Bell UH–1D - Ein geschichtlicher Abriss
Holzdorf, 20.02.2008.
Generalmajor Hans-Werner Ahrens, Kommandeur des Lufttransportkommandos, beim feierlichen Appell anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der Indienststellung der Bell UH-1D zur Geschichte des „Arbeitspferdes“ der Luftwaffe.

Der Hubschrauberflug ist einer der ältesten Flugträume der Menschheit. Schon Leonardo da Vinci machte sich 1463 Gedanken über eine „Tragschraube“ zum Abheben. Nach seinem spiralförmigen Flügel namens „Helix Pteron“ wurde der Helikopter benannt – wörtlich „Schraubenflügler“. Er diente den frühen Hubschrauber-Entwicklern als Vorbild. Es war eine der größten Herausforderungen der Luftfahrtgeschichte, um aus einem schwebenden Flugapparat auch einen fliegenden Helikopter zu konstruieren. Helis sind schwieriger zu fliegen als Flächenflugzeuge, da ihnen die Tragflächen fehlen, die einem konventionellen Flugzeug nicht nur Auftrieb sondern auch eine gewisse Stabilität der Fluglage garantieren. Dies muss beim Helikopter der Rotor besorgen. Er liefert sowohl Auftrieb als auch Schub für den Vorwärtsflug.

Die Vorgänger der Bell
Den ersten Flugversuch mit einem Hubschrauber startete der Franzose Paul Cornu im Jahr 1907. Er hob nur wenige Zentimeter ab. 1938 kam es zum technisch besonders bemerkenswerten Erstflug eines Hubschraubers in einem geschlossenen Raum. Hanna Reitsch flog einen von nur zwei gebauten Focke Wulff „FW 61“ in der Deutschlandhalle in Berlin. Die besonderen aerodynamischen Verhältnisse bei einem Hubschrauber im Schwebeflug machten dies zu einer ganz besonderen fliegerischen Leistung.
Die noch sehr kompliziert zu steuernden und im Sinne einer Nutzlastkapazität sehr begrenzten Hubschrauber der damaligen Zeit erlaubten keine nennenswerte Nutzung in den beiden Weltkriegen. Die herausragenden Stärken des Drehflüglerkonzepts, nämlich seine Flexibilität und Mobilität, seine Einsetzbarkeit von sehr kurzen Plätzen oder Start- und Landebahnen, also quasi aus fast jeder Lichtung heraus, wurden erst mit fortschreitender technischer Entwicklung, vor allem auch gesteigerter Motorleistung mit leichteren Triebwerken, deutlich.

Die ersten Bewährungsproben
Besonders im Vietnam-Krieg in den 60er Jahren nutzten die US- Streitkräfte Hubschrauber in großem Maße – allein von der UH-1 kamen über 7.000 Stück zum Einsatz.Hubschrauber begleiteten den Aufbau und die Entwicklung unserer Luftwaffe von Beginn an. Bereits ab März 1957 wurden die ersten Hubschrauber, beginnend bei der Flugzeugführerschule „S“, am Standort Memmingen, eingeführt. Es handelte sich um die Bell 47 G, die Bristol 171, die Vertol H-21 C, die Sikorsky H-34 und die Alouette II, letztere vornehmlich für die auch bei der Luftwaffe auszubildenden Heeresflieger.Hubschrauber flogen in der und für die Luftwaffe Einsätze im Such- und Rettungsdienst, SAR, und im Lufttransport. Die erste große Bewährungsprobe stellte die Elbeflutkatastrophe im Februar 1962 im Raum Hamburg dar. Dabei flogen unter schwierigsten Wetterbedingungen 82 Hubschrauber mehr als 500 Einsätze, um 1.117 Personen zu evakuieren und 268 Tonnen Hilfsgüter zu verteilen. Eine großartige Leistung, die der damalige Innensenator der Hansestadt Hamburg und spätere Verteidigungsminister und Bundeskanzler Helmut Schmidt mehrfach lobend erwähnte.

„Schreibt das Ding denn auch?“
Zum 1. Oktober 1966 erfolgte die Aufstellung des Hubschraubertransportgeschwaders 64 (HTG 64) in Penzing. Am 15. Februar 1968, heute genau vor 40 Jahren, übergab der Inspekteur der Luftwaffe, General Johannes Steinhoff, mit der Unterzeichnung der Übernahmeurkunde die ersten beiden Bell UH-1D der Luftwaffe an Oberst Johannes Naumann, den damaligen Kommodore des HTG 64. Oberst Naumann erinnert sich noch sehr lebendig an dieses Zeremoniell, das in Halle 4 des Fliegerhorstes Penzing stattfand. In seinem Brief an mich, in dem er sein heutiges Fehlen sehr bedauert, berichtet er über eine kleine Anekdote, die sich im Vorfeld der Unterzeichnung zutrug. Beide, der Inspekteur und der Kommodore, gingen damals gemeinsam zum für die Unterzeichnung vorgesehenen Schreibpult. Bevor General Steinhoff unterschrieb, wandte er sich Oberst Naumann zu und fragte mit leiser Stimme: „Schreibt das Ding denn auch?“, was Oberst Naumann beruhigend bejahen konnte. Insgesamt übernahm die Luftwaffe 136 Bell UH-1D, einem für den damaligen Auftrag gut geeigneten modernen Hubschraubers, der sich über vier Jahrzehnte zum „Arbeitspferd“ des Lufttransports entwickelte.
Neben den Einsätzen im SAR-Dienst und im Lufttransport war stets auch die Ausbildung ein Kernelement des Flugbetriebs mit Hubschraubern der Luftwaffe. Die Flugzeugführerschule „S“ betrieb die Hubschrauberausbildung noch eher am Rande, da der Schwerpunkt in der damals noch jungen Luftwaffe auf der Flächenfliegerei lag. Dies änderte sich 1971, als in Fassberg die erste rein auf Hubschrauber ausgerichtete Ausbildungseinrichtung, die Hubschrauberschule der Luftwaffe, ihren Dienst aufnahm. Dort wurden nicht nur die Hubschrauberführer der Luftwaffe ausgebildet, sondern auch Heer und Marine nutzten mit Erfolg dieses Angebot.
Ab 1975 kam ein anderes Konzept zur Umsetzung, bei dem zwischen der fliegerischen Grundausbildung und der taktischen Ausbildung der Hubschrauberführer unterschieden wurde. Für die angehenden Hubschrauberführer hieß es nun „ab“ in die USA nach Fort Rucker, Alabama, um sich dort der fliegerischen Grundausbildung zu unterziehen. Wir werden daran auch zukünftig in begrenztem Umfang festhalten, um die bewährt guten Verbindungen auf diesem Gebiet zu den US-Streitkräften nicht zu verlieren. Mit der angelaufenen Einführung des NH-90 für Heer, Luftwaffe und später auch der Marine erfolgt eine teilstreitkraft-gemeinsame Ausbildung an der Heeresfliegerwaffenschule in Bückeburg. Wir begrüßen diese Entwicklung, und tragen gern mit den uns zur Verfügung stehenden personellen Möglichkeiten und technischen Fähigkeiten zum guten Ausbildungserfolg bei.
Wie die gesamte Bundeswehr kam es auch für die Hubschrauber der Luftwaffe 1990 zu einer markanten Zäsur - nämlich der Integration der Hubschrauberanteile der Nationalen Volksarmee im Sinne der „Armee der Einheit“. Besonders die in Brandenburg-Briest stationierten Mi-8 bewährten sich im SAR-Dienst und bei einigen Hilfseinsätzen, zum Beispiel bei der Oderflut. Alle, die an diesem Prozess mitgewirkt haben, können stolz auf das gemeinsam Erreichte sein. Das HTG 64, seit 1971 in Ahlhorn stationiert, wurde im Jahre 1994 aufgelöst und für eine Übergangszeit in das LTG 62 umgewandelt. Die Hubschrauberstaffeln wurden schrittweise nach Hohn und Nörvenich, die Ausbildungsstaffel wurde nach Diepholz verlagert. So konnten wir vor dem Hintergrund geforderter Personaleinsparungen notwendige Fähigkeiten erhalten und die vorhandenen Ressourcen regional effizienter nutzen. Zugleich wurde die zukünftige Konzentration der Hubschrauberkräfte der Luftwaffe in Holzdorf eingeleitet.

Der „Teppichklopfer“ als ziviler Retter
Seit die Bundesrepublik Deutschland der Internationalen Zivilen Luftfahrtorganisation beitrat, ist sie verpflichtet, den militärischen Such- und Rettungsdienst zu betreiben. Dies übernahmen seit dem 1. April 1959 die Hubschrauberflieger der Luftwaffe und Marine. Sie richteten dazu in den letzten Jahrzehnten bis zu zwölf SAR-Kommandos an wechselnden Standorten ein. Dabei kam es auch an den Auslandsstandorten Decimomannu, Beja, Goose Bay und Erhac zu zeitlich begrenzten SAR-Einsätzen. Nach dem Abschluss einer interministeriellen Verwaltungsvereinbarung, nach der die Hubschrauber der Luftwaffe auch für den zivilen Rettungsdienst eingesetzt werden können, erfolgte der Einsatz auch von Rettungszentren, in der Spitzenzeit an acht militärischen oder zivilen Krankenhäusern beziehungsweise Standorten. Im Hinblick auf den aufgrund seiner Abmessungen und seines Gewichtes für diese Einsatzform wenig geeigneten NH-90 wurden die Rettungszentren zwischen 1999 und 2006 nach und nach an zivile Betreiber, vor allem den ADAC, abgegeben.
Im SAR-Dienst und an den Rettungszentren wurden bis heute mit rund 93.000 Flugstunden rund 261.000 Einsätze geflogen. Insgesamt wurden 191.300 Menschen in Not geholfen – etwa der Bevölkerungszahl von Erfurt; eine mehr als beachtliche Leistung. Dabei entfielen allein auf die UH-1D 96 Seenoteinsätze und sage und schreibe 5.551 Einsätze im Gebirge, wo die Luftwaffe regelmäßig und sehr erfolgreich mit der örtlichen Bergwacht zusammen arbeitet.

Breites Spektrum an Einsätzen
Die UH-1D wurde für Hilfsflüge auch außerhalb des SAR-Dienstes im In- und Ausland herangezogen. Besonders hervorheben möchte ich dabei die bereits erwähnte Hochwasserkatastrophe, Waldbrandeinsätze und die beiden Elbe- beziehungsweise Oderhochwasser der jüngsten Vergangenheit. Im Ausland wurde die Bell UH-1D unter anderem erfolgreich in Tunesien, Ost-Pakistan, der Türkei, in Äthiopien und Mosambik sowie im Iran eingesetzt. Seit dem 1. Juli 1999 befinden sich unsere Hubschrauberbesatzungen auch im Kosovo im Einsatz. Derzeit sind fünf Hubschrauber der Luftwaffe in Toplicane im deutschen Kontingent gemeinsamen mit den Heeresfliegern stationiert, und für die Unterstützung der dortigen KFOR-Truppen unverzichtbar. Mit der SAR-Kerngruppe hier in Holzdorf wird seit Jahren mit den Einsätzen auf der UH-1D ein wichtiger Beitrag zur Weiterentwicklung dieser Fähigkeit geleistet, die im Einsatzfall erst mit der Einführung des NH-90 und den dazu benötigten Rüstsätzen zum tragen kommen kann. Inzwischen haben wir die Transportfliegerei auch für Soldatinnen der Luftwaffe geöffnet. So konnten bereits zwei Hubschrauberführerinnen in Fort Rucker und über Diepholz beziehungsweise an der Heeresfliegerwaffenschule in Bückeburg und das LTG 61 ihre Ausbildung abschließen, und 2007 ihren Flugdienst auf der UH-1D beim LTG 61 und 63 aufnehmen.
Insgesamt flogen die Hubschrauber der Luftwaffe 913.169 Stunden, was der zusammengerechneten Dauer von rund 113 Jahren entspricht. Dabei wurden über 850.000 Passagiere befördert, also in etwa die Einwohnerzahl von Marseille. Allen, die daran beteiligt sind und waren, dafür mein herzlicher Dank!

Was wird die Zukunft bringen?
Mit der angelaufenen Zuführung des NH-90 in die Bundeswehr bricht ein neues Zeitalter an. Ab 2009 kommt der NH-90 hier in Holzdorf zum Einsatz. Er wird in der Luftwaffe mit einem Aufwuchs bis 2015 auf 42 Luftfahrzeuge die UH-1D schrittweise ersetzen. Mit diesem neuen, modernen Hubschrauber erlangt die Luftwaffe erstmals auch die Fähigkeit zum bewaffneten Luftrettungsdienst, Combat Search and Rescue, kurz CSAR genannt. Dabei geht es im Wesentlichen um die Rückholung von über Feindgebiet abgeschossenen oder verunfallten Luftfahrzeug-Besatzungen der Bundeswehr, aber es sind auch spezielle Einsätze darüber hinaus denkbar. Mit dem NH-90 einen erhält die Luftwaffe einen hochmodernen und leistungsfähigen Hubschrauber, der den heutigen und zukünftigen Anforderungen im weltweiten Einsatz und SAR-Dienst weitgehend entsprechen kann und wird. Er stellt einen technologischen Quantensprung dar, und ist mit Blick auf die Ausbildung bzw. Umschulung eine echte Herausforderung sowohl für die Fliegenden Besatzungen als auch für das technische Personal.
Die altgedienten, bewährten und von uns geschätzten restlichen Bell UH-1D wollen wir schrittweise bis 2015 Ausphasen, dies aber so, dass der Einsatzauftrag für die Hubschrauber der Luftwaffe und der Erhalt der Lizenzen unserer Besatzungen und Techniker gesichert bleibt. Die Verlegung der Staffeln von Hohn und Landsberg nach Holzdorf verlangt von den Soldatinnen und Soldaten und ihren Familien persönliche Opfer. Auch verlangt die Zusammenführung vorausschauende detaillierte Planung aller beteiligten Dienststellen und persönliche Flexibilität - auch hinsichtlich der Dienstorte - für alle Betroffenen.
