Nachschub für Afghanistan (Teil 2)
Neubrandenburg/Trollenhagen, 12.10.2009.
Im Schatten des benachbarten Jagdgeschwaders 73 „Steinhoff“ (JG 73) vollzieht die Fliegerhorststaffel Trollenhagen eine wichtige Aufgabe, die in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist. Im Mittelpunkt bei der Be- und Entladung der Iljuschin Il -76 fokussierte sich „Luftwaffe.de“ im ersten Teil der Berichterstattung vorwiegend auf das Transportmittel. Im zweiten Teil stehen nun mehr die Soldaten der Fliegerhorststaffel im Vordergrund. Sie tragen dafür Sorge, dass die heißersehnte Ware aus der Heimat auch wirklich im Einsatzgebiet ankommt...

Einsatz rund um die Uhr
Oberleutnant Lothard Kasten befehligt den Luftumschlagszug der Fliegerhorststaffel aus Trollenhagen, welcher für das Be- und Entladen der Frachtmaschinen zuständig ist. Seine rund 30 Soldaten haben drei Arbeitsgliederungen eingenommen, um jede Ladung rund um die Uhr - auch am Wochenende – annehmen und abfertigen zu können. Durchschnittlich sind das 8-15 Maschinen pro Woche für eine Beladungscrew, in dieser Woche sind es genau zehn. Die Soldaten erscheinen jeden Morgen um 6.45 Uhr und bleiben so lange, wie es zur Erfüllung des Auftrages notwendig ist. Wenn sie Glück haben, sind sie zum normalen Dienstschluss fertig – und wenn nicht, dann sind sie ausnahmsweise bis 23 Uhr im Dienst, notfalls auch die ganze Nacht. Heute haben die Soldaten Glück, denn die zweite Iljuschin wird gegen 15 Uhr auf dem Fliegerhorst erwartet. Bei einer durchschnittlichen Ent- und Beladungszeit von zwei Stunden würde diese Maschine gegen 17 Uhr wieder abheben...

Vollgepackt mit Vollgepäck
Die erste Maschine der Silkway-Airlines, die heute den Fliegerhorst ansteuerte, war beladen mit leeren Paletten und Kisten, schätzungsweise 200 Gepäckstücken sowie einer Menge nicht mehr nutzbarer Reifen. Interessanter ist da schon die Ladung gen Afghanistan: Vorwiegend Matratzen und Betten. Infolge der Aufstockung des deutschen Kontingents ISAF müssen die Soldaten auch angemessen untergebracht werden. Das Inventar eines kleinen Möbellagers wird daher heute an den Hindukusch verbracht: Jeweils 11 Betten passen auf eine Palette (bei der fünfzehnten Palette habe ich aufgehört zu zählen), dazu werden auch noch die Matratzen und die Bettwäsche bis in eine Höhe von über drei Meter in die Maschine gepresst, bis links und rechts im Laderaum wirklich nur noch eine Hand frei bleibt. Die genormten Paletten sorgen normalerweise dafür, dass kein Laderaum verschwendet wird. Nichtsdestotrotz gibt es auch sperriges Gut. Dann legen die Luftwaffentransportsoldaten erst Recht Maß an und verstauen das Gut derart, dass die Iljuschin bis zum letzten Zentimeter befüllt wird.

Die Verbindung nach Hause
Noch interessanter ist das Gut, das auf die nächste Maschine geht: Briefpost. Sicherlich eine wichtige Ware, nicht unbedingt im Hinblick auf ihren finanziellen Wert, doch unbezahlbar im Hinblick auf die Motivation der Soldaten. Das Gewicht der Briefpost beläuft sich allein heute auf 2.5 Tonnen (!), sicherlich eine Menge interessanter Geschichten und auch viel Unterstützung aus der Heimat: Trollenhagen mag sonst niemand kennen, aber für die Soldaten in Afghanistan ist Trollenhagen sicher ein Begriff. „Die Post kommt aus der Feldpostleitstelle Darmstadt“, erklärt Oberfeldwebel Rene Böttcher, Luftwaffentransportfeldwebel und Führer der Beladecrew in dieser Woche. Er hat den Überblick und die Verantwortung dafür, dass der gesamte Umschlag von der Anlieferung bis hin zum Lufttransport in geordneten Bahnen verläuft.

Der „fliegende Supermarkt“
Ein fliegender Supermarkt mit Gemüseecke und Tiefkühlabteilung wäre die denkbare Bezeichnung für diejenige Iljuschin, die meistens Donnerstags von Trollenhagen in Richtung Usbekistan aufsteigt. Die Frachtmaschine transportiert dann fast ausschließlich Lebensmittel auf den Luftwaffenstützpunkt Termez, von wo aus die Güter mit der Transall weiter verteilt werden. Der usbekische Staat legt Wert darauf, nicht all zu viele Nationen in seinem Luftraum zu haben. Folglich kommt auch die Il-76 in diesem Fall aus Usbekistan. Rechtzeitig zum Donnerstag hat dann auch das Verpflegungsamt der Bundeswehr umfangreiche Nahrungsmittel zur Zwischenlagerung auf den Fliegerhorst in Trollenhagen verbracht, Just-in-Time – Abfertigung wie in der freien Wirtschaft, damit die Kühlkette der Lebensmittel nicht unterbrochen wird.

Ein eingespieltes Team
Prinzipiell kann in Afghanistan und Usbekistan alles auf dem Nachschubweg angefordert werden, was auch im Inland dienstlich notwendig wird. Jegliches Material wird aus diversen Depots im Inland angeliefert und in Trollenhagen zwischengelagert. Umgekehrt wird die erhaltene Luftfracht nach der Überprüfung durch den Zoll an ein Zentrallager in Rechlin abgegeben, von wo aus die Verteilung der Güter zu den einzelnen Stammeinheiten ihren Lauf nimmt. Dies alles zu organisieren ist Oberfeldwebel Böttchers Aufgabe. Seine Auftrag endet nicht mit dem Abheben der Frachtmaschine. Unzählige Ladelisten müssen anschließend von Stabsunteroffizier Viola Naski geschrieben werden, die dazugehörigen Anhänger zum Abtransport vorbereitet und beladen werden. Zudem muß auch noch geprüft werden, ob all das, was vom Flugzeug übergeben wurde, auch real vorhanden ist. Und alles immer unter Zeitdruck, denn in zwei Stunden soll die Maschine bereits wieder voll beladen in die Luft gehen...

Ein Frachter für alle Fälle – und alle Güter
Die Iljuschin übernimmt buchstäblich alles, was irgendwie in die Maschine hineinpasst. Das können sperrige Betreuungsgeräte sein wie Fernseher, Tischtennisplatten und Fitnessgeräte, aber auch Großgerät wie zum Beispiel Luftfahrzeugtriebwerke, Dieselaggregate und Dieselmotoren, oder aber auch das gesamte Getriebe eines Fuchspanzers. Meistens lädt das Frachtflugzeug Werkzeuge, Ersatzteile für Kraftfahrzeuge und für Waffensysteme, Betriebsstoffe wie zum Beispiel Schmieröl und immer wieder auch Bekleidungsgegenstände. Die IATA (International Air Traffic Association) gibt in einem über tausend Seiten dicken Katalog über Gefahrgutstoffe vor, was befördert werden darf – und was nicht: Nämlich Waffen. Die werden daher auch mit rein militärischen Luftfahrzeugen in das Einsatzland transportiert.

Eine Kleinstadt im Einsatz
Nach der Lektüre dieser internationalen Gefahrengutverordnung kann Oberfeldwebel Böttcher sicher sein, dass er nichts Unerlaubtes an Bord der Iljuschin verbringt. Denn ausnahmsweise hat die Maschine auch Stoffe mit an Bord, deren Besonderheit für einen Laien nicht direkt ersichtlich sind. So sind in den Wintermonaten auch schon mal knapp
4 Tonnen Enteisungsmittel für Luftfahrzeuge mit an Bord, oder aber auch 15 Tonnen Streusalz. Nicht zu vergessen die 200 Weihnachtsbäume ..., auch wenn die sicherlich kein Gefahrgut darstellen.Das klingt ungewöhnlich, wird aber umso greifbarer, wenn man sich vor Augen führt, dass das deutsche Kontingent ISAF mit über 4.000 Soldaten ein Kleinstadtäquivalent darstellt, das natürlich auch ganz andere Güter nachfragt als „Otto-Normalsoldat“.

Ein Rekord jagt den nächsten
Dazwischen transportiert der fliegende Alleskönner einer einzigen Ladeliste zufolge neben Trinkbechern, Insektennetzen, Fahrrädern, Schirmständern, Schläuchen und privatem Gepäck auch viel Sanitätsmaterial für die Soldaten. Kontinuierlich wurde die Zuladung über die Jahre erhöht. Waren es 2007 fast 11.000 Tonnen Fracht, die von der Iljuschin bewegt wurden, so waren es bereits ein Jahr später fast 14.000 Tonnen. Bis Ende August 2009 waren bereits wieder an die knapp 8.000 Tonnen Güter nach Afghanistan verbracht worden. Es kann spekuliert werden, dass die Tonnage bis Ende des Jahres ein weiteres Hoch sieht. Allein in diesem Jahr wurden bereits über 18.000 „PAX-Stücke“ (einzelne Gegenstände oder Gebinde von Gegenständen) von und an den Hindukusch verbracht.

Viel Schub für den Nachschub
Hoch ist auch die Leistung der neuen Triebwerke, die Silkway-Airlines unter die Il-76 TD verbracht hat: Der Antrieb der Frachtmaschine entwickelt zwölf mal so viel Schub wie eine MiG 21. Wenn der Transporter seine riesige Heckklappe schließt und die Triebwerke zündet, fegt schier ein Orkan über das Gelände. Dabei sind die Triebwerke gar nicht mal so laut, rauben aber dem Betrachter selbst aus sicherer Entfernung die notwendige Atemluft, weil der warme Triebwerksstrom die Umgebungsluft so schlagartig und kraftvoll verdrängt, dass sogar die beladenen Tanklastzüge in knapp 100 Meter Entfernung anfangen auf und ab zu wippen. Auch die Tore zum Lager werden dann sofort geschlossen.

Nach wenigen Minuten kündigt sich jedoch bereits das Ende des Orkans über Mecklenburg-Vorpommern an, als die Iljuschin um knapp 14 Uhr über den Taxiway in Richtung Startbahn rollt, während über ihr gerade drei Eurofighter den Fliegerhorst Rostock - Laage anfliegen. Nach kurzem Start hebt die Maschine in imposanter Manier und in einem denkbar flachen Winkel ab, ganz im Gegensatz zu Passagiermaschinen, die nach der Startphase unmittelbar an Höhe gewinnen wollen. Auf ihre Weise kann die Iljuschin hierdurch mit ihrer bis zu 50 Tonnen schweren Last weiteren Treibstoff sparen, solange ein ausreichend großer Luftraum über dem Flughafen ein derartiges Manöver zulässt. Keine Minute später ist die Maschine nur noch ein Punkt am - daher tiefen - Horizont...

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel …
Für Oberfeldwebel Böttcher und seine Soldaten ist das bereits Geschichte. Wenige Minuten später landet bereits die nächste Iljuschin auf dem Fliegerhorst, während auf der anderen Seite des Abfertigungsgebäudes schon wieder Container für den Abtransport der Ware ins Inland vorbereitet werden. Die Routine hat die Soldaten längst eingeholt: Stabsunteroffizier Naski schreibt die nächste Ladeliste, derweil Oberfeldwebel Böttcher ebenfalls eine Ladeliste aus dem Drucker nimmt und mit der freien Hand seine Pizza zu Ende isst. Danach schlüpft er wieder in die gelbe Sicherheitsweste und macht sich auf den Weg in die Abfertigung: Iljuschin Nummer 1204 wartet auf ihn und seine Mannschaft…
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Fazit
Die Luftwaffe hat ein einsatzfähiges und effizientes Flugzeug geordert, dass die Logistiklücke des strategischen Lufttransportes in das Einsatzgebiet Afghanistans mittelfristig schließt. Sicher kommt auch irgendwann mal eine Zeit, wo auch die Fähigkeiten der Iljuschin an Grenzen stößt und eine Alternative her muss. Bis dahin leistet sie aber der Luftwaffe als Interimslösung wertvolle und wirtschaftliche Dienste.

Die Fliegerhorststaffel am Ort wird deswegen nicht weniger zu tun haben, da sie letzten Ende jedes Flugzeugmuster - logistisch und versorgungstechnisch - bedient, egal ob es sich um einen Kampfjet, eine Transall, eine Galaxy oder eine Iljuschin handelt: Und die versorgen die Soldaten der Fliegerhorststaffel professionell und schnell. In Afghanistan und Usbekistan kann man sich daher gewiß sein, dass die Luftwaffentransportsoldaten in der Heimat alles unternehmen, um rechtzeitig den Nachschub für die Kameraden im Einsatz bereitzustellen.
Bilder
Die Iljuschin auf dem Taxiway (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)
Größere Abbildung anzeigenDutzende Gepäckstücke werden tagtäglich transportiert (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)
Größere Abbildung anzeigenEin Zwischenlager auf dem Fliegerhorst (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)
Größere Abbildung anzeigenFertig zum Abflug (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)
Größere Abbildung anzeigenEine imposante Erscheinung – auch von hinten (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)
Größere Abbildung anzeigenStabsunteroffizier Naski tippt die nächste Ladeliste (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)
Größere Abbildung anzeigenEine „Brücke“ wird vor dem Abfertigungsgebäude beladen (Quelle: Luftwaffe/Norbert Thomas)
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