ICA 90 II - Neues Testgerät für die fliegerische Eignungsfeststellung
Der Instrument Coordination Analyser (ICA 90 II) hat beim Flugmedizinischen Institut der Luftwaffe (FMI) in Fürstenfeldbruck zu Jahresbeginn den regulären Dienstbetrieb für die Eignungsfeststellung des fliegerischen Personals der Bundeswehr aufgenommen.

ICA 90 II
Nachdem bereits im Jahr 2008 mit dem Fliegerpsychologischen System Fläche (FPS-Fläche) bei der Phase III der Eignungsfeststellung ein neues Testsystem eingeführt worden war, wurde jetzt auch für die Phase II der fliegerischen Eignungsfeststellung eine Modernisierung der Gerätschaften fällig. Das seit Ende 1991 genutzte System ICA 90 wurde jetzt durch das ICA 90 II ersetzt. Obwohl sehr bewährt bei der fliegerischen Eignungsfeststellung, stellte das bisherige System die Abteilung Flugpsychologie des Flugmedizinischen Instituts zunehmend vor Probleme hinsichtlich veralteter Soft- und Hardware. Eine flexible Anpassung von Testverfahren an die Anforderungen neuer Waffensysteme ließ die alte Software nicht zu und einige Hardwarekomponenten konnten nicht mehr nachbeschafft werden. Daher war eine Modernisierung beschlossen worden.

Eignungsfeststellung in drei Phasen
Das dreistufige System der Eignungsfeststellung für Bewerber des fliegerischen Dienstes bei der Bundeswehr (Phase I bis III) sieht nach der grundsätzlichen soldatischen Eignungsfeststellung der Phase I an der Offizierprüfzentrale (OPZ) in Köln und den Zentren für Nachwuchsgewinnung (ZNwG) in Phase II und III spezielle simulationsgestützte Prüf- und Auswahlverfahren vor. In der Phase II wird in bis zu zwei Tagen die grundlegende Eignung für den Fliegerischen Dienst geprüft. Neben den praktisch-fliegerischen Fähigkeiten und der motorischen Koordinationsfähigkeit, werden vor allem Belastbarkeit, Befähigung zur Mehrfacharbeit, Konzentrationsvermögen und Rechenfähigkeit begutachtet. In einem abschließenden Gespräch mit einem Psychologen werden fliegerische Motivation, sowie Lern- und Leistungsbereitschaft abgefragt. Erfolgreiche Bewerber erhalten dann eine Einladung zur medizinischen Untersuchung in der Abteilung Klinische Flugmedizin des FMI in Fürstenfeldbruck, die zwei bis vier Tage dauern kann. Probanden, die es bis dahin geschafft haben, werden zur Phase III der Eignungsfeststellung eingeladen, die fünf Tage dauert.

Bewerber, die ein Flugzeug führen wollen durchlaufen die Phase III in Fürstenfeldbruck im Fliegerpsychologischen System Fläche (FPS-F), während Bewerber für Hubschrauber im Fliegerpsychologischen System Hubschrauber (FPS-H) an der Außenstelle der Abteilung Flugpsychologie des Flugmedizinischen Instituts der Luftwaffe in Bückeburg getestet werden. Mit realitätsnaher Simulation werden Flugsituationen nachgestellt, die der Bewerber fliegerisch und taktisch bewältigen muss. Darüber hinaus muss der Proband seine Lernfähigkeit unter Beweis stellen, da ihm neben kurzfristigem Lernstoff vor Ort in Fürstenfeldbruck auch eine fliegertheoretische Lernunterlage vorab zugesandt wird, die durchgearbeitet muss und später abgefragt wird.

Parallelbetrieb
Ab April 2009 wurden vier neue Cockpits des ICA 90 II noch im alten „Sternbau“ der Abteilung Flugpsychologie auf dem ehemaligen Fliegerhorst Fürstenfeldbruck aufgebaut. Die von der Firma CAE aus Stolberg gelieferten Systeme wurden dann zu Test- und Validierungszwecken im Parallelbetrieb mit dem alten System betrieben, bis Ende November 2009 das neue Simulationsgebäude fertiggestellt wurde. Dabei wurden die in Kooperation mit der Universität Wuppertal und Professor Dr. Hartmut Häcker entwickelten neuen Verfahren überprüft und validiert. Im Vergleich von alt zu neu ergeben sich bisher vergleichbare Resultate, jedoch mit mehr Differenzierungsmöglichkeiten beim ICA 90 II.

Neue Testprofile
Durch die Neugestaltung von Lern- und Übungsphasen erhalten Bewerber einen besseren Einstieg in die Testverfahren. Dabei werden auch Leistungsgrenzen der Probanden frühzeitig erkennbar. Für die Auswertung der Testergebnisse werden neue Messalgorithmen genutzt, die es erlauben, unterschiedlichste graphische Darstellungen abzubilden. Beispielsweise können Verlaufsdiagramme erstellt werden, die den Trainingserfolg des Bewerbers oder mögliche Ermüdungserscheinungen und Konzentrationslücken sichtbar machen. Ebenso kann dem Probanden während der Testphase nach Bedarf ein Feedback zum Leistungsstand gegeben werden.

Neubau
Verwertbare Teile der bisherigen fünf Testplätze des alten ICA 90 wurden dabei in die zehn neuen Bewerberarbeitsplätze des ICA 90 II integriert. Neben zehn Test-Cockpits, fünf Konsolen für Testleiter und Psychologen, sowie Rechneranlagen bietet der Neubau auch Platz für Briefingräume. Durch die Neubeschaffung der Hardware haben sich für Probanden und Testpersonal die Bedienmöglichkeiten stark verbessert. Bei den Arbeitsplätzen der Bewerber kommen TFT 19 Zoll-Touchscreen-Monitore und ergonomisch geformte und verstellbare Sitze zum Einsatz. Für das Psychologisch-Technische Assistenzpersonal (Testleiter) wurden bedienerfreundlichere Steuerkonsolen eingerüstet. Eine weitere Neuerung ist eine Video-Wiedergabe-Einheit, mit der das Bewerberverhalten nach bestimmten Testablaufen nochmals analysiert werden kann. Zusätzlich können gespeicherte Parameter des Testverlaufs graphisch und akustisch eingeblendet werden. Im Januar dieses Jahres konnte der reguläre Betrieb für die Eignungsfeststellung aufgenommen werden.

Größere Prüfkapazität
„Durch die Verdoppelung der Bewerberarbeitsplätze von fünf auf zehn „Cockpits“ hat sich unsere Prüfkapazität deutlich erhöht“, erläutert Fliegerpsychologin Dr. Anja Schwab, Regierungsdirektorin in der Abteilung Flugpsychologie am Flugmedizinischen Institut der Luftwaffe. Als Projektleiterin für den ICA 90 II hat sie den Testbetrieb 2009 und die volle Inbetriebnahme im Januar diesen Jahres intensiv begleitet. „Bisher konnten rund 900 Probanden pro Jahr getestet werden. Im Jahr 2010 wird die Zahl voraussichtlich bei über 1200 liegen. Außerdem haben wir die Möglichkeit bei Bedarf die Prüfkapazität kurzfristig zu erhöhen“, fügt sie hinzu. Gerade für die Phase III der Eignungsfeststellung könne so ein größerer Pool an Probanden generiert werden und eine weitergehende Bestenauslese gemacht werden. Bisher habe man etwa 20% mehr Testkandidaten im vergleichbaren Zeitraum prüfen können, so Dr. Schwab. Bei voller Auslastung der neuen Testmöglichkeiten des ICA 90 II wird man neben dem vorhandenen zivilen und teilweise militärischen Testleitern und Psychologen weiteres Personal benötigen, um die Aufgaben bewältigen zu können.

Mehr Flexibilität
„Das Herausragende an dem neuen System ist seine Flexibilität. Dies wird durch die enorme Weiterentwicklung der Software des ICA 90 II möglich. Während wir früher für Änderungen im Testablauf einen Programmierungsauftrag an eine Softwarefirma vergeben mussten, können wir es jetzt selbst machen. Über den Mission-Editor können auch programmierunerfahrene Nutzer Testverfahren erstellen oder modifizieren“, ergänzt Dr. Schwab. Neue Anforderungen, die Waffensysteme der 4. Generation, wie Eurofighter oder auch Drohnen an die Bediener stellen, können in dynamischen Testverfahren flexibel nachgebildet werden. Damit lassen sich zukünftig deutlich bessere Prognosen über die Bewährungswahrscheinlichkeit in der fliegerischen Ausbildung geben.

Realitätsnähe
Die von Computerspielen verwöhnte Jugend war längst nicht mehr mit der veralteten Grafik und der Bildschirmauflösung des ICA 90 zu begeistern. Umso mehr gelingt dies jetzt dem Nachfolgesystem in der Phase II und dem FPS-F in der Phase III der Eignungsfeststellung. Oliver Vahl (19), Abiturient aus Plön bei Kiel ist jedenfalls begeistert von der realitätsnahen Simulation. Auf die Frage, was für ihn am schwierigsten war, antwortet er: „Der Koordinationstest hat einem schon viel abverlangt. Es war nicht einfach, das Flugzeug mit dem Steuerknüppel und den Ruderpedalen im Gleichgewicht zu halten und parallel dazu Rechenaufgaben zu lösen.“ Besonders gefallen habe ihm aber das Fliegen in Formation mit einem anderen Flugzeug. Schulkameraden und Mitglieder von Internetforen, die schon vorher zur Eignungsfeststellung in Fürstenfeldbruck waren, hatten ihm zwar einige Abläufe erklärt, aber dennoch überrascht war er von der Komplexität der Tests. „Eines hat jedenfalls gestimmt“ meint er. „Gezielt vorbereiten kann man sich auf die Tests in der Phase II nicht. Hier muss man entspannt an die Sache herangehen.“

Moderne Technik
Mit der Einführung des ICA 90 II gab es aber nicht nur Verbesserungen für die Probanden. Durch zwei große TFT-Bildschirme, die funktionstechnisch verbunden sind, haben die Testleiter permanent den Überblick über aktuelle Parameter des Testablaufs, die Videobeobachtungskanäle und die Bewerberbeobachtungsbögen. Damit können sie jederzeit die Aufgabenbearbeitung des Probanden verfolgen und bewerten. Eine Video-Überwachungsanlage erlaubt es, das Testverhalten der Bewerber in Bild und Ton aufzuzeichnen und Testabläufe nachträglich in allen Einzelheiten und mit allen Parametern zu analysieren. Am 8.Juli wird der ICA 90 II in einer Feierstunde des Flugmedizinischen Instituts der Luftwaffe offiziell in Dienst gestellt und der breiteren Öffentlichkeit vorgestellt.

Zukunftsorientierung
„Der rote Faden bei der Weiterentwicklung der Eignungsfeststellung des Fliegerischen Personals der Bundeswehr ist deutlich erkennbar“, meint Dr. Wolfgang Roth, Leitender Regierungsdirektor am Flugmedizinischen Institut der Luftwaffe und Leiter der Abteilung Flugpsychologie. „Mit Einführung des Fliegerpsychologischen Systems Fläche (FPS-Fläche) für die Phase III der Eignungsfeststellung im Jahre 2008 und der Aufnahme des Regelbetriebes durch den Instrument Coordination Analysers II (ICA 90 II) Anfang diesen Jahres haben wir bereits zwei große Schritte nach vorn gemacht. Bis voraussichtlich 2012 werden wir einen dritten Schritt vollziehen, wenn an unserer Außenstelle bei der Heeresfliegerwaffenschule in Bückeburg das Nachfolgesystem für die Eignungsfeststellung der Phase III für die Drehflügler, das FPS-H II (Fliegerpsychologisches System Hubschrauber) eingerüstet sein wird.“

Gut aufgestellt
So sieht es auch Oberstarzt Dr. Wolfgang Krause, der neue Leiter des Flugmedizinischen Institutes der Luftwaffe. Neben der Abteilung Flugpsychologie unterstehen ihm fünf weitere Abteilungen. „Mit der heutigen, modernen Ausstattung in der Eignungsfeststellung sind wir hervorragend gerüstet für die immer schwieriger werdende Selektion des jeweils am besten geeigneten Bewerberpersonals für die verschiedenen Verwendungen im fliegerischen Dienst und im Einsatzführungsdienst. Ich bin sehr froh, dass wir diesen Status nun erreicht haben.“
