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Jet Student Pilots

Wichita Falls/Texas, 11.01.2012.
Wenn Oberleutnant Stefan Auer die Kanzel der T-38 schließt, dann wird es ernst: Er befindet sich dann bereits auf dem Taxiway zur Start- und Landebahn der Sheppard Air Force Base. Obschon er bereits seine Schwingen zum Luftfahrzeugführer erhalten hat, beobachtet sein Fluglehrer jeden Handgriff, den der angehende Eurofighter-Pilot ausübt. Knapp ein Jahr dauert die Ausbildung zum Jet-Piloten. Und so sieht sein Alltag aus…

Fluglehrer und Flugschüler verlassen die Parkposition
Fluglehrer und Flugschüler verlassen die Parkposition (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)Größere Abbildung anzeigen

Auer ist voll konzentriert, wenn er zusammen mit seinem Fluglehrer den zweisitzigen Jet-Trainer in die Luft schraubt. Bis dahin vergeht seit dem Losrollen zwar nur wenig Zeit, aber in diesen paar Minuten ist sein Arbeitsplatz vollgepackt mit Informationen und Tätigkeiten, die er im geeigneten Augenblick abrufen können muss: Volle Konzentration ist hier gefragt.

Oberleutnant Stefan Auer
Oberleutnant Stefan Auer (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)Größere Abbildung anzeigen

Pilot werden wollte der Auer schon immer. Der in Freilassing aufgewachsene Abiturient gehört dabei zu den wenigen Flugschülern, die zuvor ein Studium bei der Bundeswehr in Anspruch genommen haben.

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Fluglehrer und Schüler während des Briefings
Fluglehrer und Schüler während des Briefings (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)Größere Abbildung anzeigen

Die „Pilot Factory“ am Rande der Wüste

Nach Grundausbildung und Studium, nach dem Offizierslehrgang, diversen Untersuchungen am Flugmedizinischen Institut er Luftwaffe sowie dem obligatorischen Englisch-Lehrgang - die letzten drei Etappen allesamt im bayrischen Fürstenfeldbruck - geht es für Jet-Flugschüler zunächst nach Goodyear/Arizona, wo sie zusammen mit den Flugschülern der Lufthansa in einer Grob 120A erstmalig „in die Luft gehen“. Auf dieser Basis geht es dann weiter zum Ausbildungsprogramm der NATO für angehende Jetpiloten, dem ENJJPT (EURO NATO JOINT JET PILOT TRAINING) ins texanische Wichita Falls, wo man nach knapp 15 Monaten intensiver Ausbildung zum Kampfflugzeugführer graduiert sein wird. Die auf der Sheppard Air Force Base beheimatete, internationale Flugschule wird Auer sicherlich als Fixpunkt in seiner fliegerischen Karriere in Erinnerung behalten, stellt sie doch in ihrer Intensität von Lernstoff - viel Unterricht in der Fliegersprache Englisch - und Lernumgebung - Simulatoren und Flugzeuge - alles bisherige deutlich in den Schatten. Auch fliegerisch ist der Schritt nach Goodyear eine deutliche Steigerung, die den Flugschülern vieles abverlangt, was aber mit Selbstdisziplin und gutem Zeitmanagement durchaus zu schaffen ist: Nach etwas mehr als einem Jahr intensiven Lernen und Fliegens auf zwei Flugzeugmustern sind sie mit den probaten Verfahren des NATO-Luftkampfes vertraut. Ohne allzuviel Übertragungsarbeit werden sie zu einem späteren Zeitpunkt „combat-ready“ fortgebildet werden, um auch für Szenarien in internationalen Übungen und Einsätzen gut vorbereitet zu sein.

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Der Kartenraum: Hier werden die Flüge vorbereitet
Der Kartenraum: Hier werden die Flüge vorbereitet (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)Größere Abbildung anzeigen

Stufe 1 – Die Grundlagen

Dabei wird es für den angehenden Flugschüler erst mal so weitergehen, wie es in Goodyear/Arizona angefangen hat. Im vorwiegend theoretischen Unterricht in den ersten zwei Monaten - auch „Academics“ genannt - werden Grundlagen in den Fächern Luftrecht, Meteorologie, Technik und Navigation vermittelt und die Verfahrensabläufe sowie erste Flugversuche im Simulator trainiert. Danach werden die Schüler in einen „fliegenden Hörsaal“ - zusammen mit Flugschülern anderer Nationen - „versetzt“. Nacheinander durchlaufen die Flugschüler nun drei verschiedene, fliegende Staffeln, die auch an bestimmte Flugzeugmuster gekoppelt sind. Dabei werden die Anforderungen an den Flugschüler sukzessive gesteigert. Übrigens nehmen nicht alle Nationen an diesen - in Modulbauweise angelegten - Ausbildunganschnitten teil, sondern steigen beispielsweise erst später in die nun folgende Phase ein.

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Helme, Helme, Helme
Helme, Helme, Helme (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)Größere Abbildung anzeigen

Stufe 2 – Ausbildung auf der Beechkraft T-6 Texan II

Die nächste Stufe zeichnet sich aus durch einen Mix aus Fliegerischer Ausbildung, Simulatortraining und Frontalunterricht in einer Gruppe aus ungefähr 12 Flugschülern, bei welchem in englischer Sprache referiert wird. Die Ausbildungsschwerpunkte umfassen Kontakt-, Instrumenten-, Formations- und Tiefflug, welche jeweils durch einen Checkflug abgeschlossen werden. Die Simulatorausbildung, in der das theoretisch Erlernte erstmalig praktisch angewandt wird. macht zudem einen deutlichen Anteil der Ausbildung aus. Eine besonders herausragende Fähigkeit, die an einen Piloten(-schüler) gestellt wird, ist dabei das Vermögen, auch unter Stress alle notwendigen Instrumentenanzeigen wahrzunehmen, die richtigen Bewertungen daraus zu ziehen und konsequent die richtigen Flugmanöver daraus abzuleiten. Tage lang werden sich die Schüler das Cockpit einprägen, um jede Information rechtzeitig zu erkennen und korrekt in den Gesamtzusammenhang des vorab einstudierten Flugszenarios einzuordnen. Denn auch das gehört zur Pilotenausbildung „von der Pike auf“: Die angehenden Einsätze konkret vorzubereiten, wobei die angehenden Piloten viele Stunden im sogenannten Kartenraum oder „Pub“ verbringen, in dem sie die Flugroute zusammenstellen, die sie am nächsten Tag erfliegen sollen – zusammen mit dem Fluglehrer, der „seine Schüler“ nun immer häufiger nicht nur Unterrichtsraum als Schulklasse, sondern dann auch allein im Cockpit kennenlernt.

Der Piloten-Kombi wird angezogen
Der Piloten-Kombi wird angezogen (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)Größere Abbildung anzeigen

Als erstes lernen die Flugschüler in der Praxis auf der Beechkraft T-6 Texan II. Die Propellermaschine vermag durch ihr außerordentlich starkes Triebwerk durchaus Jet-Eigenschaften zu vermitteln, so dass die Flugschüler vom ersten Tag an angemessen gefordert werden, auch wenn zu Beginn dieser knapp 25 Wochen andauernden Ausbildungsphase noch viel Simulatorausbildung vorgeschaltet wird. Dennoch: Von Anfang an werden die Flugschüler absichtlich einem unnachgiebigen „Battle Rhythm“ unterworden, der ein hohes Maß an Selbstdisziplin einfordert. Ein Mix aus Erfolgskontrollen schriftlicher Art wie auch Erfolgskontrollen im Cockpit dokumentieren eindeutig, auf genau welcher Stufe der fliegerischen Entwicklung sich der „Zögling“ gerade befindet. Den Fluglehrern entgeht somit keine Schwäche, kein Fehlverhalten, was sich sonst in diesem teuren Lehrgang zu einem späteren Zeitpunkt rächen könnte. Im Gegenteil: Die Fluglehrer sind jederzeit in der Lage, die Schüler mit Hinweisen und Empfehlungen im Sinne positiver Kritik auf den jeweilig besten Ausbildungsstand zu bringen.

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Das Auto wartet bereits. Es bringt die Piloten zu den Maschinen
Das Auto wartet bereits. Es bringt die Piloten zu den Maschinen (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)Größere Abbildung anzeigen

Stufe 3 – Ausbildung auf dem Überschalltrainer

Sollte der Flugschüler bestimmte Inhalte aus der Ausbildungsphase mit der T-6 vernachlässigt haben, könnte dies in der nächsten Ausbildungsphase auf dem Jet-Trainer T-38 C Talon bereits Folgen haben, denn hier hat der „Student Pilot“ noch weniger Zeit, bestimmte Inhalte abzurufen. Die T-38 ist bereits ein Kampfflugzeug und schafft Überschallgeschwindigkeit. Erst nachdem die Fluglehrer sicher sind, dass die Schüler in dem nun anlaufenden fünfmonatigen Ausbildungsabschnitt den Flieger sicher beherrschen, dürfen sie diesen an einer bestimmten Stelle zur Ausbildung selbst fliegen. Vorher werden die Flugschüler im sogenannten Briefing intensiv auf den Flug vorbereitet. Hier werden auch die Erfahrungen aus dem letzten Flug verarbeitet. Neben den üblichen Rahmendaten, die für jeden Flug obligatorisch sind - beispielsweise Strecke, Flugbeginn, Wetter - wird hier fast auf die Sekunde jedes Fehlverhalten aus dem letzten Flug angesprochen. Der Flugschüler erhält sowohl ein Feedback wie auch Tipps, was er im kommenden Flug besser machen kann. Die Fluglehrer bewerten - respektive loben - dabei übrigens auch das bisher gezeigte Flugverhalten ganz im Sinne eines Teams, das im Flug aufeinander angewiesen ist.

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Auf dem Weg zu den Maschinen
Auf dem Weg zu den Maschinen (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)Größere Abbildung anzeigen

Im Vergleich zur Ausbildungsphase mit der T-6, wo der Schüler die meiste Zeit über noch an seiner fliegerischen Basis arbeitete, wird nun verstärkt auch in Formation geflogen und damit auch der Schüler weiter gefordert, der nun nicht nur in einem deutlich schnelleren Luftfahrzeug agiert, sondern häufiger als früher beachten muss, dass auch noch andere Akteure am Luftverkehr teilnehmen. Diese „situational awareness“ setzt voraus, dass ihm das eigentliche Fliegen bereits in „Mark und Bein“ übergegangen ist. Rund 100 Flugstunden kommen so insgesamt auf der T-38C Talon dazu. Der von zwei Turbojettriebwerken mit Nachbrenner angetriebene Trainer ist zwar ein älteres Flugmuster, wurde aber erst vor wenigen Jahren konzeptionell überarbeitet und kann daher einen Flugschüler bei bis zu 7,2 G (Lastvielfaches der auf den Körper wirkenden Kräfte) gehörig ins Schwitzen bringen.

Die Maschine wird vor dem Flug noch mal überprüft
Die Maschine wird vor dem Flug noch mal überprüft (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)Größere Abbildung anzeigen

Nachdem auch auf diesem Muster die Abschnitte Kontakt- und Instrumentenflug erfolgreich bestanden sind, folgt der bereits angesprochene Formationsflug: Zunächst in einer Zweierformation und später dann zu viert geht es in die Übungsräume, in denen dann im Abstand von ein bis zwei Metern, zum Teil auch durch dichte Wolken, geflogen wird. Als letztes erfolgt die Ausbildung im Tiefflug. Mit zwei Flugzeugen in 150 Metern Höhe, rund 700 km/h schnell mit besonderer Aufmerksamkeit auf Türme, Sportflugzeuge und Vogelschwärme, sind verschiedene Wendepunkte abzufliegen, mit dem Ziel - trotz verschiedener Windströmungen - eben diese auf die Sekunde genau zu überfliegen. Auch Formationsstarts und -landungen sowie der Überschallflug stellen markante Ausbildungsmarken in diesem Ausbildungsabschnitt dar.

Auer zeigt der anderen Maschine an, dass er seine Checks abgeschlossen hat. Der Formationsflug kann beginnen
Auer zeigt der anderen Maschine an, dass er seine Checks abgeschlossen hat. Der Formationsflug kann beginnen (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)Größere Abbildung anzeigen

Mit dem letzten aller „Checkrides“, wie die fliegerische Erfolgskontrolle bei den „Students“ bezeichnet wird, gilt die Fliegerische Jet-Ausbildung für den Flugschüler als „bestanden“. Nun gilt er praktisch als Luftfahrzeugführer, auch wenn „sein Schein“ noch ausgestellt werden muss. Danach steht zunächst das sogenannte „Assignment“ an, wo die Flugschüler jetzt erst erfahren, auf welchem Flugzeugmuster sie in Zukunft eingesetzt werden. Die folgende „Assignment Night“ wird gefeiert, denn mittlerweile sind elf Monate harter Ausbildung erfolgreich bewältigt. Gekrönt wird das Event mit der offiziellen Graduationsfeier - bei gleichzeitigem offiziellem Verleihen der Pilotenschwingen - ein Event, das keiner der Piloten je vergessen wird. Sie markiert die offizielle Aufnahme des ehemaligen Flugschülers in den Kreis der Jetpiloten.

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Fluglehrer und Flugschüler verlassen die Parkposition
Fluglehrer und Flugschüler verlassen die Parkposition (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)Größere Abbildung anzeigen

Stufe 4 – Luftkampftraining/IFF

An der abschließenden Introduction to Fighter Fundamentals (IFF) nehmen nicht mehr alle ENJJPT-Nationen teil. Die deutsche Luftwaffe hält aber die IFF sinnvoller Weise für geboten , weil hier der Flugschüler knapp 2 Monate lang im Training erfährt, wie die NATO im internationalen Verbund Lufteinsätze fliegt. Während in der vorherigen Phase eher das korrekte Vollziehen von Formations- oder Soloflügen im Vordergrund stand, werden hier die Flugschüler darauf optimiert, ein bestimmtes Einsatzziel zu erfüllen. Was auf der Kinoleinwand einfach aussieht, ist nämlich aus der Sicht des Piloten ein schwieriges Unterfangen - beispielsweise eine Bombe korrekt ins Ziel zu bringen: Verschiedenartige Winde, das unterschiedliche Verhalten der Luftfahrzeugmuster im Flug wie auch beim Ausklinken der Bomben sind – neben anderen Determinanten – in einem kurzen Zeitfenster zu berücksichtigen, zu bewerten und dann in das laufende Flugmanöver zu integrieren. Bei Schallgeschwindigkeit legt das Flugzeug jede Sekunde 333 Meter zurück: Nur ein Flügelschlag Unschärfe im Anflugprofil oder eine kleine Unaufmerksamkeit im Flug reichen aus, das Ziel zu verfehlen. Mission not accomplished.

Auf dem Weg zur Startbahn
Auf dem Weg zur Startbahn (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)Größere Abbildung anzeigen

Damit dies nicht passiert, werden dem Piloten die wichtigsten Flugdaten auf sein HUD (Head Up Display), welches unmittelbar in Flugrichtung eingerichtet wird, hinein projeziert. In der Anflugphase auf ein Zielobjekt braucht der Pilot daher nicht mehr auf andere Instrumente zu schauen, sondern konzentriert sich auf das, was er direkt vor sich sieht. Wer einen Eindruck davon haben will, wie schwierig allein das schon ist, der kann dies problemlos mit einem handelsüblichen Simulator am heimischen PC nachvollziehen: Im echten Flugzeug ist der Druck auf den Akteur bei weitem höher, was potentielle Flugfehler nach sich ziehen kann. Darum sitzt auch in unserem Beispiel Hauptmann Timo Schnoebbe als erfahrener Fluglehrer hinter Oberleutnant Auer, überwacht jeden einzelnen Handgriff seines Schülers und erklärt hinterher im Debriefing, was man noch besser machen kann.

Die beiden Maschinen heben ab
Die beiden Maschinen heben ab (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)Größere Abbildung anzeigen

Die IFF gehört für die Luftwaffe insgesamt zur fliegerischen Ausbildung dazu: Wer sie nicht besteht, der wird auch in Deutschland später keinen Eurofighter fliegen. Dennoch ist es selten, dass ein Flugschüler hier kurz vor der Ziellinie „patzt“. Und so kommt es dann auch, dass mit der bestandenen IFF die letzte Phase fast immer glimpflich verläuft und der Pilot anschließend zur Waffensystemausbildung versetzt wird, der letzten Stufe der fliegerischen Ausbildung, bevor er als Pilot im Kampfjet seine ersten Einsätze fliegt: Im Fall von Oberleutnant Auer wird die Waffensystemausbildung Eurofighter in Laage/Mecklenburg-Vorpommern stattfinden, denn er soll irgendwann in der Zukunft den Eurofighter in der Jagdbomberrolle in Nörvenich fliegen…

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Stand vom: 30.03.12 | Autor: Norbert Thomas, Oliver Schmidt


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