Die Drehscheibe des Nordens
Mazar-e Sharif, 02.02.2011.
Der Flugplatz Mazar-e Sharif hat sich zur Drehscheibe des Luftverkehrs im Norden Afghanistans gemausert. Mit Unterstützung deutscher Luftwaffensoldaten und denen verbündeter Nationen trägt der weitere Aufbau der Anlage dazu bei, die Situation der ISAF und des gesamten Norden Afghanistans zu stabilisieren.

Trotz der stolzen Anzahl von insgesamt über 100.000 Flugbewegungen seit 2007 liegt vor den Soldaten aus den Bereichen Flugverkehrskontrolldienst, Flugberatung, technischer Dienst, Luftraumüberwachung und Wetterdienst immer noch ein hartes Stück Arbeit. Zukünftig geht es darum, Voraussetzungen zu schaffen, um den Flugplatzbetrieb in die afghanischen Hände zurückzugeben.

Keine Atempause
Im Leistungsvergleich zu den zivil-militärisch betriebenen Flugplätzen in Deutschland nimmt der „Airport Mazar-e Sharif“ (MeS) eine Spitzenposition ein. Im vergangen Jahr kamen die Fluglotsen insgesamt auf 52.700 Flugbewegungen.
Im Vergleich zum Vorjahr mit rund 22.000 Flugbewegungen handelt es sich um eine Steigerung von deutlich mehr als 100%, die von den Soldaten der Flugbetriebsstaffel im 24-Stunden Betrieb über sieben Tage die Woche geleistet wurde und wird: Um den Flugplatz und seinen Dienstbetrieb für militärischen wie zivilen Luftverkehr aufrechtzuerhalten, gibt es für die Soldaten kein Wochenende, keinen Feiertag oder anderweitige Zeiträume, an denen sie sich eine Pause gönnen können. Neben dem Schichtbetrieb werden noch Zusatzbelastungen wie etwa Wachdienste im Rahmen der Absicherung des Camps und des Flugplatzes fällig - und das unter den besonderen klimatischen Bedingungen Afghanistans.

Entwicklungshilfe Flugsicherung
Die Flugsicherung wurde im Jahr 2006 mit einer Handvoll deutscher Fluglotsen etabliert. Bis dahin waren lediglich zwei afghanische Towermitarbeiter anwesend, die einen Informationsdienst für an- und abfliegende Flugzeuge sicherstellten. Dazu hatten sie zwei Funkgeräte russischer Bauart zur Verfügung - und der beaufsichtigende, höchste Flugsicherheitskontrolloffizier des Einsatzgeschwaders ISAF ein analoges Telefon, ein Handy und ein Tetrapol Handfunkgerät, mit dem er den Fahrzeugverkehr auf dem Flugplatz kontrollierte, während sich das Camp und die Flugplatzinfrastruktur noch im Aufbau befanden.
Das offizielle Mandat zur Übergabe der Verantwortung der Flugverkehrskontrolle wurde im Jahr 2007 an den deutschen ISAF-Anteil vorbereitet und vollzogen, denn Eile war geboten: Die Verlegung der Recce-Tornados aus Deutschland sowie der C-160 Transall und CH-53 MEDEVAC-Komponenten aus Termez / Usbekistan stand bevor.
Dann ging es Schlag auf Schlag: Personal wurde aufgestockt, noch im gleichen Jahr kam zur Unterstützung des Luftverkehrs das Luftraumüberwachungsradar LÜR hinzu, kontrollierte Lufträume wurden etabliert, der vormalige Informationsdienst ging in einen professionellen Kontrolldienst über und schließlich wurde eine neue Startbahn inklusive neuer Navigationsanlagen erbaut. Mit Unterstützung amerikanischer Fluglotsen konnte ab dem Jahr 2010 der „24-Stunden-Betrieb“ sichergestellt werden. Zum Luftholen blieb da kaum Zeit …

Zukunftsperspektive und Ziel
Es bedarf einer umfassenden und langen Ausbildung nach internationalen Standards, um an einem Flugplatz eingesetzt zu werden, an dem zwischen 5.500 und 6.500 Flugbewegungen unterschiedlichster Luftfahrzeugmuster pro Monat zu kontrollieren sind, erläutert Oberstleutnant Dietmar L., Senior Air Traffic Control Officer (SATCO) und Staffelchef der Flugbetriebsstaffel beim Base Commander (Flugplatzleiter) über den Flugplatz Mazar-e Sharif.
L. muss es wissen, denn er ist der höchste Flugsicherheitskontrolloffizier am Platz. Doch zurück zur Ausbildung des Towerpersonals: Vor Ort kommt noch eine detaillierte Einweisung in die Arbeitspositionen des Towers und die örtlichen Gegebenheiten des Flugplatzes hinzu. Oft haben die militärischen Kontrolloffiziere nur wenig Zeit dafür, denn sie werden sofort nach Ankunft in die Arbeitspositionen gesetzt. „Unsere Lotsen sind gut ausgebildet, haben jedoch auch teilweise ein Gewöhnungsproblem an die Masse des Flugverkehrs. Dennoch kommen sie schnell damit zurecht, da sie auf ihre Erfahrungen und eine professionelle Ausbildung zurückgreifen können“, weiß Oberstleutnant L. aus eigener Erfahrung zu berichten. Nun soll dieses Geschäft und die entsprechende Verantwortung künftig an afghanische Lotsen übergeben werden, die durch die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit Anfang 2010 angeworben wurden und derzeit in englischer Sprache und der Theorie der Flugsicherung ausgebildet werden. Ab Mitte 2011 soll eine Simulatorausbildung erfolgen, die sie auf eine praktische Ausbildung auf dem Tower MeS vorbereitet. Insgesamt 20 Lotsen sind für MeS vorgesehen.

50.000 sind erst der Anfang
„50.000 Flugbewegungen sind erst der Anfang“, prognostiziert Oberstleutnant L. die Zukunft des Flugplatzes - und deutet damit an, dass die angelernten afghanischen Fluglotsen genug Arbeit haben werden. Nicht nur der militärische Teil, sondern auch der zivile Teil des Airports werden erheblich erweitert und umfangreich ausgebaut. Insgesamt rund 50 Millionen Dollar werden derzeit in den Ausbau der zivilen Seite für Passagier- und Cargoterminals, Verwaltungs- Feuerwehr- und Sicherheitsgebäude investiert. Dazu kommt der Bau neuer Abstellflächen, Rollwege und Straßen sowie eines neuen Towers. Im Jahr 2013 soll das Projekt abgeschlossen sein - die Erwartungshaltungen sind dementsprechend hoch.

Der Flugbetrieb wird sich voraussichtlich derart steigern, dass der internationale Airport MeS mit deutschen Flugplätzen bei der Zahl der Flugbewegungen mithalten kann. Die afghanischen Fluglotsenanwärter im Alter von 19-21 Jahren sind hochmotiviert und zeigen sehr deutlich, dass sie die Verantwortung in ihrem Land übernehmen wollen. Allerdings bedarf es dabei auch weiterhin professioneller Hilfe durch erfahrene Fluglotsen sowie spezieller Unterstützung im Managementbereich des Flugplatzbetriebes. „Wenn ein Mandat politisch und militärisch besonders wertvoll ist, dann ist es der Auftrag zur Unterstützung der afghanischen Regierung beim Aufbau derartiger Flugplätze", resümiert der SATCO in seinem abschließenden Statement.
Der „Airport MeS“ ist eine permanente militärische wie zivile stütze für die Sicherheit Afghanistans - und er schafft Arbeitsplätze.
Die Luftwaffe trägt dafür Sorge, dass sie als Drehscheibe des Luftverkehrs über Nordafghanistan funktioniert und weiter aufwächst.
