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Einigkeit macht stark - Interview mit dem Kommodore des EG MES

Mazar-e Sharif, 25.11.2010.
Am 10. Oktober 2010 hat Oberst Gerhard Roubal, Kommodore des Jagdgeschwaders 71 „Richthofen“ in Wittmund, das Einsatzgeschwader Mazar-e Sharif (EG MeS) übernommen. Ein Kommando über vier fliegende Systeme, die unterschiedlicher nicht sein können: PA-200 Recce-Tornado, die C-160 Transall, der CH-53 GS Transporthubschrauber des Heeres und das unbemannte Aufklärungssystem und Zwischenlösung Heron 1. In einem Interview gibt er die Eindrücke und Erfahrungen der ersten sechs Wochen wieder.

Auftrag übernommen: Am 10. Oktober übernimmt Oberst Roubal das Kommando über das Einsatzgeschwader Mazar-e Sharif
Auftrag übernommen (Quelle: Pressestelle Mazar-e Sharif)Größere Abbildung anzeigen

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Pressestelle Mazar-e Sharif (MeS):

Herr Oberst, Sie sind jetzt seit sechs Wochen Kommodore des Einsatzgeschwader Mazar-e Sharif. Ihre ersten Eindrücke, nachdem Sie in Mazar-e Sharif angekommen sind, waren sicherlich sehr spannend. Hat sich daran bis heute etwas verändert?

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Viel Platz „auf der Platte“ in Termez (Usbekistan)
Viel Platz „auf der Platte“ in Termez (Usbekistan) (Quelle: Pressestelle Mazar-e Sharif/)Größere Abbildung anzeigen

Oberst Roubal:

Nachdem ich schon zu Hause im Verteidigungsministerium, im Einsatzführungskommando der Bundeswehr und auch in allen Geschwadern, die hier Waffensysteme stationiert haben, eingewiesen wurde, war ich in der Theorie gut vorbereitet. Erste „Vorwarnungen“ auf den neuen Standort gab es dann in Termez in Form eines Rates, sich noch mal gut umzuschauen, da dies das letzte Grün sei, das ich für eine Weile sehen würde. Der Warner hatte recht. Der erste Eindruck, als ich nach dem Flug über die afghanische Wüste in Mazar-e Sharif einschwebte, war die Eintönigkeit der Farben. Überall war Staub, was auch an dem einigermaßen starken Wind lag, der für ordentliche Aufwirbelungen sorgte.

Angekommen im Einsatzland
Angekommen im Einsatzland (Quelle: Pressestelle Mazar-e Sharif)Größere Abbildung anzeigen

Das nächste beeindruckende Erlebnis war dann die Größe des Camps. Die Fotos, die ich bisher gesehen hatte, waren vom Frühsommer, als der amerikanische Aufwuchs gerade begann. Mittlerweile sind über 2000 amerikanische Truppen und insgesamt 4500 Menschen im Camp. Amerikanische, spanische, norwegische, schwedische, kroatische, ungarische sowie deutsche Uniformen, Militär, Polizei, Zivilpersonal und afghanische Arbeitskräfte. Fasziniert hat mich auch von Anfang an der Blick aus dem Camp heraus Richtung Süden in die Wüste und die Berge. Den gönne ich mir auch jeden Tag einmal für ein paar Minuten. So viel Zeit muss sein. Die alltäglichen Dinge liefen von Anfang an routiniert ab, auch bei der täglichen Arbeit, wo ich mich im Wesentlichen in ein gemachtes Nest setzen konnte: Alles ist gut organisiert. Allerdings weiß man auch schnell, wo man hier angekommen ist, wenn man innerhalb der ersten zwei Wochen auf drei Trauerfeiern war und jetzt nach sechs Wochen schon die sechste stattfindet. Die empfundene Ruhe und Sicherheit hier im Camp, für die übrigens unsere Objektschützer aus dem benachbarten Schortens mit ihrer ständigen Präsenz im Raum um den Flugplatz herum wesentlich beitragen, darf nicht täuschen. Das endet vor dem Tor und gewinnt an den „Hot Spots“ wie Kunduz noch einmal eine ganz andere Bedeutung.

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Pressestelle MeS:

Mit der Übernahme des Einsatzgeschwaders Mazar-e Sharif haben Sie die Führung über vier sehr unterschiedliche fliegende Systeme übernommen. Das kann dann natürlich auch bedeuten, dass vier unterschiedliche Probleme auftreten können. Mit welchen Situationen sind Sie in dieser kurzen Zeit konfrontiert worden und wie sind Sie bei der Lösung dieser Situationen unterstützt worden?

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CH 53 Staublandung
CH 53 Staublandung (Quelle: Pressestelle Mazar-e Sharif)Größere Abbildung anzeigen

Oberst Roubal:

Durch die solide Einweisung wusste ich im Wesentlichen, worauf es ankommt. Ich habe sehr schnell erkannt, dass hier ein gesamtheitlich orientiertes System besteht, in dem ein sehr homogenes Team arbeitet. Wenn man sich dann die einzelnen Einsatzverfahren, die einzelnen Einsatzbereiche und die zugehörigen technischen Komponenten ansieht, stellt man schnell fest, dass sich auch hier homogene Teilbereiche gebildet haben. Das System profitiert natürlich von der Tatsache, dass viele hier schon über mehrere Jahre Einsatzerfahrung gesammelt haben und eine Jahre lange Prozessoptimierung durchlaufen wurde. Eine besondere Situation stellt die ständige Weiterentwicklung und Anwendung von Taktiken im Rahmen einer wechselnden und sich ständig erhöhenden Bedrohung dar. Hier ist mein Ziel, zusätzliche Optionen zu schaffen, so dass auf wechselnde Bedrohungen möglichst flexibel reagiert werden kann. Wir haben in diesem Sinne schon einiges umgesetzt, aber das ist natürlich ein laufender Prozess, der kontinuierlich beobachtet werden muss. Systembedingt musste ich mich auch erstmalig mit Problemen befassen, die ich aus der Phantom-Fliegerei bisher nicht kannte: Staublandungen bei den Hubschraubern, wo die Sicht in ein paar Metern Höhe schlagartig auf Null zurückgeht, bedeuteten für Crew wie Material höchste Beanspruchung. Das gilt ähnlich für die Transall, die oft auf Schotterpisten landen. Dadurch können sowohl Propeller als auch Rumpf durch Steinschlag beschädigt werden. Luftschraubenwechsel sind hier an der Tagesordnung, weshalb ständig Material getauscht und beschafft werden muss. Einzig der Tornado hält einen Klarstand von über 90 Prozent und fliegt nahezu problemfrei. Der Heron 1 wiederum ist ein neues, hochwertiges Aufklärungsmittel, das es weiter zu optimieren gilt.

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Pressestelle MeS:

In ihrem Heimatverband in Wittmund kennen Sie die meisten Soldaten aus dem täglichen Dienstbetrieb. Die Soldaten hier in Mazar-e Sharif kommen allerdings aus den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands. Haben Sie ein gewachsenes Team vorgefunden?

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Gespräch unter Partnern
Gespräch unter Partnern (Quelle: Pressestelle Mazar-e Sharif)Größere Abbildung anzeigen

Oberst Roubal:

Natürlich kenne ich auch hier einige Soldaten. Außer mir befinden sich hier in „Mazar“ zehn weitere Wittmunder Soldaten und auch sonst kenne ich viele Leute aus früheren Verwendungen. In Teilen ist das hier wie ein Familientreffen.Generell profitiere ich natürlich auch davon, dass hier auf allen Ebenen Soldaten und Vorgesetzte Dienst tun, die über eine exzellente Fachexpertise verfügen, auf einem hohen Ausbildungsstand sind und zum Teil auf umfangreiche Einsatzerfahrung zurückblicken können. Insgesamt führe ich hier ein hoch motiviertes Team, dem man anmerkt, dass es mit Freude bei der Arbeit ist - und das überträgt sich auch auf mich.

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Pressestelle MeS:

Die Kommodores aus den Tornadoverbänden sind hier im Einsatzland selbst als Pilot oder Waffensystemoffizier geflogen. Welche Gelegenheit gibt es für Sie, Afghanistan aus der Vogelperspektive kennenzulernen?

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Aufgereihte Transall
Aufgereihte Transall (Quelle: Pressestelle Mazar-e Sharif)Größere Abbildung anzeigen

Oberst Roubal:

Ich werde hier in Afghanistan selbst nicht fliegen, meine „Trusty old Phantoms“ stehen ja „zu Hause.“ Aber ich lasse es mir nicht nehmen, im Rahmen meiner Dienstaufsicht den einen oder anderen Mitflug in der Transall oder CH-53 zu machen, um deren Einsatzverfahren näher kennen zu lernen, die Problematik von Staublandungen der Hubschrauber zu erleben oder um Landungen der C-160 auf sogenannten „Soft Fields“ kennenzulernen, etwas, was ich bei uns in Deutschland als schlechten Feldweg bezeichnen würde. Und natürlich bin ich auch das eine oder andere Mal auf das Transportmittel Flugzeug angewiesen, wenn ich dienstlich anderswo zu tun habe. Bisher lernte ich so Herat und Maimanah im Westen sowie Kunduz im Osten kennen.

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Pressestelle MeS:

Bei der Übergabe der Einsatzgruppe vor ein paar Tagen sagte der scheidende Kommandeur, dass der Arbeitsrhythmus über täglich 24 Stunden und 7 Tage die Woche geht. Wie schaufeln Sie sich Freiräume, um einfach mal abzuschalten?

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Ständig auf Achse - hier beim Besuch einer Wasseraufbereitungsanlage im Camp Marmal
Besuch im Camp Marmal (Quelle: Pressestelle Mazar-e Sharif)Größere Abbildung anzeigen

Oberst Roubal:

Freiraum ist für mich, wenn ich Freiräume bei der Arbeit habe. Das ist hier gegeben und auch essentiell, weil nur hier vor Ort schnell und flexibel auf sich ändernde Rahmenbedingungen reagiert werden kann. Dabei kann man zwar nicht im klassischen Sinn „die Seele baumeln lassen“, aber es füllt aus und das wiederum ist mir Ausgleich genug. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen komisch, aber „Seele baumeln lassen“ kann auch heißen, nichts zu tun zu haben - und das liegt mir gar nicht. Mir geht es gut, wenn was los ist. Und hier ist in jeder Hinsicht eine Menge los. Neben der Führung des Einsatzflugbetriebs sind wir allgemeindienstlich im Begriff, einige bisher dem Kommodore zugeschlagenen Verantwortungsbereiche an den neu geschaffenen Base Commander Mazar-e Sharif zu übergeben. Das sind im Wesentlichen die Objektschutzkräfte sowie der Material- und Passagierumschlag, die Flugsicherung und die Flugsicherheit. Das Geschwader wird so zu einem „Kunden“ auf dem Flugplatz, der die Serviceleistung des Base Commands wie andere auch in Anspruch nimmt. Dieser Schritt war nötig, weil der Platz hier mittlerweile über 6000 Flugbewegungen pro Monat verzeichnet und daher ein neues „kundenorientiertes“ Management vonnöten ist. Das hat Vorteile, weil ich mich nunmehr voll auf die operationelle Aufgabenwahrnehmung konzentrieren kann. Und ich lerne mit den vier zu führenden Waffensystemen noch jeden Tag dazu. Und um auf das Seele baumeln lassen zurückzukommen: Ab und zu schaffe ich es dann doch mal, wenn ich so gegen 22:00 Uhr in meinem Wohncontainer verschwinde, ein Buch in die Hand zu nehmen. 60 Seiten habe ich immerhin in sechs Wochen schon geschafft.

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Pressestelle Mazar-e Sharif

Weihnachten steht vor der Tür. Das heißt, dass Sie das Weihnachtsfest hier im Einsatz und Ihre Familie zu Hause verbringen wird. Wie haben Sie sich mit Ihrer Familie auf die sehr lange Abwesenheit gerade über den Jahreswechsel vorbereitet?

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Im Gespräch: Kommodore Oberst Roubal
Im Gespräch: Kommodore Oberst Roubal (Quelle: Pressestelle Mazar-e Sharif)Größere Abbildung anzeigen

Oberst Roubal:

Wir hatten seit Februar Zeit, uns auf den Einsatz in Afghanistan vorzubereiten. Meine Familie ist außerdem an meine Abwesenheiten gewöhnt, da ich schon immer sehr viel unterwegs war, über Jahre hinweg gependelt bin und häufig nur am Wochenende zu Hause war. Abwesenheiten waren für uns aber nie negativ, im Gegenteil haben sie viel Harmonie in unsere Beziehung gebracht. Und da unsere Kinder schon groß sind und ihren eigenen Interessen nachgehen, sehen wir Weihnachten für uns überhaupt nicht problematisch.

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Pressestelle MeS:

Sie haben noch knapp fünf Monate vor sich. Welche Aufgaben und Ziele haben Sie sich gestellt?

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Unmittelbar vor der Rückverlegung: Recce-Tornado des EG MeS
Recce-Tornado des EG MeS (Quelle: Pressestelle Mazar-e Sharif)Größere Abbildung anzeigen

Oberst Roubal:

Vorrangiges Thema ist momentan die Abschleusung der Recce-Tornados am 27. November. Hier laufen die Vorbereitungen völlig unproblematisch. Wir werden am 26. November einen Abschlussappell abhalten und die Flotte dann einen Tag später auf die Reise schicken. Am 30. November werden die Flugzeuge dann mit großem Bahnhof zu Hause in Schleswig empfangen werden. Die Transall fliegen unproblematisch und werden von Besatzungen bewegt, die meist schon viele Einsätze hinter sich und dementsprechend viel Erfahrung haben. Die Hubschrauber allerdings sind seit März sehr stark beansprucht worden. Die verfügbaren Flugstunden sind fast aufgebraucht und so musste ich den CH-53 eine zweiwöchige Zwangspause verordnen. Das gilt natürlich nicht für die „MedEvac“-Komponente, die wir unverändert bereitstellen. Und dann bleibt noch der Heron. Dieses System befindet sich noch in den Anfängen und es bedarf vieler Routine-Maßnahmen, sei es zur Verbesserung der technischen Versorgung, zur Ausbildung des Personals oder zum Verbessern eines teilstreitkraftübergreifenden Verständnisses für die Fähigkeiten des Systems. Aber auch hier befinden wir uns auf einem guten Weg und es ist immer schön, wenn man ein wenig Pionierarbeit leisten- und Dinge verbessern kann. Mein größtes selbst gestelltes Ziel ist allerdings, dass ich, wenn ich meinen Einsatz hier beende, noch genauso viel Personal wie bei meiner Ankunft habe - und niemand zu Schaden gekommen ist.

Das Gespräch führte Oberstabsfeldwebel Bernd Berns.

 

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Stand vom: 21.09.11 | Autor: Bernd Berns


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