EATC – eine „militärische Star Alliance“
Eindhoven, 13.09.2011.
Über 150 Flugzeuge arbeiten mittlerweile für das European Air Transport Command „EATC“ in Eindhoven. Knapp ein Jahr nach Indienststellung des Kommandos wagt Luftwaffe.de eine Bestandsaufnahme einer militärischen „Airline“, die mit ihrer außergewöhnlichen Flotte ihre Lasten in die entlegensten Winkel dieses Planeten transportieren kann.

Ein unscheinbares Gebäude auf der Airbase im niederländischen Eindhoven. Doch befindet sich darin seit nunmehr einem Jahr eine militärische Dienststelle, die beispielgebend für das Zusammenwachsen Europas ist: Das European Air Transport Command (EATC) – eine Art multinationale militärische Airline. Mehr als 150 Flugzeuge von vier Nationen werden mittlerweile von Eindhoven aus gesteuert und eingesetzt.

Joint in die Zukunft
In der so genannten Mission Control – dem Gefechtsstand des EATC – hat Oberstleutnant Michael Kaiser gerade die Tagesschicht übernommen. Die Nachtschicht war ein wenig hektisch, denn „kurzfristig musste ein Medical-Evacuation-Flug geplant werden“, sagt der sogenannte „Flight Dispatcher“ Hauptfeldwebel Frank Witucki bei der Übergabe. Der „Dispatcher“ ist derjenige Soldat, der die verschiedenen Einsätze der Flugzeuge konkret steuert. In kurzer Zeit mussten Überflugrechte - Diplomatic Clearance genannt - und auch Beladepläne erstellt werden. „In diesem Fall ging das sehr zügig, rund zwei Stunden nach der Anfrage stand der Flug“, betont Witucki.

Keine Seltenheit im täglichen Dienst für das vierköpfige Team, das sieben Tage die Woche und 24 Stunden pro Tag im Zweischichtsystem eine Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft unterhält. Neben dem Schichtleiter und dem Flight Dispatcher gibt es noch einen Flugkontrolloffizier und einen Logistikfeldwebel, immer gemischt – von den vier beteiligten Nationen Deutschland, Frankreich, Belgien und Niederlande – gestellt. Die Aufgaben der Bundeswehr - und von modernen Streitkräften insgesamt - sind heute so vielfältig und herausfordernd wie selten zuvor. Beweglichkeit und schnelles Reagieren von Truppen ist dabei Grundvoraussetzung für einen Einsatz.

Daher kommt dem militärischen Lufttransport eine wichtige Bedeutung zu. Und diesen zentral zu steuern, hat in der deutschen Luftwaffe eine lange Tradition. Dieses erkannte man bereits bei Hilfsflügen in den 60er Jahren. Zuletzt nahm diese Aufgabe das Lufttransportkommando in Münster wahr. „Im Zuge der internationalen Einsätze wurde zunehmend die Frage gestellt, warum die europäischen Partner nicht den Einsatz ihrer Lufttransportkräfte gemeinsam planen und steuern, um damit effizienter zu sein“, erklärt Oberst i.G. Ludger Bette, stellvertretender Dienstältester Deutscher Offizier beim EATC und Head der Mission Controlling Branch. 1999 entschied man sich daher, mit einem europäischen Lufttransportkommando eine gemeinsame Basis für den internationalen Lufttransport zu schaffen. Ziel war es, Synergien herbeizuführen, sowohl hinsichtlich der Auslastung der Luftfahrzeuge, als auch der verfügbaren unterschiedlichen Luftfahrzeugtypen der Partnernationen. „Denn nicht jede Nation kann für jedes Einsatz und jeden Einzelfall die erforderlichen Luftfahrzeuge vorhalten, ein solches finanzielles Budget ist in der heutigen Zeit nicht realisierbar“, sagt Bette. Mit der Unterzeichnung einer Absichtserklärung im April 2006 durch Deutschland und Frankreich wurde die Konzeptphase des EATC eingeleitet. Belgien sowie die Niederlande schlossen sich nachträglich an. Die beteiligten Nationen beschlossen dabei, Luftfahrzeuge zur Durchführung von militärischen Lufttransport- und Luftbetankungsaufgaben dem EATC zu unterstellen. Die Besetzung der ersten Dienstposten erfolgte im Juli vergangenen Jahres. Geführt wird das EATC durch einen Generalmajor als Kommandeur, der zunächst durch die deutsche Luftwaffe gestellt wird, nach zwei Jahren von Frankreich.

Durchstrukturiert und engagiert
Anfang Mai dieses Jahres meldete das EATC seine Anfangsbefähigung – Initial operational capability: Mit der Anzahl von rund 150 geführten Flugzeugen und 60 000 Flugstunden pro Jahr hat das EATC die Größe einer bemerkenswerten „Fluggesellschaft“ erreicht. Es wurde im abgelaufenen Jahr bereits viel geschafft und auch die Aufträge waren reichhaltig, erinnern sich Kaiser und Witucki. Beide sind erfahren: Der Oberstleutnant ist selbst Pilot und auf der „Transall“ groß geworden, Witucki ist seit langem Flugberaterfeldwebel und - mit seiner Zeit beim Lufttransportkommando in Münster eingerechnet - schon seit fast 20 Jahren im Gefechtsstand.

„Berührt hat mich vor allem in diesem Jahr der Hilfseinsatz nach dem Atomunglück in Fukushima, wo wir mit zwei französischen Maschinen in mehreren Flügen mehr als 1300 Europäer nach Südkorea ausgeflogen haben“, erklärt Kaiser. Beide sind mit Transportflügen in alle Welt betraut. Dabei muß man wissen, dass die drei anderen Partnernationen infolge ihrer Geschichte auch ganz andere Interessen haben, die Sie mit ihrem heutigen Transportbedarf verbinden. So sind zum Beispiel die Franzosen und Belgier - im Vergleich zu Deutschland - bedeutend stärker in Afrika involviert. Für die deutsche Seite bündelt und übermittelt vorrangig das Logistikzentrum der Bundeswehr in Wilhelmshaven den deutschen Transportbedarf nach Eindhoven. Dort werden dann alle vorliegenden Anfragen nationenübergreifend ausgewertet und das in Bezug auf Stationierungsort, Ladekapazität, Reichweite und Einsatzauftrag am besten geeignete Luftfahrzeug zum Einsatz gebracht. Somit werden Parallel- oder Leerflüge sowie teures „Outsourcing“ erheblich reduziert. Das macht sich besonders bei der routinemäßigen Versorgung in den Einsatzländern bemerkbar.

Synergien durch den A400M
Doch es gilt nicht nur den Transportbedarf zu bündeln, sondern auch Vorschriften und Verfahren zu harmonisieren. In der Vergangenheit fanden solche Bestrebungen häufig Grenzen, da sich über Jahrzehnte rein nationale Verfahren, Prozesse und Zuständigkeiten in den jeweiligen Nationen ausgebildet hatten. Gerade mit Blick auf den Airbus A-400 M ergibt sich die „Chance, eine enge multinationale Zusammenarbeit zu implementieren und bereits vor Einführung die notwendigen Grundlagen dafür zu schaffen“, betont Bette. Und vor allem hofft der Transportpilot Kaiser, dass er in naher Zukunft noch den einen oder anderen Einsatz eines A-400 M von Eindhoven aus führen darf.

Fazit des Kommandeurs
Generalmajor Jochen Both ist seit September vergangenen Jahres der erste Kommandeur des EATC. Ein Jahr nach Indienststellung zieht er eine Zwischenbilanz: „Es ist erfreulich, dass das EATC schon im ersten Jahr beweisen konnte, dass multinationale Kooperation im Sinne von „Pooling und Sharing“ effektiv und auch effizient sein kann. Dies hat vor allem die „Operateure“ der vier Partnernationen überzeugt.“ Auf die Frage, wie sich der erste Kommandeur des EATC die kommenden Jahre vorstellt, ist dieser verhalten optimistisch: „Es wird darum gehen, bestehende Verfahren zu hinterfragen und parallel dazu das Vertrauen der Partnernationen in das EATC als Kompetenzträger des militärischen Lufttransports zu steigern. Der Blick muss über das bloße Durchführen von Lufttransporten hinausgehen und mittelfristig zu einem Mentalitätswandel - was Harmonisierung und Standardisierung betrifft - führen.“

Deutschland im EATC
Für Deutschland ist der Weg zur europäischen Integration im Bereich Lufttransport beschritten. Die Entscheidung, den militärischen Lufttransport europäisch zu organisieren und zu steuern, ist der einzig richtige Weg, um die auch in Zukunft knappen Ressourcen noch effizienter zu nutzen. Dennoch verbleibt ein Teil der Aufgaben in nationaler Verantwortung. Die Verteilung des militärischen Lufttransports auf nationale und internationale Strukturen stellte die Luftwaffe vor große Herausforderungen. Verantwortlichkeiten und Unterstellungsverhältnisse wurden neu geregelt, Schnittstellen überbrückt und Vorschriften und Verfahren an die neuen Rahmenbedingungen angepasst. Die Luftwaffe ist mit der Aufstellung des europäischen Lufttransportkommandos (EATC) und der damit verbundenen Auflösung nationaler Strukturen zugunsten einer multinationalen europäischen Kommandostruktur einen entscheidenden Schritt in Richtung europäischer Integration gegangen. Damit nimmt sie eine Vorreiterrolle innerhalb der Streitkräfte ein.

