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Online-Tagebuch eins eines Luftwaffenoffiziers im Sudan (Folge 1)

Khartoum, 07.12.2009.
Ein hohes Maß an Selbstorganisation, Kreativität und Risikobereitschaft zeichnet die Angehörigen von UN-Beobachtermissionen aus. Für "Luftwaffe. de" schreibt Major S. (Name aus Sicherheitsgründen im Kürzel), ein Luftwaffenoffizier, über seine Erlebnisse als UN-Militärbeobachter für UNMIS (United Nations Mission in Sudan) im Sudan.

Dschidda bei Nacht
Dschidda bei Nacht (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)Größere Abbildung anzeigen

Lange Anreise

Nach einer Tour von Potsdam über den Flughafen Tegel nimmt unser Team am Flughafen Frankfurt die erste Langstreckenverbindung nach Dschidda in Angriff. Ich selbst war noch kurz zum Zoll, um für meinen „Elektro-Krempel“ noch eine „Nämlichkeitserklärung“ auszufüllen. Wer hat schon Lust bei der Rückreise sein eigenes Equipment noch zu verzollen oder mit viel Papierkrieg zumindest kostenpflichtig nachgeschickt zu bekommen?! Abgesehen davon kam man sich schon fast wie ein Alien vor: Schon zu Beginn in Berlin waren viele merkwürdig-fragende Blicke auf uns in unserem Tropentarnanzug gerichtet, was hier in Frankfurt nicht anders war. Im Wartebereich des Lufthansafluges waren wir dann aber nicht mehr die Attraktion: Diesen Rang hatten uns viele Pilger auf der Hatsch abgelaufen, die ebenfalls in Richtung Dschidda unterwegs waren.

Abtransport durch eine Steinwüste
Abtransport durch eine Steinwüste (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)Größere Abbildung anzeigen

Über Dschidda erreichten wir gegen 22.15 Uhr Khartoum und verdrückten uns zunächst in die letzte Ecke des Ankunftsterminals, um unsere Einreiseformulare auszufüllen. Die Halle wurde nämlich von algerischen Fussballfans förmlich gestürmt, weil ausgerechnet hier und heute das WM-Qualifikationsspiel zwischen Ägypten und Algerien ausgetragen wird. Nachdem wir an der Gepäckschleuse von einem Mitarbeiter der „NSE“ (National Support Element, deutsche Unterstützungseinrichtung), Stabsfeldwebel Thomas S., abgeholt wurden und es diesem mit viel Verhandlungsgeschick gelang, unser Gepäck vorrangig durch den Zoll zu lotsen, waren wir endlich im Sudan angekommen. Draußen wurden wir und unser Gepäck auf mehrere Kraftfahrzeuge verladen und ab ging es zu unserer Unterkunft bei Helog (Anmerkung der Redaktion: Helog ist eine Einrichtung, die mit ihren Hubschraubern UN-Missionen unterstützt). Nach einer kurzen Stärkung konnten wir endlich abschalten. Am Ende waren es wohl 2.30 Uhr geworden, als mir die Augen zufielen…

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Das UN-Gebäude von UNMIS in Kartoum
Das UN-Gebäude von UNMIS in Kartoum (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)Größere Abbildung anzeigen

Erste Eindrücke im UNO-Hauptquartier

Nach dem morgendlichen Frühstück empfing uns Stabsfeldwebel S., um uns den kurzen Fußweg zum UN-Hauptquartier zu zeigen. Die Überquerung der Straße war schon ein wenig abenteuerlich. Wenn auch der äußere Zustand der Autos nicht darauf schließen lässt, sind doch die meisten Verkehrsteilnehmer recht rücksichtsvoll und belassen es beim Hupen - ohne einen gleich zu überfahren. Beim ersten Punkt der Zuschleusung wurden wir fast in Deutsch begrüßt – im CMPO-Office (Chief Military Personell Officer/Personalstabsoffizier) empfing uns ein kroatischer Oberstleutnant mit österreichisch-ungarischen Wurzeln. Nun konnte der Papierkrieg der Zuschleusung beginnen.

Die Bank innerhalb des Hauptquartiers von UNMIS
Die Bank innerhalb des Hauptquartiers von UNMIS (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)Größere Abbildung anzeigen

Ärgerlichst dabei war, dass wir erst zum Nachmittag unsere ID-Cards in Händen hielten, die wir jedoch zur Eröffnung eines Bankkontos bei der Bank of Kartoum (die praktischerweise eine Filiale in diesem UN-Hauptquartier hat) benötigten. Und wie sollte es anders sein: Ab 13:30 Uhr war es nicht mehr möglich, ein Konto zu eröffnen: Da am Freitag und Samstag das islamische Wochenende verläuft, waren die Angestellten der Bank ins Wochenende gegangen und „wir schauten erst mal dumm aus der Wäsche“ - schließlich wissen wir alle nicht genau, wo es im Sudan später hingehen soll, welche Unterkunft am Ort zur Verfügung steht und auch welche Kosten später auf uns zukommen. Und es kann nichts dümmeres geben, als mitten in Afrika zu stehen und kein Geld zu haben, denn meine VISA-Karte taugt hier allenfalls als Ersatz-Messer zum Aufstreichen von Marmelade und Butter. Und ob der gut bewaffnete, bürgerkriegserfahrene örtliche Händler im tiefsten Sudan eine Karte aus Plastik akzeptiert, die er selbst nicht lesen kann, wage ich mal zu bezweifeln...

Somit stimmt zumindest schon mal ein Fazit, das ich in Hammelburg beim Vorbereitungslehrgang für mich schon gezogen hatte: Hier bist du fast gänzlich auf dich allein gestellt ! Und die Luftwaffe ist weit weg...

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Kartoum ist zur Zeit eine einzige, große Baustelle
Kartoum ist zur Zeit eine einzige, große Baustelle (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)Größere Abbildung anzeigen

Kommunikation herstellen

Internetzugangsgeschwindigkeiten sind hier sehr variabel - und manchmal auch einfach „weg“. Mein vordringliches Ziel war es, im Shopping-Center einen Telefonie-Stick mit Flatrate zu erwerben. Denn Mobilfunk funktioniert hier besser als Festnetz – es ist schließlich leichter, Masten und Antennen aufzustellen, als Leitungen zu verlegen. Aber trotzdem fühle ich mich hier noch fremd und etwas unbehaglich – alles ist anders, nicht mal die Buchstaben kann man entziffern (alles in arabisch), einige wenige sprechen ein paar wenige Brocken Englisch und schon auf den ersten Blick sind wir eindeutig als Europäer zu erkennen (auch wenn wir in der Freizeit in Zivil unterwegs sind). Gerne hätte ich mehr Bilder gemacht, aber da das ohne Photographiererlaubnis schnell auch im Gefängnis enden kann, verkneife ich mir das noch eine Weile. Zumindest erhält man zu Fuß ein wenig mehr Eindrücke von Leben, Wohnen und Arbeiten hier in Khartoum.

Bautätigkeiten überall
Bautätigkeiten überall (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)Größere Abbildung anzeigen

Gebaut wird hier viel. Fast an jeder Ecke und unerwartet solide (tatsächlich Stahlbeton inklusive Fundament). Straßen sind eher Fehlanzeige, ein besserer Feldweg in Deutschland ist da deutlich besser angelegt. Wie es hier wohl bei Regen aussieht? Auffällig ist der Müll, der hier überall herumliegt. Und darauf ist auch ein weitgereister Luftwaffenoffizier nicht unbedingt vorbereitet: Was nicht gebraucht wird, das wird einfach aus dem Fenster geworfen – tote Kleintiere bis zur Größe einer Ziege ! Wie und wovon die zahlreichen Ziegenherden hier in der Hauptstadt des Sudans eigentlich leben, ist mir noch schleierhaft, denn neben viel Müll und umherlaufenden Ziegen scheint es hier nur Sand und Steine zu geben.

Die Verbindung zur Außenwelt
Die Verbindung zur Außenwelt (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)Größere Abbildung anzeigen

Am AFRA-Center angekommen und auch eingetreten, fühlt man sich wie in einem kleinen westlichen Einkaufszentrum – nur das Arabisch verwirrt noch sehr. Mit viel Nachfragen und Wiederholen habe ich nun eine Dreimonatsflatrate. Der Preis war in Ordnung mit 270 SDN (sudanesischen Dinar), was in etwa 28 Euro pro Monat entspricht – und das ist es mir wirklich wert ! Zurück im Helog war klar, was ich als erstes tun würde: Den Stick austesten ! Und völlig unerwartet funktionierte er sofort und anstandslos – wenn auch nicht mit der maximalen Bandbreite, aber zumindest nicht schlechter als das hausinterne Netzwerk, welches trotz dreier Router reichlich Aussetzer hat – und was schon zu lauten Flüchen diverser Gäste geführt hat. Jetzt ging`s los: Skype “wurde angeschmissen“ und ein erneuter Test mit der Bildtelefonie erfolgte. Aber auch hier war wieder der Upload das Nadelöhr, sprich: Ich kann alle gut sehen und verstehen, während ich selbst nicht ganz so gut in Deutschland ankomme. Für reines Sprechen hingegen reicht es absolut aus. Jetzt hoffe ich nur, dass ich an meinem Einsatzort auch Netzabdeckung habe. Und gerade in den letzten zwei Stunden war ich der einzige mit Internetzugang, da das Festnetz in und um Helog mal wieder völlig zusammengebrochen war.

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Umfangreicher Materialempfang
Umfangreicher Materialempfang (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)Größere Abbildung anzeigen

Materialempfang

Pünktlich wie üblich bei der UNO, stand dann unser Kleinbus vor der Tür, um uns zum Materialempfang ins „deutsche Haus“ zu bringen. Die Fahrt dauert rund fünfzehn Minuten stadtauswärts, kommt uns aber vor wie eine Ewigkeit. Dass bei der Fahrt tatsächlich nichts passiert ist, grenzt für mich noch immer an ein Wunder: Abbiegen im Gegenverkehr, Auffahren in falscher Fahrtrichtung oder links in den Kreisverkehr einbiegen - trotz Rechtsverkehrs - ist hier keine Seltenheit. Alle nehmen Rücksicht und spielen mit (und benutzen reichlich die Hupe) und somit passiert meist nichts. Kommt es aber doch zu einem Unfall, dann mit meist schwerwiegendem Ausgang. Endlich am „deutschen Haus“ angekommen, ging es verzugslos zum Materialempfang: Inklusive einer weiteren Kiste empfingen wir hier Dinge wie Mehrfach-Steckerleiste und Reise-Stromadapter, Akkus mit Ladegerät, aber auch militärisches Equipment wie „Bristol“ (kugelsichere Weste), Iridium-Handy (Satellitentelefon), Kompass & Fernglas. Nebenbei hat sich die Anschaffung meiner Outdoor-Kamera bezahlt gemacht:
Die ist mir hier zweimal aus der Tasche gerutscht und aus Hüfthöhe auf die Fliesen geknallt !
Die Materialausgabe dauerte noch eine Zeit, da schließlich alles feinsäuberlich in diversen Materialausgabelisten inklusive aller Serien- und übrigen Nummer festzuhalten und Zeile für Zeile zu quittieren war. Somit war klar: Das wird heute Abend nichts mehr mit dem Pool im Helog, um den neuen Badeanzug einzuweihen. Es ist schließlich schon fast ganz dunkel und ziemlich kalt (unter 30 Grad).
Kurz nach 19:00 Uhr wieder zurück im Helog hieß es dann auch erst mal Kisten abladen und verstauen.

Kartoum bei Nacht
Kartoum bei Nacht (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)Größere Abbildung anzeigen

Nach zwei Stunden unter afrikanischem Sternenhimmel, am Pool mit gutem Buch, habe ich noch ein wenig die jungen Katzen beim Frösche jagen beobachtet und den Fledermäusen beim Trinken aus dem Pool zugesehen (Pools werden hier nicht entsprechend mit Chlor behandelt). Das alles bei fortlaufend fremden Geräuschen der Muezine von den Minaretten der zahlreichen Moscheen und allgemein dieser riesigen, unbekannten Stadt… Jetzt ist es dann aber genug mit dem Tippen. Heute gehört der Rest des Abends ganz meiner Frau und ich freue mich schon zum ersten mal ganz ungestört mit ihr zu skypen…

Diesem Wunsch von Major S. Rechnung tragend, unterbricht Luftwaffe.de das Tagebuch an dieser Stelle. Nächste Woche geht die Geschichte von Luftwaffenoffizier Major S. bei UNMIS weiter…

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Stand vom: 07.08.12 | Autor: Major S.


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