Rettungseinsatz in Afghanistan
Kunduz/Mazar-e Sharif, 10.02.2011.
Das deutsche Einsatzkontingent stellt im Verantwortungsbereich des RC North für die ISAF-Kräfte Afghanistans eine lückenlose sanitätsdienstliche Versorgung sicher. Und so finden sich in den top-ausgestatteten Feldlazaretten der deutschen Feldlager Ärzte aus verschiedenen Fachbereichen, die mit ihrem Personal für eine umfassende Versorgung von Verletzten und Verwundeten sorgen. Luftwaffe.de hat einem Sanitätsoffizier der Luftwaffe dabei „über die Schulter geschaut.“

Versorgung von Verletzten und Verwundeten kann aber nur dann die bestmögliche für den Patienten sein, wenn die Rettungskette rechtzeitig einsetzt- und nicht unterbrochen wird.

Medizinische Notfallevakuierung
Um diesem Anspruch gerecht zu werden, hält das Regionalkommando Nord (RC North) 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche AirMedEvac-Fähigkeiten bereit: Auf dem Flugplatz Mazar-e Sharif stehen dafür ständig eine C-160 Transall, sowie ein CH-53 Hubschrauber des Einsatzgeschwaders Mazar-e Sharif bereit. Innerhalb weniger Stunden ist die Option zur Umrüstung einer weiteren CH-53 in die MedEvac-Variante realisierbar. Eine weitere Form der Notfallevakuierung – nämlich die in unwägbarem Gelände - stellen vorwiegend die amerikanischen Streitkräfte mit ihren Black Hawk-Hubschraubern sicher. Der beschriebene AirMedEvac ist ein wichtiges Glied in der Rettungskette, die im Bedarfsfall erweiterbar ist: Die weitere Versorgung nach Europa - der sogenannte StratAirMedEvac (strategische Luftrettung) - wird dann mit den Langstreckenmaschinen der Flugbereitschaft BMVg erfolgen.

Der Arzt an Bord
Oberstabsarzt Dr. Susanne H. ist Ärztin auf der CH-53 MedEvac. Sie stellt mit ihren beiden Rettungsassistenten sicher, dass Betroffene mit schweren Erkrankungen, Verletzungen oder Verwundungen innerhalb kurzer Zeit für eine entsprechende medizinische Versorgung im MedEvac-Lufttransport verlegt werden können. Das Team holt ihre Patienten aus Kunduz oder den anderen kleineren Feldlagern zur weiteren medizinischen Versorgung in das Feldlazarett Mazar-e Sharif ab, das - im Hinblick auf sein Leistungspotential - in etwa mit der Notfallversorgung in Bundeswehrkrankenhäusern vergleichbar ist. Patienten, die zur weiteren Behandlung nach Deutschland gebracht werden müssen, bereitet die Ärztin zum Transport nach Termez / Usbekistan vor, wo schon der MedEvac-Airbus wartet.

In Deutschland leistet die 30-jährige zurzeit ihren Dienst als Truppen- und Fliegerärztin in Altenstadt an der Luftlande- und Transportschule des Heeres- wohlgemerkt in Luftwaffenuniform. „Da ich zusätzlich auch die Notfallversorgung für Sprungverletzungen sicherstelle, habe ich freiwillig eine Fallschirmspringerausbildung gemacht. So kann ich jetzt die Belastung der Fallschirmspringer besser einschätzen“, erläutert die sportliche Medizinerin aus Bayern.
Mit dem Diensteintritt in die Bundeswehr im Januar 2000 lag vor der Soldatin nicht nur die militärische Ausbildung. Im gleichen Jahr begann sie mit dem Studium der Medizin. „Ein forderndes, aber auch schönes Studium“, meint die junge Ärztin, die inzwischen ihre Dienstzeit von anfänglich 17 Jahren auf 20 Jahre verlängert hat. Diese Verlängerung wird grundsätzlich notwendig, wenn sich ein Truppenarzt nach dem Studium zum Facharzt weiterbilden lassen will – auf Kosten des Dienstherrn, der dafür die Expertise des zukünftigen Facharztes nutzt: Für Anästhesie hat sich Oberstabsärztin Dr. Susanne H. schon während des Praktikums entschieden, ein Fachbereich, den sie während eines Praktikums wegen der Vielseitigkeit des Aufgabenspektrums in OP und Intensivstation schätzen lernte.

Teamfindung erst im Einsatz
Mittlerweile ist dies ihr dritter Einsatz innerhalb von drei Jahren. Die Ärztin hat sich bewusst immer frühzeitig einplanen lassen, um so auch in der gewünschten Verwendung - für jeweils zwei bis vier Monate - eingesetzt zu werden. Vom Kosovo als Anästhesistin bis Feyzabad als Leiterin eines „Beweglichen-Arzttrupps“ (BAT) - zur Notfallversorgung von deutschen Soldaten im Rahmen einer Patrouille unterwegs - hat sie schon mit vielen Soldaten aus dem Sanitätsbereich ein Team gebildet. Auch zu Beginn dieses Einsatzes stand wieder so eine Teamfindung an. Schön fände sie es, wenn die Soldaten grundsätzlich aus der gleichen Einheit kommen würden. Das würde für einen schnellen Team-Start von Vorteil sein. Doch in der Realität „passt“ das nicht immer: So standen der Oberstabsärztin zwar mit Oberfeldwebel Andreas W. aus Rheine und Benjamin Z. aus München zwei erfahrene Rettungsassistenten zur Seite, doch beide bestreiten ihren ersten Einsatz, was einen „Findungs-Prozess“ im Team erforderlich macht. Ein einheitlicher Wissenstand muss noch gebildet werden. Und die wichtigen Aufgaben, auf die das Team zwangsläufig zusteuert, erfordern blinde Abstimmung und eine Art Grundvertrauen in die Fähigkeiten des anderen, damit im Falle eines Falles eine Hand zuverlässig in die andere greift. Doch diese Zeit, um sich aneinander zu gewöhnen und fachlich abzustimmen, soll dem Team nicht gegönnt sein, wie das nächste Kapitel zeigt.
„MEDEVAC Alarm – MEDEVAC Alarm“
Gleich in der ersten Woche wurde das neue MedEvac Team „ins kalte Wasser“ geworfen. „Bevor überhaupt eine Teamfindung stattfinden konnte, mussten wir unseren ersten Einsatz fliegen“, weiß Oberfeldwebel Benjamin Z. aus der ersten Woche zu berichten. „Wir wurden um 20.40 Uhr alarmiert und waren schon 30 Minuten später auf dem Weg nach Kunduz“. Drei ISAF-Kräfte waren durch IED´s, improvisierten Sprengfallen, schwer verletzt worden. Im Feldlazarett Kunduz wurden die Soldaten für den Transport mit der CH-53 nach Mazar-e Sharif vorbereitet. „Bei der Schwere der Verwundungen, unter anderem mit Splitter- und Gesichtsverletzungen, waren wir ganz schön angespannt, denn schließlich war das unser erster Einsatz - und auch der erste Nachtflug“, berichtet Oberfeldwebel W. Bei diesem Flug hatte das Team Glück, denn ein zweiter Arzt war mit an Bord gekommen, da sich das neue Team gerade erst in der Übergabephase befand.

„Sollte am Patienten während des Fluges ein Eingriff vorgenommen werden müssen, wird sehr schnell deutlich, mit welchen Schwierigkeiten wir Ärzte zu tun haben.“ So ist zwar die geringe Flughöhe von knapp acht Metern einerseits taktisch richtig, doch andererseits erschweren Ausweichmanöver bei geringer Flughöhe wichtige Eingriffe am Verwundeten. „Zumal wir, das MedEvac-Team, uns in einem anderen Funkkreis als der Pilot befinden und durch plötzliche Kursänderungen überrascht werden können“, erklärt Oberstabsärztin H. In solchen Fällen muss sie schnellstmöglich mit dem Piloten Kontakt aufnehmen, damit dieser den Hubschrauber auf eine ruhige und sichere Flughöhe bringt. Nur so ist es möglich, an dem Patienten in einer plötzlichen Notsituation einen Eingriff vorzunehmen. Dennoch: Die gesamte Besatzung des Hubschraubers hat ihre Reifeprüfung bei Nacht bestanden. Die drei schwer verletzten ISAF-Soldaten wurden auf dem Flugplatz von Mazar-e Sharif in die Obhut des bereitstehenden Sanitätspersonals übergeben. Letzte Station ist für Oberstabsärztin Susanne H. in dieser Nacht der Schockraum des Feldlazarettes. Hier gibt sie den Klinik-Ärzten abschließend einen Überblick über getroffene Maßnahmen während des Fluges und den aktuellen Gesundheitszustand der Verwundeten wieder. Gegen 3.30 Uhr endete der Tag für die medizinische Crew. Für unsere Luftwaffenprotagonistin geht der Auftrag mit dem nächsten, täglichen Briefing weiter – um 5.45 Uhr.
