Startseite Bundeswehr

Sie sind hier: Startseite > Archiv > Termine/Veranstaltungen > 2010 > 50 Jahre Einsatzführungsdienst > Die Lizenz zum Jagen

Die Lizenz zum Jagen

Erndtebrück, 23.07.2010.
Das Telefon klingelt. Es ist ein Anruf von einem multinationalen Gefechtsstand für Luftoperationen aus Karup in Dänemark. Ein Flugzeug ohne Funkkontakt zur Deutschen Flugsicherung, ein sogenanntes „LossCom-Flugzeug“, befindet sich im deutschen Luftraum. Hier beginnt die Arbeit für einen Jägerleitoffizier…

Eine Phantom-Abfangjäger hebt ab
Eine Phantom-Abfangjäger hebt ab (Quelle: Aldo Wiki/)Größere Abbildung anzeigen

Nach einem schnellen Zusammentragen von Informationen über Status und Position des „LossCom-Flugzeugs“ wird der Start einer Alarmrotte befohlen. Wenige Augenblicke später steigt beim Jagdgeschwader 71 „Richthofen“ in Wittmund zwei F-4 Phantom auf, um das unbekannte Flugzeug abzufangen. Oberleutnant Carina Dickel, Jägerleitoffizier in einem deutschen Luftgefechtsstand, wählt das Radarbild, so dass sie sowohl die Alarmrotte, als auch das LossCom-Flugzeug auf dem Bildschirm sehen kann. Bei dem Flugzeug soll es sich um eine Boeing 737-700 handeln, die nach Stockholm fliegt. Die Aircraft-Controllerin (Jägerleitoffizier) ist nun dafür verantwortlich, die Jagdflugzeuge sicher und auf dem schnellsten Weg durch einen viel beflogenen Luftraum zu ihrem Ziel zu führen.

Carina Dickel mit ihrem Assistenten in der Luftraumüberwachungszentrale
Carina Dickel in der Luftraumüberwachungszentrale (Quelle: Luftwaffe/Andreas Haßler)Größere Abbildung anzeigen

Unterstützt von einem Einsatzführungsfeldwebel stellt Oberleutnant Dickel die notwendigen Funkfrequenzen ein. Einige Minuten später meldet sich ein Pilot der Alarmrotte auf ihrer Frequenz. Jetzt weist sie der Alarmrotte das Ziel zu und befiehlt sie auf einen Abfangkurs. Die Alarmrotte, bestehend aus zwei F-4 Phantom, hat nun Priorität im deutschen Luftraum: Alle Flugzeuge, die sich auf deren direktem Flugweg zum Ziel befinden, werden von der Flugsicherung umgeleitet. Während die Alarmrotte in den oberen Luftraum steigt, gibt Oberleutnant Dickel alle bereits vorhandenen Informationen über das Ziel an die Abfangjäger weiter.

nach oben

Blick auf den Radarschirm
Blick auf den Radarschirm (Quelle: Archiv EinsFüBer 2/)Größere Abbildung anzeigen

Ernstfall oder nur ein Abstimmungsfehler?

Im Endanflug führt Oberleutnant Dickel die Alarmrotte vorsichtig hinter das LossCom-Flugzeug. Nachdem die Abfangjäger Sichtkontakt mit dem Ziel aufgenommen haben, gibt ihnen der Jägerleitoffizier die Freigabe, auf die Höhe des abzufangenden Flugziels zu steigen. Die Alarmrotte geht nun in Position und Oberleutnant Dickel erwartet das Ergebnis der Identifizierung. Sobald das Flugzeug als Boeing 737-700 identifiziert wurde, ordnet Oberleutnant Dickel einen sogenannten „Cockpit-Check“ an. Als Zeichen für den Abfangvorgang positioniert sich dabei der Abfangjäger seitlich leicht nach vorne versetzt auf die linke Seite des abgefangenen Flugzeuges, um den Sichtkontakt zwischen den Flugzeugführern zu ermöglichen. Sobald die Piloten der Boeing das Jagdflugzeug neben sich sehen, nehmen sie Kontakt auf der Notfrequenz zu ihm auf und erklären, dass sie die falsche Frequenz eingewählt hätten und daher kein Funkkontakt mit der Flugsicherung zustande käme. Oberleutnant Dickel gibt anschließend die korrekte Frequenz über die Alarmrotte an die Piloten der Boeing weiter. Nachdem der Funkverkehr zwischen der Boeing und der Flugsicherung wieder hergestellt ist, befiehlt die Controllerin der Alarmrotte, von der Boeing wegzudrehen und übergibt die Jagdflugzeuge für den Rückweg ebenfalls an die Flugsicherung. Die „Jagd“ ist beendet und ein Szenario voller Adrenalin nimmt ein gutes Ende.

nach oben

Immer den Überblick behalten: Live-Ausbildung im CRC
Immer den Überblick behalten (Quelle: Luftwaffe/Andreas Haßler)Größere Abbildung anzeigen

Der Weg zur Jagdlizenz

Der Weg zur sogenannten Jagdlizenz des Einsatzführungsdienstes der Luftwaffe ist nicht einfach. Vorraussetzungen für diese anspruchsvolle Tätigkeit sind unter anderem Reaktionsschnelligkeit, Teamfähigkeit, Multitaskingfähigkeit, Konzentrationsvermögen, gute Englischkenntnisse und insbesondere die Fähigkeit, sich aus einem Radarbild ein dreidimensionales, sich ständig veränderndes Bild vorzustellen. Auf diese Fähigkeiten wurde Oberleutnant Dickel an der Offizierbewerberprüfzentrale in Köln und im Flugmedizinischen Institut der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck geprüft. Nach dem Bestehen dieser Tests wurde sie zum Soldaten auf Zeit ernannt und es folgten eine dreimonatige Grundausbildung sowie der neun Monate dauernde Offizier-Lehrgang an der Offizierschule der Luftwaffe (OSLw) in Fürstenfeldbruck.

nach oben

Volle Konzentration. Mit Lehrgangsteilnehmern in der Simulationsanlage
Volle Konzentration (Quelle: Luftwaffe/Andreas Haßler)Größere Abbildung anzeigen

Genaue Pläne für die Karriere

Anders als die meisten Truppenoffiziere wurde Carina Dickel nach Abschluss der OSLw direkt in ihre zukünftige Einheit, der Einsatzführungskompanie 21 beim Einsatzführungsbereich 2 in Erndtebrück, versetzt und nicht an eine der beiden Bundeswehruniversitäten. „Ich war damals 23 Jahre alt und wusste, dass eine herausfordernde Ausbildung auf mich wartete, daher kam für mich persönlich ein Studium nicht mehr in Frage“, erklärt sie. In Erndtebrück angekommen, durchlief sie einen vierwöchigen Lehrgang, bei dem sie sich Grundkenntnisse über den Einsatzbetrieb in einem Control and Reporting Center (CRC) aneignete. Die darauffolgenden zwei Monate beinhalteten die Ausbildung zum Aircraft-Controller-Assistent (ACA). So konnte Oberleutnant Dickel schon einmal einen Einblick in ihre zukünftige Tätigkeit als Jägerleitoffizier (AC) erlangen.

nach oben

Im Gespräch mit Kameraden. Eine selbstbewusste junge Frau
Im Gespräch mit Kameraden (Quelle: Luftwaffe/Andreas Haßler)Größere Abbildung anzeigen

Die weitere Ausbildung

Bald danach begann sie ihren etwa neunmonatigen Lehrgang zum Erwerb der Jagdlizenz bei der Einsatzführungsausbildungsinspektion 23, der zentralen Ausbildungseinrichtung des Einsatzführungsdienstes, ebenfalls in Erndtebrück. Nach einem dreiwöchigen Theorieteil folgte die Simulatorphase, deren drei Prüfungen schon einige angehende Controller zum stolpern brachten. Carina Dickel absolvierte diese Prüfungen erfolgreich und startete in die letzte Phase des Jagdlizenzlehrganges, den Live-Anteil. Zum ersten Mal durfte sie über Funk „richtige“ Flugzeuge führen. „Wir waren zwei Frauen in unserem Lehrgang – und nachdem vorher nur Männer auf den Funkfrequenzen zu hören waren, mussten die Piloten sich erst einmal an uns gewöhnen. Es kam anfangs öfters dazu, dass ich mit „Sir … äh … Mam“ angesprochen wurde.“

nach oben

Carina Dickel im neuen Erndtebrücker CRC (Control and Reporting Centre)
Carina Dickel im neuen Erndtebrücker CRC (Quelle: Luftwaffe/Andreas Haßler)Größere Abbildung anzeigen

Ein riesiges Spektrum an Ausbildungsmöglichkeiten

Als „Jungcontrollerin“ kehrte Oberleutnant Dickel dann in ihre Kompanie zurück und wurde dort weiter ausgebildet, um unter anderem Nachtflugeinsätze, Schießübungen über dem Meer, Überlandflüge, Luft zu Luft-Betankungen mit Großraumtankflugzeugen, sowie komplexe Luftkampfübungen unterstützen zu können. Während dieser Zeit ist sie auch einige Male an die Ausbildungseinrichtung zurückgekehrt und hat dort zukünftige Jägerleitoffiziere unterrichtet. Mittlerweile ist sie „Combat Ready“ und hat damit die höchste Befähigungsstufe für einen Controller erlangt. Noch in diesem Jahr wird sie die Ausbildung zum Abschluss der Flugabwehrraketenlizenz erhalten und an einem Lehrgang teilnehmen, um die Marine als Aircraft-Controller auf See unterstützen zu können. Als Berufssoldatin wird Oberleutnant Dickel in Zukunft noch weitere Lizenzen des Einsatzführungsdienstes der Luftwaffe erwerben. Eines Tages wird sie in die Ausbildung zum Einsatzführungsstabsoffizier gehen um damit die Befähigung zu erlangen, als Master Controller ein Control and Reporting Centre zu führen.

nach oben


FußFzeile

nach oben

Stand vom: 21.09.11 | Autor: Andreas Haßler/Carina Dickel


http://www.luftwaffe.de/portal/poc/luftwaffe?uri=ci%3Abw.lw.aktu.vera.2010.50einfuedst&de.conet.contentintegrator.portlet.current.id=01DB060000000001%7C87M8FQ178INFO