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Drehbuch für den Einsatz

Potsdam, Köln-Wahn, 19.01.2011.
Einsatz kommt vor Grundbetrieb, denkt sich Soldat X und fragt sich, wie er seinem Dienstherrn diesbezüglich am besten gerecht werden kann. Und das ist gar nicht mal so einfach zu überblicken. Luftwaffe. de zeichnet die einzelnen Stationen nach, wie Sie in den Einsatz kommen.

Soldaten auf der Gangway: Soldaten verlegen von Köln-Wahn aus in den Einsatz
Soldaten auf der Gangway (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)Größere Abbildung anzeigen

Am Anfang war das Wort - und zwar in Form einer sogenannten „Weisung“. Eine Weisung wird zu jedem neuen Kontingent und Einsatz erstellt, ist Ausdruck des Primat der Politik, stellvertretend hier ausgeübt durch das Bundesministerium der Verteidigung. Inhaltlich ist die Weisung ein umfangreiches Werk mit Absichten und Zielen, dass bestimmte Aufgaben als eine Art Gesamtbefehl an die beteiligten Streitkräfte und militärischen Organisationsbereiche adressiert. Einmal in Kraft gesetzt, bindet diese Weisung alle beteiligten Einheiten in der Bundeswehr, dem Einsatzführungskommando der Bundeswehr (EinsFüKdoBw) in Schwielowsee bei Potsdam in der zugewiesenen Rolle zuzuarbeiten.

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Stabsoffiziere bei der Planung
Stabsoffiziere bei der Planung (Quelle: Luftwaffe/PIZ EinsFüKdoBw)Größere Abbildung anzeigen

FBKD, DPL und SBL

Aber mit der Weisung ist noch nicht viel konkretes zur Ausgestaltung des anstehenden Kontingents gesagt, es wurden in der Masse Fähigkeiten herausgestellt, Zuständigkeiten geklärt und Aufgaben verteilt. In der Abteilung J3/5/7des EinsFüKdoBw, der Planungsinstanz für alle Einsätze, werden zunächst die für jede Operation notwendigen Kräfte identifiziert, zusammengestellt, benannt und auf verschiedene Organisationsstrukturen verteilt. Dieser erste Kräfteansatz verbirgt sich hinter einem Wortungetüm namens „Fähigkeitsbezogenes Kräftedispositiv“, kurz FBKD. Diese, zunächst an Fähigkeiten orientierte Grobstruktur, wird anschließend in eine Dienstpostenliste (DPL) ausgeworfen, einer Excel-Tabelle, die neben der Quantifizierung jeder Einheit auch bereits Fachtätigkeit, Dotierung und auch konkrete Ausbildungsforderungen an den Inhaber jeder Stelle im Einsatz beinhaltet. Ein laufendes Kontingent dient dabei meistens als Basis zur Weiterentwicklung des nächsten und jeder Dienstposten im kommenden Kontingent wird dabei auf seine Notwendigkeit im Verbund untersucht.

Hauptfeldwebel Ralph Heise aus der Abteilung J1 des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr stellt die SBL zusammen
Hauptfeldwebel Ralph Heise stellt die SBL zusammen (Quelle: Johannes Kunze-Scheunemann)Größere Abbildung anzeigen

Auch internationale Forderungen an Deutschland, die zuvor in einer internationalen Planungskonferenz (als Steering Commitee bezeichnet) zusammengetragen wurden und als sogenannte „CE“-Stellen (abgeleitet von „Crisis Establishment“) vorzugsweise in den höheren Kommandostrukturen im Einsatz Verwendung finden, werden Bestandteil der Gesamt-DPL, die - am Beispiel des Deutschen Einsatzkontingentes Afghanistan - quasi den Einsatz-Stellenplan für mehrere Dutzend Einheiten abbilden. Als letzter Schritt kann bei großen Kontingenten schließlich noch eine Truppenstellerkonferenz einberufen werden, um die eingeplanten Kräfte auf die fünf Teilstreitkräfte und militärischen Organisationsbereiche zu verteilen. Am Ende aller Entwicklungsschritte steht dann die Gesamt-DPL, die - offiziell in Kraft gesetzt - automatisch als Haushaltsvorlage dient. Bei der Abteilung J1 des EinsFüKdoBw wird an die DPL noch eine Anlage angefügt, die mit Personaldaten zu befüllen ist. Sie wird als Stellenbesetzungsliste bezeichnet - oder einfach SBL. Die SBL umreißt die höchstmögliche Stellenzahl im Einsatz und darf nur während des Kontingentwechsels geringfügig überschritten werden. Alle Personen, die darüber hinaus noch in den Einsatz wollen, müssen dies nun als Dienstreise planen.

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Hauptfeldwebel Marco G. bei der Fleißarbeit
Hauptfeldwebel Marco G. bei der Fleißarbeit (Quelle: Luftwaffe/Hendrik Niermann)Größere Abbildung anzeigen

Der Leitverband – Motor für den Einsatz

Die SBL wird von der Abteilung J1 umgehend auf die Teilstreitkräfte und militärischen Organisationsbereiche verteilt – mit dem Anspruch auf Befüllung - gemäß der Weisung.

Die tatsächliche Zusammenstellung der Verbände, deren Kontingentausbildung und Reiseplanung übernimmt verbandsübergreifend ein sogenannter "Leitverband" auf Divisionsebene. Der Leitverband zeichnet auch häufig für die Zusammenstellung des Kontingentstabes im späteren Einsatz verantwortlich, dessen Kern er - insbesondere beim Heer - selbst mit Masse stellt.

Bei der Luftwaffe wird diese Funktion nicht von den Divisionen, sondern zentral vom Luftwaffenführungskommando A1b übernommen. Hier wertet man die SBL auf's genaueste aus und adressiert sie insbesondere an diejenigen Einheiten, deren Fähigkeiten im kommenden Einsatz - gemäß DPL - benötigt werden. Personal, das absehbar nicht im ausgesuchten oder favorisierten Divisionsrahmen verfügbar ist, kann der Leitverband aus anderen Divisionen anfordern – was schon die Ausnahme darstellt.

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Kompaniechef Markus Pechmann im Gespräch
Kompaniechef Markus Pechmann im Gespräch (Quelle: Luftwaffe/Hendrik Niermann)Größere Abbildung anzeigen

Auf Einheitsebene

Die im Einsatz benötigten Fähigkeiten spiegeln nicht selten die Kapazitäten ganzer Einheiten im Grundbetrieb wieder, beispielsweise bei Pioniereinheiten des Heeres oder im Bereich Aufklärung der Luftwaffe. Bei der Marine kann dies sogar das Personal eines gesamten Schiffes beinhalten: Stellenplan und DPL, Stellenbesetzungsliste und SBL sind dann fast identisch.
Im Umkehrschluss heißt das aber nicht automatisch, dass alle im Einsatz benötigten Kräfte aus der identifizierten Staffel im Grundbetrieb genommen werden. Beispielsweise werden beim ATALANTA-Einsatz weniger Kräfte für die Unterwasserabwehr benötigt - Stellenplan des Grundbetriebs und DPL klaffen hier auseinander. Stattdessen nimmt der zuständige Erste Offizier mehr Sanitäter und Sicherungssoldaten mit, was durch die DPL/SBL legitimiert ist, aber im Stellenplan des Grundbetriebs fehlt.

Der Kompaniechef ist derjenige, der zunächst entscheidet, wer in einen Einsatz zieht – und wer nicht. Er wertet die Ausbildungsforderungen aus dem DPL-Anteil der SBL aus und leitet die entsprechenden Ausbildungsvorhaben ein. Im Einzelfall prüft er, inwieweit er den aktiven Soldaten im Grundbetrieb durch einen Reservisten ersetzen kann und trägt dafür Sorge, dass die in den Einsatz gehenden Soldaten alle gemäß DPL geforderten Voraussetzungen, dazu gehören nebenbei auch körperliche Leistungsfähigkeit und Gesundheit, erfüllen. Diese Verantwortung, aber auch das damit verbundene Vorschlagsrecht, liegt nur beim Einheitsführer. Sinngemäß gilt dies auch bei Freiwilligenbewerbungen für einen Einsatz.

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Rechtzeitige Information ist ein Muß
Rechtzeitige Information ist ein Muß (Quelle: Luftwaffe)

Der Kommandeur

Der Bataillonskommandeur, respektive ein Stabsoffizier in vergleichbarer Funktion, ist derjenige, den viele in Bezug auf ihre Einsatzplanung nicht auf der Agenda haben. Dabei ist der Kommandeur derjenige, der – im Gegensatz zum Einheitsführer – über die Abkömmlichkeit der Soldaten bestimmt. Als der für die Erreichung der Verbandsziele verantwortliche Offizier kann er auf die vom Einheitsführer getroffene Wahl jederzeit Einfluß nehmen. Zwar soll der Einsatz vor dem Grundbetrieb rangieren, doch obliegt es nach wie vor dem Kommandeur, mit welchem Kräfteansatz er die Ziele seines Verbandes im Grundbetrieb erreichen will. Die Soldaten im S1-Bereich - oder aber in einer eigens dazu eingerichteten Zelle - füllen nun die Stellenbesetzungslisten mit dem vom Einheitsführer ausgewählten und vom Kommandeur hinsichtlich der Abkömmlichkeit gebilligten Personals aus: Möglichst aktive Soldaten aus den betroffenen Einheiten des Verbandes. Lücken in der SBL können danach mit anderen Soldaten innerhalb des Verbandes „gestopft werden“, genauso wie mit Reservisten, obschon die eigentlich als Kompensation für Stellen im Grundbetrieb vorgesehen sind.

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Oberstabsfeldwebel Markus B. ist der „Herr der Zahlen“
Oberstabsfeldwebel Markus B. prüft die SBL (Quelle: Luftwaffe/Hendrik Niermann)Größere Abbildung anzeigen

Die höheren Kommandobehörden

Die höheren Kommandobehörden lassen sich nun die fertige Stellenbesetzung über den Leitverband vorlegen und werten die Vakanzen aus. Hier kann noch mal versucht werden, Ersatz zu finden. Da aber meistens ein Kontingentverband übt, einer im Einsatz ist und einer nachbereitet, ist es mittlerweile zeitlich eng geworden, noch Personal für den Einsatz zu finden, der bereits in wenigen Wochen mit der Verlegung der Kräfte ansteht.

Durch Personalforderung an die verbliebenen Verbände können aber gegebenenfalls noch Lücken in der SBL geschlossen werden, während bereits die ersten Ausbildungs- und Reisevorbereitungen für den kommenden Einsatz getroffen werden.

Alle Soldaten, die schließlich für den Einsatz vorgesehen sind, werden dann mit einem Einplanungsvermerk (EPV) angeschrieben, der wichtige Hinweise zur weiteren Vorbereitung enthält, beispielweise zu notwendigen Konferenzbescheinigungen, welche ärztlichen Untersuchungen notwendig sind, welche Impfungen benötigt werden, Hinweise zum Bekleidungs-Soll und wann die EAKK-Ausbildung vorgesehen ist.

Eine der letzten Stationen auf dem Weg: Die EAKK macht fit für den anstehenden Einsatz
Die EAKK macht fit für den Einsatz (Quelle: Luftwaffe/Luftwaffe)Größere Abbildung anzeigen

Nebenbei enthält der EPV auch noch eine Menge Merkblätter, die im Sinne des Soldaten viele weitere Fragen klären und bis zur Versetzung in den Einsatz zu erledigende Tätigkeiten aufzählen. Zum Schluß melden die höheren Kommandobehörden ihre Stellenbesetzung zurück ans EinsFüKdoBw – und zwar meistens in mehreren Anläufen. Während beispielsweise bei ISAF oder KFOR die erste Gesamt-SBL noch meistens eine Stellenbesetzung zwischen 70 und 90% ausweist, wird im dritten Anlauf – kurz vor der Verlegung – eine Stellenbesetzung von häufig über 95% erreicht. Nichtsdestotrotz kann diese Quote in einzelnen Fachbereichen unzureichend sein. In der Mängelliste ganz oben stehen beispielsweise immer wieder Brandschützer, Feldjäger, Nachrichtenpersonal und Personal zum Schutz vor IEDs.

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Oberstabsfeldwebel Michael Hertel kontrolliert, ob das geplante Personal tatsächlich im Einsatz angekommen ist.
Oberstabsfeldwebel Michael Hertel kontrolliert (Quelle: Johannes Kunze-Scheunemann)Größere Abbildung anzeigen

Das Einsatzführungskommando der Bundeswehr

Mit dem Zeitpunkt der Verlegung oder unmittelbar bei Eintreffen im Einsatzgebiet werden die Soldaten dem EinsFüKdoBw für die Dauer des Einsatzes unterstellt. Nun ist es eine der ersten Aufgaben des Kontingentstabes, die nach der Landung entstandenen Lücken in der Personaldecke an die Abteilung J1 des EinsFüKdoBw nach Deutschland zu melden. Die Abteilung J1 entscheidet, ob die Lücke im Einsatz geschlossen werden muß - oder ob die Vakanz im Einsatz hinzunehmen ist.

Was viele nicht ahnen: Wer diese Lücke in der Vorbereitung zum Einsatz hingenommen hat, muss nun damit rechnen, dass sie nicht mehr geschlossen werden kann. Sollte ein Leitverband also nicht „sauber gearbeitet haben“, trifft ihn dies letzten Endes selbst. Wenn die Abteilung J1 Personal bei den höheren Kommandobehörden nachfordert, kostet die Nachführung fehlenden Personals auf jeden Fall Zeit, denn ein adäquater Ersatz, der zudem ausgebildet und geimpft sein muss, kann eigentlich nur abkömmlich sein, wenn gleichzeitig im Grundbetrieb eine Vakanz hingenommen wird.

Ab dem Jahr 2011 soll SASPF auch Einzug in den Einsatz halten. Wenn dann die Vakanz im Einsatz über das EinsFüKdoBw - J1 direkt an den Bedarfsdecker gerichtet wird, sollte die Personalnachforderung transparenter und schneller sein: Das bisherige, aufwendige Antragsverfahren über diverse Ebenen kann - teilweise erheblich - eingekürzt werden.

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Ankunft nachts in Termez
Ankunft nachts in Termez (Quelle: Luftwaffe/Luftwaffe)Größere Abbildung anzeigen

Die Lufttransportverbände

Sie spielen zwar keine eigentliche Rolle in der Stellenbesetzung, aber ihrem Organisationsgeschick ist es zu verdanken, dass alle vier Monate knapp 14.000 Soldaten in den Einsatz ein- und wieder ausgeflogen werden können. Die Masse davon verlegt in den ISAF-Einsatz – also von Köln in das usbekische Termez. In kleinerem Maßstab verlegen die Soldaten auch mit zivilen Maschinen oder erreichen das Einsatzgebiet per Schiff – vorwiegend bei den Marineeinsätzen und den kleineren Beobachtermissionen.

Insgesamt etabliert die Bundeswehr allein in Afghanistan alle vier bis sechs Monate eine ganze Kleinstadt, während im so genannten Kontingentwechselzeitraum gleichzeitig 7.000 Soldaten aus dem Einsatz zurückkehren. Damit alles reibungslos verläuft, überwachen die Flugbucher beim Einsatzführungskommando J1 jede einzelne Personalbewegung, damit auch sicher immer der richtige Mann auf den richtigen Platz kommt. Selbst in den letzten Minuten vor der Verlegung werden manchmal noch Soldaten förmlich „aus dem Flieger geholt“, wenn es sein muß. Sieben Stunden später landet der Airbus in Termez… ein langer Weg, nicht nur, was die Länge der Strecke angeht, sondern auch in Bezug auf die einzelnen Instanzen, die es zu durchlaufen galt. Und dennoch: Nichts wurde bis dahin dem Zufall überlassen.

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Stand vom: 02.11.11 | Autor: Norbert Thomas


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