Schwerkraft extrem Teil 2
Königsbrück, 10.05.2011.
In der Hochleistungszentrifuge des Flugmedizinischen Instituts der Luftwaffe (FMI) in Königsbrück bei Dresden ringen Eurofighter Piloten mit der Schwerkraft. Unter hohen G-Kräften werden sie mit der persönlichen Flugausrüstung und körperlichen Limits vertraut gemacht. Teil 2 der Reportage.

Bevor Jet-Piloten ihre fliegerische Ausbildung beginnen, müssen sie eine Vielzahl von Prüfungen und Hürden überwinden. Während im ersten Teil die Flugschüler im Fokus der Betrachtung standen, geht es in diesem Beitrag um die „Fortgeschrittenen“ sowie um die Einrichtung in Königsbrück selbst.

Hochleistungssport
… so nennt es Oberstleutnant Marc Grüne (40), Staffelkapitän der 2. Staffel des Jagdgeschwaders 74 aus Neuburg an der Donau. Er hat bereits vier Lehrgänge in der Zentrifuge hinter sich. „Absolute körperliche Fitness ist Voraussetzung für die unterschiedlichen „Flugprofile“ in der Hochleistungszentrifuge. Es verlangt dem Piloten Einiges ab.“ Grüne, der über 2000 Flugstunden auf F-4F Phantom und Mirage 2000 geflogen ist, weiß um die Bedeutung der Ausbildung in der Zentrifuge. Als Austausch-Pilot bei einer französischen Jagdstaffel hat er auf der Mirage bereits Erfahrungen im Bereich von 9 G sammeln dürfen: „Es ist sehr wichtig, dass ein Pilot weiß, wie der eigene Körper reagiert, wenn man an die Belastungsgrenzen geht. Im Flugzeug kann das Überschreiten der eigenen körperlichen Limits fatale Folgen haben. Daher ist das reale Erleben von 9 G über einen längeren Zeitraum in der Zentrifuge so wertvoll. Jeder kann die eigenen Anti-G-Manöver dabei ohne Risiko optimieren und seine Grenzen erfahren. Ein Vorteil ist auch, dass mehrere G-Profile in kurzer Abfolge trainiert werden. Hinzu kommen Notfallverfahren mit dem Einspielen von Fehlern unter hohen G-Kräften, wenn beispielsweise der Anzug mal Druckverlust haben sollte.“ All dies, so fügt er hinzu, diene in wesentlichem Maße der Flugsicherheit. Man könnte auch sagen: „Learn your limits.“

Abteilung Flugphysiologie
Als eine der sechs Abteilungen des FMI bietet die Abteilung Flugphysiologie in Königsbrück rund 180 verschiedene Lehrgänge pro Jahr an. Dazu zählen neben Grund- und Einweisungslehrgängen für fliegendes Personal - Jet, Propeller und Hubschrauber - vor allem die Wiederholungslehrgänge für Fliegende Besatzungen. Dabei werden dem Fliegenden Personal in der Höhen-Klima-Simulationsanlage die Besonderheiten von Sauerstoffmangelerscheinungen und rapider Dekompression demonstriert. Speziell für das Waffensystem Eurofighter werden außerdem ein Grund- und ein Qualifikationslehrgang in der Hochleistungszentrifuge durchgeführt. Hinzu kommen Sonderlehrgänge für Höhenfallschirmspringer, Jet-Passenger, Fliegerärzte, AirMedEvac-Personal, Segelflieger, Sport- und Höhenphysiologen sowie internationale Teilnehmer aus der European Air Group. Knapp 2000 Lehrgangsteilnehmer besuchen so jährlich den Standort Königsbrück bei Dresden.

Rückblick
Die Geschichte der Hochleistungszentrifuge in Königsbrück reicht zurück zum Institut für Luftfahrtmedizin (ILM) der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, das 1961 am Standort gegründet wurde. Anfang der achtziger Jahre wurde mit dem Bau des heutigen Simulationsgebäudes begonnen, das die Unterdruckkammer (Höhen-Klima-Simulationsanlage) und die Hochleistungszentrifuge beherbergt. Die Indienststellung der Anlagen 1986 und 1987 schuf zusammen mit der Einführung der MiG-29 bei den Luftstreitkräften der NVA (Nationalen Volksarmee) die Voraussetzung für die Intensivierung der höhen- und beschleunigungsphysiologischen Forschung und des flugphysiologischen Trainings des fliegenden Personals der NVA und der zivilen Luftfahrt der DDR. Aber erst mit der Wiedervereinigung und der Eingliederung des Instituts für Luftfahrtmedizin in die Struktur des Flugmedizinischen Instituts der Luftwaffe wurden Lehrgangsumfang und Ausbildung ab 1991 stark erweitert.

Ausbildung auf höchstem Standard
Mit diesen Worten beschreibt es der Leiter der Abteilung Flugphysiologie, Oberstarzt Dr. Bernd Brix, der die Dienststelle seit Ende 2007 leitet. „Mit unserem Lehrgangsangebot orientieren wir uns streng am Bedarf und an den neuesten Einsatzerfordernissen. Dazu gehört, dass wir neben dem Basisgeschäft bei der Erstausbildung und der regelmäßigen Wiederauffrischung von Kenntnissen und Fähigkeiten im Bereich der Flugphysiologie, besonders in den Gebieten räumliche Desorientierung, Nachtsichtgeräte, und Laserschutz die Ausbildung für das Fliegende Personal der Bundeswehr weiterentwickeln. Mit der Einführung des Eurofighters wurde es zudem notwendig, geeignete Trainingsverfahren zu entwickeln, um die Piloten auf das Einwirken hoher G-Kräfte und speziell hoher G-Onset-Raten (Beschleunigungszuwachsraten) von bis zu 6 G pro Sekunde vorzubereiten. Auch die Gewöhnung an die Druckbeatmung mit aktivem Ausatmen gegen den Überdruck bedarf des Trainings. Unser Ziel ist, den effektiven Umgang mit dem AEA Anzug zu verfeinern, um eine optimale Nutzung im Sinne der Flugsicherheit zu erreichen. Außerdem wollen wir für die Piloten den Nachweis der Qualifikation führen, dass sie sicher im 9 G-Bereich agieren können. Seit der Modernisierung unserer Hochleistungszentrifuge im Jahr 2006 haben wir über 100 Lehrgänge mit mehr als 6.600 Läufen durchgeführt. Davon entfielen 77 Lehrgänge auf die Schulung von Eurofighter Piloten, an denen mit Österreichern und Italienern auch fremde Nationen teilgenommen haben. Im nächsten Jahr wird die Höhen-Klima-Simulationsanlage modernisiert und erhält neben einer neuen Steuerung auch neue Vakuumpumpen. Darüberhinaus ist geplant einen zweiten Disorientierungstrainer (DISO) mit einem Side-by-Side Cockpit einzurüsten, das es ermöglichen wird, Transport- und Hubschrauberbesatzungen in der Crew auszubilden. Für die Zukunft werden wir damit im Bereich Flugphysiologische Ausbildung gut gerüstet sein.“
Bilder
Fliegerarzt an der Kontrollkonsole (Quelle: Ulrich Metternich)
Größere Abbildung anzeigenEurofighter-Pilot mit Mess-Sensor (Quelle: Ulrich Metternich)
Größere Abbildung anzeigenGesichtszüge unter hoher G-Belastung (Quelle: Ulrich Metternich)
Größere Abbildung anzeigenBlick durch Restlichtverstärker (Quelle: FMI/Sadzulewski)
Größere Abbildung anzeigenLeitstand der Unterdruckkammer (Quelle: Luftwaffe/Ulrich Metternich)
Größere Abbildung anzeigenLineares Belastungsprofil (Quelle: Luftwaffe/Ulrich Metternich)
Größere Abbildung anzeigenPilot nach der 9 G-Qualifikationsfahrt (Quelle: Luftwaffe/Ulrich Metternich)
Größere Abbildung anzeigenDas Sichtsystem im Disorientierungstrainer (Quelle: Luftwaffe/Ulrich Metternich)
Größere Abbildung anzeigenProband nach absolvierter Trainingsmission (Quelle: Luftwaffe/Ulrich Metternich)
Größere Abbildung anzeigenMobiler Cockpit-Demonstrator (Quelle: Luftwaffe/Ulrich Metternich)
Größere Abbildung anzeigenLehrgangsteilnehmer in der Nachtsichtanlage (Quelle: Luftwaffe/Ulrich Metternich)
Größere Abbildung anzeigenProbanden beim Lösen von Übungsaufgaben (Quelle: Luftwaffe/Ulrich Metternich)
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