Das fliegende Auge (Teil 2)
Geilenkirchen, 09.09.2011.
Nicht erst mit den Umständen um den Terroranschlag vom 11. September 2001 wurde offenbar, wie wichtig eine echtzeitnahe Luftraumüberwachung ist. Das eigentliche Potential der AWACS-Maschinen – und zwar als fliegende Operationszentrale für moderne Einsätze – wird aber wahrscheinlich erst in zukünftigen internationalen und teilstreitkraftübergreifenden Missionen zum Tragen kommen.

Das in Geilenkirchen stationierte AWACS der NATO bildet heute ein einzigartiges und breites Fähigkeitsspektrum ab. Als so genannter „Force Enabler“ hat sich „das fliegende Auge“ derart weiterentwickelt, dass es bei einigen Einsätzen fast unverzichtbar geworden ist.

Breites Fähigkeitsspektrum resultiert in hoher Nachfrage
Konzipiert wurde die AWACS-Flotte ursprünglich für die Luftraumüberwachung. Sie kann aber auch Aufgaben der Luftraumkoordination und der taktischen Gefechtsführung wahrnehmen, beispielsweise Unterstützung und Leitung eigener Luftfahrzeuge bei offensiven oder defensiven Operationen im Kampf gegen das gegnerische Luftkriegspotential. Konkret sind hier auch die koordinierende Leistung bei Luftnahunterstützung (Close Air Support/CAS), der Abriegelung des Gefechtsfeldes aus der Luft und der Such- und Rettungsdienst für Kampfeinsätze (Combat Search and Rescue - CSAR) zu benennen. Bei der Einsatzführung, auch beim taktischen Lufttransport mit eigenen Transportflugzeugen vom Typ Boeing B 707 TCA sowie bei der der Koordination von Luftbetankungseinsätzen sind die Maschinen aus Geilenkirchen ohnehin eine feste Größe.

Zukünftiges Terrain
Mit der echtzeitnahen Übernahme von Bodenlagedaten aus unbemannten Aufklärungsluftfahrzeugen kann beispielsweise an Bord von AWACS ein umfassendes Lagebild erzeugt und analysiert werden. Über einen gemeinsamen Zugang könnten auch Informationen für dislozierte, vernetzte Nutzer bereitgestellt werden, die solche Daten dann in bedarfsgerechte Erkenntnisse für eine konkrete Wirkung im Operationsgebiet nutzen können. Diese Nutzer können sowohl hochtechnisierte Waffensysteme als auch einzelne Patrouillenführer mit einem modernen Smartphone sein.

Vernetzte Operationsführung
Heute ist diese Schnittstelle „State-of-the-Art“ -Dank der digitalen Aufrüstung der Einsatz- und Kommunikationssysteme der NATO-AWACS-Flotte. Durch die neu eingeführte, standardisierte und offene Systemarchitektur bieten sich vielfältige Anwendungsmöglichkeiten, sowohl in der Einsatzführung, als Relaisstation oder auch weiterhin zur Überwachung großer Gebiete. Darüber hinaus sind die Grundlagen gegeben, um Verbindung mit anderen vernetzten Plattformen und Sensoren der NATO und deren internationaler Partner herzustellen. Die Effektivität von Luft-, See- und Bodenoperationen im gesamten Einsatzspektrum kann durch AWACS-Systeme wesentlich verbessert werden, die sich zu echten Mehrzwecksystemen für den Einsatz entwickelt und ein Stück vernetzte Operationsführung haben Wirklichkeit werden lassen. Hierbei ist zu erwähnen, dass die Maschinen der NATO rund um die Uhr im Einsatz verbleiben können, je nach dem, wie lange eine luftgestützte Betankungsmöglichkeit gegeben ist.

Mögliche Plattform für Air Surface Intergration
Im Bereich der Luftwaffe finden im Sinne einer streitkräftegemeinsamen Operationsführung derzeit sowohl national als auch im multinationalen Rahmen vielfältige konzeptionelle Überlegungen statt, um das Zusammenwirken von Land-, Luft- und Seestreitkräften im Einsatzraum zu optimieren. Die Überwachungs- und Kommunikationssysteme der luftgestützten AWACS-Flotte der NATO können sich unter einem solchen Ansatz zu einer vernetzten Mehrzweckplattform für die Gewinnung und Verteilung von Informationen und Daten entwickeln. Für die unter dem Begriff „Air Surface Integration“ betrachtete Integration der in einem Einsatzraum vorhandenen luftstreitkräftespezifischen Fähigkeiten mit Land- und Seestreitkräften könnte AWACS nicht zuletzt aufgrund seiner hoher Mobilität und Flexibilität sowie der offenen Systemarchitektur eine besondere Bedeutung zu kommen.

Ausblick
Die heutigen Einsätze belegen die Relevanz von NATO-AWACS eindrucksvoll. Nach dem jetzigen NATO-Planungsstand soll es bis 2035 bereitgestellt bleiben und entsprechend weiterentwickelt werden. Dazu haben die am Programm beteiligten Nationen die nächsten Modernisierungsmaßnahmen bereits beschlossen. Die NATO-AWACS-Flotte kann entscheidend dazu beitragen, den Anspruch einer international vernetzten Operationsführung Realität werden zu lassen, indem sie zentrale Funktionen der Gefechtsführung einschließlich der Überwachungs- und Aufklärungsfunktionalitäten über das gesamte Spektrum von streitkräftegemeinsamen Operationen im 21. Jahrhundert bündeln und einem erweiterten Nutzerkreis zur Verfügung stellt. Als größter Truppensteller der NATO am Standort Geilenkirchen hat auch die Luftwaffe immer „einen Fuß in der Tür“ der jeweiligen Entwicklungsstufe von AWACS und kann seine nationalen Systeme synchron danach ausrichten und weiterentwickeln. Insbesondere die Bereiche Einsatzführung und Air Surface Integration sollten – bei NATO und Luftwaffe – von den zu erwartenden Synergien profitieren.



