From tactical to practical (Teil 1)
Köln-Wahn, 01.03.2012.
„From tactical to practical“ heißt eine in den USA bekannte TV-Doku, die die Umsetzung von operativem Gedankengut mit militärischen Mitteln beschreibt. Mit der „Streitkräftegemeinsamen Taktischen Feuerunterstützung“ (STF) beschreiten deutsches Heer und Luftwaffe teilweise Neuland, wenn auch auf einem gemeinsamen Weg. Für die Luftwaffe kann dies indes zum Katalysator für die Air Surface Integration werden.

Luftstreitkräfte unterstützen mit ihren weitreichenden Effektoren und Sensoren die Operationen von Landstreitkräften, wenn nur eingeschränkte oder keine Mittel zur Aufklärung oder Feuerunterstützung zur Verfügung stehen. Dieser Fall kann beispielsweise eintreten, wenn Truppen am Boden weit weg von ihrer Heimatbasis operieren, was in Afghanistan jeden Tag der Fall sein kann. Eine Unterstützung von Landstreitkräften wird aber nur dann erfolgreich sein, wenn Technik und Verfahren dem jeweiligen Bedarf im Einsatz genügen. Dies zu erreichen, ist der Anspruch der Air Surface Integration, die am weitesten im Bereich der Streitkräftegemeinsamen Taktischen Feuerunterstützung gediehen ist, um Planung, Waffensysteme und Einsatzverfahren aufeinander abzustimmen.

Angleichung auf mehreren Ebenen
Dabei liegt der Fokus der Zusammenarbeit augenscheinlich zunächst auf der Luftnahunterstützung („Close Air Support“ / CAS), da hier ein besonders qualifiziertes Maß im Zusammenwirken der beteiligten Kräfte besteht. Mögliche Integrationsaspekte der ASI beziehen sich zunächst auf die Waffenplattformen, deren Effektoren oder Sensoren, die zur Bereitstellung präziser und zeitnaher Zielinformationen beitragen und damit Spezialkräften oder anderen Kräften des Heeres das Ziel zuweisen. Von besonderer Bedeutung ist außerdem der streitkräftegemeinsame Synchronisationsprozess: Von der Planung bis zum Abschluß der Operation müssen Heer und Luftwaffe ständig miteinander kommunizieren, Systeme und Verfahren müssen kompatibel und nutzergerecht aufeinander abgestimmt sein – von der operativen bis zur taktischen Ebene.

Übergeordnete Planung und Taktik
Verfügt ein potentieller Gegner ebenfalls über Luftkriegsmittel, liegt der Schwerpunkt des Einsatzes von Luftstreitkräften zunächst auf der Herstellung einer günstigen Luftlage. Damit soll verhindert werden, dass der potentielle Feind die Operationsfreiheit der eigenen Kräfte beeinflusst. Besteht nach Erringung einer günstigen Luftlage keine oder nur noch eine geringfügige Bedrohung durch gegnerisches Luftkriegspotential, verlagert sich der Schwerpunkt der Luftoperationen deutlich. Als direkte Folge steigt jetzt - „wo die Luft rein ist“ - der übergeordnete Koordinationsbedarf deutlich an - und die Hilfsmittel der ASI sorgen dafür, dass die einzelnen Operationen zeitlich optimal ablaufen können, damit die nun folgenden Truppen „on the ground“ Handlungsfreiheit für ihr Tun haben.

Operativer Abstimmungsbedarf
Das heißt aber nicht, dass jetzt erst auf teilstreitkraftübergreifender und damit übergeordneter Ebene geplant wird - ganz im Gegenteil wurde das Zusammenspiel der einzelnen TSK bereits über eine Zeit lang synchronisiert: Alle beteiligten Kräfte verfolgten den Wirkeinsatz der Luftstreitkräfte und stellten sich zeitlich und räumlich darauf ein, ihre geplanten Operationen dem Einsatz der Luftwaffe effektiv anzuschließen.

Dabei wurden die Operationen aller Teilstreitkräfte - einschließlich der Spezialkräfte im gemeinsamen Einsatzgebiet - für einen Zeitraum von mehreren Tagen bis zu mehreren Wochen geplant. Dieser sogenannte „operative Planungsprozess“ umfasst deren Koordination, Synchronisation oder Entflechtung, die Zuordnung von Kräften und Mitteln sowie die Festlegung von Verantwortlichkeiten. Es werden also diverse Rollen im teilstreitkraftübergreifenden Einsatz verteilt: Luftstreitkräfte nehmen nach dem Herstellen der Luftherrschaft nun andere Rollen ein, beispielsweise die luftgestützte Aufklärung und Überwachung des Einsatzgebietes, den operativ-taktischen Lufttransport sowie die Wirkung aus der Luft gegen feindliche Kräfte im Einsatzgebiet (Luftnahunterstützung) oder denjenigen, die es noch erreichen wollen (Gefechtsfeldabriegelung).

Operationsführung aus einem Guss
In der Bundeswehr wird mit dem Konzept der „Streitkräftegemeinsamen Taktischen Feuerunterstützung“ (STF) unter Federführung des Heeres ein Weg verfolgt, der die verbesserte Fähigkeit zur unmittelbaren gegenseitigen Feuerunterstützung aller Einsatzkräfte der taktischen Ebene zum Ziel hat. Getragen wird der STF-Prozess durch die Feuerunterstützungsorganisation. Auf Kompanieebene sind „Joint Fire Support Teams“ ausgebracht, die beispielsweise den „Wirkungserfolg“ von luftgestützten Plattformen – Kampfflugzeugen, UAS und Kampfhubschraubern, als auch die von bodengebundenen Systemen (Mörser oder Panzerhaubitzen) abrufen können. Auf den Führungsebenen darüber (Bataillonsebene) werden die „Joint Fire Support Coordination Teams“, auf Brigade- und Divisionsebene die „Joint Fire Support Coordination Groups“ (JFSCG) eingerichtet.

Fähigkeiten der Teilstreitkräfte verschmelzen
Die ASI bezieht sich aber nicht nur auf eine Dienstleistung für die Teilstreitkraft Heer, auch wenn dies derzeit den Schwerpunkt im Bereich der Zusammenarbeit STF markiert. Der Schutz eigener Kräfte am Boden oder die ausgefeilte Sensor- und Effektorentechnik, die im Nächstbereichsschutz am Beispiel MANTIS angewandt wird, sind Beispiele dafür, dass in der eigenen Teilstreitkraft selbst noch ausreichend Handlungsfelder bestehen, ASI bedürfnisgerecht zu formulieren. Teilstreitkraftübergreifend sind auch Beziehungen und Verfahren zur Seekriegsführung neu zu überdenken, wenn beispielsweise mit der Ausphasung des Lenkflugkörpers Kormoran neue, abstandsfähige Waffen wie die Laser-gelenkte GBU 54 (guided bomb unit/Bombe, die durch einen Laserstrahl auf ein Ziel ausgerichtet wird) in Verbindung mit der HARM-Rakete zur Anwendung kommen. Wenn die Luftwaffe auch Bereiche wie die Bekämpfung von Seezielen, Aufklärung und Begleitschutz übernimmt, muss sie zusammen mit der Marineführung zudem gemeinsame Anbindung, Führung und Wissen über geeignete Verfahren zusammentragen und festlegen, wie dies im Bereich der STF von Luftwaffe und Heer weitgehend umgesetzt ist.

Air Surface Integration – ein weites Feld
Der „Air Surface Integration“-Ansatz bietet für Luftwaffe und Marine das Potential, die Zusammenarbeit langfristig neu zu beleben. Handlungsfelder sind zum Beispiel die Ein-, respektive Anbindung von STF-Effektoren der Marine in den Luftraum und damit beispielsweise an die Zielkoordinatenermittlung durch ein Kampfflugzeug oder ein UAS. Auch die Seeraumüberwachung könnte theoretisch durch unbemannte Luftfahrzeuge - beispielsweise für eine ATALANTA-Mission denkbar - mit ihrer hochmodernen ASI abgebildet werden, entweder in Form der abbildenden Aufklärung (SAATEG) oder der Fernmelde- und Elektronischen Aufklärung. Nicht umsonst ist der vor der Einführung in die Luftwaffe stehende Euro Hawk der Nachfolger der Breguet Atlantik der Marine und schließt die entsprechende Fähigkeitslücke, die nach Ausmusterung des Marineaufklärers entstanden ist. Allgemein kann man unterstellen, dass die Zusammenarbeit von bodengebundenen, see- und luftgestützten Luftverteidigungssystemen oder das koordinierte Bekämpfen von küstennahen Zielen noch durchaus weiter abgestimmt werden kann: In einer Streitkraft Bundeswehr, die immer mehr zusammenwächst und deren militärische Diversifikation aus haushälterischer Notwendigkeit schrumpft – bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung möglichst vieler Fähigkeiten.

Für den Bereich ASI gibt es demnach noch genug Ausgestaltungsspielraum, der Raum für gute Ideen und Eigenengagement öffnet, obschon die jüngste Vergangenheit um die Einführung und Zwischenlösung zweier UAS - Euro Hawk und Heron 1 - gerade erst gezeigt hat, dass sich die Luftwaffe bereits gut aufgestellt hat, um erfolgreich als Dienstleister für die Bundeswehr zu fungieren. Dank der technischen Kreativität des Teams Luftwaffe darf erwartet werden, dass die vorhandenen Systeme auch zukünftig „tailored to the mission“ effektiv weiterentwickelt werden.


