TV-Moderator fährt bei der Luftwaffe Achterbahn
Königsbrück, 28.06.2006.
Die Humanzentrifuge des Flugmedizinischen Instituts der Luftwaffe war vergangene Woche sprichwörtlich Dreh- und Angelpunkt für eine Produktion des ZDF
Anlass für den Besuch ist eine geplante Sendung zum Thema "Achterbahnen", für die eine Expertenmeinung zu flugphysiologischen Fragen im Hinblick auf Unterschiede zwischen Achterbahnen und der Jetfliegerei gesucht wurde. Den richtigen Ansprechpartner fand man in Königsbrück. Der Leiter der Abteilung II des Flugmedizinischen Instituts der Luftwaffe, Oberstarzt Dr. Heiko Welsch, lud das Fernsehteam in die kleine, eine halbe Autostunde von Dresden entfernte Stadt ein, um sich nicht nur dessen Fragen zu stellen, sondern auch die seit Mai dieses Jahres wieder einsatzbereite Humanzentrifuge der Öffentlichkeit zu demonstrieren.
Institut für Luftfahrtmedizin der NVA
Die Anlage war ursprünglich 1986 beim damaligen "Institut für Luftfahrtmedizin der NVA" entstanden, um die Piloten der damals neu eingeführten MiG-29 im Umgang mit den bei diesem Luftfahrzeugmuster erstmals auf den menschlichen Körper wirkenden hohen Erdanziehungskräften, den so genannten G-Belastungen, zu trainieren. Nach der Wiedervereinigung 1990 wurde festgestellt, dass diese Humanzentrifuge ihrem Gegenstück in Fürstenfeldbruck hinsichtlich Leistung deutlich überlegen war und man entschied sich, die Anlage in Königsbrück als flugphysiologische Abteilung des Flugmedizinischen Instituts der Luftwaffe weiter zu betreiben. Dort finden seitdem die Auswahltrainings für zukünftige Jetpiloten und Waffensystemoffiziere statt, die lernen, wie sie mit Hilfe spezieller Techniken wie Pressatmung und Muskelanspannung, auf die beispielsweise beim engen Kurvenflug auftretenden hohen G-Belastungen, bei denen das eigene Körpergewicht mehrere Sekunden lang, schnell das fünf- bis neunfache erreichen kann, adäquat reagieren.
Einzigartige Humanzentrifuge in Deutschland
Im Zuge der Einführung des Eurofighters, dessen Performance die der bis dahin geflogenen Luftfahrzeugmuster bei weitem übertrifft, wurde die Notwendigkeit einer noch besseren Trainingsmöglichkeit erkannt und die Leistung der Humanzentrifuge nochmals gesteigert. Seit Mai dieses Jahres ist die Anlage in Königsbrück wieder einsatzbereit und kann einen Probanden nun innerhalb von einer Sekunde so stark beschleunigen, dass auf ihn die fünffache Erdanziehungskraft wirkt. Regelmäßig trainiert werden dabei Kräfte von bis zu 9 G für 15 Sekunden Dauerbelastung.
"Gar nicht so schlimm"
Zeitgleich mit dem ZDF-Team war der angehende Eurofighterpilot, Major Norbert Biehler, vom Jagdgeschwader 74 aus Neuburg an der Donau an diesem Tag zu seinem Training angereist. Karsten Schwanke, bekannt geworden als Meteorologe in der ARD, der die Moderation der ZDF-Sendung "Abenteuer Wissen" im Februar 2006 von seinem Vorgänger Wolf von Lojewski übernommen hat, verfolgte zunächst mit Oberfeldarzt Dr. Michael Nehring das Training des 36-jährigen Jet-Piloten am Überwachungsmonitor im Leitstand der Zentrifuge. Der Flugmediziner erklärte dem Moderator dabei, wie der Flug in einem Hochleistungsjet in der Zentrifuge simuliert wird und der Pilot den dabei auf ihn wirkenden Kräften entgegenwirken kann. Durch die hohe Professionalität von Major Biehler, sah das am Monitor alles "gar nicht so schlimm" aus. Karsten Schwanke, der von sich selbst behauptet, überhaupt kein Achterbahn-Fan zu sein, hatte anschließend auch der Ehrgeiz gepackt, um sich selbst als "Flugschüler" auszuprobieren. Der Thematik der Sendung entsprechend, wurde nun ein spezielles, einer realen Achterbahn entsprechendes Profil aufgelegt, um dem 37-jährigen TV-Moderator zu zeigen, welche G-Kräfte, bei so einer Fahrt auf den menschlichen Körper wirken.
Im Kreis Achterbahn fahren
Nach einer eingehenden flugmedizinischen Untersuchung und ausgestattet mit einer Anti-G-Hose, die das in die Beine absackende Blut wieder zurück drücken soll, bestieg der Diplom-Meteorologe anschließend mit gemischten Gefühlen die Zentrifuge. Zum warm werden, ließ man auf den "Probanden" zunächst die 1,4-fache Erdanziehungskraft wirken, bevor das "Achterbahn-Programm" gestartet wurde. Während anfangs eine gespannte Stille zu vernehmen war, konnte man nun ein aufgeregtes Jauchzen aus dem Überwachungslautsprecher hören. Nach 52 Sekunden, während denen zu mindestens für einige Sekundenbruchteile bis zu 5 G auf Karsten Schwanke wirkten, war die "Fahrt" auch schon überstanden. Ein erleichtertes Schnaufen und der Wunsch nach einer aktiven Fahrt, wo er nicht nur wie in einer Achterbahn umhergewirbelt wird, sondern selbst die Kontrolle über die auf ihn wirkenden Erdanziehungskräfte hat, wurde laut.
Ähnlich einem Jetpiloten konnte der Fernsehjournalist mit Hilfe eines Joysticks nun den direkten Unterschied zwischen Spaß und harter Arbeit spüren. Mit progressiver Muskelarbeit und der vorher von Major Biehler erklärten richtigen Atemtechnik kämpfte er gegen die Erdanziehungskräfte. Erschöpft aber "stolz wie Oskar" ob der überstandenen Strapazen stieg er wenige Minuten später aus der Zentrifuge und nahm von Oberfeldarzt Dr. Nehring die aufgezeichneten Messergebnisse seines "Fluges" entgegen. Wie unter Wissenschaftlern üblich, wurde die Fahrt anschließend ausgewertet und Karsten Schwanke wusste jetzt nicht nur, dass, sondern auch warum er bisher eine Abneigung gegen Achterbahnen hegte.
Ein voller Erfolg
Nichtsdestotrotz war der Dreh ein voller Erfolg, konnte doch mit Hilfe dieser in Deutschland einzigartigen Humanzentrifuge und anhand zweier praktischer Beispiele im Selbstversuch geklärt werden, warum jeder gesunde Mensch, ohne weitere Vorbereitung sich in eine Achterbahn setzen kann, man sich aber nur nach intensiver Vorbereitung in einen Hochleistungsjet setzen sollte.















