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Eine Flugkörperabwehr für morgen – die Herleitung

Bonn, 22.08.2011.
Die territoriale Flugkörperabwehr ist seit dem Beschluss der Staats- und Regierungschefs der NATO auf dem Gipfel in Lissabon Teil der kollektiven Verteidigung und damit eine Kernaufgabe des Bündnisses: Damit wird sie als Beitrag zur Luftverteidigung auch maßgeblich für die Luftwaffe. Doch wie in jedem Führungsvorgang muss erst eine analytisch fundierte Lageeinschätzung her, um einer Bedrohung adäquat zu begegnen…

Das neueste auf dem Markt: Das Flugabwehrraketensystem Thaad

Das Flugabwehrraketensystem Thaad (Quelle: Luftwaffe Geschichte)Größere Abbildung anzeigen

Militärische Beschaffungsvorhaben sind üblicherweise durch einen konkreten Bedarf zu rechtfertigen. Bedarfsermittlung bei Flugkörperabwehr ist jedoch in höchstem Maße kompliziert. Die immer wieder als Begründung herangezogene Bedrohung Europas durch ballistische Flugkörper - woher auch immer - ist taktisch nachvollziehbar, operativ begründbar. Ob sie strategisch ebenfalls zutrifft, lässt sich nicht eindeutig bewerten: Beim Warschauer Pakt war die Bedrohung eminent bekannt – doch schon im Angesicht des Zweiten Golfkrieges waren sich viele uneins, wie stark die Flugkörperbedrohung durch Saddam Husseins Raketen zu bewerten sei. Bei heutigen Diktaturen ist dies ähnlich schwer zu bewerten, um eine – wie auch immer geartete und angemessene – Flugkörperabwehr zu etablieren, die den Ansprüchen zum Schutz der Bürger angemessen ist.

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Lankwaffenzerstörer schützen gegen Raketenbeschuss von hoher See aus

Lankwaffenzerstörer schützen gegen Raketenbeschuss von hoher See aus (Quelle: US-Marine)Größere Abbildung anzeigen

Die taktische Sicht

Das Vorhandensein ballistischer Flugkörper in potentiellen Krisenherden ist eine Tatsache, wird doch kaum eine Möglichkeit ausgelassen die entsprechenden Arsenale anlässlich militärischer Paraden der Öffentlichkeit zu präsentieren. In der Regel handelt es sich dabei um Modelle aus ehemaliger sowjetischer Entwicklung, die im Rahmen begrenzter eigener Möglichkeiten in ihren wesentlichen Leistungsparametern verbessert worden sind. Es ist davon auszugehen, dass diese Flugkörper in ihren Weiterentwicklungsmöglichkeiten weitestgehend ausgereizt sind. Ein signifikanter Zugewinn in Reichweite, Traglast und Zerstörungswirkung wird nur über Neuentwicklungen zu erreichen sein. Dies ist bislang noch keinem relevanten Akteur in nennenswerter Weise gelungen. Ungeachtet der industriellen Herausforderung, die dahintersteht, sollte jedoch nicht vergessen werden, dass die erforderlichen technischen Grundlagen bereits aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts stammen. Dennoch: Ein solcher Quantensprung in der Ausgestaltung des offensiven Arsenals bestimmter Staaten für eine moderne Bedrohung ist - obgleich es derzeit kaum konkrete Anzeichen dafür gibt - nicht zuletzt aufgrund der freien Verfügbarkeit des Know-hows (Internet) und eindeutiger Proliferationstendenzen zwischen einschlägig auffälligen Akteuren nicht auszuschließen.

Berüchtigt, aber auch überschätzt: Veraltetes, irakisches Scud-Raketenabschußgerät

Veraltetes, irakisches Scud-Raketenabschußgerät (Quelle: US Marine)Größere Abbildung anzeigen

Ob und wann diese Flugkörper in relevanter Stückzahl auftauchen, ist jedoch ungewiss. Ähnlich verhält es sich mit Gefechtsköpfen für Massenvernichtungswaffen, insbesondere Nuklearsprengköpfen. Bis in mittel- bis langfristige Zeitlinien hinein sieht sich die NATO demnach mit konventionellen Flugkörpern kurzer bis mittlerer Reichweite konfrontiert, deren Einwirkmöglichkeit auf das europäische Territorium räumlich deutlich begrenzt ist: Gegen diese Bedrohung verfügt insbesondere Deutschland mit der zweitstärksten PATRIOT-Flotte innerhalb der NATO bereits über eine signifikante Abwehrfähigkeit. All diese skizziierten Entwicklungen müssen bei einer möglichen künftigen Entscheidung zum Einstieg in eine Bekämpfungsmöglichkeit von Flugkörpern längerer Reichweite berücksichtigt werden.

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Praktisch unangreifbar: Ein amerikanisches Unterseeboot startet einen Tomahawk-Flugkörper

Amerikanisches Unterseeboot startet einen Tomahawk-Flugkörper (Quelle: US-Marine)Größere Abbildung anzeigen

Gefährliche Operative:

Ballistische Raketen haben sich bis heute erstaunlich überlebensfähig gezeigt: Bis auf ausgewählte Bestände, die ausschließlich der strategischen Abschreckung dienen, wurden diese Waffen weitestgehend aus westlichen Arsenalen verbannt. Andere verbliebene Raketen gelten aus westlicher Sich als eher unpräzise Wirkmittel, die ihren Mangel an technischer Genauigkeit mit überzogener Zerstörungskraft kompensierten und damit weite Zerstörungen anrichten sollten: Ausgerechnet damit eignen sie sich vorrangig als Terrorwaffe. Gleichzeitig sind sie aber für die westliche Welt unvereinbar mit unserer Vorstellung von moderner Gefechtsführung. Dennoch üben diese Waffen offenkundig einen großen Reiz auf die politische und militärische Führung potentieller Krisenregionen aus, die sich der NATO in einem konventionellen Konflikt deutlich unterlegen sehen. Die Möglichkeit, stattdessen mittels Flugkörpern Massenvernichtungswaffen über größere Entfernungen ins Ziel zu bringen, trägt nun möglicherweise dazu bei, auch hoffnungslos unterlegenen Gegner - zumindest zeitlich begrenzt - die Möglichkeit zum Angriff auf NATO-Truppen und/oder Einrichtungen respektive auf das NATO-Territorium in Aussicht zu stellen. Die Eintrittswahrscheinlichkeit einer militärischen Auseinandersetzung zwischen einem solchen Akteur und der NATO muß hier grundsätzlich keine Rolle zu spielen; vielmehr reicht den einschlägigen Regimen die Vorstellung eines Bedrohtseins durch die NATO als Ganzes oder einzelner Mitgliedsstaaten aus, um den eigenen Bestand an ballistischen Flugkörpern aufzustocken und in deren Entwicklung und Verbesserung zu investieren.

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Kann weltweit agieren: B2-Bomber der US-Luftwaffe

Kann weltweit agieren: B2-Bomber der US-Luftwaffe (Quelle: US Luftstreitkräfte)Größere Abbildung anzeigen

Strategische Bewertung

Wenn überhaupt, enden aktuelle Diskussionen um die Bedrohung durch ballistische Raketen aus potentiellen Krisenregionen oftmals mit der vorangestellten, operativen Betrachtung. Die überwiegend angeführte Logik leitet die Erfordernis einer umfassenden Abwehrarchitektur zumeist nur aus der reinen Verfügbarkeit ballistischer Raketen ab. Um sich jedoch faktisch auf eine mögliche Bedrohung einstellen zu können und die eigenen Fähigkeiten daran auszurichten, bedarf es jedoch zwingend einer Analyse des gegnerischen strategischen Kalküls. Ausgangspunkt ist der Gedanke, dass jedes Regime nach Machterhalt strebt. Die Geschichte lehrt, dass, je autoritärer die Machtbasis gestaltet ist, desto existentieller die Frage seines Machterhalts ist. Damit ist davon auszugehen, dass bis zum Überschreiten einer bestimmten Grenze der Rationalität ein Regime auch den Einsatz von ballistischen Flugkörpern - insbesondere vor dem Eintritt in konventionelle Kampfhandlungen - dagegen abwägen wird, welche Folgen dies für das eigene Überleben hat.

Ein Spionagesatellit der hier vom Space Shuttle abgekoppelt wird, registriert verdächtige Truppenbewegungen aus dem All

Ein Spionagesatellit registriert verdächtige Truppenbewegungen aus dem All (Quelle: NASA)Größere Abbildung anzeigen

Doch die NATO-Strukturen im Kern oder die dezentralisierte Wirtschaftsleistung ihrer Mitgliedstaaten anzugreifen, wäre eine gewaltige Anforderung an ein gegnerisches Flugkörper-Arsenal – ein Zustand, der bis dato absehbar bei keinem potentiellen Gegner feststellbar ist, auch wenn er in der Zukunft nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann – mit Hinweis auf die Zerstörungskraft eines einzigen atomar bestückten Flugkörpers.
Der Spannungsbogen reicht von einer punktuellen Bedrohungsentwicklung - die in gewissem Maße Zweifel an den zu leistenden Anstrengungen aufkommen lässt - bis hin zur gefährlichsten Entwicklung in Form eines Einsatzes mehrerer Massenvernichtungswaffen, die unbedingtes Handeln erfordern würden. Aber selbst da wäre die NATO nicht einfach nur hilflos oder Zuschauer: Ein weites Netz von Aufklärungseinrichtungen beobachtet schon heute potentielle Aggressoren, um rechtzeitig auf bedrohliche Entwicklungen aufmerksam zu machen…

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Gut ausgebildet: Flugabwehrpersonal der Luftwaffe

Flugabwehrpersonal der Luftwaffe (Quelle: Luftwaffe)Größere Abbildung anzeigen

Erstes Fazit

Aus der aufgezeigten Analyse entsteht ein Dilemma. Beiträge zur Flugkörperabwehr sind - genauso wie der Kauf von beispielsweise Unterseebooten oder Lenkwaffenkreuzern - mit Investitionen verbunden. Niemand kann bis ins Detail vorhersagen, ob, wann und in welchem Umfang Investitionen notwendig werden, auch wenn ein wie auch immer ausgebrachter Stärkeansatz zukünftiger Flugkörperabwehr dem Steuerzahler sicherlich weit günstiger kommt als die Beschaffung seegestützer Einheiten mit vergleichbarem Potential. Wie jedes militärische Gesamtsystem wird auch NATO-Flugkörperabwehr (Missile Defence) maßgeblich von der Leistungsfähigkeit des Verbunds aus Aufklärung, Führung und Wirkung abhängen: Nationale Beiträge zur Flugkörperabwehr müssen sich daran ausrichten. Der in Teil 1 dieser Betrachtungen aufgeführte EPAA (European Phased Adaptive Approach) eignet sich in diesem Zusammenhang als perfektes Beispiel für einen ganzheitlichen Ansatz zur Abdeckung dieser drei Bewertungen aus taktischem, operativen und strategischem Kalkül. Und die Luftwaffe kann mit ihrer hervorragend ausgebildeten, ausgerüsteten und bemannten Flugkörperabwehr durchaus einen wichtigen Beitrag zu einer internationalen Flugkörperabwehr leisten.

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Stand vom: 26.11.13 | Autor: Marco Manderfeld, PIZLw


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