Einsatz im Kongo
Kinshasa, 26.07.2011.
Mittlerweile sind deutsche Luftwaffensoldaten im Rahmen verschiedenster Mandate der Europäischen Union und der UNO im Einsatz – auf der ganzen Welt.
In der Demokratischen Republik Kongo ist ein Major der Luftwaffe bei der EU-Mission EUSEC eingesetzt: Sein Bericht aus einem reichen, armen Land.

Bei dieser Operation handelt es sich nicht um einen Kampf- oder Kontingentseinsatz, sie hat auch keine direkte Verbindung zur UN-Mission MONUC, die ebenfalls im Kongo tätig ist.
Der Auftrag der EUSEC-Mission (korrekt: EUSEC DR Congo/European Union security sector reform mission in the Democratic Republic of the Congo) bedeutet - im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit mit der kongolesischen Regierung - nichts weniger als Unterstützung zum Aufbau einer funktionierenden Streitkraft und Verwaltung.
Die Soldaten der EU agieren im vorgegebenen Rahmen als Militärberater, wie beispielsweise Luftwaffen-Major Matthias C., der im Grundbetrieb im Luftwaffenamt Köln-Wahns eingesetzt ist.

Mission in einem reichen Armenhaus
Die von Ausbeutung und Jahre langen Kriegen zerklüftete Demokratische Republik Kongo, abgekürzt Kongo, ist trotz ihres Rohstoffreichtums eines der ärmsten Länder der Welt.
Erst im Jahr 2006 konnte der rund 68 Millionen Einwohner starke Vielvölkerstaat mit Unterstützung von UNO- und EU- Soldaten erstmals seit 40 Jahren freie Wahlen abhalten.
Sowohl MONUC als auch die von der EU einberufene Mission EUFOR RD Congo - unter strategischer Führung aus Deutschland mit dem Hauptquartier OHQ in Potsdam angesiedelt - waren und sind aber nicht dazu angelegt, feste Organisationsstrukturen zu etablieren. Dies wurde Aufgabe einer weiteren EU-Mission namens EUSEC, die bis heute kaum bekannt ist.

EUSEC ist auf Dauer angelegt
Die Entschlossenheit der EU, die seit Jahren allgegenwärtige, anhaltende grausame Gewalt im Land nicht länger zuzulassen und dem Land in die Zukunft zu verhelfen, wurde somit zur zivil-militärischen Operation: Mit der Mission wurde demnach auch ein deutliches politisches Zeichen gesetzt.
EUSEC wird von knapp einem Dutzend europäischer Nationen getragen.
Deren insgesamt 50 Berater sind auf fünf Stützpunkte - in Kinshasa und dem Landesinneren - verteilt. Auch Deutschland ist mit drei Soldaten aktiv im Einsatzland. Vor allem die Beteiligung Deutschlands ist für diesen Einsatz deswegen von Bedeutung, weil die koloniale Vergangenheit Deutschlands in der kongolesischen Bevölkerung weniger belastet ist als diejenige anderer (europäischer) Staaten, der deutsche Beitrag kann den Erfolg des Einsatzes positiv beeinflussen.

Der Auftrag ist das Ziel
Um ein zerklüftetes Land zu befrieden, bedarf es einer starken Regierung und fester Regeln. Dies geschieht konkret, indem die Militärbeobachter der EUSEC den kongolesischen Sicherheitsbehörden direkt und unter Durchführung konkreter Projekte sowie als Berater und Unterstützer zur Seite stehen, eine Reform des Sicherheitssektors im Hauptaugenmerk des Mandats.
In der Reform verankert sind unter anderem daher auch das Identifizieren und Planen von Projekten, die Integration von Exkombattanten (Soldaten) und die Unterstützung von ressort-übergreifenden Projekten.
Zum Erreichen dieser Teilziele ist eine strukturierte Personalsichtung und -ausbildung unabdingbar – und davor wiederum muss als erstes das Personal der Streitkräfte überhaupt gezählt, identifiziert, aufgelistet werden. EUSEC fing also praktisch von vorne an…

Mit dem Erfassen biometrischer Daten und dem Erstellen einer Datenbasis wurde der Grundstein für die Ausbildung der Sicherheitskräfte gelegt. Zusätzlich unterstütze die EU die Baumaßnahmen an den Unteroffizier- und Offizierschulen, um Verwaltungslehrgänge abhalten zu können.
Alle Vorschläge und eingeleiteten Maßnahmen verfolgen langfristig das Ziel, durch Ausbildung sowie Unterrichtung in Recht und Ordnung die desolaten kongolesischen Streitkräfte neu aufzubauen und die Region damit langfristig zu befrieden.

Pionier im Rechtswesen
Major C. war im Rahmen von EUSEC als Chef Equipe Mobil für 9 Monate im Kongo eingesetzt. Sein breitgefächertes Aufgabenspektrum reichte dabei von der Auslieferung landwirtschaftlicher Geräte an Militärbauernhöfe bis hin zur Grundsatzarbeit in Personal- und Verwaltungsfragen.
In einer Seminarreihe galt es beispielsweise in enger Zusammenarbeit mit einem belgischen Oberstleutnant die offiziellen Verwaltungsvorschriften der FARDC, der kongolesischen Armee, zu unterrichten.

In diesem Rahmen wurden vorher ausgewählte Kandidaten in einer „Train-the-Trainer“ - Maßnahme zu Lehrkräften fort- oder weitergebildet. In insgesamt 35 Seminaren wurden dabei die Probanden zu Rechnungs- und Personalführern sowie im Bereich des Disziplinarrechts ausgebildet.
Da es seit Jahrzehnten in diesem Bereich keine Weiterbildungsmaßnahmen gab, waren die viertägigen Seminare mit 50 bis 70 Soldaten stark frequentiert.

Leben mit Herausforderungen
Fern ab von zu Hause und Familie, ein fremdes Land mit fremder Sprache und ein fordernder Auftrag: Das sind einige Herausforderungen des Auslandseinsatzes. Aber in Bezug auf das Einsatzland Afrika ist das noch nicht alles: Eine andere Kultur, schlechte Infrastruktur, Ressourcenknappheit und Versorgungsschwierigkeiten kommen beispielsweise hinzu - so auch im Kongo.

Während es sich im Stützpunkt Kinshasas noch durchaus „leben lässt“, sieht es bei den kleineren Stützpunkten auf dem Land ganz anders aus. Hier bedarf es einer Menge Geschicks der Soldaten, sich selbst und ihren Dienstbetrieb zu organisieren, denn es gibt hier kein Kontingent samt angeschlossener Versorgung, auf das man zurückgreifen könnte. Neben der Selbstunterbringung muss beispielsweise auch die Verpflegung selbst besorgt und zubereitet werden. Da gestaltet sich das Organisieren von Lebensmitteln schon als Herausforderung. Strom und Wasser sind ebenfalls nicht selbstverständlich.
Oft reicht der Strom gerade mal für drei Stunden am Tag, es sei denn die Hotelunterkünfte werden mit Sprit für die Generatoren versorgt.

Neben den klimatischen Herausforderungen, die ein Land mit tropischen Feuchtklima mit sich bringt, haben die Soldaten auch mit den Gefahren von Krankheiten zu kämpfen. Und derer gibt es viele im Tropengürtel: Zu den primären Krankheiten zählen, Malaria, Gelbfieber, HIV, Hepatitis und verschiedene hämorrhagisches Fieber wie beispielsweise Ebola. Von Malaria geht sogar eine so große Gefährdung aus, dass ein ganzjähriges Malariarisiko im gesamten Land herrscht – auch wenn die EU-Soldaten eher von Magen- und Darmerkrankungen aufgrund der Klima- und Lebensmittelumstellung geplagt werden.

Doch bisher ist Major C. bestenfalls das Nichterreichen selbst gesteckter Ziele langfristig auf den Magen geschlagen: In Afrika ticken die Uhren eben anders, was es Europäern mit ihrer ambitionierten Zeiteinteilung nicht immer leicht macht, angestrebte Ziele zeitgerecht zu erreichen. Doch steter Tropfen höhlt den Stein. In diesem Sinne werden auch die Mühen unseres Protagonisten belohnt werden, welcher derweil an einer Einsatzausbildung teilnimmt - natürlich, um bald wieder zurück in den Kongo zu gehen…
