Auf Streife im deutschen Luftraum
Neuburg a.d. Donau, 02.06.2008.
Und dann geht alles ganz schnell. Zwei Personen in olivgrüner Fliegerkluft stürmen durch den Flur des Staffelgebäudes zu einem Umkleideraum, während in kurzen, regelmäßigen Abständen ein Hupton erschallt. In Nullkommanichts aus den Kampfstiefeln, rasch in den Anti-G Anzug geschlüpft, das Schuhwerk wieder angezogen, den Helm geschnappt, ab zum Shelter und zügig ins Eurofighter-Cockpit geklettert. Und das in weniger als 15 Minuten. Schon auf den ersten Blick steht fest: Handlungsschnelligkeit ist für die Piloten der „Quick Reaction Alert“ entscheidend.

Handlungsschnelligkeit bringt bekanntlich Hektik mit sich – die Abläufe bei einer QRA-Alarmierung auf dem Flugplatz des Fliegerhorstes in Neuburg an der Donau sind jedoch bestens koordiniert: Intensives, jahrelanges Training der fliegenden Besatzungen machen es möglich. QRA steht für die militärische Bezeichnung „Quick Reaction Alert“. Diese Bereitschaftsteams sichern im Auftrag der NATO den Luftraum über Deutschland. Das in Neuburg stationierte Jagdgeschwader 74 stellt zwei Jagdflugzeuge mitsamt Besatzung und Technikern für den südlichen Sektor der Bundesrepublik. Die Überwachung des nördlichen Teils wird vom Jagdgeschwader 71 in Wittmund gewährleistet. „Alarmrotten“ werden die Crews genannt, die bei Verhaltensauffälligkeiten von Luftfahrzeugen – Kursabweichungen, fehlender Funkkontakt oder Eindringen in gesperrten Luftraum - alarmiert werden. Ein wichtiger und verantwortungsvoller Auftrag, für den in Neuburg insgesamt 14 Kampfflugzeugpiloten zuständig sind. Zwei der fliegenden Offiziere, beide im Dienstgrad Hauptmann, sind heute in der Staffel anwesend und berichten vom Alltag beim „Wachdienst“ in luftigen Höhen.

Ein Bereitschaftsteam, erfahrene Piloten: Die QRA
„Schlafen, Essen, Waschen – dafür ist im QRA Bereich bestens gesorgt“, sagt der Eurofighter-Pilot. Denn während die zwei Kampfflugzeug aufgetankt, flugbereit und von den Technikern gewartet im Shelter ruhen, befinden sich die beiden Flugcrews in einer gesicherten Zone. Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr ist der QRA Bereich besetzt. Auf Abruf sind aber weitaus mehr Personen aktiv, wie der fliegende Hauptmann erzählt: „Geschwadergefechtsstand, Fliegerhorstfeuerwehr, Fliegerarzt und die Besatzungen von Tower und Radaranlage sind 24 Stunden für eine Alarmierung gewappnet. 50 Kameraden gehören insgesamt zum Bereitschaftsteam.“ Die Sekurität des heimischen Luftraums lastet also auf vielen Schultern, obwohl im Ernstfall doch das Handeln der Piloten zählt. Deshalb sind nur erfahrene Jetpiloten für die Quick Reaction Alert tätig. Bei einer Alarmierung obliegt die „Betreuung“ des auffällig gewordenen Luftfahrzeugs ebenfalls der fliegenden Besatzung. „Wir identifizieren das betreffende Objekt, dessen Flugziel und etwaige Probleme. Dann versuchen wir Funkkontakt zu dem Piloten aufzunehmen und ihn zu einem nächstgelegenen Flugplatz zu begleiten“, erklärt der QRA-Pilot. So geschehen Anfang 2003, als ein entführter Motorsegler über der Frankfurter Innenstadt kreiste. Die QRA-Abfangjäger rückten aus und bewegten den geistig verwirrten Piloten erfolgreich zur Landung. „Alpha-Scramble“ ist die Bezeichnung für einen solchen Alarm im Ernstfall, der jedoch mindestens einmal pro Monat eins zu eins simuliert wird – mit Hilfe von „Tango-Scrambles“.

Arbeitsteilung für schnelles Handeln
Auch bei einem solchen Übungsalarm sind die Piloten schnell auf den Beinen. „Die 15 Minuten Zeitregel gilt auch bei den Tango Scrambles – je nach Gefahrenlage kann die Viertelstunde auch verkürzt werden“, weiß der Eurofighter-Pilot. Die vorgeschriebene Zeitspanne vom Ertönen des Alarmsignals bis zum Abheben der Abfangjäger von der Startbahn hängt von der Gefahrenlage ab. „Wenn wir zehn Minuten Zeit haben, sitzen wir bereits im Cockpit und bei fünfminütiger Bereitschaft stehen die Maschinen schon auf der Startbahn.“ Die Quick Reaction Alert macht ihrem Namen alle Ehre. Genauso wie die „Control and Reporting Center“ (CRC) der vier Einsatzführungsbereiche. Hier wird der Luftraum mit Radaranlagen überwacht und alle Bewegungen im Luftraum protokolliert. Identifizierte Unregelmäßigkeiten in deutschen Lüften werden nach zwei Aspekten unterschieden und an eine von zwei verschiedenen Einrichtungen weitergeleitet: Für „internationale Verstöße“ (Eindringen in fremden Luftraum) ist das „Combined Air Operation Center (CAOC)“ in Kalkar zuständig. Fehlender Funkkontakt zu einem Luftfahrzeug ist ein „nationaler Verstoß“. Hiermit befasst sich das „Führungszentrum Nationale Luftverteidigung FüZNatLv). Arbeitsteilung für schnellstmögliches Handeln, sprich: Die Entsendung einer Alarmrotte zu dem betreffenden Flugobjekt.

Neuer Meilenstein: Der Eurofighter als Alarmrotte
Die beiden Kampfflugzeugführer der heutigen Schicht müssen noch bis 7:15 Uhr in ihren Fliegerkombis ausharren – dann werden sie von der nächsten Crew abgelöst. „Ein bisschen Schlaf wird wohl drin sein diese Nacht“, hofft einer der beiden fliegenden Hauptmänner. Die neue Crew trifft sich morgens nach der Übergabe zum Briefing. „Dem morgendlichen Meeting der Crew kommt eine besondere Bedeutung zu. Konferiert wird nämlich nur einmal täglich. Somit gilt das hier Besprochene für die nächsten 24 Stunden.“ Diese Prozedur wird sich auch ab dem 3. Juni nicht verändern. Dieser Tag bedeutet für das Jagdgeschwader 74 und die gesamte Luftwaffe einen Meilenstein in ihrer Entwicklung, denn am ersten Dienstag im Juni wird der NATO die Außerdienststellung des seit den 70er Jahren im Einsatz befindlichen Phantom F-4 Abfangjäger als „QRA-Dienstflugzeug“ gemeldet. Stattdessen wird ein neues Kapitel in der „Quick Reaction Alert“ aufgeschlagen: Die Übernahme des QRA-Bereitschaftsdienstes durch das Mehrkampfflugzeug der neuesten Generation: Den Eurofighter.

„Vom Käfer zum Porsche“
Zwar ist der Eurofighter schon seit dem 8. Januar diesen Jahres im Rahmen der Erprobungs- und Testphase im Dienst der Luftraumsicherung in Süddeutschland unterwegs, wird jedoch bis zu besagtem Tag Anfang Juni durch die Phantom unterstützt. Bald ist der zweigleisige QRA-Betrieb und damit auch die Übergangsphase beendet und die Eurofighter übernehmen in Neuburg alleinig die Überwachung des süddeutschen Luftraums. Geringfügige Änderungen inbegriffen, wie uns der Hauptmann mitteilt: „Im Eurofighter-Cockpit nimmt nur der Pilot Platz - der Waffensystemoffizier fällt weg. Somit reichen zwei Piloten als Cockpit-Besatzung für die zwei QRA-Eurofighter aus. Zudem sind die neuen Abfangjäger durch bessere Wendigkeit und höhere Geschwindigkeit in der Schutzzone weitaus mobiler und besser für die Luftsicherungsaufgaben gerüstet als die Phantom-Flugzeuge.“ Nach einem Vergleich zwischen den zwei Kampfflugzeugtypen gefragt, antwortet der Pilot: „Das kommt einer Umstellung vom Käfer auf einen Porsche nahe.“ Das sagt alles. Wenn der Hupton auf dem Flugplatz in Neuburg erklingt, bleiben die Stationen für die herbeieilenden Piloten identisch – auch wenn sich die Infrastruktur durch zahlreiche Baumaßnahmen bald in einem moderneren Gewand präsentiert. Flur, Umkleide, Shelter, Cockpit. Und das in weniger als 15 Minuten. So können die Eurofighter weiterhin geschwind in den bayerischen Himmel manövriert werden, wenn es heißt: „Nicht identifizierbares Flugobjekt gesichtet!“
Bilder
…und den Helm geschnappt (Quelle: Luftwaffe/Ingo Bicker)
Größere Abbildung anzeigenDie Wege trennen sich: Jeder spurtet zu “seinem” Shelter (Quelle: Luftwaffe/Ingo Bicker)
Größere Abbildung anzeigenShelter 17 fest im Blick: QRA-Pilot kurz vor dem Take-Off (Quelle: Luftwaffe/Ingo Bicker)
Größere Abbildung anzeigenAuf dem Weg zum „Dienstflugzeug“ (Quelle: Luftwaffe/Ingo Bicker)
Größere Abbildung anzeigenDer Shelter ist fast erreicht (Quelle: Luftwaffe/Ingo Bicker)
Größere Abbildung anzeigenDie QRA-Piloten sind rasant unterwegs (Quelle: Luftwaffe/Ingo Bicker)
Größere Abbildung anzeigenDie letzten Stufen zum Cockpit werden erklommen (Quelle: Luftwaffe/Ingo Bicker)
Größere Abbildung anzeigenUnd ab ins Cockpit: Ready for Take-off! (Quelle: Luftwaffe/Ingo Bicker)
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