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Niemand durfte die Nerven verlieren

München/Neuburg, 26.10.2016.
Über der Abschlussfeier der Olympischen Spiele 1972 lag eine düstere Drohung von Terroristen. Rolf Behrmann erzählt seine Version der Geschichte aus der einzigartigen Sichtweise eines Kampfjetpiloten.

Mit 450 Knoten flog Rolf Behrmann von Neuburg Richtung München.

Mit 450 Knoten flog Rolf Behrmann von Neuburg Richtung München. (Quelle: Luftwaffe/Matthias Zins)Größere Abbildung anzeigen

Die Sicherheitsbehörden hatten Erkenntnisse, dass Terroristen aus einem Flugzeug heraus Bomben auf das voll besetzte Münchner Olympiastadion abwerfen wollten. Tatsächlich machte die Flugsicherung ein nicht identifiziertes Flugobjekt aus, das in einer Höhe von knapp 6.000 Fuß rund elf Meilen nordwestlich von Ulm Richtung München unterwegs war. Die Piloten reagierten nicht auf die Rufe der Flugsicherung.

Alarmiert von dem Vorfall befahl der damalige Verteidigungsminister Georg „Schorsch“ Leber den Start zweier Abfangjäger der Luftwaffe vom Fliegerhorst Neuburg in Bayern. In einem der beiden F-104G Starfighter des damaligen Jagdgeschwaders 74 „Mölders“ saß Oberfeldwebel Rolf Behrmann.

Rolf Behrmann bei den Startvorbereitungen vor dem Flug.

Rolf Behrmann bei den Startvorbereitungen vor dem Flug. (Quelle: Luftwaffe/Archiv)Größere Abbildung anzeigen

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Mit Nachbrenner Richtung Olympiastadion

Neuburg an der Donau, 11. September 1972: Die Maschinen der Quick Reaction-Aleart (QRA) stehen mit aufmunitionierter Bordkanone und Luft-Luft-Raketen auf dem Flugfeld. Sie sind voll betankt, die Kabinendächer sind geöffnet. Das Triebwerk läuft bereits hoch, während Behrmann sich anschnallt. Es klickt und zippt im Cockpit, während das J 79-Triebwerk draußen einen infernalischen Lärm entfaltet. Mit nur 30 Metern Rollweg hat die QRA-Rotte einen verkürzten Zugang zur Startbahn. Vom Zeitpunkt ihrer Alarmierung an werden sie in knapp fünf Minuten in der Luft sein. Es muss alles sehr schnell gehen…

Der heute 73-Jährige erinnert sich an diesen Spätsommerabend. Kurz nach 20 Uhr – Alarmstart. Mit gezündetem Nachbrenner donnert sein Starfighter mit rund 200 Knoten in den Nachthimmel. Der Pilot wechselte nach dem Start umgehend die Funkfrequenz zur Jägerleitstelle. Die erteilt ihm in der Luft den Auftrag, ein langsam und niedrig fliegendes Objekt im Anflug auf München zu identifizieren. Das übliche Prozedere eines QRA-Einsatzes beginnt. Auch wenn alles nach einem alltäglichen Auftrag aussieht, so ist Behrmann diese Mission nicht als normal in Erinnerung. Er weiß um den dunklen Schatten, der auf den Olympischen Spielen liegt. Das Attentat palästinensischer Terroristen auf die israelische Olympiamannschaft hat 17 Menschen das Leben gekostet. Doch die Spiele gehen weiter. „Mir war bewusst“, so Behrmann zur Redaktion der Bundeswehr, „dass dieser Alarmstart mit Terror zusammenhängen könnte.“

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Falscher Alarm

In rund 6.000 Fuß Höhe nimmt sein Starfighter mit einer Geschwindigkeit von rund 450 Knoten Kurs auf München. Behrmann hat in dieser Septembernacht klare Sicht. Keine Wolken, schwacher Mondschein. Er kann die Positionslichter der Maschine, die es zu identifizieren gilt, von weitem erkennen. Bei Freising macht er das Flugzeug aus, das im Verdacht steht, einen Terroranschlag auf das voll besetzte Münchner Olympiastadion verüben zu wollen. Die unbekannte Maschine nimmt Kurs auf den damaligen Münchner Flughafen Riem. Behrmann ist mit seinem Starfighter bis auf 20 Kilometer an die Maschine herangekommen...

Da meldet sich nach Berichten der Flugsicherung plötzlich diese Maschine beim Tower. Es handelt sich um eine vierstrahlige DC 8, ein Passagierflugzeug der finnischen Fluggesellschaft Finnair, mit 180 Insassen an Bord. Funk und Radar waren vorübergehend ausgefallen. Ein Vorfall, wie er auch heute noch immer wieder vorkommt.

Piloten wie Rolf Behrmann sitzen zwar alleine in ihren Cockpits – jedoch dürfen sie nicht allein gelassen werden.

Piloten wie Rolf Behrmann sitzen zwar alleine in ihren Cockpits – jedoch dürfen sie nicht allein gelassen werden. (Quelle: Luftwaffe/Archiv)Größere Abbildung anzeigen

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Im Kampfjet über München

Behrmann ist wichtig zu sagen: „Ich hatte keinen Auftrag zum Abschuss.“ Verteidigungsminister Leber soll diesen aber erwogen haben. In dieser ohnehin schon hoch brisanten Situation galt es, so sensibel wie möglich vorzugehen, erzählt Behrmann. Ihm liegt sehr daran, die Geschehnisse im historischen Kontext zu sehen. „Olympia ´72 war eine aufgeladene Situation. Niemand durfte die Nerven verlieren“, erinnert sich der verheiratete Familienvater. „Wir befanden uns im Kalten Krieg. Die Grenze zum Ostblock war nah. Die „Air Defense Zone“ begann von Neuburg aus gesehen bereits bei Straubing. Die Reaktionszeiten der Abfangjäger-Besatzungen waren extrem kurz.“ Umso wichtiger war es, in dieser Lage zwar unmissverständlich Abschreckung und Verteidigungsbereitschaft zu demonstrieren – aber zugleich besonnen zu handeln. „Es ging darum, keine Fehler zu machen.“

Zurück ins Jahr 1972: Trotzdem sich die Situation offenbar entschärft hat, erhält Behrmann die Anweisung, zur Sicherheit den Luftraum über München im Auge zu behalten. In 10.000 Fuß Höhe kreist seine F-104G nun noch eine halbe Stunde in 30 Grad Querlage über der bayerischen Landeshauptstadt. Mit ihm der Rottenkamerad in einer weiteren F-104G. Schließlich nehmen die beiden Starfighter Kurs zurück auf den Fliegerhorst in Neuburg. Der Einsatz ist beendet.

Nach über 1.700 unfallfreien Flugstunden wechselte Behrmann vom Starfighter auf die Phantom.

Nach über 1.700 unfallfreien Flugstunden wechselte Behrmann vom Starfighter auf die Phantom. (Quelle: Luftwaffe/Archiv)Größere Abbildung anzeigen

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Kein Platz für Rambos

Dieser Einsatz beschäftigt Behrmann und seine Staffelkameraden über diesen 11. September 1972 hinaus. Auch die letzte Konsequenz geht ihnen in den Köpfen umher. „Was wäre, wenn ich das Flugzeug abgeschossen hätte?“ Klare Befehlsstränge seien in Situationen wie diesen unerlässlich, betont Behrmann. „Man kann Flugzeugführer mit dieser Entscheidung nicht allein lassen.“ Deshalb sei er sehr froh, dass das Bundesverfassungsgericht die Gesetzeslage klar geregelt habe. Der Abschuss eines Passagierflugzeuges durch Abfangjäger der Luftwaffe – und sei es vermeintlich zum Schutz unschuldiger Menschen – ist demnach für die Piloten keine Option. „Ein Aufwiegen Leben gegen Leben darf es in dieser Situation nicht geben“, sagt der erfahrene Starfighter-Pilot, der auf der F-104G 1.700 unfallfreie Flugstunden absolviert hat, bevor er auf die F-4F Phantom wechselte.

Vor allem eines ist ihm während seiner Zeit als Flugzeugführer bei der Luftwaffe klar geworden: „Für Rambos ist im Cockpit kein Platz.“

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Stand vom: 21.12.16 | Autor: Jörg Fleischer


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