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Eine Flugkörperabwehr für morgen - Wargames

Bonn, 09.08.2011, Marco Manderfeld, PIZLw.
Wie jedes militärische Gesamtsystem wird auch NATO-Flugkörperabwehr (Missile Defence) maßgeblich von der Leistungsfähigkeit des Verbunds aus Aufklärung, Führung und Wirkung abhängen. Dabei zeigt sich, dass erst ein umfassender Ansatz von Personal und Technik zum gewünschten Erfolg führt. Die Luftwaffe hat das Personal, das Wissen und die Technik, einen adäquaten Beitrag für eine gemeinsame NATO-Flugkörperabwehr zu liefern.

Die Luftabwehr der Zukunft?

Die Luftabwehr der Zukunft? (Quelle: MBDA)Größere Abbildung anzeigen

Unwägbarkeiten in der Definition nationaler Beiträge zu einer gesamten NATO-Flugkörperabwehr (internationale Bezeichnung: Missile Defence) kann in erster Linie dadurch zielgerichtet begegnet werden, indem man sich zunächst auf diejenigen Komponenten konzentriert, die unabdingbar erforderlich sind oder unabhängig von der Bedrohungsentwicklung einen Mehrwert liefern können.

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Faktor Personal: Blick in die amerikanische NORAD-Kommandozentrale

Faktor Personal: Blick in die amerikanische NORAD-Kommandozentrale (Quelle: US Luftwaffe)Größere Abbildung anzeigen

Der Faktor Personal

Sollte der derzeit als unwahrscheinlich anzunehmende Fall einer Krise eintreten, in deren Zuge mit dem Beschuss eigenen Staatsgebietes durch ballistische Raketen zu rechnen ist, kommt zudem der Faktor Personal in den Fokus, nicht zuletzt durch die Fähigkeit zur eigenen nationalen Lagebeurteilung. Eine Beurteilungsfähigkeit für Analyse-, Beratungs- und Entscheidungsprozesse muss durch entsprechend fachkundiges Personal sichergestellt werden. Daher ist parallel zu allen technischen Maßnahmen sicherzustellen, dass die hinreichende Expertise und Vertrautheit mit den Eigenheiten der territorialen Flugkörperabwehr in adäquater Zahl zur Verfügung steht.
Ungeachtet dessen, wie einzelne Mitgliedsstaaten die hochsensible Frage nach einem technischen Fähigkeitsaufbau zur territorialen Flugkörperabwehr für sich bewerten, ist eines bereits deutlich: Im Zuge der Einrichtung einer internationalen Missile Defence wird es künftig einer umfassenden personellen Expertise bedürfen. Wie aber baut man diese auf, ohne auf institutionalisierte Strukturen zurückgreifen zu können, wie sie in etablierten Fachgebieten vorhanden sind?

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Logo der EADTF

Logo der EADTF (Quelle: US Heer)Größere Abbildung anzeigen

Expertise: Ein 3-Säulen Ansatz

In diesem Sinne ist eine Expertise für Flugkörperabwehr als Zusatzqualifikation für Stabsoffiziere im Bereich Luftverteidigung denkbar erstrebenswert und in derzeitiger Ermangelung geeigneter Ausbildungsgänge durch anderweitige Ansätze sicherzustellen. Ein probater Ansatz stützt sich auf drei Säulen: Internationale Veranstaltungen zur Missile Defence, nationale Veranstaltungen zur Flugkörperabwehr sowie Organisationen zur Flugkörperabwehr.
Durch die Teilnahme an internationalen Veranstaltungen - dazu gehören beispielsweise Konferenzen, Symposien und Übungen - setzen sich Offiziere in einem internationalem Umfeld mit den besonderen Aspekten zur Missile Defence auseinander und erlangen auf diese Weise ein Verständnis für unterschiedliche Sichtweisen in Einzelaspekten.
Dienst in einer auf Flugkörperabwehr ausgerichteten Organisation - wie der von Deutschland und den Niederlanden betriebenen Extended Air Defence Task Force oder den sich nach und nach etablierenden Zellen innerhalb der NATO- und nationalen Kommandostruktur - bringt Offiziere gleichermaßen mit der Thematik in Verbindung und qualifiziert sie nach dem bewährten Prinzips des „learning by doing“.
Die Durchführung eigener, nationaler Veranstaltungen lässt ein Höchstmaß an Kontrolle über die zu vermittelnden Inhalte zu. Ausgeprägter, als dies im internationalen Umfeld möglich ist, erlauben eigene Veranstaltungen eine Bewertung bestimmter sensibler Aspekte aus nationaler Perspektive.

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Das Logo der Übung Nimble Titan

Das Logo der Übung Nimble Titan (Quelle: US Verteidigungsministerium)Größere Abbildung anzeigen

Planspiele

Als eine solche, nationale Veranstaltung wurde 2010 das deutsche Missile Defence-Wargame konzipiert. Die Bezeichnung „Wargame“ geht zurück auf als Inspiration dienende und etablierte Experimentalkampagnen wie die des durch die USA ausgerichteten Nimble Titan Wargames.
In klassischen Planspielen werden eigene Operationspläne gegen die wahrscheinlichste und die gefährlichste Handlungsoption des Gegners durchgespielt: Ziel ist, die erfolgversprechendste Variante herauszufinden.
Im Gegensatz dazu beschränkte sich das erste deutsche Missile Defence-Wargame darauf eine Umgebung zu schaffen, in der sich Teilnehmer durch Wissensvermittlung und Interaktion der Struktur der künftigen Architektur zur Flugkörperabwehr nähern sollten, Anpassungen vornehmen konnten und schlussendlich die Auswirkungen ihrer Entscheidungen durch Konfrontation mit einem einzelnen fiktiven Angriffsszenario beobachten sollten. Letzteres sollte durch gezielten Einsatz einer Simulationsumgebung bewerkstelligt werden.

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Die Teilnehmer eines Wargames im Bild

Die Teilnehmer eines Wargames im Bild (Quelle: US Verteidigungsministerium)Größere Abbildung anzeigen

Von der Konzeption bis zum Wargame

Im Auftrag der Luftwaffe und des Zentrums für Transformation der Bundeswehr wurde das Missile Defence-Wargame durch eine Arbeitsgruppe - bestehend aus Luftwaffenamt, Luftwaffenführungskommando, Extended Air Defence Task Force (EADTF) und der Firma IABG - konzipiert, vorbereitet und durchgeführt. Den Teilnehmern sollten die folgenden Elemente vermittelt werden:

  • Verständnis für die militärpolitischen Zusammenhänge innerhalb der Missile Defence für Europa unter den Aspekten NATO-Strategie, Konsultations-, Koordinations- und Entscheidungsprozess sowie nationale Vorbehalte,
  • Verständnis für die grundsätzlichen technischen Abläufe der Missile Defence sowie den daraus resultierenden Anforderungen an Abwehrsysteme,
  • Verständnis für die Relevanz und das Einschätzen der Flugkörper-Abwehr für die zivile Bevölkerung, beispielsweise im Hinblick auf Kollateralschäden, Trümmer, Kontamination oder elektromagnetische Impulse einer Nukleardetonation.

Das Wargame wurde aus einer Kombination von Vorträgen, Diskussionsworkshops, Planungsanteilen und Simulationsläufen konzipiert und inhaltlich an einer angenommenen Bedrohung Europas im Jahr 2020 angelehnt.

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Beispiel für ein Planspiel: Das ursprünglich von Präsident Bush geplante Europäische

Beispiel für ein Planspiel (Quelle: US Verteidigungsministerium)Größere Abbildung anzeigen

Das Szenario - Fiktive Bedrohung im Jahre 2020

Um den Teilnehmern ausreichend Hintergrund für die folgende interaktiven Anteile in den Workshops zu bieten, wurde im Vorfeld eine Bedrohungslage konstruiert, die sich von heute bis ins Jahr 2020 schlüssig aufbauen sollte. Die Kernideen, insbesondere in Bezug auf die Aggressoren, basierten in wesentlichen Teilen auf den Annahmen des US-amerikanischen Ballistic Missile Defense Review Report (US BMDR). Die wichtigsten Erkenntnisse für die Teilnehmer: Die Hauptbedrohungsrichtung und der Umfang des gegnerischen Arsenals.

Das Wargame wurde letztendlich von 11. bis 12. Mai 2011 mit 24 ausgewählten Teilnehmern der Bundeswehr am Standort der Firma IABG in Ottobrunn durchgeführt. Nach einigen Vorträgen wurden Teilnehmer zielgerichtet auf die Workshop-Themen vorbereitet: Die Themen lauteten im Einzelnen:
  • Grundlagen ballistischer Flugkörper und Risikoanalyse,
  • Grundlagen der Abwehr von ballistischen Flugkörpern,
  • Folgen beim Einsatz von Flugkörperabwehr
  • Militär-politische, -strategische und -operative Aspekte.
Zur Überleitung in die Workshops wurden die Teilnehmer anschließend in das eigens für das Planspiel angefertigte Szenario eingeführt.

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Simulationen machen einen Großteil des visuellen Planspiels aus.

Simulationen machen einen Großteil des visuellen Planspiels aus. (Quelle: Tagesschau.de)Größere Abbildung anzeigen

Verteidigungsarchitektur für Europa

Die den Teilnehmern im folgenden Workshop gestellte Aufgabe lautete in groben Zügen, eine geeignete Verteidigungsarchitektur für Europa gegen die aufgezeigte Bedrohung zu erstellen. Als Vorgabe diente der US EPAA (European Phased Adaptive Approach) der Phase 4 sowie zusätzlich eine Anzahl generischer europäischer Fähigkeiten. Damit galt es nicht, eine völlig neue Architektur zu entwerfen, sondern vielmehr bestehende Strukturen zu optimieren. Die Teilnehmer konnten hierzu verschiedene, in begrenzter Stückzahl vorhandene, Flugkörperkräfte auf land- und seegestützte Stellungen verteilen. Dabei war damit zu rechnen, dass die NATO als Ganzes nicht über genügend Abfangflugkörper und Startgeräte verfügen würde, um das gesamte europäische Bündnisgebiet gegen alle Angriffe mit ballistischen Flugkörpern mit einem einheitlich flächendeckenden Schutz auszustatten. Gleichzeitig waren die Wirkbereiche der eingesetzten Waffensysteme so groß, dass mit überlappenden Bekämpfungsmöglichkeiten durch unterschiedliche Abwehrstellungen zu rechnen war.
Die begrenzte Anzahl vorhandener Flugkörper erforderte daher festgelegte Regeln, unter welchen Bedingungen und in welcher Reihenfolge bekämpft werden sollte. Hierbei galt es außerdem, die durch den Abfangvorgang möglicherweise verursachten Kollateralschäden zu minimieren.

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Visualisierung: Blick auf eine realistische Simulation in einer amerikanischen Kommandozentrale

Visualisierung: Blick auf eine realistische Simulation in einer amerikanischen Kommandozentrale (Quelle: US Marine)Größere Abbildung anzeigen

Auswertung

Im Anschluss wurden die Workshopergebnisse mit Hilfe von Simulationsläufen visualisiert und analysiert. So konnten kritische Aspekte wie Reichweiten, Zeitfenster, Sensorabdeckung und Kollateralschäden gezielt erläutert werden. Im Rahmen von Planspielen wurden zwei Simulationen eingesetzt: Im echtzeitfähigen Instrumentarium wurden operationelle Aspekte wie Flugzeiten, Bekämpfungsfenster oder die Ausbreitung von Trümmern erläutert und visualisiert. Das nicht-echtzeitfähige Instrumentarium diente unter anderem der statistischen Auswertung der Bekämpfungsvorgänge und der Gesamtbewertung der überarbeiteten Verteidigungsarchitektur. Sowohl die unmittelbar nach Abschluss der Veranstaltung durchgeführte Feedback-Runde als auch die mittlerweile erfolgte Auswertung der durch die Teilnehmer zu befüllenden Fragebögen haben gezeigt, dass das Konzept des Planspiels aufgegangen ist. Ein solches Wargame ist in der Lage, die Komplexität der territorialen Flugkörperabwehr aufzuzeigen, ausgewählte Aspekte gezielt zu verdeutlichen und damit den Teilnehmern einen Erkenntnisgewinn im Sinne der Zielsetzungen zu vermitteln.
Mit dem nationalen Planspiel wurde ein erster wichtiger Schritt unternommen, um zielgruppenorientiert für die Eigenheiten der territorialen Flugkörperabwehr zu sensibilisieren. Gleichzeitig werden durch derartige Maßnahmen eine größer werde Zahl von hinreichend fachkundigen Stabsoffizieren zur Verfügung stehen, die in internationalen Stäben oder in nationaler Verantwortung helfen, eigene Positionen zu entwickeln und zu vertreten sowie zur eigenen Lagebeurteilung beizutragen.

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Abschuss eines amerikanischen Flugkörpers vom amerikanischen Lenkwaffenkreuzer USS Lake Erie

Abschuss eines amerikanischen Flugkörpers vom amerikanischen Lenkwaffenkreuzer USS Lake Erie (Quelle: US Marine)Größere Abbildung anzeigen

Ganzheitlicher Ausblick

Das dargestellte Wargame zeigt einen Einzelaspekt von vielen, der derzeit zum voranschreitenden Aufbau der durch die Staats- und Regierungschefs der NATO beschlossenen Abwehrarchitektur beiträgt.
Es wird weiterer Anstrengungen bedürfen, bis die Flugkörperabwehr der NATO im beabsichtigten Umfang Einsatzreife erlangt. Jeder weitere Schritt, jede Entscheidung, insbesondere wenn sie mit massiven finanziellen Aufwendungen verbunden ist, muss einer Bewertung vor dem Hintergrund einer strategisch ausgerichteten Lagebeurteilung standhalten. Dies ist im Falle internationaler Missile Defence insbesondere geboten, da politische Aspekte nach wie vor operationelle Notwendigkeiten überlagern.
Die Missile Defence befindet sich in einem Spannungsfeld, in dem die wahrscheinlichste Bedrohungsentwicklung Zweifel an den zu leistenden Anstrengungen aufkommen lässt - aber die gefährlichste Entwicklung unbedingtes Handeln erfordert.
Die Frage des „Ob“ stellt sich indes ohnehin nicht mehr. Luftabwehr mit und gegen ballistische(n) Raketen ist bereits Realität: Zwar ist sie nicht mehr politische Spielmasse zweier Großmächte zu Zeiten des Kalten Krieges, doch ihre Mittel sind jederzeit verfügbar und potentiell einsetzbar.
Sie ist aber auch kein Selbstläufer, die sich - einmal in Gang gesetzt - wie auf Schienen ihrem Ziel entgegen schiebt. Es wird maßgeblich davon abhängen, wie die einzelnen Mitgliedsstaaten ihre Beziehung zu dieser gemeinschaftlichen Aufgabe jenseits der Grundsatzentscheidung von Lissabon definieren. Denn am Ende aller Überlegungen sollte nicht vergessen werden, dass die Intention hinter der Missile Defence der Schutz der Bevölkerung vor äußeren Gefahren ist.

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Stand vom: 26.11.13


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