Online-Tagebuch eines Luftwaffenoffiziers – Folge 8
Khartoum/Juba, 29.04.2010.
In seinem letzten Tagebucheintrag berichtete uns Luftwaffen-Major Marco S. aus Khartoum, wo es einer Delegation unter Leitung des kommandierendem General der UNMIS gelungen war, die streitenden Parteien und Militärs auf eine zukünftige, friedliche Linie zu bringen.
Zurück in Juba, holt Marco S. die Wirklichkeit ein…

Ein Erfolg ist noch keine Insel
… nur knappe 26 Grad und nass dazu, als ich zurück in Juba ankomme. Sehr ungewöhnlich für die Jahreszeit. Nachdem ich meinen Koffer und mich in den Container geschleppt habe, geht es erst mal daran, das Gepäck auszupacken, Kakerlaken zu jagen und einfach anzukommen. Glückwünsche von allen Seiten gibt es dann doch, weil jeder vorbeischaut und wissen will, wie weit die Waffenstillstandsvereinbarungen konkret vorangekommen sind. Noch immer hundemüde lese ich noch etwas in meinem E-book … und schlaf dabei natürlich ein. Am nächsten Morgen bin ich erst mal gut damit beschäftigt, alle Dokumente für das nächste CJMC (Waffenstillstandskonferenz) vorzubereiten. Die Wahlen sind ja DAS Thema und stehen dementsprechend stark im Fokus – na und es ist eben mein Arbeitsbereich. Dabei darf man sich nicht der Illusion hergeben, dass eine Wahl in diesem Land alles auf einen Schlag ändern würde…

Morgenbriefing ohne Gnade
Es ist fast wie eine böse, unendlich anmutende Geschichte, wenn man das Morgenbriefing so verfolgt. Heute haben wir unter anderem zwei verfeindete Volksstämme, die Dinka und die Nuer, bei ihrem Lieblingszeitvertreib: Gegenseitiger Viehdiebstahl! Ergebnis diesmal: Elf Tote. Traurig sind auch die allgegenwärtigen Überbleibsel des Krieges: UXO (nicht explodierte Bomben, Minen, Granaten usw.) haben heute fünf spielenden Kindern das Leben gekostet. Der Wahlkampf über dem Sudan ist in vollem Gange… nein - kein Fehler, sondern richtig gelesen: Fast alle wichtigeren Präsidentschaftskandidaten sind per Privatflugzeug unterwegs, um alle wichtigen Städte zu erreichen. Mit ersten Ergebnissen zur Wahl ist in den nächsten Stunden zu rechnen. Ein weiteres Highlight der heutigen Morgenlage aus Sicht der Soldaten ist indes ein gemeldeter Übergriff auf eine Aufklärungspatrouille der UNMIS – und das auch noch durch einen Soldaten der sudanesischen Streitkräfte vor Ort, also der gastgebenden Nation! Die sind in vielen Bereichen eben doch kaum mit einer „richten“ Armee zu vergleichen, gleichen doch in vielem noch den Strukturen aus dem Bürgerkrieg, also lokal operierenden Milizen.

Überfall auf eine Hilfsorganisation
Mal wieder wurde hier in Juba eine Einrichtung der NGO (non governmental organisation - nichtstaatliche Hilfsorganisation) überfallen. Geraubt wurden allerhand Wertgegenstände, aber zum Glück kam niemand zu Schaden. Für mich auch einer der Gründe, warum ich nicht außerhalb des UNMIS-Gelände wohnen will – was aber einige aus Kostengründen tun. Wahl hin und her: Jeder zweite Bürger im Süd-Sudan leidet an Nahrungsmittel-Knappheit. Schon jetzt, noch vor dem Beginn der Transport- und Versorgungsproblem durch die bald einsetzende Regenzeit, sieht die Versorgungslage hier unten nicht gut aus – Tendenz schlechter werdend.

Präsident Baschir ist auf der Zielgeraden
… was auch niemanden so richtig überrascht, denn nachdem die beiden härtesten Konkurrenten mit Hinweis auf potentiellen Wahlbetrug das Handtuch geworfen haben, war der Weg für den amtierenden Amtsinhaber, Omar al-Baschir, der das Land seit 1989 regiert, frei: Mit 68 % der Stimmen sicherte er sich eine dritte Amtszeit, wie die nationale Wahlkommission am 27. April 2010 bekannt gab. In dem seit 21 Jahre andauernden Bürgerkrieg wurden bisher 1,5 Millionen Menschen getötet und vier Millionen weitere in die Flucht getrieben.

Unterwegs in Afrika
Auf meiner persönlichen Zielgeraden gen Heimat hat es wieder mal so einiger Nachfragen bei der UNMIS bedurft, mich auf die Flugliste nach Khartoum zu bringen. Doch dieses Mal habe ich diese Hürde nach mehreren Anläufen tapfer genommen und erlebte - zum ersten Mal in fünf Monaten - eine einigermaßen reibungslose Flugabfertigung.
Meine vorerst letzte Nacht im Sudan vor der Abreise verbringe ich im Khartoumer „Blue-Nile-Sailing-Club“, beliebter Treffpunkt so einiger Weltenbummler auf der Durchreise – unter anderem auch ein deutsches Ehepaar, das seit sechs Jahren durch Afrika und Asien kreuzt… und das in einem zum Wohnmobil umgebauten alten Lastkraftwagen, Marke Eigenbau.
Wirklich brenzlig sei es zum ersten Mal vor einem halben Jahr im Kongo gewesen, meinte der Mann: Er hatte sich entschieden doch lieber anzuhalten, als man ihm hinterher schoß!
Na ja, wer´s braucht… habe ich mir gedacht.
Ach ja, Höhepunkt war noch, dass er mich tatsächlich fragte, ob er nicht durch den Darfur fahren könnte … er würde gar nicht verstehen warum man ihm dorthin kein Visum erteilt … kann ja nicht so gefährlich sein!
… und da wundert man sich über Nachrichten, in denen von entführten oder getöteten Urlaubern in Krisengebieten die Rede ist.

Ein gutes Ende
Nachdem ich mich noch mit Souvenirs eingedeckt habe, welche das zulässige Gesamtgewicht für den Flug unverhältnismäßig hoch nach oben treiben, sehe ich mich schon wieder mit Problemen am Flughafen konfrontiert (was ja auch nicht neu wäre…).
Letzteren erlebe ich dann auch vom Prozedere her ziemlich unübersichtlich organisiert,ein Umstand, der aber diesmal auch eine Chance für mich in sich birgt: Die Waage am Check-In ist nicht aktiv, also muss ich auch kein Übergepäck bezahlen. Nachdem ich dann auch noch ohne Beanstandungen durch das Gate durch bin, steht meinem Urlaub nichts mehr im Wege: Lufthansa macht`s möglich. Ich sehe nach fünf Monaten meine Frau wieder, „live und in Farbe“. Und mein Kind, das ich bisher nur über das Internet gesehen habe, darf ich endlich in den Arm nehmen…
Bilder
Hilfslieferungen über Land (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)
Größere Abbildung anzeigenSymbolträchtige Momentaufnahme von Chaos und Armut (Quelle: Luftwaffe/Team Juba)
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