Schutz des isländischen Luftraums 2.0
Keflavik/Wittmund, 29.02.2012.
Deutschland wird vom 8. März bis 28. März 2012 zum zweiten Mal den Schutz des isländischen Luftraums mit Kräften des Jagdgeschwaders 71 aus dem ostfriesischen Wittmund gewährleisten.

Mit der fünfmaligen Übernahme des NATO Air Policings im Baltikum und der zweitmaligen Verlegung zum Schutz des isländischen Luftraums in nur sieben Jahren hat die Bundesrepublik Deutschland einen wichtigen und ihrem Gewicht im Bündnis angemessenen Beitrag zum Schutz des NATO-Luftraumes geleistet und damit ein deutliches Zeichen gesetzt, ihren Verpflichtungen im Rahmen der Bündnissolidarität und der gemeinsamen Lastenteilung nachzukommen.

Bündnislasten sind geteilte Lasten
Nicht alle NATO-Vertragsstaaten verfügen über geeignete nationale Mittel, um die Unversehrtheit ihres jeweiligen NATO-Luftraums zu gewährleisten. Mit dem Beitritt von sieben neuen Mitgliedsländern zur NATO im April 2004 wurde das System der integrierten NATO Luftverteidigung um den Luftraum dieser Länder erweitert. Dabei verfügten die neuen NATO-Mitglieder Slowenien sowie die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen nicht über eigene Luftverteidigungskräfte. Deshalb gewährleisten seit April 2004 andere NATO-Mitgliedsländer die Sicherheit des jeweiligen Luftraums. Der slowenische Luftraum wird seither auf Grund der geographischen Nähe zu Italien dauerhaft von den italienischen Luftstreitkräften geschützt, der Schutz des Luftraums über den baltischen Staaten wird im Rahmen einer zunächst bis 2014 zeitlich befristeten Interimslösung in einem Rotationsverfahren durch wechselnde NATO-Nationen übernommen, bis die baltischen Staaten eigene Fähigkeiten zur Luftraumüberwachung- und -sicherung aufgebaut haben. Im Rahmen späterer NATO-Erweiterungsrunden wurde dieser Ansatz mittlerweile ausgedehnt. So wird beispielsweise der Schutz des Luftraums über dem neuen NATO-Mitglied Albanien ebenfalls als Daueraufgabe von den italienischen und griechischen Luftstreitkräften wahrgenommen. Deutschland war bereits mehrfach am NATO Air Policing Baltikum (APB) für jeweils drei bis vier Monate beteiligt.

Sonderfall Island
Ebenso wie die baltischen Staaten misst Island der Unterstützung durch die NATO zum Schutz seines Luftraums, sowohl politisch als sichtbares Zeichen der Sicherheit und der Bündnissolidarität im Rahmen der NATO, als auch militärisch als Reaktionsmöglichkeit bei potentiellen Luftraumverletzungen, eine hohe Bedeutung bei. Island, das sich am 17. Juni 1944 endgültig als unabhängige Republik von Dänemark lossagte, zählt mit seinen etwa 317.000 Einwohnern zwar seit der Gründung der NATO zu den zwölf Gründungsmitgliedern, besitzt aber keine eigenen Streitkräfte. So hat sich das kleine Land für den Bündnisfall zur medizinischen Hilfeleistung verpflichtet und unterhält lediglich eine kleine Einheit, die im Rahmen von Friedensmissionen eingesetzt wird und sich aus Mitgliedern der isländischen Polizei und der Küstenwache zusammensetzt. Die Sicherheit Islands wurde auf Basis eines bilateralen Verteidigungsabkommens bis 2006 durch die USA gewährleistet, die bis dahin Jagdflugzeuge des Typs F-15 C Eagle (Adler) auf dem Flugplatz Keflavik stationiert hatten.

Schutzauftrag oder Air Policing
Nachdem die USA ihre Kampfflugzeuge 2006 abgezogen hatten, bemühte sich Island intensiv um den Schutz seines Luftraums durch andere NATO-Vertragsstaaten, insbesondere bei den Anrainerstaaten des Nordatlantiks. Island erwartet zum Schutz seines Luftraums weder eine ständige Stationierung von Jagdflugzeugen noch eine permanente Bereitschaft am Boden, sondern lediglich temporäre Aufenthalte von Kampfflugzeugen, um Präsenz und Reaktionsbereitschaft der NATO-Staaten zu demonstrieren. In der Praxis übernehmen seit 2008 Luftstreitkräfte der NATO jeweils einen Überwachungszeitraum, innerhalb dessen aber nur einige Wochen Jagdflugzeuge vor Ort in Island stationiert sind. Die NATO-Mission zum Schutz des isländischen Luftraums unterscheidet sich daher vom Air Policing Baltikum sowohl durch die nicht permanente Stationierung, als auch durch niedrigere Bereitschaftsstufen zum Alarmstart.

Geben und Nehmen
Frankreich stellte ab Mai 2008 als erste Nation nach dem Rückzug der USA den Schutz des isländischen Luftraums mit vier Jagdflugzeugen vom Typ Mirage 2000 für acht Wochen sicher. Später folgten teilweise mehrfach und jeweils für mehrere Wochen die USA, Norwegen oder Dänemark. Die NATO-Jagdflugzeuge zum Schutz des isländischen Luftraums werden auf dem ehemaligen US-Stützpunkt in der Hafenstadt Keflavik im Südwesten Islands stationiert, wo gleichzeitig der zivile Flugverkehr der 45 km entfernten Hauptstadt Reykjavik abgewickelt wird. Island stellt der NATO in Keflavik dazu die Infrastruktur, Telekommunikation, Transport und Unterkunft kostenlos zur Verfügung.

Ein Beitrag, der sich sehen lassen konnte
Deutschland beteiligte sich 2010 zum ersten Mal am Schutz des isländischen Luftraums. Innerhalb des Deutschlands von der NATO zugeteilten Überwachungszeitraums von Mai bis August 2010 verlegte das Kontingent der Luftwaffe für fast vier Wochen vom 1. bis 25. Juni 2010 mit sechs F-4F Phantom nach Keflavik. Dazu wurden 23 Fahrzeuge sowie 102 Tonnen Material in 52 Containern, größtenteils im Seetransport von Wilhelmshaven aus, verfrachtet. Das Kontingent bestand aus 140 Soldaten und Zivilangestellten, hauptsächlich Angehörige des Jagdgeschwaders 71 „Richthofen“, unterstützt von fast 40 Spezialisten aus anderen Verbänden.

Da Island nicht mit militärischem Personal unterstützen konnte, bestand das Kontingent neben technisch-logistischem Personal zur Wartung und Instandsetzung der Phantoms unter anderem auch aus Wetterberatern, Fernmeldekräften zum Betrieb einer SatCom-Anlage sowie Sanitäts-, Gefechtsstands- und Brandschutzpersonal.
Island betreibt zur Luftraumüberwachung zwar eigene Radaranlagen und ein Kommandozentrum, hat aber kein zur Führung von Jagdflugzeugen ausgebildetes Personal. Deshalb stellte die Luftwaffe auch Jägerleitoffiziere des Einsatzführungsdienstes bereit, die die Jagdflugzeuge in der Luft taktisch führten. Zur elektronischen Aufklärung wurde schließlich auch noch eine Breguet Atlantik des Marinefliegergeschwaders 3 „Graf Zeppelin“ aus Nordholz nach Island verlegt. Diese Verlegung war gleichzeitig der letzte Einsatz des Musters, weil dieses Waffensystem nach über 40 Jahren Nutzungszeit außer Dienst gestellt wurde.

Vom Einsatz her denken
Zu Beginn des Einsatzzeitraums konnten der NATO im Rahmen einer Einsatzüberprüfung erfolgreich die geforderte Bereitschaftsstufe nachgewiesen werden. Während des Einsatzes waren permanent zwei der sechs Phantom bewaffnet und einsatzbereit, die restlichen vier konnten zwei mal täglich für den Übungs- und Ausbildungsflugbetrieb in dem großen und flexibel nutzbaren Luftraum über Land und See eingeplant werden. Da der 150 km von Keflavik entfernte, isländische Vulkan namens Eyjafjallajökull seine Aktivitäten kurz vor Beginn der Verlegung einstellte, konnte der Flugbetrieb ungehindert von dessen Einflüssen durchgeführt werden. Die vulkanischen Aktivitäten verlangten allerdings präventive Vorsorge, wie beispielsweise das Mitführen von Feinstaubmasken.

Bündnissolidarität hat Vorrang
Aufgrund der hohen militärpolitischen Bedeutung der integrierten Luftverteidigung als Kernaufgabe der NATO bereits im Frieden sowie sichtbarem Ausdruck der Bündnissolidarität nach außen, misst Deutschland der Wahrnehmung der Aufgabe zur Sicherstellung der Unversehrtheit des Luftraums sowohl in Deutschland als auch in den NATO-Vertragsstaaten weiterhin eine hohe Bedeutung bei. Vor diesem Hintergrund - und da weder Island noch die Baltischen Staaten absehbar über eigene Fähigkeiten zur Gestellung einer Alarmrotte verfügen werden - sind mittelfristig weitere Einsätze von Abfangjägern der Luftwaffe sowohl im Rahmen des NATO APB als auch zum Schutz des isländischen Luftraums denkbar. Damit wird dem Sicherheitsbedürfnis der Baltischen Staaten und Islands Rechnung getragen, sowie ein sichtbarer und wirksamer Beitrag zur Stabilität des Bündnisses an dessen östlicher und nördlicher Peripherie geleistet. Die deutsche Luftwaffe ist mit ihrer hohen Klarstandsrate und jederzeitiger Einsatzbereitschaft Garant dafür, dass der Schutzauftrag effektiv und lückenlos erfüllt wird.

