Sea Survival - Die Lebensversicherung für den Ernstfall
Nordholz/Cuxhaven, 26.01.2012.
Nass, kalt, fordernd, aber überlebenswichtig: Der Lehrgang „Überleben See“ bei der Inspektion „Überleben auf See“ des Marinefliegergeschwaders 3 „Graf Zeppelin“ in Nordholz ist eine wichtige Etappe für alle angehenden Luftfahrzeugführer.

Nordseeküste, Elbmündung, Freitagmorgen, 9.00 Uhr Ortszeit. Lufttemperatur 12°C, Wassertemperatur 10°C: Nicht gerade einladend für ein erfrischendes Bad in der Nordsee. Einladend nicht, aber notwendig.

Der Ernstfall ist der Maßstab
Der Ernstfall, der hier so realitätsnah wie möglich geprobt wird, nimmt auch keine Rücksicht auf das Wetter. Ernstfall hier: Absturz über See, Notwasserung oder „Ausschuss“ über Wasser. An diesem kühlen Freitagmorgen findet die Abschlussübung für die Lehrgangsteilnehmer des Lehrgangs „Überleben auf See“ statt. Einer der Protagonisten ist Hauptmann Sharid von der Ahe. Im „wahren Leben“ ist er Einsatzoffizier im Stabsgebiet S3 (Einsatzführung) des Stabszugs der Fliegenden Gruppe des Jagdbombergeschwaders 31 „Boelcke“ (JaboG 31 „B“) in Nörvenich.

Vor der Kür kommt die Pflicht
Der Tornadoluftfahrzeugführer und angehende Eurofighterpilot ist nicht zum ersten Mal dabei: „Die Ausbildung stellt jedes Mal eine Herausforderung dar.“ Denn nicht nur angehende Piloten müssen durch diesen Lehrgang, sondern auch diejenigen, die es bleiben wollen: Der Lehrgang muss in einem Abstand von drei Jahren wiederholt werden, damit die Fliegenden Besatzungen immer auf dem neuesten Stand sind und Erlerntes nicht verlernt wird. „Die Ausbildung ist äußerst praxisorientiert und sehr einsatznah“, so Hauptmann von der Ahe, und weiter: „Sie sichert das Überleben bei einem Flugunfall über See durch bestmögliche Vorbereitung.“ Damit das Fliegende Personal der Bundeswehr die erforderlichen Maßnahmen in einer solchen Extremsituation bestmöglich umsetzen kann, gibt es die Inspektion „Überleben auf See“ des Marinefliegergeschwaders 3 „Graf Zeppelin“ in Nordholz.

Das kühle Nass ruft
Die Anfänge der Sea Survival-Ausbildung gehen auf tödliche Flugunfälle auf See in den sechziger Jahren zurück. Bis heute haben rund 50.000 Luftfahrzeug-Besatzungsangehörige die Lehrgänge der Inspektion durchlaufen. Neben befreundeten Streitkräften nutzen auch Institutionen wie Bundespolizei, Polizei und Feuerwehren die Ausbildung bei der Marine. Die Sea Survival-Ausbildung in Nordholz ist weit über die Grenzen bekannt und nimmt mittlerweile in Europa eine Spitzenstellung ein. Mit 160 Lehrgängen und mehr als 1.600 Lehrgangsteilnehmern hat die Inspektion mittlerweile ihr größtes Lehrgangsaufkommen in ihrer über 40-jährigen Geschichte erreicht.

Zurück zur Abschlussübung an die deutsche Nordseeküste, dem sogenannten „Open Sea Training“. Hauptmann von der Ahe hat als erster das „Vergnügen“ aus dem Seenotrettungskreuzer - im wahrsten Wortsinn - „ins kalte Wasser zu springen“. Die „Hermann Helms“, welche die Lehrgangsteilnehmer in das Übungsgebiet der Elbmündung gebracht hat, ist Start- und Zielpunkt des abschließenden Überlebenstrainings. Vom Seenotrettungskreuzer muss jeder Lehrgangsteilnehmer schwimmend - und in voller Ausrüstung - eine Rettungsinsel erreichen, diese aufrichten, um dann von einem Sea Lynx-Hubschrauber der Marine „gewinscht“ zu werden: Und das alles unter den wachsamen Augen der Ausbilder und Rettungstaucher der Inspektion, die im Notfall eingreifen können.

Üben, üben, üben
Die Übung ist bei Seegang und in voller Ausrüstung kein einfaches Unterfangen. Aber der Ernstfall sähe auch nicht anders aus. Was die Soldaten üben, sind die typischen Abläufe und Verfahrensweisen wie im realen Ernstfall, damit sie im Notfall möglichst reibungslos funktionieren. Vorbereitet werden sämtliche Lehrgangsteilnehmer für diese Abschlussübung - und alle anderen, erdenklichen Notfallszenarien - sowohl in umfassenden theoretischen Unterrichten, als auch besonders praktisch in der Wasserübungshalle bei der Inspektion „Überleben auf See“. Die praktische Ausbildung umfasst ein bestmögliches und umfangreiches Training, um auf alle Szenarien auf hoher See vorbereitet zu sein. Genau so befasst sich die theoretische Ausbildung mit der persönlichen und Luftfahrtzeugausrüstung, um auch auf extreme Situation auf stürmischer See bei Dunkelheit bestmöglich vorbeireitet zu sein.

Open Sea Training
Auf dem Deck des Seenotrettungskreuzers „Hermann Helms“ ist es zwischenzeitlich nass und stürmisch geworden. Das aufgewirbelte Wasser der Nordsee spritzt weit über die Reling. Die Sea Lynx der Bundesmarine schwebt nur wenige Meter über dem Bug. Am Haken hängt von der Ahe und wird wieder an Bord gewinscht. Die Rettungsübung war für ihn, ebenso wie für alle anderen Lehrgangsteilnehmer, erfolgreich. „Fordernd, anspruchsvoll, aber absolut notwendig“ resümiert Hauptmann von der Ahe.
Absolut notwendig, um alles so perfekt und routiniert wie möglich zu beherrschen. „Die Soldaten der Inspektion „Überleben auf See“ verstehen ihr Handwerk. Lob und Anerkennung für die Topausbildung für den Ernstfall“, so das abschließende Fazit von Hauptmann von der Ahe. Für die schlimmste Notsituation, die sich ein Angehöriger einer Fliegenden Besatzung vorstellen kann, darf es auch keine Ausnahmegenehmigung geben: Dem Absturz über See oder eine Notwasserung. Und mit der Hochwertausbildung in Nordholz trägt die Luftwaffe dafür Sorge, ihren Soldaten auch im schlimmst anzunehmenden Fall das notwendige Know How mitzugeben, das eigene Leben und das der Kameraden zu retten.

