Den Orbit fest im Blick
Uedem, 26.07.2010.
Was haben die Satelliten der Bundeswehr und Weltraumschrott gemeinsam? Antwort: das Weltraumlagezentrum in Uedem. Der Inspekteur der Luftwaffe stellte die Einrichtung am Niederrhein am 22. September 2009 in Dienst. Zentrale Aufgabe ist - unter anderem - die Überwachung und Aufklärung aller erdnahen Objekte im Weltraum.

Oberst i.G. Harald Borst zeichnet für den Aufbau des Weltraumlagezentrums (WRLageZ) verantwortlich. Aktuell verfügt es über drei Dienstposten und wird im Laufe der Zeit noch auf rund 50 Stellen erweitert. Dabei werden, wie im ebenfalls in Uedem auf dem Paulsberg angesiedelten Nationalen Lage- und Führungszentrum Sicherheit im Luftraum, neben Soldaten auch zivile Experten mitarbeiten.

Kommunikation und Aufklärung
Die Bundeswehr betreibt insgesamt sieben Satelliten. Fünf davon sind Aufklärungssatelliten des Typs SAR-Lupe (Synthetic Aperture Radar). Hinzu kommen zwei Kommunikationssatelliten COMSATBw-1 und COMSATBw-2. Mit dem COMSAT-System werden militärische Informationen in Form von Sprache und Daten sowie Video- und Multimediaanwendungen gesichert übertragen. Doch für ein aktuelles Lagebild ist nicht nur Kommunikation, sondern auch bildgestützte Aufklärung von zentraler Bedeutung für den Erfolg im Einsatz. Das radargestützte Aufklärungssystem SAR-Lupe liefert der Bundeswehr neueste Informationen – bei jedem Wetter, rund um die Uhr und von fast jedem Ort der Welt. Es besteht aus einer Bodenstation und fünf Satelliten, welche die Erde in rund 500 Kilometer Höhe umkreisen. In der Bodenstation werden die Satelliten kontrolliert sowie Daten empfangen und ausgewertet. Mittels Radarstrahlung ist das System in der Lage, scharfe und hochauflösende Bilder aus jedem Winkel der Erde zu gewinnen - und das auch durch eine Wolkendecke hindurch. Die Auflösung soll unter einem Meter liegen, sodass auch sehr kleine Objekte erkannt werden können. Höhenunterschiede können sehr genau vermessen und Objekte wie Fahrzeuge oder Einrichtungen sicher erkannt werden. Die genauen Lagebilder der Satelliten sind entscheidende Faktoren für die Sicherheit der eigenen Truppen im Einsatz: Mit dieser Fähigkeit verfügt die Bundeswehr über eine völlig neue Qualität bei der Krisenfrüherkennung, der Krisenvorsorge und beim Krisenmanagement.

Neue Gefahren am Firmament
Die sieben Satelliten der Bundeswehr sind zwar rein defensiver Natur, dennoch sind auch sie Bedrohungen ausgesetzt. Doch die größte geht dabei derzeit nicht etwa von Waffen aus, sondern von Weltraumschrott oder „Space Debris“. Das können zum Beispiel ausgediente, alte Satelliten oder Bauteile sein, Teile ehemaliger Raketenoberstufen oder gar Werkzeugkoffer. Obwohl es sich dabei teilweise um nur wenige Zentimeter große Teile alter Satelliten oder Raketen handelt, fliegen diese mit einer Geschwindigkeit von rund acht Kilometern pro Sekunde durch den erdnahen Raum und bringen leicht die kinetische Energie eines schweren Lastkraftwagens mit. In mittlerweile großen Mengen im Orbit vorhanden, kollidieren diese Objekte nicht nur miteinander und erzeugen so immer wieder neuen Weltraumschrott, sondern stellen eine zunehmende Gefahr für die aktiven Satelliten dar. Hier hat das Weltraumlagezentrum die Aufgabe, mit Hilfe von Beobachtungen und Computersimulationen einen Überblick über die Flugbahnen des Weltraumschrotts zu gewinnen, um im Falle einer bevorstehenden Kollision rechtzeitig Ausweichempfehlungen an die militärischen und zivilen Satellitenbetreiber zu geben, die Position des Satelliten zu ändern. Das Prekäre dabei: Jede Bahnänderung kostet den Satelliten wertvollen Treibstoff und reduziert so seine ohnehin schon teure Lebensdauer. Um nicht noch mehr Weltraumschrott ins All zu befördern, befassen sich die Experten im Weltraumlagezentrum auch mit der Möglichkeit, Satelliten nach Ablauf ihrer Lebensdauer optimal zu entsorgen.

Kein „Star Wars“
Dennoch ist es nicht nur der Weltraumschrott, der eine Bedrohung für die Satelliten darstellt. China hat bereits gezeigt, dass es in der Lage ist, einen Satelliten von der Erde aus abzuschießen, auch die Amerikaner und Russen verfügen über derartige Fähigkeiten. Ohne an dieser Stelle einem der Staaten einen Krieg der Sterne zu unterstellen, sind die Satelliten der Bundeswehr einem gezielten Angriff derzeit machtlos ausgeliefert. Die Tragweite eines Angriffs gegen einen Satelliten ist aber zurzeit kein ‚heißes’ Thema. Denn mit einem - wie auch immer gearteten - Angriff würden weitere Unmengen neuen Weltraumschrotts entstehen, welche die Gefahren für andere Satelliten - gleich welcher Herkunft - deutlich vergrößern und die Arbeit des Weltraumlagezentrums um so wichtiger werden lassen, denn alleine die Existenz eines dieser Einrichtung, das in der Lage ist, einen möglichen Angriff nachzuweisen, kann abschreckend wirken.…

Viele Aufgaben außerhalb des militärischen Bereichs
Das Weltraumlagezentrum nutzt nicht nur der Bundeswehr, sondern erfüllt eine gesamtstaatliche Aufgabe: Die Männer um Oberst Borst erstellen Prognosen über den Eintritt von Objekten in die Atmosphäre und das mögliche Schadenspotenzial. Seit Beginn der Raumfahrt wurden bereits über 70 Einschläge von künstlichen Himmelskörpern auf der Erdoberfläche registriert, weil nicht alle Bestandteile des Satelliten oder der Trägerrakete verglühten, als diese in die Erdatmosphäre eindrangen. Jeder Einzelne kann dabei erheblichen Schaden anrichten, wenn er in bewohntes Gebiet einschlägt. Ähnliches gilt auch für natürliche Himmelskörper, den sogenannten Meteoriten.
Eine weitere Aufgabe des Zentrums ist das Analysieren und Bewerten von Informationen zu weltraumbasierten Systemen sowie Rüstungsaktivitäten im Bereich ballistischer Raketen und potenzieller Weltraumwaffen. Zudem überwacht die Einrichtung das Weltraumwetter, welches zum Beispiel durch Sonneneruptionen beeinflusst wird. Weltraumwettereinflüsse können sowohl die Funktionsweise von Satelliten als auch terrestrische Netze (Stromversorgung) beeinträchtigen. So ist erst am 19. Februar diesen Jahres der Kommunikationssatellit ‚Galaxy 15’ nach einer heftigen Sonneneruption außer Kontrolle geraten und ‚driftet’ nun durch die geostationäre Bahn.
Natürlich ist das Weltraumlagezentrum auch für das Darstellen, Analysieren und Bewerten des Systemstatus, der Leistungsdaten, der Lebensdauer und des Zustands eigener und fremder Satellitensysteme (Raum- und Bodensegmente) zuständig.

Fazit
Der Weltraum bietet den Streitkräften ein großes Nutzungspotenzial, beispielsweise in den Bereichen der weltweiten strategischen Aufklärung, des Geoinformationswesens oder der Führungsunterstützung. Aber auch die Gesellschaft hängt mehr denn je von Systemen im Weltraum ab, sei es nur das Navigationssystem im eigenen Auto, das Satellitenfernsehen oder das Mobiltelefon. Der Einstieg der Bundeswehr in die Weltraumnutzung ist gemacht. Die Indienststellung des Weltraumlagezentrums in Uedem ist ein weiterer wichtiger Schritt, um die sensiblen und teuren Systeme im Weltraum zu schützen und deren ungehinderte Nutzung für die Bundeswehr und unsere moderne Industriegesellschaft dauerhaft sicherzustellen.
