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Einsatzvorbereitende Ausbildung in Germersheim

Germersheim, 26.01.2010.

Soldaten eilen ihren Kameraden nach einem Minenunfall zu Hilfe
Minenunfall (Quelle: Luftwaffe/Archiv)Größere Abbildung anzeigen

Germersheim, Januar 2010
Eine deutsche Patrouille ist zu Fuß unterwegs in ihrem Einsatzraum. Irgendwo zwischen zwei fiktiven Ortschaften, deren Bevölkerung aufgrund verschiedener Ethnien verfeindet ist. Präsenz zeigen und den Kontakt zur Bevölkerung halten lautet der Auftrag. Die Lage ist zwar insgesamt ruhig, aber nicht stabil. Der Patrouillenführer hat sich zum Dorfältesten durchgefragt und bringt in Erfahrung, welche Probleme im Dorf herrschen. Die Arbeitslosigkeit ist erdrückend und auch die medizinische Versorgung könnte besser sein.

Plötzlich kommt Hektik auf. Einer der Bewohner möchte eine Mine bei der Patrouille abgeben, die er auf seinem Feld gefunden hat. Den Dorfbewohner die Mine ablegen lassen, die Bevölkerung warnen, die eigene Patrouille in Sicherheit bringen, den Bereich absperren, die Operationszentrale informieren, Unterstützungskräfte anfordern, und und und …!

Der Dorfbewohner legt die Mine nach Aufforderung durch die Patrouille ab
Der Dorfbewohner legt die Mine nach Aufforderung durch die Patrouille ab (Quelle: Luftwaffe/Archiv)Größere Abbildung anzeigen

Es ist also einiges zu tun für den Patrouillenführer. Am Ende der Lage ruft der Ausbilder, der das Geschehen aufmerksam verfolgt hat, „Lageunterbrechung!“ und es geht in die Nachbesprechung. Zuerst schildert der Patrouillenführer seine Eindrücke, warum er wann welchen Entschluss gefasst hat. Das Geschehen wird analysiert, Verbesserungsvorschläge eingebracht und eventuelles Fehlverhalten der Truppe aufgezeigt. "Learning by doing" - Jede durchlebte Lage sensibilisiert die Lehrgangsteilnehmer während des zweiwöchigen Fortbildungslehrgangs am Ausbildungszentrum Grundlagenausbildung der Luftwaffe in Germersheim.

Nachbesprechung durch den Ausbilder mit der gesamten Ausbildungsgruppe
Nachbesprechung durch den Ausbilder (Quelle: Luftwaffe/Archiv)Größere Abbildung anzeigen

Damit auch im Ernstfall solche Situationen möglichst problemlos bewältigt werden können, findet seit 1999 die „Einsatzvorbereitende Ausbildung Konfliktverhütung und Krisenbewältigung“, kurz EAKK, in Germersheim statt. Im Januar 2009 konnte dann auch der 30.000ste Lehrgangsteilnehmer in Germersheim ausgebildet werden. Bei mittlerweile fast 7000 Lehrgangsteilnehmern pro Jahr wird der 40.000ste dann wohl auch nicht lange auf sich warten lassen.

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Der Patrouillenführer im Gespräch mit dem Dorfältesten
Gespräch mit dem Dorfältesten (Quelle: Luftwaffe/Archiv)Größere Abbildung anzeigen

Aufeinander aufbauende Ausbildung

In der Allgemeinen Grundausbildung der Luftwaffe haben die jungen Soldaten die ersten Berührungspunkte mit der Thematik EAKK und der Grundstein für die weiteren Ausbildungen wird gelegt. So erfolgt die sogenannte Aufbauausbildung in den jeweiligen Heimatverbänden der Soldatinnen und Soldaten. Gemäß dem Grundsatz „Tiefe vor Breite“ wird die einsatzvorbereitende Ausbildung im Ausbildungszentrum der Luftwaffe in Germersheim im zweiwöchigen Fortbildungslehrgang weiter vertieft. Die Teilnehmer am Fortbildungslehrgang sind alle Soldatinnen und Soldaten der Luftwaffe, die für einen Einsatz vorgesehen sind oder kurzfristig einsatzbereit sein müssen. Wenn schon eine konkrete Einsatzplanung vorhanden ist, wird für den Betroffenen noch die einwöchige Zusatzausbildung „gebucht“. In dieser Zusatzausbildung werden die Verhaltensweisen und Gebräuche in dem jeweiligen Einsatzland vertieft.

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Das Ausbildungsszenario „Sprengstoffanschlag“
Das Ausbildungsszenario „Sprengstoffanschlag“ (Quelle: Luftwaffe/Archiv)Größere Abbildung anzeigen

Die Ausbildungsinhalte

Schon während der Begrüßung des Lehrgangs durch den Inspektionschef eröffnet sich für die 108 Lehrgangsteilnehmer das Ausbildungsprogramm der nächsten zwei Wochen: Waffen- und Schießausbildung, Innere Führung und eine Einweisung in Fremdwaffen stehen genauso auf dem Plan, wie die Sanitätsausbildung aller Truppen, die Kampfmittelerkundung, der Marsch auf Kraftfahrzeugen oder auch das Verhalten am sogenannten Main-Gate, dem Hauptzugang zu einem Feldlager. Die einzelnen Ausbilder, jeder ein Spezialist auf seinem Gebiet, bringen jede Menge eigene Erfahrung mit. Sie waren bereits in Auslandseinsätzen, ob in Bosnien, dem Kosovo, Afghanistan oder Afrika. Unter den Lehrgangsteilnehmern herrscht eine entspannte Atmosphäre. Trotzdem ist allen klar: Was man hier lernt, lernt man für den Ernstfall. Die Ausbildung in Germersheim schafft eine bestmögliche Vorbereitung, "Learning by doing", um auch im Einsatz auf plötzlich auftretende Probleme vorbereitet zu sein.Die meisten Abschnitte der Ausbildung finden in unterschiedlichen Hallen des Kfz- und Technikbereiches des kleinen rheinland-pfälzischen Standortes statt. In der ersten Woche wechseln sich theoretischer Unterricht mit praktischen Einweisungen am Gerät ab, bis es in der zweiten Woche in das Handlungstraining geht, wo das Gelernte im "Einsatzgebiet" angewendet werden muss.

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Trennung der Konfliktparteien
Trennung der Konfliktparteien (Quelle: Luftwaffe/Archiv)Größere Abbildung anzeigen

Das Handlungstraining

Das Ziel des Handlungstrainings in der zweiten Woche ist, dass der Soldat auch unter den besonderen Belastungen der einsatznahen Lagen seinen Auftrag im Team und unter Anwendung der „Rules of Engagement“ erfolgreich durchführen kann. Die dazu im Ausbildungszentrum erarbeiteten Lagen orientieren sich an möglichen und auch tatsächlich vorgefallenen Situationen und erfordern auf Grund ihrer Authentizität hohe Konzentration bei gleichzeitiger hoher körperlicher Leistungsfähigkeit und Teamfähigkeit. Getreu dem Motto „Vom Einfachen zum Schweren“ ist eine Eskalation der Lagen selbstverständlich.Man will in Germersheim sensibilisieren und Handlungssicherheit auch unter Stress erreichen. Mit dem Codewort: "Blaulicht" kann jedoch jeder Lehrgangsteilnehmer die Lage für sich persönlich abbrechen, wenn er sich überfordert fühlt. Aber neben der Authentizität ist auch Aktualität in der Theorie wie auch in der Praxis ein wichtiger Baustein für eine adäquate Ausbildung.
So wurden zum Beispiel auf Grund der Unruhen, die Anfang 2004 im Kosovo stattgefunden haben, im Handlungstraining zusätzliche Ausbildungsinhalte integriert. Die Soldaten werden seitdem befähigt als Unterstützungskräfte bei unfriedlichen Demonstrationen zu fungieren. In der Postenkette mit Helm, Schutzschild und Abdrängstock gegen unfriedliche Menschenmassen vorzugehen, ist nicht nur extrem anstrengend, sondern bedarf auch den Einsatz von erfahrenem und entsprechend geschultem Personal. Daher werden diese Inhalte sowie der Einsatz von nicht lethalen Wirkmitteln von Feldjägern durchgeführt, die aus Hilden, Zweibrücken und Bruchsal abgestellt werden. An Hand von originalem Videomaterial aus dem Kosovo, erhalten die Lehrgangsteilnehmer einen detaillierten Einblick darüber, was sie als Soldaten im Auslandseinsatz bei gewaltsamen Demonstrationen erwarten kann.

Die Postenkette wird durch die Feldjäger ausgebildet
Postenkette (Quelle: Luftwaffe/Archiv)Größere Abbildung anzeigen

Des Weiteren fließen auch die Erfahrungen im Umgang mit selbstgebauten Sprengfallen, so genannten „IED“ (Improvised Explosive Device), immer wieder in die Ausbildung mit ein. Insbesondere bei der Ausbildung „Marsch auf Kfz“ lernen die Soldaten mögliche Anzeichen zu erkennen und sich entsprechend zu verhalten. Auch hier ist der Gruppenführer gefordert. Selbstverständlich hört man den Ausbilder früher oder später auch wieder „Lageunterbrechung!“ rufen und es geht wieder in die Nachbesprechung. Weiter geht es zum MainGate. Es gilt einfahrende Autos zu überprüfen und sorgfältig zu durchsuchen, damit auch kein versteckter Sprengsatz in das Feldlager gelangt. Es ist wichtig, sich alles zeigen zu lassen. Der Ruf "Waffe!" versetzt das gesamte MainGate in Alarmzustand. Der Lagendarsteller wird in Gewahrsam genommen und an die ebenfalls dargestellten Feldjäger übergeben, damit der Routinebetrieb am MainGate weitergehen kann. Bis zur nächsten Lage....

Blick auf die Einfahrt des „MainGate“
Blick auf die Einfahrt des „MainGate“ (Quelle: Luftwaffe/Archiv)Größere Abbildung anzeigen

Das Handlungstraining nähert sich so langsam dem Ende und zu guter Letzt finden sich die Lehrgangssteilnehmer in einem Trümmerhaus wieder. Hier müssen Überlebende eines Helikopterabsturzes geborgen werden und man erkennt, wie ernst die Organisatoren des Lehrganges ihren Auftrag nehmen. Dichte Rauchschwaden schlagen dem Rettungstrupp entgegen, an mehreren Ecken lodern Flammen, Schreie dringen an das Ohr der Helfenden. Trotz der Adrenalinschübe entscheidet der Gruppenführer richtig. Unter Einsatz des Bergungssatzes können die Verschütteten aus den Trümmern befreit werden. Alle Verletzten und Verschütteten werden geborgen und die Operationszentrale über alle getroffenen Maßnahmen informiert. Spätestens jetzt, am Ende der zweiten Woche, ist den Lehrgangsteilnehmern bewusst, dass das Gelernte sehr wohl dazu geeignet ist Leben retten zu können.

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Stand vom: 07.08.12 | Autor: Nils Strack


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