Online-Tagebuch eines Luftwaffenoffiziers im Sudan (Folge 2)
Khartoum, 11.12.2009.
In seinem ersten Tagebuchausschnitt zeichnete Major S. für "Luftwaffe.de" seine Anreise und seine ersten Eindrücke in einem für Europäer ziemlich fremden Ambiente auf: Die sudanesische Hauptstadt Khartoum ist der Schauplatz, an dem Luftwaffensoldaten für die UN-Militärbeobachtermission UNMIS ihren Dienst verrichten. Lesen Sie hier, wie Major S. die ersten Ausbildungstage erlebt…

Verkehrsausbildung
Glücklich, den Übergang über die 4- bis 7-spurige Hauptverkehrsstraße wieder einmal unverletzt überstanden zu haben, fand ich mich im Container 17 zur „MTC“ (Military Training Cell, Ausbildungseinrichtung) beim Hauptquartier von UNMIS ein. Der erste Unterrichtende stammt aus Mosambik und hat die Verkehrsausbildung alles in allem gut gemacht, sogar ein paar witzige Anekdoten im Briefing gebracht. Nach rund fünf Minuten hatte ich mich auch an sein Englisch gewöhnt. Mit meinem Vierer-Englisch-SLP (Sprachleistungsprofil) bin ich hier übrigens eher die Ausnahme in der Mission, aber es läuft trotzdem...
Was hab ich mir nun zum Thema Verkehrstheorie im Sudan gemerkt?
- Die meisten Sudanesen haben keinen Führerschein, auch die nicht, die ein Auto fahren.
- Mit dem In-Gang-Halten des Autos sind die meisten schon voll ausgelastet.
- Verkehrszeichen kennt kaum einer – was aber auch nicht schlimm ist, ich hab in ganz Khartoum noch keines gesehen!
- Geschwindigkeitsbegrenzungen gelten nur für die UNO, der Einheimische fährt so schnell wie er es für angebracht hält - egal wo!
- Man kann auch mal in den Kreisverkehr verkehrt herum einfahren, man sieht das hier nicht so eng...
Und dann ging es zur kurzen praktischen Einweisung an unser motorisiertes „Arbeitspferd“, den Nissan Patrol inklusive Winde. Abgesehen von der nicht ganz so spannenden technischen Einweisung in allgemeine Fahrzeugkunde (ich sage nur WOLKE: Wasser, Öl, Luftdruck, Kraft- und Betriebsstoffe, Elektrik sind ja immer zu prüfen, wenn man militärischer Kraftfahrer ist) und den Umgang mit dem Allradantrieb und der Differentialsperre, gab es praktische Tipps, wie man beispielsweise tiefere Gewässer durchwaten kann, ohne dass der Motor volläuft; außerdem wie man die Winde benutzt - und wie nicht.
Meine praktische Fahrprüfung kommt dann – vielleicht – zum nächsten Monatsbeginn.
Wir sind in Afrika: Man hat hier Zeit.

Öffentlicher Personennahverkehr
Der Öffentliche Personen Nahverkehr hat hier mehrere Erscheinungsformen:
- Linienbus: Damit sind Busse gemeint, die eine gerade Straße entlang fahren und an deren Ende wieder zurück. Will man woanders hin, muss man an einer Kreuzung umsteigen. Der Fahrpreis wird gezahlt, wenn man sitzt: Man reicht einen Geldschein nach vorne durch und irgendwann kommt das Wechselgeld zu einem zurück: So einfach geht das – zumindest hier. Gehalten wird, wo jemand winkt oder wenn man im Bus laut klatscht.
- Taxi: Wie bei uns, zumindest im Prinzip. Die Fahrzeuge variieren stark, soll heißen, ich saß schon in einem 35 Jahre alten Peugeot 404, aber auch in einem brandneuen Hyundai. Immerhin hatte der Peugeot noch Sitze hinten - so ein Glück hat man nicht immer (habe ich mir sagen lassen).
- Tuk-Tuks: Ein dreirädriges Mini-Mofataxi mit Überdachung. "Wer mit seinem Leben abgeschlossen hat, kann das gerne mal probieren!", fand ich in einer Hinweisbroschüre geschrieben. Aber ich war neugierig und habe es selbst ausprobiert: Etwas flau ist einem bei diesem Verkehr dann schon, wenn man in so einer Blechbüchse sitzt.
- … oder mit dem Eselskarren…

Unterricht, Unterricht, Unterricht
Der folgende Unterricht zum Thema "Gender" (Geschlechterrollen) war dann etwas schleppend, was aber nicht an der vortragenden Dame aus Sambia lag. Inhaltlich auch hier wieder nichts neues, denn alles was unterrichtet wird, ist schon Gegenstand der Ausbildung in Hammelburg gewesen..
Der Unterricht zur "Mine-Awareness" (Minenabwehr) war schlichtweg der Hit des Tages. Der Unterrichtende war kaum zu verstehen. Das einzige, was wir sicher verstanden haben, war, dass wir hier einen Wissenstest schreiben sollten - was wir alle artig taten: 100 Prozent bei jedem Deutschen war das Ergebnis. Gut, dass wir bereits in Deutschland diesbezüglich fit gemacht wurden. Noch mal einen Dank gen Hammelburg an dieser Stelle. Aber vielleicht darf ich das auch nicht nur durch die deutsche Brille sehen...
Der letzte Unterricht des Tages war dann recht professionell, da der norwegische Unterrichtende (fünf Jahre UN-Einsatzerfahrung und seit zwei Jahren hier bei UNMIS) sich auf das Notwendigste beschränkte und zurecht darauf verwies, dass mit den Funkgeräten auf den Teamsites noch reichlich praktische Ausbildung betrieben werden würde. Das einzige, was mich dabei ängstigte, ist der Umstand, dass die Kommunikation in dieser Gegend komplett von den Indern "gemacht wird".

English for Runaways...
Was ich aber heute auch gelernt habe, ist, dass ein Unterricht von einem Muttersprachler - diesmal ein Australier - nicht wirklich verständlicher sein muss. Ich unterstelle, dass keine zehn Prozent der Nicht-Australier dem "Native Speaker" folgen konnten.
Noch eine kurze Anekdote zum Briefing des Führungsgrundgebietes 2 (Sicherheit): Der Major aus Bangladesh erinnert mich mit seinem Sing-Sang extrem an unseren nepalesischen Ausbilder in Hammelburg. Gut, dass man in der Luftwaffe eine umfassende Englisch-Ausbildung bekommt: Mit herkömmlichem Schulenglisch würde man den diversen Ausprägungen der englischen Sprache hier nicht gewachsen sein. Und wer hier kein Englisch versteht, bekommt nichts mit...
Wie weit derjenige dann in der Lage wäre, seinem Auftrag nachzukommen, möchte ich an dieser Stelle nicht vertiefen.
Ein letzter Höhepunkt war der Unterricht zur ersten Hilfe: Wer zuvor keine Ahnung von erster Hilfe hatte, hat es nach dem Unterricht auch nicht. Und wer seinen Kurs in Deutschland gewissenhaft absolviert hat, (was jeder Bundeswehrsoldat schon in der Grundausbildung erlernt) konnte reichlich veraltetes Wissen und veraltete Maßnahmen erkennen. Vielleicht ein wenig harsche Kritik meinerseits, aber jeder Luftwaffensoldat lernt mehr im Friedensbetrieb als das, was ich hier bisher gesehen habe. Andererseits muß man sich schon die Frage stellen, ob man etwas anderes erwarten darf, denn an UNMIS arbeiten über 50 Nationen mit: So gut der Wille zur Multinationalität gemeint ist, gibt es darunter immer stärkere und schwächere Nationen.

Klimaanlagen
Eigentlich haben wir so als Eingewöhnung die richtige Zeit ausgesucht. Es ist recht kühl hier, mit Temperaturen nie über 35 Grad und fast null Prozent Luftfeuchtigkeit - ganz im Gegensatz zum August, wo die Temperaturen in Khartoum auf 55 Grad klettern können. Für uns - aus dem "Winter kommend" - optimal zum eingewöhnen.
Kennen Sie eigentlich die typisch afrikanische, volldigitale Klimaanlagen mit variabler Temperaturregelung, lieber Leser?
Hier haben wir eine solche: Es scheint aber nur "Null" und "Eins" zu geben, also "An" und "Aus". Eine wirkliche Temperaturregelung findet aber dadurch statt, indem man die Tür des Unterrichtscontainers öffnet oder schließt...
Zum Glück habe ich genau das erwartet und auch die entsprechende Medizin parat. Doch mein "Sinupret"-Vorrat geht nun auch langsam dem Ende zu und ich hoffe, dass ich meine Stirnhöhle doch noch frei bekomme...
Wichtig wird das vor allem noch sein, wenn ich mein Geländefahrzeug für den eigentlichen Einsatz übereignet bekomme. Nicht vorstellbar, wenn das keine Klimaanlage hätte...

Kultur zum Schluß
Da aufgrund eines muslimischen Opferfestes, 'Id-ul Adha, ein langes Wochenende auf uns zukommt, sind derzeit mehr Ziegen als Menschen in der Stadt, was sich mit Hinblick auf die Opferzeremonie im Verlauf des Wochenendes wohl deutlich ändern wird – und zwar schlagartig !
Bei Anbruch der Dunkelheit richtet sich meine Aufmerksamkeit aber eher auf kleinere Tiere: Ich sage nur TseTse-Fliegen, Moskitos und Sandmücken. Da es hier derzeit noch wenig Mücken gibt, die Temperaturen abends moderat sind, wage ich mich aber dennoch unter eine Lampe am Pool zum Lesen und zum Beobachten der Fledermäuse. An die anderen lästigen Plagegeister, die mich beim Lesen behindern, haben wir uns fast schon gewöhnt. Dienstschluss für heute!
Nächste Woche berichtet "Luftwaffe.de" wieder aus dem Sudan.
Dabei begibt sich unser Protagonist in die Wüste und erlebt dabei allerhand Unerfreuliches.

