Nachschub kommt aus Mecklenburg-Vorpommern
Trollenhagen, 04.05.2011.
Am Rande Neubrandenburgs, der drittgrößten Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, liegt der Fliegerhorst Trollenhagen. Mit der Einsatzunterstützungsgruppe der Luftwaffe (EinsUstgGrpLw) wurde hier ab 2007 eine neue Fähigkeit der Luftwaffe implementiert, der sogenannte logistische Einsatzverband. Während die EinsUstgGrpLw den Auftrag verfolgt, fliegende Verbände – weltweit – bei Einsätzen und Übungen zu unterstützen, fokussiert sich die seit Mitte 2008 unterstellte Fliegerhorststaffel Trollenhagen neben der Unterstützung des benachbarten Jagdgeschwaders 73 „Steinhoff“ (JG 73 „S“) auf die Folgeversorgung des deutschen ISAF-Kontingentes in Afghanistan.

Zur Entlastung des Flughafens Köln/Bonn wurde im März 2004 eine Untersuchung durchgeführt, in wie weit der Flugplatz Trollenhagen zur Folgeversorgung des deutschen Einsatzkontingentes in Afghanistan nutzbar ist. Nach positiver Prüfung wurde dann beginnend in 2005 sukzessive die Luftfrachtabfertigung nach Trollenhagen verlagert. Durch Nachweis einer hohen Zuverlässigkeit wurde dann schließlich ab Ende 2006 auch der Anteil Luftfracht vom Flughafen Frankfurt/Hahn nach Trollenhagen verlegt. Anfangs noch mit den Luftfahrzeugmustern Iljuschin Il-76 und Antonov An-12 wird mittlerweile fast ausschließlich auf die Il-76 als Arbeitspferd gesetzt. Beginnend in 2005 mit runf 100 abgefertigten Luftfahrzeugen ist die Anzahl der Abfertigungen in 2010 auf ein neues Rekordniveau von 500 Maschinen geklettert. Die beförderte Tonnage erreichte ebenfalls mit knapp 15.000 Tonnen einen neuen Höchststand.

Das Arbeitspferd Iljuschin Il-76
Viele interessierte Blicke der Neubrandenburger Anwohner erntet die imposante Il-76, die in der Woche etwa zehnmal den Platz in Trollenhagen anfliegt. Das Flugzeug kommt meistens aus der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku und braucht nur knapp einen Kilometer Landebahn, um seine bis zu 190 Tonnen Gesamtgewicht zum Stehen zu bringen. Besondere Bremsen und extra in die Flügel eingebaute Spoiler machen diese bemerkenswerte Eigenschaft erst möglich. Im unteren Teil der Flugzeugnase ist der Arbeitsplatz des Navigators mit Sichtfenstern eingerichtet, der die militärische Herkunft der Il-76 erahnen lässt. Die Il-76 wurde für Einsätze in einem Temperaturbereich von – 70 bis + 45 Grad Celsius entwickelt und kann somit in allen Klimaregionen betrieben werden. Hierzu werden die Frontscheiben und Nasenkanten elektrisch enteist.

Je nach zu erwartender Beschaffenheit der Landebahn kann die Maschine den Reifendruck an den Untergrund optimal anpassen, ist damit auch für raue Pisten bestens gerüstet. Für den Einsatz in Afghanistan ist die Iljuschin seit Jahren auch deswegen so hilfreich, weil sie als ehemaliger Einsatztransporter von verhältnismäßig kleinen Pisten aus starten kann. Die eingesetzten Il-76 D oder TD können eine Nutzlast von maximal 50 Tonnen transportieren. Mit der Bundeswehr ist vertraglich eine Ausfuhr von 30 Tonnen geregelt. Kommt die Iljuschin zurück nach Trollenhagen, dann sind vertragsgemäß bis zu 20 Tonnen verstaut. Bis zu neun Crewmitglieder befinden sich an Bord der Maschine. Bemerkenswert ist die Einrichtung des Cockpits auf zwei Etagen: Über dem Navigator ist die eigentliche Flugcrew untergebracht. Man erreicht sie über eine Treppe, die mehr an eine Feuerleiter erinnert. Die Einrichtung und Ausstattung im Cockpit erinnert eher an den Maschinenraum eines Frachters, denn die ursprünglich aus sowjetischer Technik stammende Maschine fokussiert sich mehr auf Funktionalität und nimmt dabei weniger Rücksicht auf ergonomische oder arbeitsschutzrechtliche Anforderungen. Diese Eindrücke sollen aber keineswegs die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems schmälern, denn hinsichtlich seiner „Einsatz“ - Fähigkeit ist die Maschine über jeden Zweifel erhaben.

Zwischenstopp in Baku
Die weitaus meisten Maschinen für die deutsche ISAF-Unterstützung sind bei der Silkway-Airlines, einem Lufttransportunternehmen aus Aserbeidschan gechartert. Die Anspielung auf die Seidenroute ist zutreffend, denn die Airline ist weltweit im Geschäft. Weil das Unternehmen, wie jede andere Fluggesellschaft im übrigen auch, seine Treibstoffkosten möglichst niedrig halten will, tankt die Il-76 nur im Ausnahmefall den teuren, deutschen Sprit. Obschon die Maschine die Strecke von Trollenhagen nach Mazar-e-Sharif auf dem Direktweg in sieben Stunden schaffen kann, nimmt sie meistens einen zehnstündigen Umweg über Baku: Der Ölhafen am schwarzen Meer macht die Hauptstadt Aserbeidschans zu einer spottbilligen Drehscheibe für Treibstoff, wo die Maschine über 80.000 Liter Treibstoff aufnimmt.

Der Luftumschlagzug – rund um die Uhr professionelle Arbeit
Im Laderaum der Iljuschin sind vier einzelne Kräne eingepasst, die ihrerseits eine Tragfähigkeit von bis zu 2,5 Tonnen leisten. Auch können alle vier Kräne gleichzeitig eine bis zu zehn Tonnen schwere Last aus dem Flugzeug heben. Zeit ist bekanntlich Geld und dies ist auch die Handlungsmaxime der Crew. Und so ist es denn auch nicht verwunderlich, dass direkt nach dem Ausstellen der Triebwerke ein eingespieltes Team der Fliegerhorststaffel Trollenhagen mit der Entladung des Luftfahrzeuges beginnt.
Bei dieser werden palettenweise die Güter aus der Maschine geholt und an die wartenden Lastkraftwagen herantransportiert, die die Güter ihrerseits weiter in ein Zwischendepot in der Nähe des Flughafens bringen. Das kann im Behelfsfalle aber auch ein umfunktionierter alter Shelter noch auf dem Flugplatz sein. In diesem Zwischendepot werden die Güter bis zum Abtransport durch eine zivile Firma in das Lager Rechlin gelagert, von wo aus der weitere Transport in die Einheiten im ganzen Bundesgebiet organisiert wird.
Bei jeder dieser Tätigkeiten ist es wie ein immer wiederkehrender Kampf gegen die Uhr. Letztlich wollen die Crew der Iljuschin und die Luftwaffentransportsoldaten aus Trollenhagen möglichst schnell sein. Und so wird die Ladung in rekordverdächtiger Zeit gelöscht und die nächste bereits wieder für die kommende Iljuschin vorbereitet. So dauert es nur zwei Stunden bis die Maschine bereits wieder auf der Runway steht und auf die Startfreigabe vom Tower wartet.
Die rund 30 Soldaten des Luftumschlagzuges haben hierzu ein Schichtsystem implementiert, um die Maschinen rund um die Uhr – gegebenfalls auch am Wochenende – annehmen und abfertigen zu können.

Transportgut jeglicher Art
Von Trollenhagen aus werden dabei alle nur erdenklichen Güter versandt. Von Großfahrzeugen, Luftfahrzeugtriebwerken, Aggregaten oder geschützten Fahrzeugen über Ersatzteile bis hin zu persönlicher Ausrüstung der Soldaten hat alles schon seinen Weg in den riesigen Laderaum der Il-76 gefunden. Auch saisonale Besonderheiten wie Weihnachtsbäume für die Kameraden im Einsatz oder Spendengüter in Form von Musikinstrumenten für die afghanische Bevölkerung wurden bereits transportiert. Im Zeitalter von Internet und sozialen Netzwerken hat im Bereich der Kommunikation zwischen Soldaten im Einsatzland und den Angehörigen die Briefpost einen nie vermuteten Stellenwert bekommen. Das Gewicht der transportierten Briefpost beläuft sich auf bis zu 4 Tonnen (!) täglich. So trägt diese in vielen Bereichen heute mittlerweile antiquiert anmutende Kommunikationsform zur lebenswichtigen Motivation unserer Soldaten bei.

Fazit
Die Iljuschin Il-76 soll, ist und wird keine Alternative zum Airbus A400M sein. Aber sie schließt zwischenzeitlich eine strategische Transportlücke, damit die Soldaten im Einsatz tagtäglich mit allen lebenswichtigen Waren und Gütern versorgt werden. Die Luftwaffe hat sich ein effizientes Transportmittel gechartert, das auf dem freien Markt bei mehreren Cargo-Airlines verfügbar ist, damit die Bundeswehr einerseits nicht in eine singuläre Abhängigkeit einer Firma gerät, aber andererseits immer so viel Spielraum hat, um unsere Soldaten im Einsatzland angemessen zu versorgen.
In den Einsatzländern können unsere Soldaten darauf vertrauen, dass die Luftwaffentransportsoldaten in der Heimat alles unternehmen, um rechtzeitig den Nachschub für die Kameraden bereitzustellen.
