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Den Weltraum fest im Blick

Uedem, 21.10.2015.

Die Dienststelle ist einzigartig. Sie schützt Satelliten oder verhindert den Zusammenstoß mit Weltraumschrott. Gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt betreibt die Luftwaffe das Weltraumlagezentrum in Uedem. Die Aufgaben sind nicht nur vielseitig, sondern auch für die Sicherheit und das alltägliche Leben in Deutschland enorm wichtig.

Mit gut 50.000 Stundenkilometern rast ein Teil einer ausgedienten Raketenstufe auf einen deutschen Aufklärungssatelliten zu. Wenn nicht rechtzeitig ein Ausweichmanöver eingeleitet wird, könnten die beiden Flugkörper zusammenstoßen. Im schlimmsten Fall wäre der Satellit komplett zerstört. Der könnte dann keine Bilder aus dem Weltall mehr nach Uedem schicken. Eine weltweite Satelliten-Aufklärung wäre eingeschränkt. Außerdem bedeutete der Zusammenstoß einen enormen finanziellen Verlust.

150 Millionen Teilchen – Alles Schrott

Ein dichter Ring aus Weltraummüll umgibt die Erde. Jedes weiße Pünktchen steht für ein Stück Weltraumschrott, dass größer als 10 cm ist.
Ein dichter Ring aus Weltraummüll umgibt die Erde. Jedes weiße Pünktchen steht für ein Stück Weltraumschrott, dass größer als 10 cm ist. (Quelle: ESA/TU Braunschweig)Größere Abbildung anzeigen

Selbst wenige Zentimeter große Teile fliegen mit einer Geschwindigkeit von zehn bis 14 Kilometern pro Sekunde durchs All. Diese entwickeln beim Aufprall eine so enorme Energie, dass selbst eine kleine Schraube einen der rund 3.300 Satelliten im erdnahen Orbit durchschlagen könnte. Davon sind jedoch nur noch 1.265 aktiv. Der Rest ist Teil einer Schrottwolke aus schätzungsweise 150 Millionen Einzelteilen. Diese besteht nicht nur aus den Überresten der mehr als 5.000 Raketen von der Erde, sondern auch aus den Trümmern von Explosionen und Zusammenstößen mit Meteoriten.

Luftwaffe und DLR arbeiten zusammen

Bereits 2008 gab der Inspekteur der Luftwaffe ein Konzept zum Aufbau eines Weltraumlagesystems in Auftrag. Das Ziel: auch die Streitkräfte sollten von den Informationen aus dem Weltraum profitieren. Zum Beispiel um die Flugbahnen von Himmelskörpern zu berechnen und rechtzeitig reagieren zu können, wenn sich Weltraumschrott auf Kollisionskurs mit einem der mittlerweile 150 deutschen Satelliten befindet.

SAR-Lupe – ein System von fünf zeit- und wetterunabhängigen Aufklärungssatelliten.
SAR-Lupe – ein System von fünf zeit- und wetterunabhängigen Aufklärungssatelliten. (Quelle: DLR/)Größere Abbildung anzeigen

Zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland noch nicht die erforderliche Technik, um den Weltraum umfassend zu beobachten. Also wurde von Anfang an eine enge internationale Vernetzung zum Datenaustausch angestrebt. Basierend auf der 2010 erlassenen Raumfahrtstrategie der Bundesregierung beschlossen das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) und das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWI), sich gemeinsam dieser Aufgabe zu verpflichten. Damit wurde der Grundstein für das ressortgemeinsame Weltraumlagezentrum gelegt.

Heute arbeiten rund 30 Soldaten des Zentrums Luftoperationen mit fünf Mitarbeitern des DLR-Raumfahrtmanagements an der täglichen Beurteilung der Weltraumlage. Untergebracht ist das Weltraumlagezentrum in Uedem. Hier auf dem Paulsberg sind bereits das NATO Combined Air Operations Centre und das Nationale Lage- und Führungszentrum Sicherheit im Luftraum zu Hause.

Die Objekte im Weltraum genau im Blick

Sieht unscheinbar aus – doch hier werden die Daten aus dem Weltraum ausgewertet.
Sieht unscheinbar aus – doch hier werden die Daten aus dem Weltraum ausgewertet. (Quelle: Luftwaffe/Archiv)Größere Abbildung anzeigen

Kernaufgabe des Weltraumlagezentrums ist es, ein umfassendes und aktuelles Lagebild zu erstellen. Das ermöglicht einen effektiven Schutz nationaler Satelliten, der deutschen Bevölkerung und der Einsatzkontingente. Wetterberichte, Navigationsgeräte oder das Fernsehprogramm – sowohl das Militär als auch die Zivilbevölkerung sind auf Satelliten angewiesen.

Für das Weltraumlagebild müssen die nationalen und internationalen Ergebnisse aus der Weltraumbeobachtung verarbeitet werden. Hierzu gehören z.B. die Messwerte von Radaren und Teleskopen. Diese Ergebnisse gilt es zu analysieren und entsprechende Produkte und Serviceleistungen daraus abzuleiten. Dazu wird der Weltraum genau beobachtet und aufgeklärt. Die detaillierte Kenntnis der Umgebung erlaubt es, die Objekte im Weltraum systematisch zu erfassen, zu klassifizieren und deren Bahnen zu verfolgen.

Eigene Datenquellen werden erschlossen

Das Weltraumlagezentrum in Uedem hat Satelliten und Weltraumschrott immer im Blick.
Das Weltraumlagezentrum in Uedem hat Satelliten und Weltraumschrott immer im Blick. (Quelle: Luftwaffe/Archiv)Größere Abbildung anzeigen

Hierzu greift das Weltraumlagezentrum auch auf Mess- und Katalogdaten der Partnernationen USA und Frankreich zurück. Diese können von der Erde aus Teile ab zehn Zentimetern Durchmesser beobachten. Um die Weltraumlage zu erfassen, liefert außerdem ein Bahnverfolgungsradar wertvolle Beiträge. Dieses steht bei der Fraunhofer Forschungsgesellschaft in Wachtberg bei Bonn. Zudem entwickelt das Raumfahrtmanagement des DLR ein neues Experimentalradar, um den Weltraum zu überwachen. Das „German Experimental Surveillance and Tracking Radar (GESTRA)“ ist ein wichtiger Baustein für die ressortgemeinsame Zusammenarbeit. Das Radar liefert weitere wichtige Informationen, um eigene Datenquellen aus dem Weltraum zu erschließen. Dieser Schritt ist ein erster Beitrag zum Aufbau eines eigenen Bahn- und Objektdatenkatalogs für das Weltraumlagezentrum. Die Grundlage, um ein Weltraumlagebild unabhängig von anderen Ländern erstellen, beurteilen und analysieren zu können.

Systeme gemeinsam schützen und nutzen

Ziel dieser Entwicklungen sind die Führung, der Schutz und die Nutzung der Weltraumsysteme aus einer Hand. Dadurch kann die gesamte Bundeswehr auf die neuen Fähigkeiten zugreifen. Abläufe und Verfahren sind also vollständig transparent. Die dadurch entstehende militärische Handlungsfähigkeit ermöglicht zusätzlich eine internationale Zusammenarbeit. Ebenso kann die Arbeit von militärischen und zivilen Akteuren bei der Nutzung des Weltraums koordiniert und nachhaltig gestaltet werden.

Aus den Flugbahnen von Satelliten und Weltraumtrümmern können Ort und Zeit von eventuellen Kollisionen berechnet werden.
Aus den Flugbahnen von Satelliten und Weltraumtrümmern können Ort und Zeit von eventuellen Kollisionen berechnet werden. (Quelle: Luftwaffe/Archiv)Größere Abbildung anzeigen

Die Luftwaffe beteiligt sich an diesem Prozess maßgeblich: Hierzu nimmt das Weltraumlagezentrum den Einsatzbetrieb auf. Ebenso beteiligt sie sich intensiv an der konzeptionellen Weiterentwicklung und an den Beschaffungsprozessen zukünftiger Satelliten und Sensorsysteme.

Komplett arbeitsbereit bis 2020

Das Weltraumlagezentrum in Uedem soll bis 2020 voll einsatzbereit sein. Die Fähigkeiten und Kenntnisse des DLR werden mit denen der Luftwaffe kombiniert. Auf Grundlage der begonnenen Prozesse und der Kooperation werden dann routinemäßig Dienste und Produkte bereitgestellt. Zu diesen Produkten gehören unter anderem Warnmeldungen, Prognosen und Empfehlungen für die Nutzer und die Betreiber von Satellitensystemen. So kann auch eine Kollisionsgefahr zwischen Satelliten und Weltraumschrott im Vorfeld erkannt und verhindert werden. Ebenso kann die wohl ungewöhnlichste Einrichtung der Bundeswehr rechtzeitig Medien und Bevölkerung informieren, bevor verglühende Trümmerteile am Himmel zu sehen sind.

Defekte Raumsonden, ausgemusterte Satelliten und Raketenreste. Das Problem Weltraummüll hat der Mensch selbst produziert.
Defekte Raumsonden, ausgemusterte Satelliten und Raketenreste. Das Problem Weltraummüll hat der Mensch selbst produziert. (Quelle: ESA/)Größere Abbildung anzeigen


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Stand vom: 28.11.17 | Autor: Lothar Pichler, Philipp Rabe


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