Anders Fogh Rasmussen

Der Generalsekretär der NATO, Anders Fogh Rasmussen (Quelle: NATO)Größere Abbildung anzeigen

Europa auf dem Plan

In die Kontroverse schalteten sich beizeiten die europäischen Mitgliedsstaaten der NATO auf und forderten die territoriale Flugkörperabwehr als gemeinsames Projekt zu unternehmen. Auf dem NATO-Gipfel von Lissabon im November 2010 konvergierten die beiden Handlungsstränge und die Flugkörperabwehr wurde als Teil der kollektiven Verteidigung und als gemeinsame Aufgabe aller 28 Mitgliedsstaaten in das neue strategische Konzept aufgenommen. Die Fähigkeiten der USA, mittlerweile als European Phased Adaptive Approach (EPAA) neu konzipiert, wurden der NATO als erster nationaler Beitrag zur künftigen gemeinsamen Architektur angezeigt. Um die Fehler, die zum Scheitern der ersten US-Initiative für eine europäische Flugkörperabwehr-Komponente führten, nicht zu wiederholen und skeptische Mitglieder innerhalb der NATO zu überzeugen, wurde explizit eine enge Einbindung Russlands in diesen Prozess angestrebt. Die praktische Umsetzung sollte - wie so häufig - die eigentliche Herausforderung werden.

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Erste Phase beim Phased Adaptive Approach: Eine feindliche Rakete wird erkannt (Simulation)

Eine feindliche Rakete wird erkannt (Simulation) (Quelle: Tagesschau.de)Größere Abbildung anzeigen

NATO Ballistic Missile Defence

Die in Lissabon getroffene Grundsatzentscheidung zu Gunsten der Abwehrarchitektur war indes nur der Anfang. Jetzt gilt es, die Umsetzung auf allen Ebenen auszugestalten. Als Hindernisse erweisen sich dabei alte Bekannte in Form der Sorge der russischen Seite um das strategische Gleichgewicht. Auch technische Herausforderungen gilt es zu meistern, wobei die einzelnen Mitgliedstaaten hinsichtlich ihrer Fähigkeiten zur Flugköperabwehr weit auseinander liegen.
Und aufgrund des bis dato noch nicht erreichten Fortschritts hinsichtlich einer gemeinsamen Flugkörperabwehr tauchen zugleich neue Diskussionsgegenstände auf: Die Frage nach Einsatzregeln und Entscheidungsspielräumen - oder auch die Einbeziehung möglicher betroffener Dritter. Unter diesen Rahmenbedingungen haben nun alle nationalen Akteure für sich eine Entscheidung zu treffen, wie sie sich in der eigentlichen Ausgestaltung der NATO - Flugkörperabwehr positionieren.

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Stufe 2 des Phased Adaptive Approach: Eine feindliche Rakete wird beim Wiedereintritt in die Athmosphäre von Satelliten und Schiffen geortet.

Stufe 2 des Phased Adaptive Approach (Quelle: Tagesschau.de)Größere Abbildung anzeigen

Der Abholpunkt

Der Abholpunkt ist zunächst NATO-intern für alle Mitglieder gleich. Bereits seit mehreren Jahren unternahm man in der Allianz Anstrengungen zum Aufbau einer Luftverteidigungsarchitektur, die darauf ausgerichtet war, die Kampfkraft der verschiedenen Waffensysteme, die in den nationalen Arsenalen bereits vorhanden waren, zum Schutz eigener Truppen im Einsatz zu bündeln. Das aus dieser Idee resultierende „Active Layered Theatre Ballistic Missile Defence“ (ALTBMD) - Programm soll nun gemäß den Beschlüssen von Lissabon als Basis für die Erweiterung des Schutzauftrages für Territorium und Bevölkerung der Allianz dienen. Dazu soll es schrittweise erweitert werden, um als übergeordnetes Führungssystem die von den Nationen gestellten Beiträge zu einer geschlossenen Architektur zu integrieren.

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Abschuß beim Phased Adaptive Approach: In der letzten Flugphase wird die feindliche Rakete von PAC-3 Lenkflugkörpern zerstört (immer noch Stufe 2 des Phased Adaptive Approach)

Abschuß beim Phased Adaptive Approach (Quelle: Tagesschau.de)Größere Abbildung anzeigen

Der European Phased Adaptive Approach

Den ersten (und vorerst einzigen) dieser nationalen Beiträge stellen derzeit die Vereinigten Staaten mit dem EPAA. Dieser Ansatz beschreibt in vier Phasen bis zum Jahr 2020 den beabsichtigten Aufwuchs der amerikanischen Mittel für BMD in Europa und stützt sich im wesentlichen auf See- und später an Land stationierte SM-3 Abfangflugkörper unterschiedlicher Generationen sowie Frühwarn- und Feuerleitradare. Damit wird ein weitreichender Schutz gegen einfliegende Raketen aus der Hauptbedrohungsrichtung hergestellt. Technisch bedingte Lücken in der Radarabdeckung, die Notwendigkeit die Architektur an Schwerpunkten robuster zu machen und der Wunsch nach eigener Handlungsfähigkeit und Lagebeurteilung wird früher und später auch bei den übrigen NATO- Nationen zu einer Überprüfung eigener Beitragsmöglichkeiten führen. Die Luftwaffe selbst ist mit der zweitgrößten Patriot-Flotte bereits gut aufgestellt, um an der neuen Sicherheitsstruktur mitzuarbeiten. Auch in Sachen Simulation und Know-How befindet sich die Luftwaffe im internationalen Spitzenfeld, was immer wieder durch die jährlich durchgeführten - auf internationalen Standards basierenden - Schießen auf Kreta eindrucksvoll demonstriert wird.

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Stand vom: 26.11.13 | Autor: Marco Manderfeld, PIZLw


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