Online-Tagebuch eines Luftwaffenoffiziers (Folge 6)
Juba/Sudan, 02.02.2010.
In seiner ersten Woche in Juba begleiten wir Luftwaffenoffizier Marko S. auf Patrouille. Die UN-Inspektion in einem typisch sudanesischen Dorf und der Besuch in einem Waisenhaus zeigen in recht schroffen Zügen auf, woran es den Menschen im Sudan mangelt, und wie die Mitarbeiter der UNMIS versuchen, das Leben für die Betroffenen ein wenig erträglicher zu machen...

Meine erste Patrouille
Gemäß Auftrag aus einem voraus gegangenen Briefing, wollte ich gegen 8:15 Uhr die Schlüssel für mein Auto abholen. Auf dem Programm stand heute meine erste Patrouille mit einem Kraftfahrzeug. So wie ich es bei der Luftwaffe gelernt habe, fragte ich nach einem Übergabeprotokoll und wer mit mir zur Übergabe geht. Doch ich erntete nur lauter Fragezeichen in den Augen des diensthabenden Offiziers: Keine Übergabe, keine Verantwortung und Haftung. Auch gut....
Dann habe ich noch Helm und die schusssichere Weste für unseren National Monitor (beide früheren Kriegsparteien im Sudan stellen jeweils einen Beobachter bei allen Patrouillen) eingepackt und bin raus zum Auto, um mir einen Einblick von dem Fahrzeug zu verschaffen. Obschon der Motorraum ziemlich verdreckt war, passten jedoch alle Füllstände, wie zum Beispiel Kühlwasser und der Wagen war zumindest fahrbar. Risse in der Windschutzscheibe und größere Dellen gehören anscheinend zur „Serienausstattung“ der UN-Fahrzeuge. Auch sonst schien alles Notwendige im Wagen zu sein, wenn auch nicht unbedingt aufgeräumt am richtigen Platz.

Damit ging es dann auch schon zum Treffpunkt, wo alle pünktlich erschienen waren, außer unseren beiden afrikanischen Begleitern: Der eine kam die obligatorischen fünf Minuten zu spät, dem anderen mussten wir erst hinterher telefonieren. Er teilte uns mit, dass er gerne abgeholt werden möchte, an einer Stelle, die bemerkenswerter Weise gar nicht auf der geplanten Strecke liegt: Muß man das noch kommentieren? Und dann ging`s los, zunächst nach und durch Jubas Stadtzentrum hindurch, dann weiter in die Randbezirke und immer weiter gen Westen. Die Strassen wurden immer schlechter, der Verkehr weniger, dafür aber unübersichtlicher, extrem staubig und halsbrecherisch: Insbesondere die Motorradfahrer scheinen hier nicht sonderlich an ihrem Leben zu hängen ...

Eine Krankenstation, die keine ist
Früher als gedacht und auch nicht da, wo wir gemäß Karte den Ort vermuteten, waren wir auch schon da: Das ist also Kabo, ein kleiner, schmutziger Flecken links und rechts der Hauptverkehrsstraße – aber, wie die Schilder stolz verrieten, mit Grundschule und Krankenstation.Wir hielten an der Krankenstation an und überbrückten das Warten auf den Dorfchef mit dem Zuständigen für die Krankenstation, in der es, wie wir im, Gespräch erfuhren, eigentlich seit zwei Monaten keine Medikamente mehr gibt... Dabei wären vor allem Malaria-Medikamente vor dem Einsetzen der Regenzeit im März/April aber bitter nötig. Auch optisch machte die Einrichtung nicht unbedingt Lust auf eine Behandlung.

Nachdem der Dorfchef eingetroffen war, bestätigte der, dass es fasst nichts mehr gibt in dieser Krankenstation, das Nichts dafür aber in allen Bereichen. Es fehlt nicht nur an Medikamenten, sondern auch an qualifizierter medizinischer Betreuung, denn die nächste Einrichtung mit Arzt ist zig Kilometer entfernt. Daneben gibt es noch eine Schule mit acht Klassenräumen, aber leider nur mit zwei Lehrern. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen und Übergriffen mit benachbarten Stämmen (bis hin zu Geiselnahmen, Raub und Mord). Da keine Polizei vor Ort ist, gibt es aber auch keine Autorität, an die man sich wenden könnte. Somit dreht sich die Spirale der Vergeltung auch im Kleinen immer weiter. Fotos im Ort hätten wir zwar noch gerne gemacht, aber davon war der Chef des Ortes nicht sonderlich angetan, also haben wir’s gelassen und nur unseren Haltepunkt und die angrenzenden Häuser fotografiert, was schon schlimm genug anzusehen war.

Auf dem Rückweg haben wir dann noch den National Monitor des JIU-Hauptquartiers abgesetzt (zur Erinnerung: Der Soldat, der sich abholen ließ), JIU steht für Joint Integrated Units, bestehend je zur Hälfte aus Soldaten der beiden Konfliktparteien. Diese JIU sollen gemäß Friedensvertrag den Kern der neuen gemeinsamen Sudanesischen Armee bilden. Faktisch sind solche Kasernen aber zweigeteilt, eine Integration gibt es nicht wirklich. Zum Vergleich: Das ist in etwa so, als hätte man nach der Wende die Nationale Volksarmee der DDR und die Bundeswehr in eine Kaserne gesteckt und in der Kasernenmitte einen tiefen Graben angelegt. Die Kaserne als solche kann man eigentlich auch nicht als militärische Anlage bezeichnen. Alle Welt läuft hier rein und raus, weil es hier eine öffentliche Klinik gibt. Zudem leben die meisten südsudanesischen Soldaten innerhalb der Kaserne mit Kind und Kegel. Gebaut wird, wo gerade Platz ist und ausreichend Material zur Verfügung steht, ungefähr so, als würde ein Luftwaffensoldat in einem Fliegerhorst sein Haus neben der Startbahn bauen.

Trainingslauf zwischen den Welten
Zurück im Camp heißt es dann erst mal ausladen, essen, zum Debriefing (Abschlussbesprechung) gehen und das Auto zurückgeben. Danach ist wieder Sport angesagt, obwohl ich das im Hinblick auf die Hitze und die stinkenden Müllberge am Rand der Strecke eigentlich gar nicht will. Aber hilft alles nix, los geht’s…
Auf der Laufspur zwischen den beiden Welten kann man zumindest zeitweise abschalten und das auf der Patrouille Erlebte angemessen verarbeiten, auf deutsch: Wieder einen klaren Kopf bekommen. Meine Laufstrecke führte mich diesmal einmal quer durch´s ganze Camp, vorbei an den Truppen aus Bangladesh und auch der Eingreifreserve aus Indien. Links und rechts der Straße haben die Pioniere mittlerweile reichlich Sportanlagen gebaut, Volleyball-, Fußball- und Basketballfelder. Man merkt schon, dass die Schutztruppen üblicherweise für zwei Jahre hier sind und sich auch ein einfacher Soldat in dieser Zeit kaum den Flugpreis für den Heimaturlaub leisten kann. Nach dem Lauf habe ich mich ins Telefon-System der UN eingeloggt und die Chance genutzt nach Hause zu telefonieren - in der Hoffnung, dass meine Kinder nach der langen Zeit der Abwesenheit meine Stimme wieder erkennen. Und tatsächlich: Es warteten schon alle ganz gespannt am anderen Ende der Verbindung. Auch wenn es auch nur ein paar Sätze waren, so ging es mir doch gleich viel besser!
Wie das wohl sein mag, wenn unsere Jüngste im Februar geboren wird und ich erst im Mai wieder Heim komme? Drei volle Monate kann ich dann den Fortgang der Entwicklung nur anhand von Photos und den Erzählungen meiner Frau am Telefon verfolgen.

Besuch im Waisenhaus
Am nächsten Tag haben wir dann die gesammelten Spielsachen, Kleidung, Süßigkeiten und Nahrungsmittel in die Autos verladen und sind in zwei Konvois zu einem Waisenhaus aufgebrochen. Ziel der Aktion: Ein wenig Freude in die Gesichter der Kinder zaubern. Wie erwartet, waren wir natürlich die Hauptattraktion für die Kids. Einige sangen und tanzten uns was vor; andere kamen mit einem Ball und wollten einfach nur ein wenig mit uns Fußball spielen …
Nach knapp einer halben Stunde „des Miteinander warm werdens“ sind wir dann ins Haupthaus gegangen, um dort der offiziellen Veranstaltung beizuwohnen.

Dieses Waisenhaus wurde um 1963 gegründet, zu Zeiten also, als hier im Sudan der erste Bürgerkrieg tobte. Zu finden sind hier (wie in Afrika üblich) aber nicht nur Waisen, sondern auch behinderte Kinder, die man einfach ausgesetzt hat. Geführt wird die Einrichtung von staatlicher Seite, da aber Zahlungen und materielle Unterstützung nur unregelmäßig fließen, ist man hier stark auf die Hilfe/Spende von UNO und nicht staatlicher Hilfsorganisationen (NGO) angewiesen, oder in unserem Fall derer, die sich privat engagieren – denn was wir hier verschenken, wird nicht aus der UNO-Kasse gezahlt.
Bei einigen etwas älteren Kindern konnte ich im Übrigen Narben von Verletzungen entdecken, die – wenn man den Gedanken weiterspinnt – erklären, warum sie Vollwaisen sind...
Zum Abschluss haben wir den Kindern noch ein Mittagessen gestiftet, damit dieser Tag noch länger positiv in Erinnerung bleibt. Alles in allem war es ein gelungener Besuch, auch wenn uns die negativen Randerscheinungen etwas nachdenklich und traurig machten, weil die Konflikte auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wurden und werden...
Bilder
Die Ärmsten der Armen (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)
Größere Abbildung anzeigenEin Dorf, das schon bessere Tage gesehen hat (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)
Größere Abbildung anzeigenWaisenkind mit Verletzungen am Kopf (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)
Größere Abbildung anzeigenFußball ist eine universelle Sprache (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)
Größere Abbildung anzeigenBlick in eines der Zimmer der Kinder (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)
Größere Abbildung anzeigen… wenn der Platz im Waisenhaus nicht reicht, (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)
Größere Abbildung anzeigenLeichte Berührungsängste zu Beginn (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)
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