Ohne SASPF fliegt der NH90 nicht
Holzdorf, 06.04.2011.
Was haben ein Einsatzführungsbereich der Luftwaffe, ein neu aufgestelltes Hubschraubergeschwader und eine Heeresfliegerunterstützungsstaffel gemeinsam? Richtig: Sie arbeiten bereits seit einigen Monaten mit SASPF. Luftwaffe.de beleuchtet die neuen Arbeitsstrukturen exemplarisch am Hubschraubergeschwader 64 (HSG 64) in Holzdorf/Schönewalde.

Das Personal dieser Einheiten nutzt seit Oktober 2010 teilstreitkräfteübergreifend die Anteile „Logistik“ der neuen Standard-Anwendungs-Software-Produkt-Familien (SASPF). Was für das Vorhaben SASPF mit seinen Hauptprozessen ein wichtiger Meilenstein ist, bedeutet für die Arbeitsabläufe am Standort Holzdorf/Schönewalde gleichzeitig eine große Veränderung.
Aber eins nach dem Anderen.

Was ist SASPF?
SASPF ist das Projekt der Bundeswehr zur Einführung von betriebswirtschaftlicher Standardsoftware. Durch die Verwendung von marktverfügbaren Softwareprodukten will die Bundeswehr in Zukunft auf über einhundert speziell entwickelte Einzelprogramme verzichten. Deren stetige Anpassung und Weiterentwicklung, aber auch deren Vernetzung untereinander, wird mit zunehmendem Alter immer aufwändiger und somit teurer. Für einzelne Produkte geht zudem schleichend aber kontinuierlich die Expertise verloren oder die veraltete Technologie kann nicht mehr auf den aktuellen Hardwareplattformen eingesetzt werden.
Als Kern der Softwareerneuerung ist das Produkt SAP DFPS der Waldorfer Firma SAP zu nennen, welches, wie der Zusatz DFPS (Defense Forces Public Security) verrät, auf die speziellen Bedürfnisse der Bundeswehr angepasst wurde. Weitere Standardsoftwareprodukte, sogenannte Komplementärprodukte, können bedarfsgerecht diese Lösung ergänzen. Auch hierbei ist die Marktverfügbarkeit wichtiges Auswahlkriterium. Mit diesem Lösungsansatz verfolgt die Bundeswehr das Ziel, auf eigene Softwarepflege und –anpassung gänzlich zu verzichten und eine integrierte, alle Unternehmensbereiche betreffende Lösung zu etablieren. Der Prozessgedanke steht dabei im Vordergrund. Das bedeutet, dass alle Mitarbeiter des Unternehmens, seien es Techniker, Lageristen, Transporteure oder auch Manager und Budgetverantwortliche bis hin zu denen, die dezentral einkaufen oder bezahlen, bei allen Vorgängen automatisch einbezogen werden. Viele Aktionen laufen vollautomatisch im Hintergrund ab, die zentrale und einmalige Datenspeicherung sorgt für Transparenz und Effizienz.

SASPF schon im jüngsten Geschwader angekommen
Eigentlich hätte man erwarten können, dass die Einführung von SASPF vorrangig in Verbänden stattfindet, die über etablierte Waffensysteme und somit auch über eine entsprechende Infrastruktur verfügen. Dies ist aber nicht der Fall. Nach der Implementierung der innovativen Standardsoftware an den Standorten Diepholz und Faßberg nutze die Bundeswehr anschließend die Gunst der Stunde und die Neuaufstellung eines Verbandes. Das jüngste Geschwader der Luftwaffe, das Hubschraubergeschwader 64 in Holzdorf/Schönewalde, erhielt neben dem neuen Waffensystem NATO-Hubschrauber-90 (NH90) gleichzeitig auch die neue Arbeitsplattform SASPF.

Bei der Übernahme des ersten NH90 während der Implementierungsphase von SASPF in das HSG 64 war es nur konsequent, diesen Drehflügler sofort „SASPF-fähig“ in das System zu überführen. So konnte das Geschwader schon im letzten Jahr mit den neuen zur Verfügung stehenden Softwarefunktionen den Flugbetrieb aufnehmen, die Instandsetzung des komplexen Waffensystems durchführen und die materielle Versorgung des NH90 sicherstellen. Was die Einführung von SASPF im Zusammenhang mit dem neuen Hubschrauber aber wirklich bemerkenswert macht ist die Tatsache, dass selbst der „Klarstand“ der Flugtauglichkeit durch das System ausgewertet wird. So erkennt die Software beispielsweise anhand eines fehlenden Ersatzteiles selbstständig, dass das Fluggerät nicht abheben darf – und meldet dies natürlich auch. Wenn dieses „intelligente“ System kein Beitrag zur Flugsicherheit ist.

Die Außenstandorte, die vom HSG 64 mit Material zu versorgen sind, etwa Berlin –Tegel mit der 3. Lufttransportstaffel der Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung, einer Außenstelle des IT-Sektor 5 oder den im Osten Deutschlands stationierten Abgesetzten Technischen Zügen des Einsatzführungsbereiches 3, arbeiten seit Oktober 2010 mit den SASPF-Funktionen der Arbeitsfelder Materialbewirtschaftung und Instandhaltung. Mit dem HSG 64 nutzt erstmalig ein fliegender Verband der Luftwaffe alle bisher entwickelten SASPF-Funktionen, also Ausbildungsmanagement, Personalwirtschaft, Controlling, Materialbewirtschaftung und Instandhaltung.

Ein typischer Workflow
Der moderne Datenverbund vereinfacht unter Nutzung von SASPF notwendige Beschaffungsvorgänge erheblich. Benötigt heute beispielsweise ein Techniker in einem Abgesetzten Technischen Zug irgendwo in Ostdeutschland für die Instandsetzung eines Gerätes ein nicht vorrätiges und dezentral zu beschaffendes Ersatzteil, muss er nicht unbedingt „weite Wege“ in Kauf nehmen. Er vermerkt diesen Materialbedarf in einem elektronischen Arbeitsauftrag an seinem SASPF-Rechner.
Im Hubschraubergeschwader 64 – also möglicherweise weit entfernt vom direkten Bedarfsträger – wird diese Anforderung per Datentransfer aufgenommen, durch den dortigen Nachschub in eine Materialbestellung umgesetzt und – ebenfalls elektronisch - zur Beschaffung an das Bundeswehrdienstleistungszentrum (BwDLZ) Doberlug-Kirchhain weitergeleitet.

Die Buchungen der Bestellung durch das BwDLZ und der späteren Auslieferung des Ersatzteiles an den anfordernden Techniker des Abgesetzten Technischen Zuges schließen den Beschaffungsvorgang ab. Der in SASPF eingetragene Materialverbrauch, der Arbeitsaufwand und der technische Status des betroffenen Gerätes bilden zusätzlich die Grundlagen für eine Auswertung durch das Controlling.

SASPF im Plan
Zeitgleich zur Einführung von SASPF am Standort Holzdorf/Schönewalde begannen bereits die Maßnahmen für das nachfolgende Rollout-Teilprojekt. Nach Abschluss werden zum April 2011 der Einsatzführungsbereich 1 in Meßstetten und der Einsatzführungsbereich 2 in Erndtebrück mit den gleichen SASPF-Funktionen ausgestattet und zum ersten Mal ein kompletter Dienstteilbereich der Luftwaffe in SASPF abgebildet sein. Die Frauen und Männer des HSG 64 haben bei der Einführung von SASPF in Lead-Funktion für die Luftwaffe und im engen Schulterschluß mit dem Kommando 2. Luftwaffendivision, dem Luftwaffenführungskommando A4 und dem Waffensystemkommando Luftwaffe „Kinderkrankheiten“ von SASPF rechtzeitig identifiziert und behandelt, ansonsten werden weitere Ämter wie das IT-Amt Bundeswehr oder Streitkräfteunterstützungskommando in die Lösung miteinbezogen. Gerade angesichts knapper Haushaltsmittel sind Organisationsbereich-übergreifende und am Einsatz orientierte Priorisierungen notwendig, wozu auch diese wichtigen und dringlichen Pionierarbeiten zu SASPF gehören. Aber genau dadurch gelingt es, dass der NH90 ab 2012 zusammen mit dem Hubschrauber Tiger am ISAF-Einsatz teilnehmen kann.

Ab Herbst diesen Jahres sind auch die Offizierschule der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck und die Unteroffizierschule der Luftwaffe in Appen für den Rollout vorgesehen. Parallel dazu sollen, bis einschließlich Juli 2012, die Flugabwehrraketenverbände in SASPF „ausgerollt“ sein.
Die einzelnen fliegenden Verbände folgen Zug um Zug – nicht nach Standorten oder Verbandsstrukturen sondern nach bestimmten Funktionalitäten von SASPF festgelegt. Bis 2015 wird die Einführungsorganisation der Luftwaffe (EFO Lw) alle Verbände bereist, abgearbeitet und damit eine Herkules-Aufgabe gemeistert haben, die heute schon quer durch die Luftwaffe viele Workflows - bis hin zur Einsatzbereitschaft - kennzeichnet. Eins bleibt sicher festzustellen: SASPF ist in der Luftwaffe angekommen – und das nicht erst seit gestern!
