David und Goliath
Bareilly, Indien, 01.01.2011.
Die Suchoi Su-27 „FLANKER“ und ihre zweisitzige indische Weiterentwicklung, die Su-30 MKI, sind für viele Luftfahrtbegeisterte der Inbegriff für hochagile Kampfflugzeuge. Wer hat noch nicht über die unglaublichen „Kobra“- Manöver auf den großen internationalen Luftfahrtausstellungen verwundert gestaunt und sich gefragt: „Wer hat da noch eine Chance im Luftkampf?“
Die Antwort lautet: Die Luftwaffe - und zwar mit dem Eurofighter

Die Suchoi Su-30 MKI ist eine zweisitzige, weiterentwickelte Variante des russischen Abfangjägers Suchoi Su-27 “Flanker“, ausgerüstet mit modernster Avionik aus verschiedenen Nationen, unter anderem Russland, Israel, Frankreich und Indien. Sie ist das Produkt einer Kooperation russischer und indischer Rüstungsindustrie und darüberhinaus mit einer Schubvektorsteuerung ausgestattet, die es der Maschine erlaubt, auch Manöver jenseits des rein aerodynamisch Möglichen, im sogenannten „post stall“- Bereich, zu erfliegen.

Einzigartige Chance zum Vergleich
Oberstleutnant Frank Simon war der richtige Mann für eine derartige Mission. Als ehemaliger Pilot einer MiG 29, sowohl bei den Luftstreitkräften der NVA als auch beim Jagdgeschwader 73 „Steinhoff“ (JG 73 S), hat er sowohl eine in Russland konzipierte Maschine geflogen, als auch die Berechtigung, den modernen Eurofighter zu fliegen.
„Insofern war dieser Flug eine Besonderheit, und ich freute mich mit großer Spannung auf dieses Erlebnis. Ebenso gespannt wie ich war Oberstleutnant Frank Neurath von der Eurofighter-Typenbegleitmannschaft aus Manching. Er begleitete mich auf dieser Reise nach Indien.“
Beim Anlegen des Anzuges hatte Simon bereits sein erstes Deja-Vu: "Die indischen Flanker-Piloten nutzen die gleiche russische Anti-G-Hose, die wir auch auf der MiG-29 nutzten."
Danach erhielt Simon als Backseater von seinem Piloten ein kurzes Briefing für den anstehenden Flug: Wie der Schleudersitz zu bedienen ist, eine kurze Vorstellung der Flanker und eine Einweisung in das Cockpit sowie die geplanten Manöver und Verfahren.

Kobras am Himalaya
„Im Übungsraum vor der grandiosen Kulisse des Himalaya geht es dann gleich ans Eingemachte. Mein indischer Pilot demonstriert mir, wie eng und hart die Su-30 manövrieren kann und lässt es mich dann gleich selbst probieren. Wir fliegen diverse Manöver mit und ohne Schubvektorsteuerung, Immelmann, Looping und schließlich auch das Kobra-Manöver.“ Und obwohl sich die Jets immer noch unterhalb der Himalaya-Gipfel, befinden, ist die Luft wohl auch für die Triebwerke der Suchoi recht dünn, denn der indische Pilot möchte „die Kobra“ nur mit der Nase schräg nach unten machen und nicht nach oben, weil er wohl befürchtet, dass die einströmende Luft nicht ausreicht, um das Flugzeug bei der Verbrennung des Sauerstoffs zu tragen.
„Zum Schluß üben wir noch, wie man mit der Flanker unter Zuhilfenahme der Schubvektorsteuerung einen Gegner, der von hinten angreift, ausmanövriert und überschießen lässt. Dazu zieht man die Flanker nach einer harten Kurve steil nach oben – richtet sie auf wie eine Kobra. Durch die steile Fluglage gerät man in einen niedrigen Geschwindigkeitsbereich, in welchem die Schubvektorsteuerung gegensteuern soll. Jetzt aktivieren wir also die Schubvektorsteuerung - und die elegante Nase der Suchoi fällt in einem rasanten Tempo nach unten, um gleich auf den verblüfften Gegner zu zielen: Schnell mit dem Helmvisier eine Infrarotrakete auf den Gegner aufschalten - und ab damit.“ So viel zur Theorie…

Lehrstunde in Physik
„Danach bitte ich den Piloten, er solle dies nochmals tun und dabei die Nase schnell wieder über den Horizont bringen, um dem Gegner zu folgen, falls der unsere Absicht erkennt und versucht, über uns zu steigen: Doch genau das schafft er nicht. Die Nase der Flanker ist - trotz Schubvektorsteuerung - zu schwer für das geplante Manöver." Ein Eurofighter hätte jetzt leichtes Spiel: „Die Flanker hängt träge in der Luft, ohne Geschwindigkeit. Wir versuchen das Gleiche nochmals am Ende des Fluges - mit dem gleichen Ergebnis.“
Dabei ist das Ergebnis gar nicht mal so verblüffend: Hat sie das Kobra-Manöver erfolgreich absolviert und der gegnerische Pilot dieses nicht rechtzeitig erkannt, dann ist die Flanker-C womöglich der Sieger des Duells. Allerdings lebt das Kobra-Manöver – egal von welchem Piloten und welchem Flugzeug ausgeführt – auch ein wenig von der Legendenbildung, denn ein erfahrener Gegner kann dieses Manöver erahnen. Den Rest erledigt die Trägheit der Masse: Ein schweres Kampfflugzeug wie die Flanker-C ist hier durch ihr hohes Eigengewicht benachteiligt, wenn sie auch durch ihre außergewöhnliche Aerodynamik und die starken Triebwerke erst in die Lage versetzt wird, ein derartiges Manöver überhaupt zu erfliegen, welches die meisten Kampfflugzeuge nicht schaffen - auch nicht mit einer Schubvektorsteuerung. Schon allein die Treibstoffzuladung der Suchoi von über neun Tonnen Gewicht erreicht fast das Leergewicht des Eurofighters selbst: Die Flanker-C ist ein Schwergewicht, ein Goliath, der selbst mit seinen starken Triebwerken hier an eine - physikalische - Grenze stößt.

Information ist alles
Die Erkenntnis ist mitunter nicht so neu, nicht unbedingt, weil man sie bereits bei Wikipedia nachlesen kann, sondern auch, weil die Flanker auch schon bei dem einen oder anderen internationalen Flugmanöver dabei war und sich erfahrene Piloten zwar von einer spektakulären Performance beeindrucken-, aber nicht übervorteilen lassen: Ein Manöver ist nur so viel wert, wie es auch zu leisten vermag - und zwar im realen Einsatz, wo es innerhalb weniger Sekunden darauf ankommt, die richtige Entscheidung zu treffen.
Für den einen oder anderen jungen Eurofighterpiloten wird diese Erkenntnis ein wertvolles Ruhekissen sein, denn die außergewöhnlichen Flugeigenschaften des Eurofighters geben den Luftwaffenpiloten die aerodynamische wie technische Möglichkeit, dem Kobra-Manöver zu entgehen, während dies Kampfflugzeug der dritten Generation in der Regel überfordern würde.

Duell der Besten
Schließlich muß man sich fragen, warum diese Erkenntnis nicht schon früher so öffentlich wurde, mitunter auch ein Hinweis darauf, dass die Piloten der NATO auch deswegen in der Vergangenheit so erfolgreich waren, weil sie deutlich häufiger übten als beispielsweise Piloten auf einer MiG-21 der früheren Warschauer Pakt Staaten. Aber auch ohne den Hinweis auf die bessere Übungspraxis sollte die westliche Welt Respekt vor diesem Mehrzweckflugzeug haben, dass in seiner Rolle der amerikanischen F-15E Strike Eagle nachempfunden wurde und bei der einen oder anderen Übung mit NATO-Partnern deren Waffensystemen Paroli bot. Die amerikanischen Streitkräfte kauften sogar im Mai 2009 zwei Su-27, um die Möglichkeiten zur elektronischen Kriegsführung der Flanker besser beurteilen zu können – und damit die Ergebnisse eigener und zukünftiger Waffensysteme im Vergleich.

Natürlich haben alle Waffensysteme ihre Stärken und Schwächen. Da die Flanker ursprünglich als schwerer Abfangjäger konzipiert und in den Truppendienst eingeführt wurde, kann sie in der beschriebenen Aktion mit dem deutlich kleineren und leichteren Eurofighter nicht mithalten, der in der Folge auch ein besseres Schub/Gewichtsverhältnis an den Tag legt, was den Luftwaffenjet in diesem fiktiven Szenario zum Sieger nach Punkten erklären würde. Allerdings muß man beim Vergleich aller Waffensysteme berücksichtigen, dass derartige Manöver immer den Ausschnitt aus einer Wirklichkeit darstellen. Im realen Einsatz würde es eher so sein, dass sich die beiden Piloten mit ihrem umfangreichen Waffenarsenal aus der Distanz bekämpfen - ohne den potentiellen Gegner überhaupt je gesehen zu haben. Und natürlich bleibt die Su-30 MKI auch ohne Kobra-Manöver ein nie zu unterschätzender Konkurrent. Ihre versierten indischen Piloten können sich nun darauf konzentrieren, neue außergewöhnliche Flugmanöver mit der Schubvektorsteuerung zu erfliegen. Zur eigenen Standortbestimmung sind derartige Austauschprojekte unter anderem auch gedacht - für beide Seiten tritt eine Win-Win Situation ein.
Für die Luftwaffe und alle Nationen, die den Eurofighter besorgt haben, bleibt die Gewissheit, dass ihr Waffensystem, welches seit seiner Einführung ständig weiterentwickelt wurde, auf der Höhe der Zeit ist und dass man mit dem Technologieträger Eurofighter die richtige Wahl getroffen hat.

