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Gefahr aus dem Orbit

Uedem, 04.03.2011.
Am 23. März diesen Jahres wird die Episode der abgestürzten Raumstation MIR genau zehn Jahre her sein. Damals musste man sich auf die russischen Berechnungen verlassen: Ein eigenes Weltraumlagezentrum, wie es die Luftwaffe gerade in Uedem am Niederrhein aufbaut und das für objektive Bestätigung aller Geschehnisse hätte beitragen können, gab es vor zehn Jahren noch nicht.

Blick auf die Erde aus dem Orbit
Blick auf die Erde aus dem Orbit (Quelle: DLR)Größere Abbildung anzeigen

Allerdings muß man nicht die MIR bemühen, um die Notwendigkeit des neuen Weltraumlagezentrums zu erläutern: Seit mehr als 50 Jahren betreibt der Mensch Raumfahrt. Waren es jedoch anfangs vorwiegend militärische oder forschungsbezogene Interessen, so sind es heute immer häufiger auch kommerzielle Anwendungen, die den Orbit beherrschen. In vielen Bereichen des täglichen Lebens ist eine nahezu vollständige Abhängigkeit von den raumgestützten Diensten entstanden.

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Auch große Stationen - respektive deren Messungen - sind von schädigenden Auswirkungen des Weltraumschrotts betroffen
Auch große Stationen sind betroffen (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)Größere Abbildung anzeigen

Bedrohung unserer Daten-Infrastruktur

Mehr denn je sind die Menschen auf Dienstleistungen in den Bereichen Kommunikation, Navigation oder Erdbeobachtung auf die verlässliche Arbeit der Satelliten und dazugehöriger Systeme angewiesen. Mobiltelefone, Navigationsgeräte, Internet und Datenaustausch - immer und überall - gelten heute schon als selbstverständlich. Genauso verhält es sich mit Satellitenfotos der eigenen Heimatstadt oder der Urlaubsregion, der detaillierte Wetterbericht mit „Regenradar“ oder die Möglichkeit, an nahezu jedem Ort mit der eigenen Kreditkarte bezahlen zu können. Auch staatliche Dienste vertrauen voll und ganz der Technik im Weltraum: Krisenmanagement, Vorhersage und Hilfsleistungen im Rahmen von Umwelt- und Naturkatastrophen, Klimaforschung, Not- und Rettungsdienste und natürlich Aufgaben aus dem Bereich des Militärs sind nur einige Felder der Weltraumnutzung. Die Nutzung der Ressource Weltraum ist folglich zu einem festen, unabdingbaren Bestandteil der Gesellschaft im 21. Jahrhundert geworden - und im Weltraum sind praktisch alle (Kommunikations)-Satelliten verwundbar: Spätestens jetzt wird jedem klar, was passieren kann, wenn diese Kommunikation großflächig ausfällt. Können etwa bei einem starken Sonnenssturm elektronische Börsen, die in Echtzeit riesige Datenmengen in Form von Kursen bewegen, ganze Firme oder Wirtschaften in den Ruin treiben, weil Börsendaten infolge von starken Sonneneruptionen gelöscht oder verfälscht werden: Keine rhetorische Frage, sondern ein Aspekt, mit dem sich Wissenschaftler allen Ernstes beschäftigen.

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Magnetfeldlinien der Sonne: Hinweis auf die außerordentliche Physik, die auf unseren Planeten einwirkt
Magnetfeldlinien der Sonne (Quelle: Weltraumlagezentrum/DLR)Größere Abbildung anzeigen

Weltraumwetter und Weltraummüll – natürliche Gefahren für Satelliten

Die natürlichen Gefahren sind gekennzeichnet durch die Umgebung (Weltraum), in der sich die Satelliten bewegen (physikalische Gesetzmäßigkeiten) und der Strahlung, der diese ausgesetzt sind. Die Einflüsse durch die Sonnen- und kosmische Strahlung, der hohen Erdatmosphäre und der Partikelteilchen nennt man Weltraumwetter. Die künstlichen Gefahren haben ihren Ursprung durch Raumfahrtaktivitäten der Menschheit seit den 1950er Jahren. Seitdem der Mensch den Weltraum erobert, „verschmutzt“ er die erdnahen Umlaufbahnen kontinuierlich und zunehmend. Allein die rein „normale“ Nutzung des Weltraums erzeugt bis heute den überwiegenden Anteil an Weltraummüll, beispielsweise allein durch das Starten der Trägerraketen und das Ausbringen des Satelliten. Auch der Satellit selbst wird am Ende seiner Lebenszeit zu Weltraummüll. Der wiederum kann wenige Mikrometer bis hin zu mehreren Metern Größe im Durchmesser betragen.

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Ein durch Weltraumschrott beschädigtes Solarsegel der Raumstation MIR, fotografiert von der NASA
Ein durch Weltraumschrott beschädigtes Solarsegel (Quelle: Weltraumlagezentrum)Größere Abbildung anzeigen

Beeindruckende Berechnungen

Auch der Weltraummüll unterliegt den physikalischen Gesetzmäßigkeiten und bewegt sich auf Umlaufbahnen um die Erde mit bis zu 10 Kilometern pro Sekunde, teilweise sogar darüber hinaus. Damit bewegt sich auch das kleinste Partikel im Weltraum schneller als eine Gewehrkugel! Wenn man bedenkt, dass ein Trümmerteil mit einem Durchmesser von 1 cm und einer Geschwindigkeit von lediglich 7 Kilometern pro Sekunde beim Aufprall eine Wirkung wie eine Handgranate entfaltet, kann man sich leicht vorstellen, dass ein getroffener Satellit stark beschädigt werden kann – oder auch den Satelliten schlichtweg durchlöchert und damit unbrauchbar macht: Die Geschwindigkeit des Geschosses beträgt umgerechnet über 25.000 km/h in diesem Beispiel. Wissenschaftliche Studien der USA, Frankreichs und Deutschlands belegen, dass eine reale Gefahr durch Weltraummüll existiert und alle Raumfahrtnationen und –Institutionen mehrmals jährlich mit ihren Satelliten Trümmerteilen ausweichen müssen. Selbst die Besatzung der Internationale Raumstation ISS wird mehrmals im Jahr evakuiert, wenn die Wahrscheinlichkeit einer Kollision einen bestimmten Schwellwert überschreitet.

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Die Raumstation MIR im Orbit
Die Raumstation MIR im Orbit (Quelle: Weltraumlagezentrum)Größere Abbildung anzeigen

Was kann ein Weltraumlagezentrum leisten?

Ein Weltraumlagebild ist Voraussetzung für das Wissen, welcher Satellit und welche anderen Objekte sich wo, auf welcher Umlaufbahn, befinden. Ziel dabei ist es zunächst, mit hinreichender Genauigkeit Warnungen auszusprechen. Weiterhin werden Einflüsse des Weltraumwetters - beispielsweise die Sonnenstrahlung - erkannt und bewertet, die beispielsweise in der Lage sind, auf der Erde Elektrizitätsnetze, Funkverkehr oder GPS-Nutzung zu beinträchtigen. Das Weltraumlagezentrum wird ressortübergreifend besetzt – mit Vertretern der Ressorts Verteidigung (BMVg), Innenministerium (BMI), Verkehrs- und Städtebau (BMVBS) und Wirtschaft (BMWi) als zuständige Behörde für Raumfahrt. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Fall die enge Zusammenarbeit nicht nur mit bereits vorhandenem Personal der Deutschen Flugsicherung (DFS), dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, der Bundespolizei, sondern auch mit der vollständigen Integration des Personals der deutschen Raumfahrt-Agentur DLR. So wird zivile und militärische Expertise zusammengeführt und gleichzeitig der gesamtstaatliche Sicherheitsansatz deutlich. Damit ist das Weltraumlagezentrum die nationale Kompetenzstelle. Das Weltraumlagezentrum verfolgt dabei keinen rein militärischen Selbstzweck, sondern stellt eine Funktion für den Staat und deren Bürger dar. Um sich für die anstehenden Aufgaben zu wappnen, strebt das Weltraumlagezentrum eine enge Zusammenarbeit im internationalen Rahmen an, denn nur die bestmögliche Zusammenarbeit - hier insbesondere mit Frankreich und den USA - können im Verbund ermöglichen, dass die Erde immer und überall vor Gefahren aus dem All geschützt werden kann.

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Übersicht über die verschiedenen Gefahrenquellen aus dem All
Übersicht über die verschiedenen Gefahrenquellen aus dem All (Quelle: Weltraumlagezentrum)Größere Abbildung anzeigen

Schutz, der weiteren Schutz generiert

Schließlich schützt das Weltraumlagezentrum mit seinem Informationsangebot auch - direkt und indirekt - ihre eigenen Truppen, beispielsweise in dem die Bundeswehr-eigenen Satelliten SAR-Lupe rechtzeitig „aus der Schusslinie“ anderer Satelliten geführt werden oder indem Wetterdaten für Kampfjets rechtzeitig festgehalten werden, bevor sie durch einem Sonnensturm womöglich verfälscht werden. Damit Weisungen aus dem BMVg oder dem Einsatzführungskommando der Bundeswehr zeitnah umgesetzt werden können, dürfen die satellitengesteuerten Kommunikationsverbindungen nicht die Führungsfähigkeit der Bundeswehr und der NATO in Frage stellen. Weil die Funktionsfähigkeit der verletzbaren Führungsstruktur in sämtliche Bereiche der Bundeswehr hineinragt, kommt ihr eine immer größere Bedeutung zu. Konkret wird dies beispielsweise bei einem zukünftigen Flugabwehrsystem im Rahmen der Missile Defence, wo es um Sekundenbruchteile geht, Lage und Flugbahn einer feindlichen Rakete auf den Zentimeter genau zu ermitteln. Spätestens hier vermischen sich auch militärische und zivile Interessen, denn die Notwendigkeit für den Schutz der Bevölkerung wird plastisch für alle Bürger beschrieben: Der Ausfall eines Satelliten kann nicht nur ein Handy lahmlegen – sondern auch eine ganze Stadt.

 

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Stand vom: 28.02.12 | Autor: Norbert Thomas


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