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Luftraumüberwachung und -verteidigung im Kalten Krieg

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Luftsicherungsaufgaben in Deutschland von den Besatzungsmächten in ihren jeweiligen Sektoren wahrgenommen. Vor dem Hintergrund des aufziehenden Kalten Krieges stellten die Westalliierten jedoch bereits seit Ende der vierziger Jahre Überlegungen dazu an, wie die nationalen Kräfte und Mittel der Luftraumüberwachung und Luftverteidigung zu einem Sektor übergreifenden „integriertem“ System zusammengefasst werden könnten.

Nach Gründung der NATO (4. April 1949) wurde dieser integrierte Ansatz weiter ausgeplant, scheiterte aber zunächst am Widerstand vieler Mitglieder, obwohl die Integration angesichts der potenziellen Bedrohung durch hochfliegende Bomber und der Entwicklung überschallschneller Jets dringend geboten schien.

Gemäß einer 1956 niedergelegten Forderung der NATO sollte sich das integrierte Luftverteidigungssystem aus einem grenzüberschreitenden Verbund aus vernetzten Radarsensoren, Gefechtsständen, Beobachtungstrupps und Alarmrotten in hohem Bereitschaftsstatus zusammensetzen, was die Vorwarnzeiten verlängern und die Reaktionszeiten bedeutend verkürzen sollte. Zusätzlich war die Stationierung von Flugabwehrraketenkräften (FlaRak) geplant, welche die NATO-Grenzen von Norwegen bis zur Türkei mit weitreichenden und atomar bestückbaren Systemen vom Typ Nike-Hercules schützen sollten („Gürtelverteidigung“). Aus finanziellen Gründen konnten diese FlaRak-Kräfte aber nur in Mitteleuropa planmäßig in Funktion gesetzt werden. Ein zweiter, vorgelagerter Raketengürtel ergänzte seit Anfang der sechziger Jahre die bodengebundene Luftverteidigung, deren Verbände mit dem auf niedrige und mittlere Flughöhen spezialisierten Raketensystem HAWK ausgerüstet waren.

Systeme vom Typ Nike-Hercules und HAWK bildeten den Flugabwehrraketengürtel in Westdeutschland

Systeme vom Typ Nike-Hercules und HAWK bildeten den Flugabwehrraketengürtel in Westdeutschland (Quelle: Luftwaffe/Archiv )Größere Abbildung anzeigen

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Die Luftwaffe als Teil der integrierten NATO-Luftverteidigung

Im Bereich Europa-Mitte, zu dem auch die Bundesrepublik gehörte, wurde die Luftverteidigung auf zwei Allied Tactical Air Forces (ATAF) aufgeteilt, welche 1952 gegründet wurden. Die britisch geführte 2. ATAF mit Hauptquartier in Mönchengladbach sollte später britische, belgische und niederländische Kräfte vereinen, die amerikanisch dominierte 4. ATAF mit Hauptquartier in Ramstein dagegen amerikanische, belgische und französische.

Mit Gründung der Bundeswehr im November 1955 stand bereits fest, dass auch die künftigen deutschen Luftwaffenverbände in das integrierte Luftverteidigungssystem eingebunden würden, weswegen auch die Übernahme von britischen und amerikanischen Stellungen durch den noch aufzustellenden Flugmelde- und Leitdienst der Luftwaffe von vornherein eingeplant war. Die für diesen Dienst vorgesehenen vier Regimenter sollten den Führungsdiensten der Luftwaffe angehören und mit ihren Kräften je einen der vier Luftverteidigungssektoren der Allied Air Forces Central Europe (AIRCENT, je zwei Sektoren per ATAF) abdecken. Für jedes Regiment waren ursprünglich vier bataillonsstarke Abteilungen geplant. Jeweils drei dieser Abteilungen sollten nach Abschluss der Ausbildungs- und Übernahmephase die zugeordneten Radarflugmelde- und Leitzentralen (Control and Reporting Center) selbstständig betreiben und außerdem die Wartung und Versorgung, später auch die Ausbildung eigenverantwortlich sicherstellen. Die verbleibende vierte Abteilung sollte dagegen die Einheiten des Luftraumbeobachtungsdienstes (LRB) beheimaten, die den unteren Luftraum an den Ostgrenzen der BRD mittels Auge/Ohr zu überwachen, Luftfahrzeuge zu identifizieren und zu melden hatten.

Der 1958 begonnene Aufbau der entsprechenden Regimenter gestaltete sich aus personellen Gründen teilweise sehr schwierig und zog sich im Falle des FmRgt 32 sogar noch bis Mitte der siebziger Jahre hin, gleichwohl die Einsatzbereitschaft rechtzeitig erreicht werden konnte. Von den ursprünglichen Planungen musste auch dahingehend abgewichen werden, als dass schließlich nur FmRgt 32 und 33 je eine Abteilung des LRB erhielten.

Die Luftverteidigungssektoren Anfang der sechziger Jahre

Die Luftverteidigungssektoren Anfang der sechziger Jahre (Quelle: Oldenbourg Verlag, 2006/Bernd Lemke,Dieter Krüger,Heinz Rebhan,Wolfgang Schmidt: Die Luftwaffe 1950 bis 1970: Konzeption, Aufbau, Integration, )Größere Abbildung anzeigen

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„Nervensystem“ der Luftverteidigung – Die Control and Reporting Center

Nachdem die ersten Radarführungssoldaten ihre Ausbildungen an alliierten Einrichtungen durchlaufen hatten, konnten seit September 1959 erste Stellungen sowie das zugehörige Gerät von den amerikanischen und britischen Streitkräften übernommen werden. Weitere, fast ausnahmslos verbunkerte Stellungen, wurden seit 1960 exklusiv für die Luftwaffe gebaut und konnten seit 1964 nach und nach den Betrieb als CRC aufnehmen.

Zu den zentralen Aufgaben der CRC zählte die radargestützte Erstellung eines möglichst lückenlosen Luftlagebildes, die Leitung von Abfangjägern bei Tag und Nacht, die Zielzuweisung für die FlaRak-Kräfte und die Begleitung und Unterstützung der fliegerischen Ausbildung, auch im Rahmen großangelegter NATO-Manöver. Das durch Identifizierung aller aufgefassten Flugziele im CRC entstandene „Recognized Air Picture“ (RAP) wurde ebenfalls mit anderen Stellungen ausgetauscht, sowie an vorgesetzte NATO-Dienststellen übermittelt. Die CRC wurden dazu rund um die Uhr im Schichtdienst betrieben.

Den CRC direkt vorgesetzt waren die multinational besetzten Sector Operation Center (SOC), welche für die taktische Koordinierung der defensiven Luftverteidigungsmittel zuständig waren, bestehend aus FlaRak-Kräften und Abfangjägern. Die taktische Führung von Kampfflugzeugen sowie die Zielzuweisung für die FlaRak wurden nach der Entscheidung über den Kräfteeinsatz durch die SOC wieder von den jeweils zuständigen CRC übernommen.

Im Norden Deutschlands befehligte die britisch dominierte 2. ATAF das SOC 1 in Brockzetel und das SOC 2 in Uedem. Das SOC 4 wurde von der französischen Luftwaffe bis zum Ausscheiden Frankreichs aus der militärischen Struktur der NATO 1966 im elsässischen Drachenbronn betrieben. Das verbleibende, amerikanisch geführte SOC 3 bei Birkenfeld war danach für den gesamten süddeutschen Luftraum zuständig. Durch eine deutsch-amerikanisch-kanadische Allianz konnte das SOC 4 erst 1988 in Meßstetten neu aufgestellt werden. Den SOC räumlich direkt angegliedert (d. h. in derselben Stellung, allerdings in unterschiedlichen Räumlichkeiten) war jeweils ein CRC, die restlichen CRC und RP (Reporting Posts) waren über gesamt Westdeutschland verteilt.

Da sich das Konzept der Integration bewährte, wurden auch die zugrundeliegenden Strukturen fortlaufend gefestigt. Dies schloss auch die 2. und 4. ATAF mit ein, obwohl es zwischen ihnen deutliche Entwicklungsdiskrepanzen gab, vor allem im Bereich der genutzten Führungs- und Waffeneinsatzsysteme.

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Das NADGE-Programm

Das in den sechziger Jahren gestartete NADGE-Programm (NATO Air Defence Ground Environment) sollte die Operateure durch die Implementierung eines einheitlichen und vollvernetzten Systems in alle NATO-Stellungen entlasten und die Ausbildung vereinfachen. Die Hauptkomponenten von NADGE bildeten leistungsfähige Großrechner, teilautomatisierte Luftlage- und Gefechtsführungssysteme sowie ein Netz aus modernen 3D-Radargeräten. Allerdings waren die zugehörigen Entwicklungen von Geldmangel, Differenzen und damit insgesamt von größeren Verspätungen geprägt. Als Mitte der siebziger Jahre die Implementierung endlich abgeschlossen war, bestand NADGE immerhin noch aus 84 Stationen, die sich vom Nordkap bis zur Türkei erstreckten und die im Falle eines Angriffs aus dem Warschauer Pakt eine adäquate Vorwarnzeit sowie schnelle und koordinierte Reaktionen sicherstellen sollten.

Da einige ursprünglich eingeplante technische Funktionen aus Kostengründen nicht realisiert wurden, wies das grundsätzlich sehr fortschrittliche NADGE trotzdem einige größere Mängel auf. So waren in Deutschland nur die Stellungen im Bereich der 2. ATAF mit der speziell entwickelten NADGE- und dazu weitestgehend identischen MFS (Minimum-Facilities-System) Hard- und Software ausgerüstet. In den Stellungen der 4. ATAF dagegen wurde weiterhin das ältere amerikanische 412L-System betrieben. Ein weiteres, noch deutlich schwerwiegenderes Problem von NADGE bestand in der nur schwach ausgeprägten Möglichkeit zur Erfassung von Tieffliegern. Daher wurde der zwischenzeitlich zum Tieffliegermeldedienst (TMD) umbenannte LRB zum Tieffliegermelde und -leitdienst (TMLD) umgeformt und seit 1971 mit mobilen Kleinradargeraten ausgestattet. Sie sollten im problematischen Höhenband von 0-3000 m die Luftlage genauer und schneller als bisher erfassen und an die zuständigen CRC melden.

NADGE-Arbeitsplatz des Master Controllers und Operationszentrale im CRC Erndtebrück

NADGE-Arbeitsplatz des Master Controllers und Operationszentrale im CRC Erndtebrück (Quelle: Luftwaffe/Archiv)Größere Abbildung anzeigen

Dieses vollvernetzte „integrierte“ System, bestehend aus vorgelagerter Tieffliegerüberwachung, zwei FlaRak-Gürteln, den militärischen Radarstellungen und CRC, sowie den vorgesetzten SOC erreichte erst in der Mitte der 1970er Jahre seine volle Einsatz- und Leistungsbereitschaft. Es bestand dann allerdings in dieser Form bis zum Ende des Kalten Krieges, wobei die Einführung der NATO E3A „AWACS“ Anfang der achtziger Jahre eine überaus wertvolle Ergänzung im Bereich der Frühwarnung und Tieffliegerüberwachung bildete.

Aufbau der integrierten Luftverteidigung in Westdeutschland

Aufbau der integrierten Luftverteidigung in Westdeutschland (Quelle: http://www.lv-wv.de/Archiv)Größere Abbildung anzeigen

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Stand vom: 23.09.16 | Autor: Hauck, Christian


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